In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Donnerstag, 1. Mai 2008

Aussöhnung mit dem inneren Kind (Auszüge) - das ungeliebte Kind

Bei der Lektüre der Auszüge aus Erika J. Chopichs und Margaret Pauls Buch Aussöhnung mit dem inneren Kind werden manche denken: Meine Kindheit war ja nun wirklich nicht so schlimm.
In gewisser Weise könnte es jedoch denen, die geschlagen und gedemütigt worden sind, besser gehen als denen, die glauben, sie seien geliebt worden.
Wem es im Hinblick auf die Liebe nicht gut ging, der weiß, was er nachzuarbeiten hat.
Wer glaubt, geliebt worden zu sein, muss gegebenenfalls auf mühevolle Weise enttarnen, dass „Liebe“ zwar eines der am häufigsten gebrauchten Wörter ist, zugleich aber eines der unbekanntesten Gefühle.
Liebe ist mehr als ein beheiztes Nest, mehr als geregelte Nahrungszufuhr, mehr als "Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht".
Wir nennen Liebe, was unsere Eltern als Liebe bezeichnet haben.
Liebe aber ist so umfassend und so tief, so aufgewühlt und so kraftvoll ruhig wie ein Ozean.
Erst wenn wir uns erlauben, Liebe wirklich zu erfahren, erkennen wir, ob wir bisher nur aus einem Tümpel geschöpft haben, einem kleinen See oder aus mehr … aus dem Meer der Liebe …
Erlauben wir uns eine große Erkundungsreise …

Kapitel l
In dir lebt ein inneres Kind

Alle Menschen, die wir als »Genies« bezeichnen, sind Männer und Frauen,
denen es auf irgendeine Weise gelungen ist, der Gefahr zu entgehen,
jenes neugierige, staunende Kind in sich zu betäuben und einzulullen.
Barbara Sehr Wishcraft

Jeder von uns hat zwei verschiedene Persönlichkeitsaspekte: den Erwachsenen und das Kind. Wenn diese beiden Teile in Kontakt miteinander sind und zusammenarbeiten, entsteht ein Gefühl der Ganzheit. Wenn die beiden Teile jedoch nicht in Kontakt miteinander sind, sei es, dass wir verletzt sind, nicht richtig funktionieren können oder unreif geblieben sind, entsteht in uns ein Gefühl von Konflikt, Leere und Alleinsein.
Es ist sehr wichtig, das innere Kind klar und positiv wahrzunehmen. [...]. In unserem Kulturkreis sind Kinder traditionell weniger wert als Erwachsene - sie werden als weniger wichtig und als weniger klug angesehen. Als Kinder haben wir uns meistens als machtlos erlebt. Deswegen bedeutet Kindsein für uns fast immer Machtlosigkeit und Bedeutungslosigkeit. Darüber hin­aus halten wir unser inneres Kind häufig für einen Störenfried, weil uns in der Kindheit so oft gesagt wurde, dass wir schlecht wären und Unruhe und Sorgen verursachen würden. Da man uns als Kind nicht wirklich wertgeschätzt hat, mag es für uns selbst jetzt ebenfalls schwer sein, das Kind in uns zu schätzen. Wir halten es für unwichtig, brechen den Kontakt zu ihm ab und setzen so unsere Kindheitserfahrungen endlos weiter fort. Das ist der Grund für unser Gefühl von Elend und Unglück. Unser inneres Kind wahrzunehmen und wertzuschätzen ist die wesentliche Voraussetzung, um eine heile, ganze Persönlich­keit zu werden
Das innere Kind - was ist das?
Das innere Kind erlebt das ganze Spektrum intensiver Gefühle - Freude und Schmerz, Glück und Traurigkeit. Das innere Kind funktioniert in der Sphäre von Sein, Fühlen und Erleben, die der rechten Gehirnhälfte zugeordnet ist. Im Gegensatz dazu steht der Erwachsene, der über das Machen, Denken und Handeln der linken Gehirnhälfte gebietet, zugleich aber eben­falls über eine ganze Skala von Gefühlen verfügt. »Tun« be­zieht sich auf die äußere Welt und auf Aktivität, während »Sein« sich auf die Existenz auf einer inneren, emotionalen und spirituellen Ebene bezieht. »Tun« ist eine äußere Erfahrung, während »Sein« eine innere Erfahrung ist. [...]Im folgenden erzählt Erika, wie sie ihr inneres Kind während eines plötzlichen und intensiven Moments der Trauer tröstete.
Wie wir tatsächlich funktionieren, wurde mir auf einer Reise nach San Diego klar, die ich zusammen mit einer Freundin unternahm. Wir besuchten »Sea World«, um einen neuge­borenen kleinen Wal zu besichtigen. Während wir das Tier beobachteten, hielt ich zugleich Ausschau nach meinem Freund Orky, einem großen Mörderwal. Ich liebte Orky und wußte ihn von den anderen Walen zu unterscheiden, aber ich konnte ihn diesmal einfach nicht entdecken. Plötzlich schauderte es mich, da ich sah, wie Taucher ein Transportbecken im hinteren Teil des Geländes abstellten. Auf einmal wußte ich, daß Orky tot war. Wir rannten wie von Sinnen auf die andere Seite des Beckens und fragten die Wärter, was denn passiert sei. Sie behaupteten, alles wäre in Ordnung - sie zeigten auf einen kleinen weiblichen Wal und sagten mir, das sei Orky. Ich aber wußte es besser. Meine Ängste wurden bestätigt, als ich mit einem der Taucher sprach.
Vor Kummer und Trauer fühlte ich mich wie gelähmt. Meine beiden Persönlichkeitsanteile, das Kind und der Erwachsene, waren traurig und weinten, aber jeder der beiden Teile er­lebte den Kummer auf einer anderen Ebene. Mein Erwach­sener war nicht nur traurig, sondern wütend und empört. Ich war wütend darüber, daß man mich angelogen hatte und vermutete, daß Orky wahrscheinlich vernachlässigt worden
war. Der erste Impuls meines inneren Erwachsenen war, etwas zu tun - mit einem der Verantwortlichen zu sprechen und eine Erklärung zu verlangen. Dann hörte ich die Stimme meines inneren Kindes. Ihm war es ganz egal, wer in die Sache verwickelt war und wie das passieren konnte -der Schmerz war so groß, daß es im Augenblick keine Wut spü­ren konnte. Es wußte nur, daß es seinen Freund verloren hatte und ihn niemals Wiedersehen würde. Es fühlte sich traurig und bedrückt, weil es sich noch nicht einmal von ihm hatte verabschieden können.
Ich entschied, daß ich zuerst Verantwortung für mein inneres Kind übernehmen müsse: bevor ich irgend etwas anderes unternehmen würde, würde ich ihm einfach erlauben, Kind zu sein und den Kummer zu durchleben. Ich setzte mich auf eine Bank und weinte und schluchzte einige Minuten lang bitterlich. Ich war froh, daß ich entschieden hatte, mit mei­nen Nachforschungen zu warten, bis das Kind in mir sich ausgeweint hatte. Hätte ich dem Kind diesen Raum und die Erfahrung der Trauer nicht gewährt, wäre es mir viel schwe­rer gefallen, mit meinem Schmerz fertig zu werden. Mein inneres Kind hätte dann nicht nur unter dem Verlust Orkys gelitten, sondern auch unter dem Mangel an Fürsorge.
Das Kind ist unsere instinktive Seite; es steht für die Gefühle, die »aus dem Bauch« kommen. In anderen Zusammenhängen wurde das Kind auch schon mit dem Unbewußten gleichge­setzt, aber wir sind uns seiner nur deshalb nicht bewußt, weil wir ihm so wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wenn wir wirklich etwas über das Unbewußte erfahren wollen, dann wird es dem Bewußtsein leicht zugänglich. In unserem inneren Kind sind die Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der Kindheit gespeichert, an die wir uns zurückerinnern können, wenn wir versuchen, von ihm zu lernen.
Wir können das Kind auf unterschiedliche Weise betrachten: als Kind, das vom inneren Erwachsenen geliebt wird, und als Kind, das nicht geliebt, das kritisiert, vernachlässigt und vom inneren Erwachsenen verlassen wird. Es gibt aber nur ein einzi­ges inneres Kind. Zu jedem Zeitpunkt wird dieses Kind vom inneren Erwachsenen entweder geliebt oder nicht geliebt, und seine Gefühle und sein Verhalten resultieren direkt daraus, ob der innere Erwachsene die Wünsche, Bedürfhisse und Gefühle des Kindes kennenlernen und die Verantwortung für sie über­nehmen möchte oder ob er sich vor diesem Wissen und dieser Verantwortung schützen will.
Das ungeliebte Kind
Wenn der innere Erwachsene sich davor schützen möchte, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und es ablehnt, die Verantwortung für sie zu übernehmen, dann trennt er sich durch die verschiedenen Formen von Selbstanklage, Vernachlässigung und Bequemlichkeit von seinem inneren Kind. Das Kind fühlt sich dann ungeliebt, verlassen und sehr allein. Es schließt daraus, dass es schlecht, falsch, nicht liebens­wert, unwichtig und unzulänglich sei, sonst würde es nicht entweder ganz konkret von den Erwachsenen (Eltern und Großeltern) oder sogar von seinem inneren Erwachsenen im Stich gelassen werden. Die äußeren und inneren Trennungen rufen im Kind intensive Gefühle der Furcht, Schuld und Scham hervor; es fühlt sich in der Welt und in sich selbst allein und verlassen. Das Kind lernt auf diese Weise, sich vor Zurückwei­sung, Verlassenwerden und Kontrolle zu fürchten, zuerst von Seiten der Bezugspersonen seiner Umwelt und dann von Seiten des inneren Erwachsenen, und schließlich projiziert es diese Ängste auf andere und glaubt ganz allgemein, dass die anderen es ablehnen, es verlassen oder versuchen, es zu kontrollieren.
Das Gefühl des Alleinseins ist das schmerzhafteste Gefühl, das wir erleben können. Es verursacht so tiefe Qual, dass wir alle danach streben, uns vor diesem Gefühl zu schützen. Wenn unsere Eltern uns als Kinder ablehnen, tadeln, verlassen, misshandeln oder gar missbrauchen, dann ist der Schmerz darüber so unerträglich, dass der innere Erwachsene den Kontakt zum inneren Kind abschneidet, um diese Gefühle nicht zu spüren. Dann fühlt sich das innere Kind nicht nur einsam und allein auf der Welt, sondern es fühlt sich auch in sich selbst allein und leer; es gibt niemanden, keinen Anteil seiner Persönlichkeit, der es vor den Verletzungen der anderen beschützt.
In der Kindheit und Jugend lernt das verlassene innere Kind, die innere Erfahrung des Verlassenwerdens auf andere zu projizieren. Wenn das innere Kind sich vom inneren Erwachsenen kontrolliert, kritisiert oder vernachlässigt fühlt, projiziert es diese Gefühle auf andere und erlebt die anderen als kontrollie­rend, kritisierend oder treulos, gleichgültig, ob das nun wirk­lich der Fall ist oder nicht. Die Wut, die das innere Kind auf den inneren Erwachsenen spürt, weil er es verlassen hat, wird ganz allgemein auf andere übertragen. Das Kind glaubt allmäh­lich, dass das Verlassenwerden nur durch äußere Umstände und andere Menschen geschieht, da es selbst keine Möglichkeit hat, seine Wut dem inneren Erwachsenen gegenüber auszudrücken. Der lieblose innere Erwachsene nimmt die Gefühle des inneren Kindes nicht wahr. Die Wut und die Vorwürfe, mit denen wir als Erwachsene andere konfrontieren, sind nicht nur eine Projektion der elterlichen Ablehnung auf andere, sondern auch eine Projektion des inneren Verlassenseins.
Das verlassene innere Kind hat ständig Angst davor, Unrecht zu haben, weil es glaubt, dass die Reaktion darauf Ablehnung sei. Deshalb kämpft es darum, immer »das Richtige« zu tun. Es wird süchtig nach Vorschriften und Regeln, um sich vor Ableh­nung weitgehend zu schützen. Es strebt danach, perfekt zu sein und glaubt, dass das möglich sei. Perfektionismus und die Angst vor dem Irrtum sind Symptome der inneren Trennung zwi­schen Erwachsenem und Kind.
Da das innere Kind sich so schmerzhaft leer, einsam und allein fühlt, wenn der innere Erwachsene ihm nicht hilft, mit der Einsamkeit des äußeren Verlassenwerdens umzugehen, entwickelt es ein Suchtverhalten, um diese Leere wieder zu füllen. Dieses verletzte, verlassene innere Kind überlebt die Demütigungen und Schmerzen, die ihm von seinen ersten Be­zugspersonen zugefügt wurden, indem es von verschiedenen Dingen und Verhaltensweisen abhängig wird. [...] Anne Wilson Schaef schreibt in ihrem Buch »Im Zeitalter der Sucht«, dass 96 Prozent unserer Zivilisation von bestimmten Substanzen und Prozessen abhängig sind. Die Abhängigkeit von Alkohol, Dro­gen, Essen, Zucker, Koffein und Nikotin ist an eine Substanz gebunden. Die Prozessabhängigkeiten fallen in zwei verschie­dene Kategorien: Die Abhängigkeit von Personen (Co-Abhängigkeit) und die Abhängigkeit von Dingen und Aktivitäten. Das innere Kind kann abhängig werden von Fernsehen, Arbeit, Sport, Schlaf, Macht, Geld, Geldausgeben, Glücksspiel, Ladendiebstahl, Studium, Klatsch, Telephonanrufen, Meditation, Religion, aufregenden Ereignissen, Gefahr, sozialem Ansehen, Sorgen, Grübelei und sogar von Unglück und Depression als Mittel, die innere Leere zu füllen. Das innere Kind versucht mit Hilfe der Sucht, sich eine Fluchtmöglichkeit aus dem Schmerz des äußeren und inneren Alleinseins und der Einsam­keit im Zusammensein mit anderen zu verschaffen.
Darüber hinaus kann das Kind abhängig werden von Bezie­hungen, Sex, romantischen Affären, Liebe und Bestätigung. Jedes Kind braucht Bestätigung. Wenn es die Bestätigung nicht vom inneren Erwachsenen bekommen kann, bleibt ihm nur die Möglichkeit, Liebe und Bestätigung bei anderen zu suchen. Das Gefühl, in Ordnung und liebenswert zu sein, wird, wenn der Erwachsene das innere Kind nicht liebt, von der Bestäti­gung durch andere abhängig gemacht. [...] Diese Bedürftigkeit meint: Wir brauchen andere, um uns wohl und sicher fühlen zu können. Dieses Bedürfnis nach Bestätigung von außen verursacht große Angst vor Ablehnung und Kontrolle durch jene, deren Bestätigung das Kind sich wünscht. Bestätigung, Sex und Liebe werden so zu den Mitteln, mit denen das innere Kind versucht, seinem unerträglichen Alleinsein zu entfliehen. Es erkennt dabei nicht, dass der äußere Kontakt zu anderen nicht mög­lich ist ohne eine innere Verbindung zu sich selbst.
[...] Wenn wir Liebe, Sex oder Bestätigung brauchen, um uns wohl zu fühlen, uns aber im Grunde gering schätzen, dann glauben wir auch, dass wir dafür sorgen müssten, diese ersehnte Liebe und Bestätigung zu bekommen und die Ablehnung zu vermeiden. Das bedürftige innere Kind versucht zu kontrollie­ren, wie die anderen es behandeln und was sie von ihm halten, indem es ihnen Schuldgefühle und Angst einflößt. Die Mittel, die es benutzt, sind Gereiztheit, Ärgerlichkeit, Tadel, schwei­gender Liebesentzug, Rechthaberei, Wutanfälle, Gewalt, Schmollen, Weinen, Lügen, Besserwisserei, Moralpredigten, Rechtfertigungsversuche, Verhöre und/oder Zerreden von Gefühlen. Das innere Kind, das sich so verzweifelt allein und einsam fühlt, agiert auf der Basis falscher Annahmen. Es sagt sich: »Ich kann bewirken, dass die anderen mich lieben, sehen, hören und bestätigen, Verbindung zu mir aufnehmen und mir mehr von dem geben, was ich mir wünsche. Wenn sie das tun, dann fühle ich mich wohl.« Ein so verzweifelt einsames und verängstigtes inneres Kind ist oft impulsiv und egozentrisch und hat nur wenig Kontrolle über sein Verhalten. Je tiefer die innere Verlassenheit, desto verzweifelter ist das Kind darum bemüht, den Schmerz zu lindern und um so stärker neigt es zu destruktiven und selbstzerstörerischen Handlungen. Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass Ihr inneres Kind nicht wirklich so ist, sondern dass es sich so entwickelt hat, weil es äußerlich und innerlich verlassen wurde.
Zwei weitere Mittel des inneren Kindes, Kontrolle auszu­üben, sind Anpassungsbereitschaft und Fürsorglichkeit. Das Kind wird zum »braven« Jungen oder Mädchen, indem es die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisse anderer bei­seite schiebt. Dieses Kind handelt wie ein Erwachsener, indem es die Aufgabe übernimmt, für jedermann alles in die Hand zu nehmen und in Ordnung zu bringen, oder indem es sich über­mäßig lieb und verführerisch verhält. Wenn wir uns grundsätz­lich anpassungsbereit, fürsorglich und aufbauend verhalten oder wenn wir uns vor Nettigkeit geradezu überschlagen, han­deln wir aus einer falschen Überzeugung heraus. Wir sagen: »Ich zähle nicht. Was ich wünsche und fühle ist nicht wichtig.« [...]
Die Wünsche und Gefühle der anderen sind wichtiger als meine eigenen. Ich kann die Menschen dazu bringen, mich zu lieben und mich anzuerkennen, indem ich lieb oder verführe­risch bin.« Dies sind einige Beispiele, wie das verlassene innere Kind andere zu manipulieren versucht, um Liebe zu bekom­men und sich selbst vor Ablehnung und Verlassenwerden zu schützen.
Die Angst davor, beherrscht und vereinnahmt, ja geradezu verschlungen zu werden, ist genauso mächtig wie die Angst davor, abgelehnt und verlassen zu werden. Wenn diese Angst aktiviert wird - und das kann vor allem dann geschehen, wenn jemand Sie kontrollieren möchte oder etwas von Ihnen will -, dann schützt sich Ihr verlassenes inneres Kind durch störri­schen Widerstand. Wenn Sie aus dem Persönlichkeitsanteil des inneren Kindes heraus auf eine Situation antworten, werden Sie vielleicht auf die Wünsche oder Gefühle eines anderen defensiv reagieren oder Sie werden Ihre Gefühle oder Ihre Handlungen verleugnen. Vielleicht nehmen Sie auch Zuflucht zu innerem Rückzug und Gleichgültigkeit, stürzen sich in Akti­vitäten oder versuchen, Ihr Inneres mit einem Suchtmittel abzutöten. Sie vertreten plötzlich einen harten, unnachgiebigen Standpunkt oder Sie rebellieren und tun das Gegenteil dessen, was der andere von Ihnen will. Möglicherweise tun Sie auch, als seien Sie mit allem einverstanden, leisten aber in Wirklichkeit Widerstand, indem Sie herumtrödeln, wichtige Dinge verges­sen oder eine demonstrative Inkompetenz an den Tag legen. Dies Verhalten resultiert aus dem falschen Glauben, dass es vor allem wichtig sei, sich nicht kontrollieren zu lassen. Ein Mensch mit diesem Verhaltensmuster sagt: »Wenn ich tue, was jemand anders wünscht (selbst wenn es etwas ist, was ich auch möchte), verliere ich mich und meine Integrität.« Menschen, die immer nur Widerstand leisten, entscheiden im Grunde nicht selbst, was sie wollen. Sie sträuben sich nur gegen das, was andere für sie oder von ihnen wollen. Die eigentliche Kon­trolle, der sie sich unterwerfen, ist ihr eigener Widerstand [...]

Chopich / Paul: Das geliebte Kind

Das geliebte Kind
Das innere Kind, das sich geliebt fühlt, ist das ursprüngliche innere Kind. Es ist die Quelle unserer Lebendigkeit, unserer Begeisterungsfähigkeit und unseres Potentials, uns zu wundern und in Erstaunen zu geraten. Das geliebte Kind in uns ist etwas so Kostbares und Schönes, dass ein auch nur sehr flüchtiger Kontakt mit ihm uns die Tür zu reiner Lebensfreude öffnet. Das geliebte Kind ist stark, dynamisch und voller Leidenschaft; es ist verspielt und neugierig und immer für neue Ideen und Erfahrungen offen. Aus dem natürlichen inneren Kind fließen unsere Kreativität, unsere Intuition und unsere Fähigkeit, an­deren Menschen zu vertrauen. Wenn das innere Kind eines Heranwachsenden von seinen Bezugspersonen geliebt wurde oder wenn der innere Erwachsene es geschafft hat, es längere Zeit liebevoll zu betreuen, ist es weich, sensibel, flexibel und sehr liebevoll. Im geliebten inneren Kind liegt unser Wissen von der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen und der inneren Verbindung aller Lebewesen. Das geliebte innere Kind ist im ganzheitlichen, nichtlinearen Sinne weise und wissend, das heißt, es vermag aus einer Gesamtheit vieler und gleichzei­tiger Erfahrungen und Eindrücke Schlüsse zu ziehen und hält sich nicht an das schrittweise, logische und lineare Denken, das der innere Erwachsene praktiziert. [...]
Das Kind, das die Welt holistisch und nicht logisch-linear betrachtet, ist Träger unserer Fähigkeit zur tiefen emotionalenund spirituellen Verbindung zu uns selbst und zu anderen. Das geliebte innere Kind kann uns sagen, was wir spüren und wün­schen, weil es ein deutliches Gefühl dafür hat, was ihm guttut und was ihm schadet. Es ist das geliebte innere Kind in uns, das weiß, was das Beste für uns ist, was angenehme und was unan­genehme Gefühle in uns hervorruft. Diese Gefühle informie­ren uns sehr präzise darüber, was uns glücklich oder unglück­lich macht. Menschen, die mit ihrem inneren Kind nicht in Kontakt sind, haben zu vielen ihrer Gefühle und damit zur Quelle dieses Wissens keinen Zugang.
Unsere Gesellschaft schätzt die Logik außerordentlich hoch ein, während sie die Weisheit, die aus den Gefühlen kommt, abwertet; sie misst der linken Gehirnhälfte große Bedeutung bei, während sie die rechte ignoriert. Dadurch wurde ein er­schreckendes Ungleichgewicht geschaffen: die Macht der Lo­gik ohne die Macht der Weisheit. Weisheit ist die Summe aller unserer Erfahrungen, die als Gefühle gespeichert sind. Wenn Sie nicht fühlen können, was wahr ist, dann heißt das, dass Sie Ihre Weisheit nicht nutzen können. Viele Menschen, die ihre Gefühle und die Weisheit des Kin­des verleugnen, haben versucht, sich eher durch das Handeln als durch das Handeln und Sein eine Identität zu schaffen. Hängt die Identität eines Menschen nur damit zusammen, was er tut? Und was ist mit unserer Existenz, unserem bloßen Da-Sein? Was ist mit unserer Weichheit, Zärtlichkeit, Intui­tion, unserem Einfühlungsvermögen, unserer Wahrneh­mungsfähigkeit und unseren Gefühlen? Was ist mit unserer Neugier, Spontaneität und Verspieltheit? Wir werden unsere Kraft und Weisheit so lange nicht voll ausschöpfen können, bis wir erkennen, dass jene Eigenschaften genauso wichtig sind wie unsere äußeren Leistungen.
!!Das geliebte Kind hat Mitgefühl - es kann die Gefühle anderer nachempfinden. Es ist dieser Aspekt unserer Persönlichkeit, der andere retten und von ihrem Schmerz erlösen möchte. Dem geliebten inneren Kind tut es weh, wenn es andere leiden sieht, und es möchte etwas tun, um ihren Schmerz zu lindern. Der liebevolle Erwachsene muss dem Kind helfen zu erkennen, wann das Bedürfnis zu helfen ein Akt der Liebe ist und wann es zur Bevormundung wird.
Das geliebte Kind ist verspielt und phantasievoll. Menschen, die in Kontakt mit diesem lustvollen und lebendigen Aspekt ihrer Persönlichkeit sind, strahlen Begeisterung und Lebensfreude aus. Menschen, die in Verbindung mit ihrem inneren Kind sind, reagieren auf das Leben voller Spontaneität und Lebendigkeit. Sie sind im positiven Sinne spontan; sie sind weder impulsiv und unkontrolliert noch zurückgezogen und gehemmt.
Es besteht ein großer Unterschied zwischen »kindlich« (leb­haft und spontan) und »kindisch« (impulsiv und unkontrol­liert). Dieser Unterschied wird oft ignoriert, und der spontane Mensch, die verspielte und phantasievolle Persönlichkeit, die noch fähig ist, sich zu wundern, wird für unreif oder naiv gehalten; man hält ihr vor, sie müsse doch endlich erwachsen werden. Deswegen lassen viele Menschen ihr inneres Kind im Stich oder versuchen wenigstens, es zu verstecken. Erwach­sene, die von ihrem inneren Kind abgetrennt sind, tun sich schwer damit, zu spielen und Vergnügen zu haben. Für die meisten von ihnen bedeutet Spielen und Sichvergnügen, be­stimmten typischen Erwachsenenaktivitäten nachzugehen, zum Beispiel an einer offiziellen Party teilzunehmen, ein ele­gantes Restaurant zu besuchen oder einen Film anzuschauen, einen sportlichen Wettkampf zu beobachten, sich zu betrinken oder mit Drogen zu betäuben.
Das innere Kind ist für unser Wohlbefinden von entschei­dender Bedeutung. Unsere Fähigkeit, uns zu freuen und Spaß zu haben, hängt von der Tiefe der Verbindung zu unserem inneren Kind ab. Echtes Spielen ist etwas ganz anderes als nur eine der genannten Erwachsenenaktivitäten, und es ereignet sich eher spontan als geplant. Dem echten Spielen liegt eine spielerische Einstellung zugrunde, die sich überall verwirkli­chen kann. Unsere Freude am Spiel können wir im Zoo oder auf einer Schaukel ausleben oder auch beim Schlangestehen auf dem Markt oder beim Kochen - wir spüren sie, wenn wir in Kontakt mit unserer Lebensfreude sind. Diese Freude ist ein fließendes, berauschendes Gefühl, das unsere Fähigkeit zu la­chen aktiviert. Wann haben Sie sich das letzte Mal wirklich gehen lassen und Ihre Lebensfreude gespürt? Oft erlauben wir uns das nur, wenn wir frisch verliebt sind. !!Irgendwie können wir es Verliebten zugestehen zu springen, zu tanzen, zu singen, sich zu kitzeln und wie Kinder zu spielen, während wir dasselbe Verhalten bei denen, die nicht verliebt sind, als unangemessen ansehen. Vielleicht ist es gerade dieser Aspekt des Verliebtseins, den wir alle als so anziehend und belebend empfinden. Viel zu schnell jedoch beschließen frisch Verliebte, dass es nun an der Zeit sei, sich verantwortungsbewusst zu verhalten (in der Über­zeugung, dies heiße, das innere Kind zu ignorieren). Sie spalten dann das innere Kind ab und schlagen sich ganz auf die Seite des Erwachsenen oder auf die Seite des verlassenen Kindes. Oder ihre Angst vor Zurückweisung und Kontrolle gewinnt die Oberhand, und ihre Schutzmechanismen treten in Kraft. Nach und nach distanzieren sie sich von den Gefühlen des Kindes. Am Ende finden sie dann oftmals den Weg in unsere Praxis und beklagen sich, dass ihre Beziehung nichts mehr hergebe [...] und dass sie einfach nicht wüssten, wie sie mit sich selbst und mit ihrer Umwelt wieder in Kontakt kommen könnten! Manchmal ent­scheiden sie sich, sich von dem betreffenden Partner zu trennen und suchen sich einen neuen Spielkameraden, und der Kreis­lauf beginnt aufs neue. Eine solche Entwicklung ist im Allgemeinen nicht nötig, wenn Sie für Ihre eigenen Gefühle die Verantwortung übernehmen und sich darauf einlassen, mit Ih­rem inneren Kind zu lernen.
Unsere Sinnlichkeit - das tiefe Erleben von Berührung, Ge­schmack, Geruch und Gehör - gehört zum inneren Kind. Kin­der sind sinnliche Wesen. Sie nehmen das Leben mit ihrem Körper, mit ihren Sinnen wahr. Sie lassen sich auf jede Erfah­rung ganz vorurteilsfrei und unschuldig ein, da sie ganz und gar im Augenblick leben. Sie gehen frei und mit schwingenden Armen, und sie singen, wenn ihnen danach ist. Sie berühren fast alles, was sie sehen. Das Wichtigste jedoch ist, dass sie es lieben, zu umarmen und umarmt zu werden! Genau so werden wir selbst, wenn wir die Verbindung zu unserem inneren Kind aufnehmen. Die meisten von uns sagen zu sich selbst: „Es gibt eine Zeit zum Spielen und eine Zeit zum Arbeiten, und wenn es Zeit zum Spielen ist, dann werde ich mit meinem inneren Kind Kontakt aufnehmen.“ Aber stellen Sie sich vor, wie heiter Ihr Leben dahinfließen würde, wenn Sie die meiste Zeit, und sogar die Arbeitszeit, an einem verspielten, kreativen, lustvollen Ort verbringen würden. [...]

Chopich / Paul: Der lieblose Erwachsene

Kapitel 2
Sie sind ein Erwachsener, ein Elternteil

So, wie wir als Kinder behandelt werden,
behandeln wir uns während unseres ganzen restlichen Lebens.
Alice Miller Am Anfang war Erziehung
Der erwachsene Teil in uns kommt nicht plötzlich zur Welt, sobald wir achtzehn werden. Von unserer Geburt an entwickeln wir sowohl den Persönlichkeitsanteil des Kindes als auch den des Erwachsenen in uns.
Was ist ein Erwachsener?
Der Erwachsene ist der logische, der denkende Teil in uns. Die Gefühle des Erwachsenen sind das Ergebnis seines Denkens. Beim Kind dagegen entspringen die Gedanken seinen Gefühlen. Der Erwachsene ist eher am Tun als am Sein interessiert, eher am Handeln als am Erleben. [...]DAS STIMMT SO NICHT: Wir können uns den Erwach­senen als das Yang, das Männliche oder den Aspekt der linken Gehirnhälfte vorstellen und das Kind als das Yin, das Weibliche oder den Aspekt der rechten Gehirnhälfte. Wir können den Erwachsenen mit dem bewußten Verstand, dem linear denken­den Intellekt gleichsetzen.
Der Erwachsene ist die Entscheidungsinstanz im Hinblick auf unsere Absichten und Handlungen. Es ist immer der Erwachsene, der darüber entscheidet, ob wir uns schützen wollen oder ob wir lernen wollen, und der die entsprechenden Aktionen auswählt, die der Reali­sierung unserer Absicht dienen. Der Erwachsene muss die Aufgabe des liebevollen Bemutterns übernehmen - die alten Wunden heilen und die falschen Überzeugungen durch die Wahrheit ersetzen -, und er muss sich weigern, die negativen und selbstzerstörerischen Verhaltensmuster des verlassenen Kindes zu tolerieren. Das innere Kind wird erst dann neugierig werden und sich für das Lernen öffnen, wenn der Erwachsene be­schlossen hat zu lernen und das Kind geduldig und unbeirrbar zu lieben.
Unser innerer Erwachsener kann ein liebevoller oder ein liebloser Erwachsener sein - mit anderen Worten, ein Erwach­sener, der beschlossen hat zu lernen, oder ein Erwachsener, der sich entschieden hat, sich zu schützen. [...]
Bevor wir darauf jedoch näher eingehen, ist es wichtig zu definieren, was liebevolles Verhalten ist: Wir sind liebevoll, wenn wir unser eigenes emotionales und spirituelles Wachstum und das anderer Menschen fördern und unterstützen wollen und wenn wir persönliche Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen - das heißt, wenn wir nicht als Opfer handeln und nicht andere für unsere Handlungen und Reaktio­nen und das sich daraus ergebende Glück oder Unglück verant­wortlich machen. Darüber hinaus bedeutet liebevolles Verhal­ten, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, und es bedeutet, sich selbst und andere nicht zu beschuldigen oder herunterzuma­chen. Liebevolles Verhalten ist Ausdruck der inneren Harmo­nie Ihrer Persönlichkeit und stärkt so Ihre Selbstachtung und das Gefühl der Integrität. Liebevolles Verhalten Ihrem inneren Kind gegenüber heißt, dass Sie die Verantwortung für Ihre Gefühle übernehmen, indem Sie zusammen mit Ihrem Kind die falschen Glaubensmuster kennen lernen, die Ihren Schmerz verursachen. Es bedeutet, dass Sie sich einen liebevollen und unterstützenden Bereich schaffen, in dem Sie alte Wut und alten Schmerz durchleben können, und dass Sie entdecken, was Ihnen Freude macht, und Ihre Handlungen auf diese Freude hin ausrichten.
Der lieblose Erwachsene
Lieblos ist der Erwachsene, der die Wahl getroffen hat, sich gegen die Wahrnehmung und das Durchleben von Schmerz, Angst, Traurigkeit, Unbehagen und des intensiven Gefühls des Alleinseins und der Einsamkeit seines inneren Kindes zu schüt­zen, und der sich weigert, dafür die Verantwortung zu überneh­men. Der lieblose Erwachsene hat sich zudem entschieden, keine Verantwortung für die Freude des Kindes zu überneh­men. Er misst Aufgaben, Regeln, Verpflichtungen und Scham- und Schuldgefühlen einen größeren Wert bei als dem Gefühl, in Kontakt mit sich selbst zu sein. Der lieblose Erwachsene spaltet so das innere Kind ab und lässt es durch seine Entschei­dung, ein autoritärer oder gleichgültiger Elternteil zu sein, im Stich. Wenn der lieblose Erwachsene autoritär ist, dann ist er kritisch, verurteilend, herabsetzend und/oder kontrollierend. Der lieblose Erwachsene ist die innere Stimme, die das Kind belügt, ihm sagt, dass es schlecht, falsch, unzulänglich, dumm, selbstsüchtig oder unwichtig sei, und der die Gefühle des Kin­des für unwichtig erklärt. Er versucht, das Kind zu kontrollie­ren, indem er ihm sagt, was es tun sollte oder nicht tun sollte, und ihm all die schlimmen Dinge vorhält, die passieren kön­nen, wenn es etwas »nicht richtig« macht. Der lieblose Er­wachsene sagt dem Kind, dass es nur dann liebevoll sei, wenn es sich selbst aufopfere, und dass es selbstsüchtig sei, sich selbst glücklich zu machen. [...] In Wirklichkeit jedoch ist es selbstsüch­tig, zu erwarten, daß andere die Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen. Der lieblose Erwachsene trifft einseitige Entscheidungen und mißachtet die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes. Der lieblose Erwachsene ignoriert und verleugnet die Stimme des inneren Kindes und schafft so genau dieselben Schwierigkeiten, die Eltern haben, wenn sie nicht auf ihre Kinder hören. Die Hauptabsicht des lieblosen autoritären Erwachsenen besteht darin, das innere Kind zu kontrollieren. [...]Der lieblose Erwachsene, der verschiedene Gebote der El­tern und der Gesellschaft verinnerlicht hat, zwingt dem inne­ren Kind diese Regeln auf. Melody Beattie nennt in ihrem Buch Unabhängig sein eine Reihe von Glaubensmustern, die die mei­sten von uns verinnerlicht haben:
• Spüre deine Gefühle nicht, und sprich nicht über sie.
• Denke nicht, suche nicht nach Lösungen und triff keine Entscheidungen - du weißt möglicherweise nicht, was du willst oder was das Beste für dich ist.
• Nimm Probleme nicht wahr, erwähne sie nicht und löse sie nicht - es ist nicht gut, welche zu haben.
• Sei gut, anständig, perfekt und stark.
• Sei nicht, wer du bist, denn das ist nicht gut genug.
• Sei nicht egoistisch, stelle dich nicht an die erste Stelle, sage nicht, was du willst oder brauchst, sage nicht nein, setze keine Grenzen, und sorge nicht für dich - sorge immer für andere. Verletze ihre Gefühle nicht, und mache sie nicht wütend.
• Sei nicht lustig oder albern, und genieße dein Leben nicht - es kostet Geld, macht Lärm und ist nicht nötig.
• Vertraue nicht dir selbst, deinem höheren Selbst, dem Prozeß des Lebens oder bestimmten Menschen - setze statt dessen Vertrauen in betrügerische Menschen; reagiere dann überrascht, wenn sie dich hereinlegen.
• Sei nicht offen, ehrlich oder direkt - sprich in Andeutungen, manipuliere, bringe andere dazu, für dich zu sprechen. Er­rate, was sie wollen und brauchen, und erwarte von ihnen, dass sie dasselbe für dich tun.
• Komme niemandem nahe - du machst dich dadurch verletz­bar.
• Störe das bestehende System nicht, indem du wächst oder dich veränderst.
• Mache immer ein fröhliches Gesicht, egal wie du dich fühlst oder was du zu tun hast
Unser liebloser Erwachsener zwingt diese Regeln und falschen Überzeugungen unserem inneren Kind fortwährend auf und setzt somit die Lieblosigkeit, die wir in der Kindheit erfahren haben, permanent fort.
Wenn der lieblose Erwachsene gleichgültig ist, dann ist er vielleicht völlig abwesend und lässt das Kind mit allem allein fertig werden. Oder er erlaubt dem Kind, selbstzerstörerisch zu sein, sich selbst physisch und/oder emotional durch Sucht und Abhängigkeit zu missbrauchen und zu verletzen. Der gleichgül­tige innere Erwachsene wird es dem inneren Kind möglicher­weise erlauben, andere durch physische und/oder emotionale Gewalt - Schlagen, Verprügeln, Stehlen, Lügen, Beschuldigen oder sogar Vergewaltigen und Töten - zu zerstören. Der gleichgültige lieblose Erwachsene geht auf die Wünsche und Bedürfnisse des inneren Kindes nicht ein. Der lieblose Erwach­sene hat entschieden, die Verantwortung für die Bedürfnisse des inneren Kindes abzulehnen, so dass das Kind gezwungen ist, seine Bedürfnisse von anderen befriedigen zu lassen.
Sowohl der autoritäre als auch der gleichgültige innere Er­wachsene geben dem inneren Kind das Gefühl, ungeliebt und im Stich gelassen zu sein. Das Kind folgert daraus, dass es schlecht, falsch, nicht liebenswert, fehlerhaft, unwichtig, unbe­deutend und unzulänglich sei, und diese falschen Überzeugun­gen erzeugen Gefühle von Angst, Scham und Schuld.
Der lieblose Erwachsene ist im Allgemeinen ein Abbild der Lieblosigkeit unserer Eltern, Großeltern, Geschwister, Lehrer, geistlichen Führer oder anderer Rollenvorbilder und Autori­tätspersonen. Wir alle neigen dazu, auf dieselbe Art auf unser inneres Kind zu reagieren wie unsere Eltern oder Bezugsperso­nen, und somit erzeugen wir immerfort aufs Neue unseren Schmerz und das Gefühl des Getrenntseins. Wir können unser inneres Kind auf dieselbe Art kritisieren, anlügen, beschuldigen oder abwerten, wie wir selbst als Kind kritisiert, angelogen, beschuldigt und abgewertet worden sind, und wir benutzen dazu oft dieselben Worte, Sätze und Handlungen. Ihr liebloser Erwachsener verhält sich autoritär oder gleichgültig, je nach­dem wie Ihre Eltern oder andere nahe Bezugspersonen Sie und sich selbst behandelt haben.
Ihr innerer Dialog, der fortwährend im Unterbewusstsein abläuft, ähnelt wahrscheinlich den Worten, die Sie in Ihrer Kindheit von Ihren Vorbildern hörten. Unsere Eltern haben uns wahrscheinlich aus der Rolle ihres eigenen verlassenen Kindes und des eigenen lieblosen Erwachsenen heraus betreut, und dieses Verhalten prägte das Rollenvorbild für unseren eige­nen lieblosen Erwachsenen. [...]
Wenn Ihre Eltern in Ihrer Kindheit nicht liebevoll mit Ihnen umgegangen sind - was bei fast allen von uns in unterschiedli­chem Ausmaß der Fall war -, dann haben Sie vielleicht diesel­ben falschen Überzeugungen verinnerlicht, die das Wesen des verlassenen inneren Kindes Ihrer Eltern bestimmt haben. Im folgenden finden Sie einige der falschen Glaubensmuster, die Sie vielleicht verinnerlicht haben, als Sie dem Einfluss Ihrer Eltern ausgesetzt waren:
• Ich kann mich selbst nicht glücklich machen. Ich kann mich selbst nicht so glücklich machen, wie jemand anders oder etwas anderes es könnten. Ich kann nicht selbst für mich
sorgen.
• Ich kann mit Schmerz nicht umgehen, besonders mit dem Schmerz der Ablehnung und des Verlassenseins, dem Schmerz meines Alleinseins.
• Andere sind für meine Gefühle verantwortlich, und ich bin für ihre Gefühle verantwortlich.
• Ich kann kontrollieren, wie sich die anderen mir gegenüber fühlen und wie sie mich behandeln.
• Es ist unbedingt wichtig für meine Integrität, jeder Kon­trolle zu widerstehen.
• Mich selbst glücklich zu machen ist egoistisch und deshalb falsch.
• Der Kern meines Wesens ist schlecht, falsch, nicht liebens­wert oder sonstwie fehlerhaft.
Solange Sie aus diesen falschen Überzeugungen heraus han­deln, werden Sie es möglicherweise nicht schaffen, sich Ihrem inneren Kind gegenüber liebevoll zu verhalten. Sie werden keine Verantwortung für Ihre eigenen Gefühle übernehmen und sich nicht für das Lernen entscheiden [...]

Der liebevolle Erwachsene

, wenn Sie glauben, dass Sie schlecht seien und unfähig, sich selbst glücklich zu machen. Sie werden glauben, dass Sie mit dem Schmerz Ihres inneren Kindes nicht fertig werden könnten. Stattdessen wer­den Sie weiterhin versuchen, Ihr inneres Kind zu kontrollieren, und das Kind wird wiederum versuchen, andere zu kontrollie­ren. Sie werden Ihr inneres Kind im Stich lassen und andere für Ihre Gefühle verantwortlich machen. Wenn Ihr Erwachsener einmal entschieden hat, Ihr inneres Kind zu verlassen, dann bleibt dieses machtlos und allein zurück. Es ist der innere Erwachsene, der dann eine neue Entscheidung im Sinne des Kindes treffen muss.
Der liebevolle Erwachsene
Der liebevolle Erwachsene - der Erwachsene also, der von und mit dem inneren Kind lernen möchte - ist der dynamische, engagierte, mutige Persönlichkeitsanteil in uns, der Teil, der durch ethische Grundsätze und durch Integrität bestimmt ist. Der liebevolle Erwachsene setzt sich dafür ein zu lernen, das innere Kind zu umsorgen. Er bemüht sich darum, das innere Kind kennen zu lernen, zu lieben, zu unterstützen und in Kon­takt mit ihm zu sein. Der liebevolle Erwachsene in uns bringt den Mut auf, in unser Inneres zu schauen, uns mit uns selbst zu konfrontieren und uns kennen zu lernen. Dies ist der positive innere Elternteil, der Teil in uns, der unsere alten Kindheits­wunden heilen und falsche Überzeugungen durch die Wahrheit ersetzen kann. Dieser Teil kann konstruktiv und im Interesse der Gefühle und Bedürfnisse des inneren Kindes handeln. Er kann aktiv die Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte und kreati­ven Ideen des Kindes realisieren. Das Kind ist hungrig - der Erwachsene bereitet ihm eine Mahlzeit zu. Das Kind ist müde - der Erwachsene geht zu Bett und macht das Licht aus. Das Kind möchte Kontakt zu anderen haben - der Erwachsene nimmt das Telefon und ruft jemanden an. Das Kind visualisiert das Bild, und der Erwachsene malt es auf die Leinwand.
Der Erwachsene drückt durch sein Handeln die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes und auch des Erwachsenen aus. Wenn wir nur fühlen, ohne dass wir unseren Erwachsenen diese Gefühle in Handlung umsetzen lassen, dann bleiben wir stecken. Glei­chermaßen sind Taten, die nicht vom Gefühl getragen werden, nichtssagend und leer. Wenn Sie zum Beispiel einem anderen Menschen gegenüber warme Gefühle hegen, diese aber nicht durch irgendeine Geste ausdrücken, dann wird dieser andere nie einen tiefen Eindruck von Ihnen bekommen. Wenn Sie jedoch Zärtlichkeit demonstrieren, ohne ein Gefühl der Liebe zu empfinden, dann ist diese Aktion bedeutungslos und kann sogar manipulativ sein. Aus diesem Grund ist der Kontakt und das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Seiten in uns so wichtig. Wenn der liebevolle Erwachsene und das geliebte Kind zusammenarbeiten, sind wir mit uns selbst in Einklang.
Der liebevolle Erwachsene ist dem inneren Kind gegenüber weder autoritär noch gleichgültig. Er zwingt dem Kind seinen Willen und seine eigene Art zu handeln nicht auf, aber er versteht es, dem Kind Grenzen zu setzen. Das innere Kind möchte vielleicht den ganzen Tag Süßigkeiten naschen, aber der liebevolle Erwachsene weigert sich, diesem Bedürfnis ent­sprechend zu handeln. Statt dessen fragt der liebevolle Erwach­sene das Kind, warum es diesen Wunsch hat, warum es sich so leer fühlt, dass es sich mit Süßigkeiten füllen muss. Der liebe­volle Erwachsene macht dem Kind keine Vorwürfe, weil es bestimmte Wünsche und Gefühle hegt, er sagt dem Kind nicht, dass es unrecht habe oder schlecht sei. Der Erwachsene weiß, dass das Kind für seine Gefühle wichtige Gründe hat, und er handelt in der Absicht, diese Gefühle kennen zu lernen.
Der liebevolle Erwachsene ist dem Kind gegenüber nicht derart nachgiebig, dass er ihm erlaubt, sich anderen gegenüber lieblos zu verhalten. Nehmen wir einmal an, das innere Kind ist auf jemanden wütend. Der liebevolle Erwachsene ist sensibel genug, diese Wut wahrzunehmen und zu verstehen und hilft dem Kind, sie in angemessener Weise auszudrücken. Er erlaubt aber dem Kind nicht, seine Wut an anderen auf eine Art auszu­lassen, die manipulativ oder verletzend ist, indem es andere schikaniert, bedroht oder körperlich angreift. Der liebevolle Erwachsene verlässt das Kind nicht, wenn es wütend, verletzt oder traurig ist, noch sagt er dem Kind, dass andere für diese Gefühle verantwortlich seien. Der Erwachsene weiß, dass diese Gefühle von innen kommen, aus tief sitzenden Ängsten und Überzeugungen, dass sie nicht von jemand anderem verursacht wurden, und er ist da, um die Gefühle des Kindes wahrzuneh­men und zu verstehen und seine Selbstheilungskräfte zu unter­stützen. Darüber hinaus schützt der Erwachsene das Kind da­vor, Dinge persönlich zu nehmen, indem er dem Kind immer die Wahrheit sagt.
Nehmen wir beispielsweise einmal an, Ihr Ehepartner würde Sie anschreien und Ihnen sagen, Sie seien dumm. In Ihrer Kindheit ist Ihnen das vielleicht häufig von Ihren Eltern gesagt worden und deswegen fühlen Sie sich immer wieder getroffen, wenn man Sie als dumm bezeichnet. Ein liebevoller Erwachse­ner würde eingreifen und zu dem Kind sagen: »Dieses wütende und verurteilende Verhalten hat nichts mit dir zu tun. Du bist eine intelligente Person. Diese abwertende Charakterisierung rührt von etwas, was in ihm/ihr vorgeht und für das du nicht verantwortlich bist. Also mach dir keine Sorgen, ich werde dieses Problem für uns regeln.« Der Erwachsene handelt dann im Interesse des Kindes und sagt zu dem Ehepartner: »Ich weiß, dass du sauer bist, aber ich möchte nicht auf diese Weise heruntergeputzt werden. Das tut mir weh. Wenn du offen für ein Gespräch bist, dann lass uns über die Sache sprechen.« Wenn sie/er dann nicht für einen Lernprozess offen ist, würde ein Erwachsener die Szene verlassen. Wenn das Kind sich noch immer verletzt fühlt, würde der Erwachsene die Gefühle des Kindes anhören und herauszufinden versuchen, woher diese Gefühle kommen, vielleicht indem er sich wieder an lange vergessene Erfahrungen ähnlicher Situationen aus der Kind­heit erinnert. Der Erwachsene vertraut darauf, dass die Gefühle des Kindes sich mit einer gewissen Logik entwickeln, dass sie von vergangenen Erfahrungen und den daraus entstandenen Überzeugungen herrühren. Der liebevolle Erwachsene ist ein Lehrer und heilt das kindliche System der falschen Überzeu­gungen, indem er dem Kind die Wahrheit sagt.
Der liebevolle Erwachsene ist eine mächtige, kompetente Persönlichkeit in dem Sinne, dass er Macht hat: Macht über das Selbst, über seine Entscheidungen und die Fähigkeit, die Träume des Kindes zu verwirklichen. [...]Das Diagramm auf Seite 51 zeigt die Eigenschaften des liebevollen Erwachsenen und des geliebten Kindes und die Verbindung zwischen den beiden.
Das Wichtigste, was wir für uns selbst tun können, ist, uns bewusst zu machen, wie lieblos wir mit uns umgehen und was es bedeutet, ein liebevoller Erwachsener für unser inneres Kind zu werden.
Die Art, wie wir unser inneres Kind behandeln, ist ausschlagge­bend für alles andere in unserem Leben. Wenn wir unser inneres Kind lieblos behandeln, werden wir abhängig von Dingen, Menschen oder Handlungen. Wir werden ängstlich, besorgt, depressiv, leiden unter Schmerzen, Leere, Bedürftigkeit, gerin­ger Selbstachtung, einem unerträglichen Gefühl des Alleinseins und physischer wie psychischer Krankheit. Die Schwere einer Geisteskrankheit entspricht dem Grad der Spaltung zwischen dem inneren Erwachsenen und dem inneren Kind. Wir werden verrückt, wenn wir das Alleinsein und den tiefen Schmerz des inneren Kindes nicht sehen und fühlen wollen.
Wenn wir unser inneres Kind liebevoll behandeln, schaffen wir die innere Verbindung, die die Leere in uns füllt, und wir müssen diese Leere nicht von außen, durch Sucht oder Abhän­gigkeit, zustopfen. Je mehr wir lernen, unser inneres Kind liebevoll zu behandeln, desto tragfähiger und sicherer wird die innere Verbindung. Das bringt uns Frieden, Freude, Kraft und Ganzheit und schützt uns davor, uns aufzugeben, um von ande­ren geliebt zu werden.