Sonntag, 19. Februar 2012

Innerhalb der eigenen Zeit sein. – Über Menschen, die viel stöhnen müssen.


Als ich den folgenden Post auf der EthikPost schrieb, wurde mir erst während des Schreibens bewusst, wie sehr er auch unsere inneren Kinder betrifft. Wenn ich ihre Bedeutung im Rahmen des Themas im Folgenden nur relativ kurz angesprochen habe, so möge das für den Interessierten doch Anregung sein, darüber nachzudenken, dass immer, wenn wir auf Verletzungen stoßen, wir aus unserer Lebenspräsenz fliegen. Nicht von ungefähr wissen wir ja, dass Erwachsene, die auf eine alte Verletzung stoßen, sich so verhalten. wie sie es als Kind zu jener Zeit taten, als sie verletzt wurden (möglich ist auch, dass sie in die Erwachsenenrolle von dem gehen, der sie verletzte).
Und eine weitere Tür, die ich noch nicht geöffnet habe, ist die Tatsache, dass Erwachsene, die nicht erwachsen sind, gar nie in IHRER Zeit sein können. – Dazu vielleicht ein andermal mehr.
Hier nun der von der EthikPost herübergehievte Post :-)) :

Nicht alle Menschen stöhnen laut. Viele, die uns durchs Leben begleiten, kurzzeitig oder länger, die uns nahe stehen oder weniger nahe, stöhnen innerlich. Wenn sie sich unbeobachtet wähnen, sieht man auf ihrem Gesicht einen gequälten Zug oder sie gehören zu denen, bei denen jede Anforderung, die an sie herantritt, als Erstes auslöst, diese abzulehnen.
Das ist sozusagen ein natürlicher Reflex, der auf einer Abwehr gegen vermeintliche Überforderung basiert.
Subjektiv ist diese Überforderung da – sie kann mehrere Ursachen haben. Eine davon kann sein, dass dieser Mensch außerhalb seines Lebensskriptes läuft – dazu ein andermal mehr. 
Eine weitere kann sein, dass er generell außerhalb seiner Lebenszeit läuft, ein Leben lang nie in seiner korrekten Lebenszeit sich befindet, das heißt, schon als Kind, womöglich schon als Säugling, aus ihr herauskatapultiert wurde.
Lebenszeit, damit wir uns nicht falsch verstehen, bezieht sich hier nicht auf die Dauer des Lebens, sondern auf die Qualität des Lebens. Und, was noch hinzukommt: Jeder Mensch hat seine ganz individuelle, ureigene Lebenszeit und Lebensqualität; nicht bei zwei Menschen ist sie gleich (wie es bei Seelenpartnern ist, ist eine andere Frage).

Wieviel Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft aufgrund der eben angedeuteten Tatbestände verloren geht, weil eben Menschen nicht annähernd an ihr Leistungsvermögen herankommen können, ist mit Sicherheit unbeschreiblich.

Bruttosozialprodukt ist kein Kriterium für mich; dennoch sind solche Kriterien wichtig, weil unsere derzeitigen Politiker vor allem auf Ökonomisches anspringen; wenn sie aus diesen Gründen die Lebenszeit-Qualität der Menschen in den Blick nehmen würden, wäre das auch erst mal recht. Damit könnte auch einer seelischen Perspektive eine Bresche geschlagen werden - denn sie ist das Entscheidende.

Jemand der außerhalb seiner Lebenszeit und seines Lebensskriptes läuft, kann nur gespielt glücklich sein oder glücklich sein in ganz kurzen Momenten.

Mir geht es hier und heute um das mehr oder wenige kurzzeitige Herausfliegen aus der Lebenszeit.
Vom Gefühl her ist das so, wie wenn Sie 100 Meter laufen sollen und es geht nicht richtig vorwärts. Es ist, als ob Ihnen ein Deuserband um den Körper gezurrt ist, das am Startblock festgemacht ist.

Seinen Namen hat dieses Band von einem 1993 verstorbenen Physiotherapeuten, der nicht nur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erfolgreich tätig war, sondern der auch auf dem Gebiet der Arbeit mit elastischen Bändern - man kann eigentlich sagen - Weltruf erlangte.

Jedenfalls: Wenn Sie 100 Meter laufen mit Deuserband, festgemacht am Startblock, dann ist Ihr Gefühl so, dass, je weiter Sie sich von Ihrem Ausgangspunkt entfernen, je mehr Sie arbeiten, werkeln, tun, es Sie desto intensiver zurückzieht. Irgendwann haben Sie womöglich das Gefühl, dass da was zum Zerreißen gespannt ist.

Das ist kein Zustand !
Aber: Wenn Sie außerhalb Ihrer Zeit laufen, dann ist das so. Dann ist der Energieaufwand, den Sie betreiben müssen, um vorwärts zu kommen, unglaublich hoch, ganz ungesund! Deshalb ist es meist auch nur eine Frage der Zeit, wenn dieser Zustand längere Zeit währt, dass Menschen krank werden, die Nase voll haben, einen Schnupfen kriegen - das ist dann die harmlosere Variante eines Signals. 

Wie fliegt man aus seiner Lebenszeit?
Meist sind es alte Verletzungen aus der Kindheit, die sich aktualisieren. Und da diese Verletzungen des inneren Kindes in aller Regel unbewusst sind, ist es schwer, ohne sachkundige Hilfe an die Ursache zu kommen. Allein aber, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass das die Ursache sein kann und wir willens sind, sie zu finden, geben wir unserem Unbewussten die Anweisung, uns zu helfen, die Ursache ans Tageslicht zu spülen.

Es kann genauso auch sein, ein Kollege lässt eine Bemerkung fallen, die oberfies ist, die Sie womöglich (vor allem, wenn Sie gern Ihre Gefühle verdrängen) gar nicht als Verletzung identifizieren. Das ist dann, wie wenn ein Giftpfeil Ihre Haut ritzt ...
Es gilt der Satz John Bradshaws: Man kann nur heilen, was man fühlt ... !!!

Die Frage ist, wie komme ich wieder in meine Zeit?
Novalis hätte sich mit der Bitte um Hilfe an seine Blaue Blume als Symbol seiner höchsten Innerlichkeit genannt, die Schiller als Höheres Selbst bezeichnet hat.
In der Tat. Religiöse Menschen werden sich an Gott oder Engel mit der Bitte um Hilfe wenden.
Andere werden mit positiven Autosuggestionen arbeiten.

Was auf jedenfall zu tun ist: Stirn - Hinterkopf halten.
Das kann man selbst tun: Man legt eine Hand an die Stirn unterhalb des Haaransatzes, die andere legt man um den Hinterkopf - nach einiger Zeit kann man die Hände wechseln.
Das ist eine aus der Kinesiologie bekannte Stressreduktion, wobei dieser Begriff m. E. nicht korrekt ist: Es ist mehr als eine Reduktion. Diese Übung kann dazu führen, dass die Meridiane, die durch die Verletzung rausgeflogen sind bzw. total ungleichgewichtig arbeiten, sich wieder balancieren. – Diese Hilfe kann auch ein Anderer Ihnen geben. Wenn es ein liebender Mensch ist, werden Sie es ziemlich schnell spüren, Ihr Atem verändert sich, sie werden auf einmal intensiv ein- und ausatmen (oft nur einmal, und Sie haben zu recht das Gefühl, alles hat sich gelöst) ... alles Signale, dass Sie wieder zurückkehren.
(Alle Eltern sollten an diesen Griff denken, wenn Ihr Kind sich verletzt hat, weint, erschüttert ist, mit einer schlechten Note heimgekommen ist ... es kann sein, dass es sich danach einfach hinlegt und schläft ... )

Sicherlich ist es notwendig, wenn dieser Zustand überdauert, Hilfe aufzusuchen, sich vielleicht auch Zeit zu nehmen, wieder zu sich zu finden durch einen Urlaub, eine Kur, etwas Neues, was man angeht, dass man z.B. einen Tai-Chi-Kurs beginnt, eine Familienaufstellung macht, regelmäßig schwimmen geht, früher ins Bett geht, den Schlaf auf neue Weise schätzt ...

Darüber habe ich jetzt noch gar nicht geschrieben: dass Menschen aus ihrer Zeit fliegen, weil sie wider den natürlichen Rhythmus agieren, die Nacht zum Tag machen, dem Unbewussten der Nacht ausweichen ... dazu ein andermal mehr.

PS: Wenn ich in meiner Zeit bin, geht mir alles leicht von der Hand ... wie selbstverständlich ... ich treffe die richtigen Menschen am richtigen Ort, weil ich selbst zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Wer das steuert, wenn es stimmig ist? Meine Blaue Blume - wie Novalis schreiben würde, mein Höheres Selbst - wie es Schiller nannte, oder, wie die Germanen gesagt hätten: yggdrasil in mir  :-))

Montag, 13. Februar 2012

Die Zensur kehrt wieder ! – Das Ende des Internets in der heutigen Form: ACTA ! Legalisierter Scan der Privatsphäre!


Aufgrund der Bedeutung des Themas möchte ich diesen Post auch auf diesem Blog veröffentlichen:


ACTA wäre ein unglaublicher Eingriff in die Privatsphären der Menschen; sie würden in einem unvorstellbaren Ausmaß kontrolliert.

Wer mundtot gemacht werden soll: ACTA liefert die Handhabe.

Ich bin gegen Piraterie, auch gegen Musikpiraterie. Aber auf diese Weise kann man den berechtigten Schutz von Eigentum nicht durchsetzen; wenn man den Rasen mähen will, hebt man auch nicht den ganzen Humus mit ab!!

Hier soll ein Abkommen auf den Weg gebracht werden, dass der Industrie und Interessengruppen ein unvorstellbares Maß an Macht gibt - so sehe ich es jedenfalls im Moment. Und unsere Regierung ist mehrheitlich dafür.

Ich empfehle, den folgenden Film bis zum Schluss anzusehen; erst gegen Ende wird wirklich deutlich, was ACTA bedeutet. – In Zukunft übrigens würde wohl You Tube nicht mehr existieren; auch solch ein Film nicht mehr - genau das ist das Ziel von ACTA:



Freitag, 10. Februar 2012

1x Fango für die Seele!


Menschen, ob jung, ob alt, die innerlich frieren, geben sich äußerlich cool.

Was sich dahinter verbirgt?

Ich glaube, es sind nicht wenige Kinder und Jugendliche, die kennen nur den Zustand des inneren Fröstelns; sie wissen gar nicht, was Wärme ist.
Sie haben sich an ihren Eltern verkühlt (denen es selbst in ihrer Kindheit nicht anders ging ...)

Das innere Kind dieser Jugendlichen, das Wärme sucht und möchte, hat sich schon längst in den inneren Kühlschrank verzogen, in die dunkle Ecke, wo er steht. In kalter Umgebung spürt es die Kälte, der es ausgesetzt ist, weniger. Dann muss es nicht unbedingt, so sein Gefühl, an der Kälte, der es ausgesetzt ist, erfrieren. 

Später, wenn dieses innere Kind auf Menschen trifft, die es an jene Wärme erinnern, die es selbst suchte und nicht finden durfte, dann schießt es mit Kältepfeilen; die haben nur ein Ziel: die Wärme zu vertreiben.

Ich glaube, wir sollten beginnnen, diese Coolness ernster zu nehmen und Maßnahmen zu treffen, zum Beispiel die:
1x Fango für die Seele ...
Und nochmal ...
.. halt möglichst oft ...

Samstag, 7. Januar 2012

Spielerische Schwerstarbeit für das innere Kind - Warum "Der kleine Lord" der Deutschen liebster Weihnachtsspielfilm ist.


Auf irgendeinem Sender wird er ziemlich sicher über die Weihnachtsfeiertage gesendet, "Der kleine Lord", möglichst nicht in der Version mit Mario Adorf - obwohl ich die keineswegs so schlecht finde, wie  sie manchmal hingestellt wird -, sondern unter der Regie von Jack Gold mit Alec Guinness als Earl of Dorincourt und Rick Schroder als der kleine Lord, zukünftiger Lord Fauntleroy
Das Flair der englischen Landschaft und das Urwüchsige und Originale, das sich mit dem alten Schloss verbindet, kommt der Tatsache entgegen, dass dieser Film etwas Urwüchsiges, Originales, Archetypisches unserer Seele abbildet.

Da ist ein alternder Lord, der mit der Welt abgeschlossen hat, der seine Untergebenen und die Menschen, die auf seinem Grund wohnen, dahinvegetieren lässt - die Bilder aus dem Dorf und dessen Elendssstraße sind einfach eindrücklichst. Im Grunde spiegeln sie, wie es in Wahrheit im Inneren des Earl aussieht, wenn man sich mal abseits von der Realität des Scheins, wie sie das Schloss spiegelt, bewegt. Aus dem Ghetto von Schmutz und Dreck und Freudlosigkeit scheint niemand mehr herauskommen zu können (später wird sich das ja auch ändern!)
Eigentlich kann sich in der Seele dieses Menschen nichts mehr bewegen.

Wohl weil er sieht, dass sein Lebensvorrat sich dem Ende zuneigt, will der Earl für eine angemessene Nachfolge sorgen. So macht er der Ehefrau seines verstorbenen Sohnes, den er verstoßen hatte, weil er sie, eine US-Amerikanerin geheiratet hatte, das Angebot, dass sie mit ihrem Sohn, seinem Enkel also, nach England komme, damit dieser ordentlich erzogen und an seine zukünftigen Aufgaben herangeführt werde. Bedingung: Die Witwe, also die Frau seines verstorbenen Sohnes, darf nicht auf dem Schloss wohnen.
Allein an dieser Tatsache wird deutlich, wie verhärmt und innerlich hart dieser Earl von Dorincourt gewesen sein muss.
Aber der Film macht zugleich deutlich, dass fast keine Seele so vergrätzt sein kann, als dass nicht ein menschlicher Umstand, ein menschliches Wesen an uralte Erinnerungen herankommt. An uralte Erinnerungen, die sich natürlich auch mit Weihnachten verbinden. Schließlich wird auch im Film an entscheidender Stelle Weihnachten gefeiert.
Wie der kleine Mann mit Namen Cedric durch sein aufgewecktes und unvoreingenommenes Verhalten die Verkrustungen des alternden Earl aufbricht, wie dessen Herz erkennbar weicher wird, wie er zunächst fast gegen seinen Willen Gutes tut, weil es der Kleine ganz naiv in die Wege leitet, das ist auf eine Weise verfilmt worden, die fast jedem Menschen zu Herzen geht.

Selten wird in einem Film so deutlich, wie ein Kind im Außen das innere Kind eines alten Menschen in Bewegung setzen kann.
Wir erleben das ja immer wieder, wie ein Opa und eine Oma mit ihren Enkeln umgehen, oft so, wie niemand das erwartet hätte, wie ihnen auf einmal die alte Strenge und die starren Normen und Sturheiten abhanden kommen, dass ihre eigenen Kinder sich wundern und denken: Wären sie nur auch mal bei mir so gewesen ...
Ja, bei den eigenen Kindern haben eben die in der eigenen Kindheit zwanghaft übernommenen Programme gewirkt, haben die eigenen Verletzungen zu den Verletzungen geführt, die man an die eigenen Kinder weitergegeben hat.
Unter einer neuen Konstellation, eben nicht mehr Vater oder Mutter zu sein und sich wie der eigene Vater und die eigene Mutter verhalten zu müssen, ist Neues möglich, Herzbewegendes.
Deshalb ist es für einen Opa und eine Oma so wertvoll, wenn sie so etwas erleben können, an sich, mit sich, in sich.
Und Kinder nehmen die Liebe von Oma und Opa so gern entgegen. Wie wichtig kann für Kinder eine Oase von Zärtlichkeit und Liebe bei Oma und Opa sein! Auch eine kindliche Seele mag sich verwöhnen lassen :-))

Jedenfalls: Der kleine Lord, ein Film, Balsam pur für die Seele.

Wenn ich - wie dieses Jahr - ihn zufällig anklicke, dann komme ich nicht von ihm los, bis die letzten Töne verklungen sind, schließlich ist die Musik von Allyn Ferguson ja auch klasse.

Bis vielleicht zum nächsten Jahr :-))

Samstag, 10. Dezember 2011

Gierige Kinder. – Die Bedeutung der Vermittlung einer inneren Struktur, eines inneren Erwachsenen in der Erziehung.

Folgende Situation ist mir unvergessen:
In einer Sportstunde hole ich eine Packung der kleinen Dickmanns aus meiner Sporttasche; jeder der Klasse bekommt einen Mohrenkopf. Die Jungen im Alter von 10, 11 Jahren stehen sofort vor mir, die in der ersten Reihe sind natürlich im Vorteil. Es sind zwar offensichtlich genug Mohrenköpfe da, aber ziemlich viele sind offensichtlich auf die kleinen weißen scharf.
Kaum habe ich die Packung aufgemacht und halte sie vor mir, da schießt die Hand eines Jungen aus der dritten Reihe über alle Schultern weg in die Schachtel und krallt sich einen Mohrenkopf. Dabei wollte er nicht einmal einen weißen, nur einen, seinen. Die Hand kam so blitzschnell und war sofort in der Schachtel, dass ich mich wundere, so schnell reagiert haben zu können. Sehr laut und deutlich sagte ich: Nimm sofort die Hand raus!"
Verständlich, das Verhalten des Jungen? Immerhin stand er in der dritten Reihe, bis er drankam, konnte viel passieren ...
Ja und nein.
Eine weitere Situation, die mir genauso unvergesslich ist:
Ich sitze mit einem befreundeten Ehepaar im Garten und habe eine Runde Pizza ausgegeben als Dank für eine Hilfe, die ich von ihnen erfahren hatte. Die Riesenpizza liegt auf dem Tisch, viele Stücke, bereits geschnitten, so waren sie vom Pizza-Service gebracht worden.
Da kommt der Sohnemann herbei, setzt sich mit seinen 14 Jahren zu uns und schlingt in einem Tempo Stück für Stück hinunter, dass mir am Schluss gerade noch ein  zweites blieb. Normalerweise hätten alle von uns 4 oder 5 haben können. Auch die Eltern bekamen nicht viel mehr. Der Sohn schlang und schlang.
Mir stieg die Galle höher und höher, nicht nur, dass das Schlingen unappetitlich war und die ganze Essatmosphäre störte; es war einfach rüpelhaft und rücksichtslos-unhöflich, wie er sich benahm.
Da die Pizza von mir quasi ein Geschenk war, wollte ich nichts sagen und ich sagte auch deshalb nichts, weil ich erwartete, dass die Eltern eingriffen; aber das taten sie nicht. Im Gegenteil, eher hatte ich noch den Eindruck, dass die Mutter stolz war, wie ihr Sohn schlingen konnte. Ich bin mir allerdings auch ziemlich sicher, dass mir auch der Mut, etwas zu sagen, fehlte, denn ich hätte mit einer Zurechtweisung des Jungen in gewisser Weise auch die Eltern düpiert, schließlich waren sie für das Verhalten ihres Kindes verantwortlich.
Ich hoffe, heute würde ich es in einer vergleichbaren Situation dennoch tun.

Das Problem liegt nur vordergründig auf Seiten der Kinder bzw. Jugendlichen; vielmehr liegt ein Problem in der Erziehung und vielleicht auch in der Familienaufstellung vor.
Von dem Jungen aus dem Unterricht weiß ich, dass er ältere Geschwister hat. Wenn in einer Familie nicht darauf geachtet wird, dass ein Jüngeres nicht ständig um seine Position kämpfen muss; wenn nicht darauf geachtet wird, dass Mädchen nicht zugunsten von Jungen benachteiligt werden - übrigens können auch jüngere sich rigoros gegenüber älteren Geschwistern durchsetzen (auch da müssten Eltern moderieren), dann ist so ein Tun, wie es der Junge mit seinem Mohrenkopfverhalten gezeigt hat, verständlich. Struggle for life.
Schlimm, wenn solches Verhalten am Familientisch nicht balanciert wird.
Meine Anweisung an den Jungen halte ich, obwohl er ursächlich ziemlich sicher nicht dafür verantwortlich zu machen ist, für richtig; er muss lernen, sich an Regeln zu halten. Wenn das Schicksal ihn in dieser Situation in die dritte Reihe stellt, ist das in Ordnung. – Geholfen ist ihm damit allerdings nur sehr oberflächlich; in Wirklichkeit und ursächlich nicht.

In gewisser Weise ist es normal, dass Kinder sich so verhalten wie der Junge mit seinen Pizzastücken, vor allem wenn sie 3, 4 oder meinetwegen auch 5, 6, 7 Jahre alt sind; dann probieren sie einfach aus und testen je nach Temperament und Charakter, wie weit sie gehen können.
Es ist dann Sache der Erwachsenen, eine Struktur einzubringen, einen notwendigen Rahmen  zu setzen. Im Alter des Jungen, das heißt mit 14 Jahren, ist schon deutlich etwas schief gelaufen; bei dem zweiten und dritten hat er noch gefragt, ob er noch eines haben könne; in der Folge langte er  dann einfach zu.
Das Verhalten der Kinder an sich ist nicht das Schlimme an der Sache, schlimm sind die schwachen Erwachsenen, denen die innere Kraft fehlt, Kindern Struktur zu geben. Und selbst sie sind in gewisser Weise auch nicht die Quelle, denn sie haben diese Struktur auch nicht gelernt.
Es gibt Kinder in der Schule, die am Anfang, wenn man sie als Lehrer bekommt, rigoros einen mitten im Satz unterbrechen - mit der größten Selbstverständlichkeit; das kann ein oder zweimal passieren; sie aber machen das, wann sie wollen.
Einem Erwachsenen möchte man dringend empfehlen, ein Kind ausreden zu lassen; aber genauso muss ein Erwachsener dafür Sorge tragen, dass ein Kind einen Erwachsenen respektiert.
Es gibt in unserer Kultur eine mittlerweile völlig aus dem Ruder gelaufene Art von Kinderfreundlichkeit.
Ich erinnere mich an einen Schulleiter zu Beginn meiner Zeit als Lehrer:
Man stand im Rektorat und unterhielt sich mit ihm. Da öffnete sich die Tür und ein Schüler trat herein. Sofort war man - und nicht nur ich, so erging es auch den anderen Kollegen - außen  vor; abrupt wendete sich der Schulleiter dem oder den Schülern zu, demonstrierte vor allen im Raum anwesenden Erwachsenen Kinderfreundlichkeit, und erst wenn diese versorgt und betüttelt waren, wandte er sich wieder den Erwachsenen zu.
Das mag in dem ein  oder anderen Fall gewiss angemessen sein, z.B. wenn ein Kind weinend den Raum betritt; ansonsten aber ist solches Verhalten von Seiten der Erwachsenen katastrophal; wobei noch am wenigsten schlimm ist, dass diese Erwachsenen demonstrieren, dass ihr innerer Erwachsener krank ist; schlimmer ist, dass sie diesen Infekt weitergeben.
An die Kinder.

Gierige Erwachsene gibt es zuhauf, möchte ich sagen. Plötzlich fährt in ihnen das innere Kind aus seiner Nische, in der es sich versteckt hat, sein Arm fährt raus und krallt sich, was es meint, haben zu müssen ... wer möchte schon ein Leben lang zu kurz gekommen sein ... Erwachsene können Gefühl und Verhalten halt besser kaschieren ...

Sonntag, 30. Oktober 2011

Wir als liebevoller Bär, als weise Zauberin: Wie man sein kostbares inneres Kind wiedergewinnt!


Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mir vor vielen Jahren erzählte, dass sie sich manchmal, wenn es ihr schlecht gehe, ins Bett legt, ihr kleines Bärli nimmt und sich daran kuschelt.
Heute verstehe ich, was sie gemacht hat, im Grunde das einzig Richtige: Mit ihrem Bärli hat sie ihr verletztes inneres Kind zu sich gezogen, es angenommen und als Erwachsener getröstet.
Bei ihr geschah das sicherlich fast automatisch, dass ihr Inneres wusste, dass das augenblickliche Trauma eine alte Verletzung ihrer Kindheit aktualisiert. Meistens sind ja Verletzungen Traumen aus unserer Vergangenheit, die genau diese Verletzung wieder bluten lassen, die einst blutete.
Und Verletzungen, die an Stellen stattfinden, die schon einmal offen waren, heilen schlechter, das wissen wir.
Im Grunde war sie ja selbst dieses verletzte innere Kind. Aber indem der Erwachsene dieses innere Kind als Bärli angenommen hat, hat sie ihm auf der unbewussten Ebene den Trost gegeben, den es brauchte - und damit sich selbst in dieser Situation.
Dann mag der Schlaf gekommen sein und die Zeit hatte Zeit, Wunden zu heilen.

Heilung geschieht nur, wenn wir Gefühle annehmen und möglichst herausfinden, was da aktualisiert wurde.

Gerade wenn wir es nicht wissen, ist die Möglichkeit, sich in Briefen mit dem kleinen ... oder der kleinen Anna, Lisa oder Charlotte auszutauschen, eine unglaublich gute Möglichkeit.
Der Erwachsene kann beginnen und den kleinen Johannes bitten, ihm zu erzählen, was los war.
Oder der oder die kleine ... fangen an zu schreiben, schreiben davon, dass sie so allein sind, niemand da ist, der ...

John Bradshaw schreibt dazu in seinem Buch Das Kind in uns für die Phase des Säuglingsalters (er geht ja in der Folge auch auf die anderen Kindheitsphasen ein):
Stellen Sie sich vor, Sie, der weise, freundliche, alte Zauberer, würden ein Kind adoptieren. Stellen Sie sich vor, das Kind, daß Sie adoptieren wollten, wären Sie selbst als Säugling. Stellen Sie sich weiter vor, Sie müßten diesem Säugling einen Brief schreiben. Säuglinge können natürlich noch nicht lesen, aber glauben Sie mir, es ist trotzdem wichtig, daß Sie diesen Brief schreiben. (Schreiben Sie ihn nicht, wenn Sie das kostbare innere Kind in sich nicht wirklich zurückgewinnen wollen. Ich gehe allerdings davon aus, daß sie das wollen, denn sonst hätten Sie dieses Buch nicht gekauft.) Der Brief braucht nicht lang zu sein, ein paar Sätze genügen. Teilen Sie dem wunderbaren Kind in ihrem Inneren mit, daß Sie es lieben und daß Sie so froh sind, daß es ein Junge beziehungsweise ein Mädchen ist ... Wenn Sie den Brief geschrieben haben, lesen Sie ihn sich langsam ganz laut vor, und achten Sie dabei darauf, was Sie dabei empfinden. Es ist nicht schlimm, wenn Sie sich dabei traurig fühlen, und Sie sollten ruhig weinen, wenn Ihnen danach zumute ist.
Mein Brief sah so aus:
Lieber kleiner John,
ich bin so froh, daß Du auf die Welt gekommen bist. Ich liebe Dich und ich möchte, daß Du immer bei mir bleibst. Ich freue mich, daß Du ein Junge bist, und ich will Dir helfen, großzuwerden.
Ich wünschte mir, man würde mir die Chance geben, Dir zu zeigen, wieviel Du mir bedeutest.

Die weise Zauberin oder - wie in meinem Bild - der Erwachsene als liebevoller Bär, die wir sind, haben diese Möglichkeit. Wir müssen uns nur das Recht und uns selbst in die Pflicht nehmen, erwachsen zu sein und unser inneres Kind zu nehmen, wie es ist ... ohne Wertung.
Vergessen wir nicht, wie oft wir bewertet worden sind und wie oft uns das verletzt hat. Diese Angst dürfen wir unserem Kind nehmen.
Und uns!
Dann bekommt unser inneres Kind wieder Flügel.
Und wir!