Freitag, 4. März 2011

Ilse Aichingers "Fenstertheater": Lieblosigkeit als Verrat an der Liebe, als Verrat am liebevollen Erwachsenen und am lebendigen inneren Kind



Es gibt nur wenige Kurzgeschichten, die einen so betroffen machen können wie Ilse Aichingers "Das Fensterheater".
Es gibt nur wenige, die auf so engem Raum so entsetzlich gekonnt den Kontrast zwischen dem liebevollen Erwachsenen und dem lieblosen Erwachsenen zeigen, wie er sich in diesem Blog (siehe Links) beschrieben findet - in der Theorie sozusagen, Ilse Aichinger lässt beide lebendig werden.
Und wenn man diese Kurzgeschichte liest, spürt man die vielen Menschen, die einem begegnen und begegnet sind, die ähnlich verhärtet  und verhärmt sind wie die Frau.
Wunderbar dagegen, wie Ilse Aichinger zu einer Zeit, als noch niemand von dem inneren Kind sprach, einen alten Menschen zeigt, in dem es wahrlich lebt.
Lesen Sie selbst und lassen wir dieses innere Kind in uns wie in dem Alten leben: wie er spielt und Freude hat, juchzt und sich vor Ideen überschlägt, wie er den Augenblick genießt und sein inneres Kind Freude hat, einem Kind Freude zu bereiten.
Noch mag die Welt der Frau und ihre Mechanismen zugreifen können; mit jedem lieblosen Erwachsenen jedoch, der enttarnt wird und vergeht, heiße er Gaddhafi, Lieschen oder Hans Müller oder wie auch immer, zieht diese Welt herauf, in der immer mehr Menschen werden wie ein Kind und dieses Kind in sich auch im Außen auf natürliche Weise leben:
Nicht mehr müssen wir dann in solch dunkle Fensterlöcher, wie im Folgenden angesprochen, sehen, die stellvertretend stehen für die innere Leere und Freudlosigkeit lebloser Menschen:


Ilse Aichinger 
DAS FENSTERTHEATER 
Die Frau lehnte am Fenster  und sah hinüber. Der Wind trieb in leichten Stößen vom Fluss herauf und brachte nichts Neues. Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor ihrem Haus niedergefahren  zu werden. 
Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock, die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf. Alles lag zu tief unten. Als sie sich eben vom Fenster abwenden wollte, bemerkte sie, dass der Alte gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat. Die Frau blieb am Fenster.
Der Alte öffnete und nickte herüber. Meint er mich?, dachte die Frau. Die Wohnung über ihr stand leer und unterhalb lag eine Werkstatt, die um diese Zeit schon geschlossen war. Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte wieder. Er griff sich an die Stirne, entdeckte, dass er keinen Hut aufhatte, und verschwand im Innern des Zimmers.
Gleich darauf kam er in Hut und Mantel wieder. Er zog den Hut und lächelte. Dann nahm er ein weißes Tuch aus der Tasche und begann zu winken. Erst leicht und dann immer eifriger. Er hing über die Brüstung, dass man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn nur zu bestärken. Er ließ das Tuch fallen, löste seinen Schal vom Hals – einen grossen bunten Schal – und liess ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte er. Und als sie noch einen weiteren Schritt zurücktrat, warf er den Hut mit einer heftigen Bewegung ab und wand den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte er die Arme über der Brust und verneigte sich. Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete ihr so lange Vergnügen, bis sie plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt. Und während er, in ein Leintuch gehüllt, abwechselnd an beiden Fenstern erschien, unterschied sie schon drei Gassen weiter über dem Geklingel der Strassenbahnen und dem gedämpften Lärm der Stadt das Hupen des Überfallautos. Denn ihre Erklärung hatte nicht sehr klar und ihre Stimme erregt geklungen. Der alte Mann lachte jetzt, sodass sich sein Gesicht in tiefe Falten legte, streifte dann mit einer vagen Gebärde darüber, wurde ernst, schien das Lachen eine Sekunde 35 lang in der hohlen Hand zu halten und warf es dann hinüber. Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen.
Sie kam atemlos unten an. Eine Menschenmenge hatte sich um den Polizeiwagen gesammelt. Die Polizisten waren abgesprungen und die Menge kam hinter ihnen und der Frau her. Sobald man die Leute zu verscheuchen suchte, erklärten sie einstimmig, in diesem Hause zu wohnen. Einige davon kamen bis zum letzten Stock mit. Von den Stufen beobachteten sie, wie die Männer, nachdem ihr Klopfen vergeblich blieb und die Glocke allem Anschein nach nicht funktionierte, die Tür aufbrachen. Sie arbeiteten schnell und mit einer Sicherheit, von der jeder Einbrecher lernen konnte. Auch in dem Vorraum, dessen Fenster auf den Hof sahen, zögerten sie nicht eine Sekunde. Zwei von ihnen zogen die Stiefel aus und schlichen um die Ecke. Es war inzwischen finster geworden. Sie stießen an einen Kleiderständer, gewahrten den Lichtschein am Ende des schmalen Ganges undgingen ihm nach. Die Frau schlich hinter ihnen her.
Als die Tür aufflog, stand der alte Mann mit dem Rücken zu ihnen gewandt noch immer am Fenster. Er hielt ein großes weißes Kissen auf dem Kopf, das er immer wieder abnahm, als bedeutete er jemandem, dass er schlafen wolle. Den Teppich, den er vom Boden genommen hatte, trug er um die Schultern. Da er schwerhörig war, wandte er sich auch nicht um, als die Männer schon knapp hinter ihm standen und die Frau über ihn hinweg in ihr eigenes finsteres Fenster sah.
Die Werkstatt unterhalb war, wie sie angenommen hatte, geschlossen. Aber in die Wohnung oberhalb musste eine neue Partei eingezogen sein. An eines der erleuchteten Fenster war ein Gitterbett geschoben, in dem aufrecht ein kleiner Knabe stand. Auch er trug sein Kissen auf dem Kopf und die Bettdecke um die Schultern. Er sprang und winkte herüber und krähte vor Jubel. Er lachte, strich mit der Hand über das Gesicht, wurde ernst und schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten. Dann warf er es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht.


Die Erzählkunst der Ilse Aichinger bringt es mit sich, dass vor allem letzteres Geschehen aus den Augen der Frau geschildert wird, aus ihrer personalen Perspektive also. So werden wir im Grunde Zeuge, wie sie selbst in ihr eigenes finsteres Fenster sieht, das natürlich symbolisch für ihr Inneres steht, für fehlende Lebensfreude, fehlendes Verständnis, fehlendes Verstehen. Wo all das sein könnte, finden wir nur Schwärze.
Leider ist sehen eben nicht gleich verstehen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir, dass diese Frau NICHT mit dem Herzen sieht.
Von mir aus hätte der Knabe das Lachen auch der Frau ins Gesicht werfen können, ja wäre sie nicht eigentlich der richtige Adressat gewesen? 
Wenn man will, stellen die Wachleute Persönlichkeitsanteile dieser Frau dar ... dann ist es auch bei ihnen an der richtigen Stelle ...