Ein Weihnachtspost.
1953, drei Jahre vor seinem Tod, schreibt Bertolt Brecht:
wenn ihr einen für mich benötigt
wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.
Kaum überbietbar ist diese Arroganz, die sich nicht nur hier im Leben Bertolt Brechts äußert.
Die Frage, die sich stellt, ist natürlich immer: Was steckt hinter dieser Anmaßung?
Im Grunde kann es nur eine tiefe Verunsicherung in Bezug auf sich selbst sein. Niemand muss sich so in den Vordergrund beamen, wenn er sich seiner selbst bewusst ist und wirklichen Selbstwert besitzt.
Eine mögliche Antwort finden wir in einem frühen Gedicht Brechts, dessen Entstehung ein Brecht-Experte, Klaus Schuhmann, in das Jahr 1917 datiert; Brecht war also möglicherweise 19 Jahre alt, als er schrieb - ich wähle hier die dreistrophige Version
Kamt ihr alle als ein nacktes Kind.
Frierend lagt ihr alle ohne Hab
Als ein Weib euch eine Windel gab.
Keiner schrie euch, ihr wart nicht begehrt
Und man holte euch nicht im Gefährt.
Hier auf Erden wart ihr unbekannt
Als ein Mann euch einst nahm an der Hand.
Von der Erde voller kaltem Wind
Geht ihr all bedeckt mit Schorf und Grind.
Fast ein jeder hat die Welt geliebt
Wenn man ihm zwei Hände Erde gibt.
Wir wissen um den Pessimismus des jungen Brecht, um seine Zweifel an der Freundlichkeit der Welt; kein Wunder, dass jenes Wort immer wieder in seinem Werk auftaucht, z.B. an bedeutungsvoller Stelle im Guten Menschen von Sezuan oder in seinem Gedicht An die Nachgeborenen:
die wir den Boden bereiten wollten für die Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Wer freundlich ist, bringt sich in Gefahr, so denkt Brecht.
Kein Wunder lautet eine zentrale Frage in der Ballade von den Abenteurern:
Wo es stille war und man schlief und war da?
Kein Wunder also auch, wenn die Welt als so unfreundlich empfunden wird und von Freundlichkeit nur ironisch gesprochen werden kann.
Ironie beinhaltet immer eine Brechung der Wirklichkeit. Zu manchen Teilen seiner gebrochenen Realität hat Brecht nie Zugang gefunden; kein Wunder, dass auch die Prostituierte Shen Te im Guten Menschen von Sezuan nur als gespaltene Persönlichkeit überleben kann.
Wir wissen um Bertolt Brechts negative Schulerlebnisse, um seine Abneigung gegen die gehobene Gesellschaft , um seine Erlebnisse im Augsburger Lazarett, wo er 1917 diente und wie sehr ihn der Anblick der Kriegskrüppel prägte.
In der Folge flüchtet sich Brecht in den Intellekt und misstraut den Gefühlen. Er mag wohl auch in seinem Elternhaus keine wirkliche Wärme bekommen haben. Ansonsten könnte er kaum mit solch einer Selbstverständlichkeit für alle Menschen sprechen wollen wie in seinem obigen Gedicht, denn:
* Nicht alle denken an eine Windel, wenn sie von der Gabe der Mutter sprechen.
* Manche mögen entgegen der Behauptung Brechts willkommen gewesen sein.
* Nicht alle müssen von dem "Mann" sprechen, wenn sie ihren Vater meinen.
* Und ich hoffe, dass nur wenige Menschen die letzten beiden Zeilen so wenig inhaltlich überzeugend an das Vorausgehende anschließen müssen.
Wenn die Erde so voller kaltem Wind ist, wenn keiner einen wirklich wollte: Warum sollte man sie dann geliebt haben?
Irgendetwas stimmt da nicht, irgendetwas bleibt merkwürdig schemenhaft.
Brecht ist für mich ein Magier des Wortes, aber ein manipulativer Magier.
Intellekt und Vernunft geben keine Wärme. Selten nur, dass letztere bei Brecht spürbar ist und wenn, dann für mich nur in Ansätzen.
Immer möchte er seine Sicht der Dinge den Menschen aufpressen, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass es Menschen mit Wärme, Mitgefühl und Liebe gibt, eine Wärme, wie wir sie an Weihnachten finden und in diesem Zusammenhang z.B. in dem Weihnachtslied Friedrich von Spees
Zu Bethlehem geboren
ist uns ein Kindelein,
Das hab ich auserkoren,
sein eigen will ich sein.
Eja, eja, sein eigen will ich sein.
Zwar spricht der Verfasser im zweiten Vers der ersten Strophe auch von uns und vereinnahmt wie Brecht seine Mitmenschen; Spee aber ist kein Taktiker, kein Manipulateur; er kann sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, auf die nicht zutrifft, was er schreibt. Im Folgenden - Das hab ich auserkoren - kommt er auch sofort auf sich zu sprechen und geht von dem aus, was für ihn selbstverständlich ist: Es gibt nur eine Wahl, eine Kür - dieses Kind. Und wie innig er sich diesem Gefühl hingibt - eine Innigkeit, eine Gefühlsintensität, wie wir sie bei Brecht nie finden -, wird in der zweiten Strophe klar:
In seine Lieb versenken
will ich mich ganz hinab,
mein Herz will ich ihm schenken
und alles, was ich hab.
Eja, eja, und alles was ich hab.
Man möchte ihm im Nachhinein so gern diese Geborgenheit wünschen, die bei Friedrich von Spee spürbar ist und die einem Weihnachten der Seele entspricht.