In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?

Sonntag, 8. April 2012

Über den Zauber des inneren Kindes und seine Heilkraft durch literarische Bilder, zum Beispiel Goethes "Novelle"


Wussten Sie, dass unser inneres Kind ein Meister des Feuerelementes sein und ihm die Kraft des Löwen zur Verfügung stehen kann?
Auch Ihrem inneren Kind?!
Wenn nicht, sollten Sie Johann Wolfgang von Goethes Novelle lesen, in der Reclam-Ausgabe gerade mal 27 Seiten lang und außerdem auf Gutenberg zu finden.
Da steht alles drin. Und dazu gleich mehr. Vorab noch drei Bemerkungen:

In der Literatur finden sich immer wieder Beispiele der Ausgestaltung innerer Kinder. Oft sind es handelnde Personen, sozusagen literarisch reale Kinder, die aber Merkmale dessen tragen, was innere Kinder zeigen, wenn sie unverletzt sind oder ihre Verletzungen geheilt haben oder auf dem Weg dazu sind.
Solche Ausgestaltungen finden wir im ganz und gar Positiven in der Gestalt von Michael Endes Momo und in der Gestalt des ein oder anderen Märchenhelden. Für eine Ausgestaltung im Negativen habe ich das im Hinblick auf Bertolt Brechts Von der Freundlichkeit der Welt aufgezeigt. 
Es gibt weitere Beispiele, die anhand der Reaktion auf ein intaktes inneres Kind zeigen, dass keine Empfänglichkeit für den Stoff da ist, weil seine tiefere Bedeutung nicht annähernd erfasst wird, erfasst werden kann.
Das gilt für Gottfried Benn, der im Hinblick auf den Inhalt von Goethes Novelle kommentiert:
... wirkt das nicht alles wie Karikatur? Betrachten Sie das Ganze: wilde Tiere brechen aus einer Menagerie aus, und alles verläuft harmonisch! Das Säuseln eines Knaben besänftigt die Natur. Gewiß, das Erhabene sieht alles vereint und weiß für alles Auswege, aber ist das nicht einfach hier: Bequemlichkeit? Führt das nicht zurück auf eine Stufe, die wohl einmal war, vielleicht aber für uns verloren ist, warum hexen und zaubern und Alterssprüche vom Stapel lassen, daß es anders sei?
Nein, Gottfried Benn hat keine Antenne für diesen Stoff, er kann alles nur mehr oder weniger als infantile Regression deuten; wenn wir seine Texte lesen, ahnen wir auch, warum; deshalb kann dieser Text, kann die Novelle bei ihm  auch gewiss nicht ihre Heilkraft entfalten, denn - und das ist mein zweiter Punkt: 
Es gibt Geschichten, Märchen, Texte, die heilsam sind. Und zwar heilen sie nicht dadurch, dass man über sie nachdenkt, sondern sie heilen durch ihre Bilder. Diese wirken unmittelbar auf das Unbewusste, und wenn sich der Verstand dazwischenschaltet, kann es sein, dass dieser deren Wirkkraft blockiert; das muss nicht sein, aber bei Gottfried Benn und anderen ist es offensichtlich so.
Bilder, wie sie in Momo und in der Novelle oder auch in Novalis´ Heinrich von Ofterdingen vorkommen, wirken durch ihre bild-ende Kraft; ja, in der Tat: Bildung ist als Wort abgeleitet von dem Wort Bild und tatsächlich ist es so: Bilder bilden!
Der Verstand kann das bei weitem nicht so effektiv, insbesondere nicht, was die Bildung unserer Seele ausmacht.
Wenn Sie von daher Äußerungen Benns zu Krankheit und Siechtum in Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke oder zum Thema Liebe in Nachtcafé lesen und auf die Bilder achten, dann wissen Sie, warum die Bilder der Novelle in diesem Mann nur schwerlich wirken können.

Wie gesagt, sie können heilen. In einer tiefen Krise in meinem Leben habe ich abends einfach manchmal ein Grimm-Märchen gelesen, wahlllos, einfach eines der großen, sei es Aschenputtel oder Dornröschen oder Rapunzel. - Danach kann man wie getröstet einschlafen.

Die dritte Bemerkung bezieht sich auf den Umstand, dass die Novelle - diese Bezeichnung war Goethe als Titel genug, sie war für ihn einfach die Bezeichnung für eine unerhörte Begebenheit - in Goethe wie eine Frucht reifte, über 30 Jahre hin. 1797 entwirft er den Plan zu einem epischen Gedicht, genannt "Die Jagd" und erwähnt es gegenüber Schiller und Wilhelm von Humboldt. Doch es dauert fast 30 Jahre, bis er es ausführt, dann als Prosatext, der mit dem Lied des Kindes endet, nachdem jenes - bezeichnenderweise erfahren wir seinen Namen nicht - den Löwen nicht besiegte, sondern sich ihm näherte wie einem Freund - kein Wunder, war doch auch der Löwe ein Teil von ihm.
Die letzte Strophe lautet:

      Und so geht mit guten Kindern
      Sel´ger Engel gern zu Rat,
      Böses Wollen zu verhindern,
      Zu befördern schöne Tat.
      So beschwören, fest zu bannen
      Liebem Sohn ans zarte Knie
      Ihn, des Waldes Hochtyrannen,
      Frommer Sinn und Melodie.

Die Handlung spielt in einem Fürstentum und zweifelsohne ist der Fürst ein aufgeklärter, wie man jene bezeichnet, die nicht mehr im Stile eines absoluten Herrschers regierten, sondern zum Wohle ihres Volkes. Dennoch aber zeigt sich innerlich Unaufgearbeitetes in ihm, wenn es heißt, dass er sich vorgenommen hatte, mittels einer Jagd "die friedlichen Bewohner der dortigen Wälder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen."
Als die Jagdgesellschaft gerade aufgebrochen war, bricht im Dorf ein Feuer aus, in dessen Folge Tiere einer Schaustellertruppe ausbrechen, ein Tiger und ein Löwe.
Die Gemahlin des Fürsten war nicht mit zur Jagd gekommen, sondern war mit dem Oheim des Fürsten und Honorio, einem Junker, den der Fürst zu ihrer Begleitung und als dienstbaren Boten zur Seite gegeben hatte, unterwegs in Richtung der alten Stammburg; sie befanden sich auf halber Bergeshöhe, als sie des Feuers gewahr wurden, das, wie sie aus der Ferne wahrnahmen, auf dem Marktplatz ausgebrochen war und sie zur Umkehr veranlasste. Der Fürst-Oheim war schon vorausgeritten, als die Fürstin in Begleitung Honorios den Tiger wahrnimmt, der sich auf sie zubewegt. 
In wenigen Zeilen gelingt es Goethe, die Dramatik der Szene vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Honorio gelingt es, mit einem Schuss den Tiger zu erlegen, ein Geschehen, das sich im Nachhinein als nicht notwendig herausstellen sollte, denn der Tiger war zahm.
Mag sein, dass Honorio das nicht erkennen konnte, mag aber auch sein, dass er vor der Fürstin zu gern Held sein wollte; jedenfalls sprengte er in unnachahmlicher Manier heran und mit seiner zweiten Pistole gelang es ihm, den Tiger zur Strecke zu springen. Auf ihm kniend empfängt er den Dank der Fürstin und spricht davon, dass er sich vorstelle, wie das Fell des Tigers die Fürstin  zur Lust bekleidet - "begleitet", schreibt Goethe.

Vor allem im Alterswerk Goethes ist alles hochsymbolisch, und so hat natürlich auch das Feuerelement, das hier im Dorf verrückt spielt, eine Bedeutung. Sicherlich steht es im Zusammenhang mit dem Feuer der Unruhe, das der Fürst absichtsvoll in die Wälder tragen wll, um die dortigen Tiere aufzuschrecken und zur Strecke zu bringen, es hat aber vor allem mit der Leidenschaft zu tun, die in jenem jungen Edelmann zur Gattin des Fürsten auflodert.
Selbst in der verhaltenen Darstellung, die wir im Alterswerk Goethes finden, wird klar, dass es in diesem jungen Mann lichterloh brennt und die Fürstin dies durchaus auch wahrnimmt.

Hier kann nicht darauf eingegangen werden, wie wertvoll es ist, sich die Reaktion der Fürstin und auch des jungen Mannes zu Gemüte zu führen; sie fallen nämlich nicht in Dschungelcampmanier übereinander her, sondern er akzeptiert, dass die Fürstin verheiratet und nicht zu haben ist, und sie bittet ihn aufzustehen, nicht auf den Knien zu bleiben, eine Haltung, die suggerieren könnte, dass er um ihre Gunst und Zuneigung bittet. 
Der junge Mann löst die Situation, indem er kniend darum bittet, auf eine Reise gehen zu dürfen.
Es will also nicht geschehen, was Goethes Werther nicht schaffte, sich nämlich von seiner an Albert vergebenen Lotte zu lösen, obwohl er eigentlich schon Abschied genommen hatte, was seinen Tod und Lottes tiefen Schmerz zur Folge hatte, sondern Honorio ist bereit zu entsagen, zu verzichten:
ein Aspekt, der gerade in unserer heutigen Zeit ganz und gar in Vergessenheit geraten zu sein scheint und doch für die seelische Bildung unverzichtbar ist.

Was beide zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, ist, dass auch der Löwe ausgebrochen ist und sich in der alten, zum Teil verfallenen Stammburg befindet, die oberhalb des Dorfes auf einem Bergrücken liegt.
Der Fürst, mit seinem Jagdgefolge inzwischen zurückgekehrt, weil auch er den Brand wahrgenommen hatte, erfährt, dass auch der Löwe los ist und lässt die Gewehre laden. Doch ein Mann bittet um das Leben des Löwen; er stellt sich als Vater innerhalb der Schaustellerfamilie heraus, die im Dorf verweilte, als das Feuer ausbrach, die miterleben musste, dass schon ihr Tiger getötet worden war und die nun händeringend um das Leben ihres Löwen fleht.
Er bietet sich an den Löwenkäfig zu holen und spricht, indem er auf seine Frau uns ein Kind verweist:
"Hier diese Frau und dieses Kind (...) erbieten sich, ihn zu zähmen, ihn ruhig zu erhalten, bis ich den beschlagenen Kasten heraufschaffe, da wir ihn denn unschädlich und unbeschädigt wieder zurückbringen werden«.
Das Kind beginnt nun, auf einer Flöte zu spielen, und es heißt:
"Das Kind verfolgte seine Melodie, die keine war, eine Tonfolge ohne Gesetz, und vielleicht eben deswegen so herzergreifend; die Umstehenden schienen wie bezaubert von der Bewegung einer liederartigen Weise (...)".
Ja, es war eine Melodie ohne Gesetz, aber aus dem Herzen; sie folgte sozusagen den Gesetzen des Herzens.
Seltsamerweise und auffallend ist, dass ein Wächter, der oben auf der Burg sich befunden hatte und nun herangelaufen kommt, berichtet, der Löwe liege auf der Burg im Sonnenschein.

Das allerdings ist kein Zufall. In der astrologischen Symbolik ist der Löwe dem Feuerelement zugeordnet und der Löwe als Feuerzeichen beherrscht den Planeten Sonne. Dieser Symbolik war sich Goethe, der mt dem Wissen des Paracelsus höchst vertraut war, bewusst, und es entsprach auch seinem Denken.
Aber es ist dies kein spezifisch paracelsisch-goethesches Denken, sondern entspricht tiefem inneren Menschheitswissen, denken wir nur daran, dass die Taten des Herakles alle den astrologischen Symbolen im Zodiakus, im Tierkreis zuzuordnen sind, eine Tatsache, die die Mythenforschung weitgehend ignoriert.
Klar hört das nicht gern, wer Astrologie als pure Scharlatanerie abtut, obwohl Keppler, Goethe und nicht wenige andere ihr durchaus große Bedeutung zumaßen.

Um die Bedeutung von Sonne, Feuer und Löwe in ihrer ganzen Tragweite zu verstehen, muss noch einmal herausgehoben sein, dass der Löwe sich auf der alten Stammburg aufhält, einer Burg, die, bis auf einen Weg, der freigelegt worden war, keinen weiteren Zugang mehr besaß. Im Verlauf der Novelle wird sie in mehreren Zusammenhängen beleuchtet, auf die ich hier nicht näher eingehen kann und die dem Goetheschen Prinzip der wiederholten Spiegelungen entsprechen, aber so viel ist klar, dass sie "von alten Zeiten" herkommt und sich in ihr die "alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur in dem ernstesten Streit erblicken lassen."
Diese Burg also symbolisiert das ewige Verhältnis von Naturgesetzlichkeit und Wirken der Menschenkraft. Sie steht symbolisch für das Wissen darum seit alters her.
Genau an diesem Platz in der Sonne hält sich der Löwe auf und er verweist damit darauf, dass es um ein Geschehen geht, dass diese Dimension in sich trägt: Es geht um ein Bewusstsein und Wissen von alters her.
Dieses Wissen macht das Kind mit seinem Tun für die Anwesenden fruchtbar, denn es sorgt dafür, dass die Kraft des Löwen und das, was er darstellt, nämlich die Kraft des Herzens, nicht umgebracht wird; alle, die zugegen sind - und auch wir als Leser - werden Zeugen eines Geschehens, das die Anwesenden und uns mit diesem Wissen, das seit alters her existiert, wieder neu verbinden will.
Das aber kann nur ein Kind leisten.
Ein puer aeternus, ein Knabe von Ewigkeit her, wie er in uns allen ist und wie er sich natürlich auch in der Geburt von Jesus findet. Was Letzterer bringt, will ja in jedem von uns sein, und es ist ein Bewusstsein jenseits jeglicher Konfession; mancher Atheist mag es leben "gegen" seinen Willen :-))
Dieses Wissen um das Kind, um den ewigen Knaben, das ewige Kind, ist bereits ein vorchristliches Wissen. Deshalb erfahren wir, wie Moses auf den Wassern des Nil überlebt, deshalb hören wir von David  und seinen Kampf gegen Goliath, deshalb wissen wir um die apokryphe Schrift des Tobias, der von dem Erzengel Raphael geleitet, das Heilmittel für seinen blinden Vater nach Hause bringen kann.
Deshalb wirkt das Kind in der Novelle schon, bevor es den Löwen besänftigt, schon auf die Erwachsenen ein; für sie singt es seine Verse, denn deren Einstellung, deren Sinnen ist Voraussetzung dafür, dass der Löwe sich genauso verhält!
So singt das Kind "mit reiner Kehle, heller Stimme und geschickten Läufen", vom Vater auf der Flöte begleitet, seine drei Strophen, die auf biblisches und mythologisches Geschehen Bezug nehmen, ein Bezug, der früheren Lesern geläufig war, heute aber, da die Bibelkenntnis so zurückgegangen ist, dass Golgatha für eine Zahnpasta und Gethsemane für eine Rockgruppe, nicht aber für den Garten, in dem Jesus seine letzten Anfechtungen vor seinem Tod erleiden musste, gehalten wird.

Das erste Bild, das im Folgenden den Propheten im Graben anspricht, bezieht sich allerdings auf eine sehr unbekannte apokryphe Schrift mit dem Titel "Vom Drachen zu Babel", in der ein Engel den Habakuk, ein Landmann, in Judäa lebend, der einen Brei für seine Schnitter auf dem Feld gekocht hatte, am Schopf packt und durch die Lüfte nach Babylon zu der Löwengrube trägt, damit Daniel inmitten seiner Löwen eine Speise erhalte; darauf also nimmt die erste Strophe des Liedes Bezug:

       Aus den Gruben, hier im Graben
      Hör ich des Propheten Sang;
      Engel schweben, ihn zu laben,
      Wäre da dem Guten bang?
      Löw und Löwin hin und wieder,
      Schmiegen sich um ihn heran;
      Ja, die sanften frommen Lieder
      Haben´s Ihnen angetan!

       Engel schweben auf und nieder
      uns in Tönen zu erlaben,
      Welch ein himmlischer Gesang!
      In den Gruben, in dem Graben
      Wäre da dem Kinde bang?
      Diese sanften frommen Lieder
      Lassen Unglück nicht heran:
      Engel schweben hin und wider
      Und so ist es schon getan.

      Denn der Ew´ge herrscht auf Erden,
      Über Meere herrscht sein Blick;
      Löwen sollen Lämmer werden,
      Und die Welle schwankt zurück;
      Blankes Schwert erstarrt im Hiebe;
      Glaub´  und Hoffnung sind erfüllt;
      Wundertätig ist die Liebe,
      Die sich im Gebet enthüllt.

Und nun heißt es in der Novelle:
Alles war still, hörte, horchte, und nur erst, als die Töne verhallten, konnte man den Eindruck bemerken und allenfalls beobachten. Alles war wie beschwichtigt, jeder in seiner Art gerührt. Der Fürst, als wenn er erst jetzt das Unheil übersähe, das ihn vor kurzem bedroht hatte, blickte nieder auf seine Gemahlin, die, an ihn gelehnt, sich nicht versagte, das gestickte Tüchlein hervorzuziehen und die Augen damit zu bedecken. Es tat ihr wohl, die jugendliche Brust von dem Druck erleichtert zu fühlen, mit dem die vorhergehenden Minuten sie belastet hatten. Eine vollkommene Stille beherrschte die Menge; man schien die Gefahren vergessen zu haben, unten den Brand und von oben das Erstehen eines bedenklich ruhenden Löwen. 
An den Erwachsenen schon zeigt sich, was sich nachher auch an dem Löwen zeigen wird.
Der Fürst selbst fragt vorsichtshalber die Mutter:
»Ihr glaubt also, daß Ihr den entsprungenen Löwen, wo Ihr ihn antrefft, durch Euren Gesang, durch den Gesang dieses Kindes, mit Hülfe dieser Flötentöne beschwichtigen und ihn sodann unschädlich sowie unbeschädigt in seinem Verschluß wieder zurückbringen könntet?«
Der Wärtel, der Wärter also, versichert der Mutter, dass er mit schussbereitem Gewehr dastehe; auch Honorio sitzt mit gespannter Doppelbüchse auf einem Mauerstück, um sofort eingreifen zu können, wiewohl der Knabe zunächst allein, ohne dass von außen eingegriffen werden könnte, in das Burggemäuer hinein muss, wohin sich der Löwe zurückgezogen hat.
Doch die Mutter weiß:
»Die Umstände sind alle nicht nötig; Gott und Kunst, Frömmigkeit und Glück müssen das Beste tun«.– »Es sei«, versetzte der Wärtel; »aber ich kenne meine Pflichten. Erst führ ich Euch durch einen beschwerlichen Stieg auf das Gemäuer hinauf, gerade dem Eingang gegenüber, den ich erwähnt habe; das Kind mag hinabsteigen, gleichsam in die Arena des Schauspiels, und das besänftigte Tier dort hereinlocken!« Das geschah; Wärtel und Mutter sahen versteckt von oben herab, wie das Kind die Wendeltreppen hinunter in dem klaren Hofraum sich zeigte und in der düstern Öffnung gegenüber verschwand, aber sogleich seinen Flötenton hören ließ, der sich nach und nach verlor und verstummte. Die Pause war ahnungsvoll genug; den alten, mit Gefahr bekannten Jäger beengte der seltene menschliche Fall. Er sagte sich, daß er lieber persönlich dem gefährlichen Tiere entgegenginge; die Mutter jedoch, mit heiterem Gesicht, übergebogen horchend, ließ nicht die mindeste Unruhe bemerken. Endlich hörte man die Flöte wieder; das Kind trat aus der Höhle hervor mit glänzend befriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein, aber langsam und, wie es schien, mit einiger Beschwerde. Er zeigte hie und da Lust, sich niederzulegen; doch der Knabe führte ihn im Halbkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume, bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne, die sie durch eine Ruinenlücke hereinsandte, wie verklärt niedersetzte und sein beschwichtigendes Lied abermals begann, dessen Wiederholung wir uns auch nicht entziehen können:   
   Aus den Gruben, hier im Graben
   Hör ich des Propheten Sang;
   Engel schweben, ihn zu laben,
   Wäre da dem Guten bang?
   Löw und Löwin hin und wieder,
   Schmiegen sich um ihn heran;
   Ja, die sanften frommen Lieder
   Haben´s Ihnen angetan!
Zum Schluss heißt es noch:
(...) das Kind (sah) in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger, siegreicher Überwinder, jener (der Löwe also) zwar nicht wie der Überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene.
Ja, das Kind wird sogar dem Löwen noch einen Dorn aus dem Fußballen ziehen, bevor die Schlussverse die Novelle beschließen.

Im Grunde verrät das Goethesche Vokabular schon, wenn er zweimal von Verklärung und ebenfalls von siegreicher Überwindung schreibt, dass der alte Weimarer wusste, dass er hier eine im Grunde heilige Szene gestaltete, eine archetypische, die in jedes Menschen Herzen eingelagert ist, denn der Löwe bedeutet nun einmal die Kraft des Herzens und es ist jenes heilige Kind in uns, das diese Kraft den Leidenschaften entreißen und sie nutzbar machen kann einem Frieden in uns und unter den Menschen, einem Zustand der Liebe, von dem Goethe in seiner Marienbader Elegie gesprochen hat, indem er schrieb: Wir nennen´s fromm sein. 
Kein Zufall, dass auch in der Novelle von Frömmigkeit und fromm sein gesprochen wird

Nur das Kind in uns kann uns den Garten oder auch die Stammburg - um im Bild der Novelle zu bleiben - zu jener höheren Natur aufschließen, die sich in jedem von uns befindet, um dort den Löwen zu treffen.
Gewiss ein Weg der Überwindung.
Über und durch viele Leben.

Aber ich glaube, das Bewusstsein der Menschen ist weiter, als es den Anschein haben will, und manche suchen und finden den Kontakt zu diesem Kind in sich und ebenso nicht zum zerstörenden, sondern zum heiligen Feuer und zu jener Kraft, dem Mut, den wir brauchen, um diesen Weg zu jenem Kind in uns zu gehen.
Kleiner Nachtrag, aus dem Leben gegriffen: Lion hugs woman

Donnerstag, 5. April 2012

Ich glaube, ich lese die "Novelle", weil sie einen Schatz enthält im Hinblick auf unser inneres Kind ...


Hier geht´s schon mal los ... noch ist das innere Kind nicht aufgetaucht, aber demnächst tut es das :-))



Freitag, 23. März 2012

Wo "Die Welten meiner und unserer inneren Kinder" in den letzten 30 Tagen gelesen wurde ...


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Sonntag, 19. Februar 2012

Innerhalb der eigenen Zeit sein. – Über Menschen, die viel stöhnen müssen.


Als ich den folgenden Post auf der EthikPost schrieb, wurde mir erst während des Schreibens bewusst, wie sehr er auch unsere inneren Kinder betrifft. Wenn ich ihre Bedeutung im Rahmen des Themas im Folgenden nur relativ kurz angesprochen habe, so möge das für den Interessierten doch Anregung sein, darüber nachzudenken, dass immer, wenn wir auf Verletzungen stoßen, wir aus unserer Lebenspräsenz fliegen. Nicht von ungefähr wissen wir ja, dass Erwachsene, die auf eine alte Verletzung stoßen, sich so verhalten. wie sie es als Kind zu jener Zeit taten, als sie verletzt wurden (möglich ist auch, dass sie in die Erwachsenenrolle von dem gehen, der sie verletzte).
Und eine weitere Tür, die ich noch nicht geöffnet habe, ist die Tatsache, dass Erwachsene, die nicht erwachsen sind, gar nie in IHRER Zeit sein können. – Dazu vielleicht ein andermal mehr.
Hier nun der von der EthikPost herübergehievte Post :-)) :

Nicht alle Menschen stöhnen laut. Viele, die uns durchs Leben begleiten, kurzzeitig oder länger, die uns nahe stehen oder weniger nahe, stöhnen innerlich. Wenn sie sich unbeobachtet wähnen, sieht man auf ihrem Gesicht einen gequälten Zug oder sie gehören zu denen, bei denen jede Anforderung, die an sie herantritt, als Erstes auslöst, diese abzulehnen.
Das ist sozusagen ein natürlicher Reflex, der auf einer Abwehr gegen vermeintliche Überforderung basiert.
Subjektiv ist diese Überforderung da – sie kann mehrere Ursachen haben. Eine davon kann sein, dass dieser Mensch außerhalb seines Lebensskriptes läuft – dazu ein andermal mehr. 
Eine weitere kann sein, dass er generell außerhalb seiner Lebenszeit läuft, ein Leben lang nie in seiner korrekten Lebenszeit sich befindet, das heißt, schon als Kind, womöglich schon als Säugling, aus ihr herauskatapultiert wurde.
Lebenszeit, damit wir uns nicht falsch verstehen, bezieht sich hier nicht auf die Dauer des Lebens, sondern auf die Qualität des Lebens. Und, was noch hinzukommt: Jeder Mensch hat seine ganz individuelle, ureigene Lebenszeit und Lebensqualität; nicht bei zwei Menschen ist sie gleich (wie es bei Seelenpartnern ist, ist eine andere Frage).

Wieviel Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft aufgrund der eben angedeuteten Tatbestände verloren geht, weil eben Menschen nicht annähernd an ihr Leistungsvermögen herankommen können, ist mit Sicherheit unbeschreiblich.

Bruttosozialprodukt ist kein Kriterium für mich; dennoch sind solche Kriterien wichtig, weil unsere derzeitigen Politiker vor allem auf Ökonomisches anspringen; wenn sie aus diesen Gründen die Lebenszeit-Qualität der Menschen in den Blick nehmen würden, wäre das auch erst mal recht. Damit könnte auch einer seelischen Perspektive eine Bresche geschlagen werden - denn sie ist das Entscheidende.

Jemand der außerhalb seiner Lebenszeit und seines Lebensskriptes läuft, kann nur gespielt glücklich sein oder glücklich sein in ganz kurzen Momenten.

Mir geht es hier und heute um das mehr oder wenige kurzzeitige Herausfliegen aus der Lebenszeit.
Vom Gefühl her ist das so, wie wenn Sie 100 Meter laufen sollen und es geht nicht richtig vorwärts. Es ist, als ob Ihnen ein Deuserband um den Körper gezurrt ist, das am Startblock festgemacht ist.

Seinen Namen hat dieses Band von einem 1993 verstorbenen Physiotherapeuten, der nicht nur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erfolgreich tätig war, sondern der auch auf dem Gebiet der Arbeit mit elastischen Bändern - man kann eigentlich sagen - Weltruf erlangte.

Jedenfalls: Wenn Sie 100 Meter laufen mit Deuserband, festgemacht am Startblock, dann ist Ihr Gefühl so, dass, je weiter Sie sich von Ihrem Ausgangspunkt entfernen, je mehr Sie arbeiten, werkeln, tun, es Sie desto intensiver zurückzieht. Irgendwann haben Sie womöglich das Gefühl, dass da was zum Zerreißen gespannt ist.

Das ist kein Zustand !
Aber: Wenn Sie außerhalb Ihrer Zeit laufen, dann ist das so. Dann ist der Energieaufwand, den Sie betreiben müssen, um vorwärts zu kommen, unglaublich hoch, ganz ungesund! Deshalb ist es meist auch nur eine Frage der Zeit, wenn dieser Zustand längere Zeit währt, dass Menschen krank werden, die Nase voll haben, einen Schnupfen kriegen - das ist dann die harmlosere Variante eines Signals. 

Wie fliegt man aus seiner Lebenszeit?
Meist sind es alte Verletzungen aus der Kindheit, die sich aktualisieren. Und da diese Verletzungen des inneren Kindes in aller Regel unbewusst sind, ist es schwer, ohne sachkundige Hilfe an die Ursache zu kommen. Allein aber, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass das die Ursache sein kann und wir willens sind, sie zu finden, geben wir unserem Unbewussten die Anweisung, uns zu helfen, die Ursache ans Tageslicht zu spülen.

Es kann genauso auch sein, ein Kollege lässt eine Bemerkung fallen, die oberfies ist, die Sie womöglich (vor allem, wenn Sie gern Ihre Gefühle verdrängen) gar nicht als Verletzung identifizieren. Das ist dann, wie wenn ein Giftpfeil Ihre Haut ritzt ...
Es gilt der Satz John Bradshaws: Man kann nur heilen, was man fühlt ... !!!

Die Frage ist, wie komme ich wieder in meine Zeit?
Novalis hätte sich mit der Bitte um Hilfe an seine Blaue Blume als Symbol seiner höchsten Innerlichkeit genannt, die Schiller als Höheres Selbst bezeichnet hat.
In der Tat. Religiöse Menschen werden sich an Gott oder Engel mit der Bitte um Hilfe wenden.
Andere werden mit positiven Autosuggestionen arbeiten.

Was auf jedenfall zu tun ist: Stirn - Hinterkopf halten.
Das kann man selbst tun: Man legt eine Hand an die Stirn unterhalb des Haaransatzes, die andere legt man um den Hinterkopf - nach einiger Zeit kann man die Hände wechseln.
Das ist eine aus der Kinesiologie bekannte Stressreduktion, wobei dieser Begriff m. E. nicht korrekt ist: Es ist mehr als eine Reduktion. Diese Übung kann dazu führen, dass die Meridiane, die durch die Verletzung rausgeflogen sind bzw. total ungleichgewichtig arbeiten, sich wieder balancieren. – Diese Hilfe kann auch ein Anderer Ihnen geben. Wenn es ein liebender Mensch ist, werden Sie es ziemlich schnell spüren, Ihr Atem verändert sich, sie werden auf einmal intensiv ein- und ausatmen (oft nur einmal, und Sie haben zu recht das Gefühl, alles hat sich gelöst) ... alles Signale, dass Sie wieder zurückkehren.
(Alle Eltern sollten an diesen Griff denken, wenn Ihr Kind sich verletzt hat, weint, erschüttert ist, mit einer schlechten Note heimgekommen ist ... es kann sein, dass es sich danach einfach hinlegt und schläft ... )

Sicherlich ist es notwendig, wenn dieser Zustand überdauert, Hilfe aufzusuchen, sich vielleicht auch Zeit zu nehmen, wieder zu sich zu finden durch einen Urlaub, eine Kur, etwas Neues, was man angeht, dass man z.B. einen Tai-Chi-Kurs beginnt, eine Familienaufstellung macht, regelmäßig schwimmen geht, früher ins Bett geht, den Schlaf auf neue Weise schätzt ...

Darüber habe ich jetzt noch gar nicht geschrieben: dass Menschen aus ihrer Zeit fliegen, weil sie wider den natürlichen Rhythmus agieren, die Nacht zum Tag machen, dem Unbewussten der Nacht ausweichen ... dazu ein andermal mehr.


PS: Wenn ich in meiner Zeit bin, geht mir alles leicht von der Hand ... wie selbstverständlich ... ich treffe die richtigen Menschen am richtigen Ort, weil ich selbst zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Wer das steuert, wenn es stimmig ist? Meine Blaue Blume - wie Novalis schreiben würde, mein Höheres Selbst - wie es Schiller nannte, oder, wie die Germanen gesagt hätten: yggdrasil in mir  :-))

Montag, 13. Februar 2012

Die Zensur kehrt wieder ! – Das Ende des Internets in der heutigen Form: ACTA ! Legalisierter Scan der Privatsphäre!


Aufgrund der Bedeutung des Themas möchte ich diesen Post auch auf diesem Blog veröffentlichen:


ACTA wäre ein unglaublicher Eingriff in die Privatsphären der Menschen; sie würden in einem unvorstellbaren Ausmaß kontrolliert.

Wer mundtot gemacht werden soll: ACTA liefert die Handhabe.

Ich bin gegen Piraterie, auch gegen Musikpiraterie. Aber auf diese Weise kann man den berechtigten Schutz von Eigentum nicht durchsetzen; wenn man den Rasen mähen will, hebt man auch nicht den ganzen Humus mit ab!!

Hier soll ein Abkommen auf den Weg gebracht werden, dass der Industrie und Interessengruppen ein unvorstellbares Maß an Macht gibt - so sehe ich es jedenfalls im Moment. Und unsere Regierung ist mehrheitlich dafür.

Ich empfehle, den folgenden Film bis zum Schluss anzusehen; erst gegen Ende wird wirklich deutlich, was ACTA bedeutet. – In Zukunft übrigens würde wohl You Tube nicht mehr existieren; auch solch ein Film nicht mehr - genau das ist das Ziel von ACTA:



Freitag, 10. Februar 2012

1x Fango für die Seele!


Menschen, ob jung, ob alt, die innerlich frieren, geben sich äußerlich cool.

Was sich dahinter verbirgt?

Ich glaube, es sind nicht wenige Kinder und Jugendliche, die kennen nur den Zustand des inneren Fröstelns; sie wissen gar nicht, was Wärme ist.
Sie haben sich an ihren Eltern verkühlt (denen es selbst in ihrer Kindheit nicht anders ging ...)

Das innere Kind dieser Jugendlichen, das Wärme sucht und möchte, hat sich schon längst in den inneren Kühlschrank verzogen, in die dunkle Ecke, wo er steht. In kalter Umgebung spürt es die Kälte, der es ausgesetzt ist, weniger. Dann muss es nicht unbedingt, so sein Gefühl, an der Kälte, der es ausgesetzt ist, erfrieren. 

Später, wenn dieses innere Kind auf Menschen trifft, die es an jene Wärme erinnern, die es selbst suchte und nicht finden durfte, dann schießt es mit Kältepfeilen; die haben nur ein Ziel: die Wärme zu vertreiben.

Ich glaube, wir sollten beginnnen, diese Coolness ernster zu nehmen und Maßnahmen zu treffen, zum Beispiel die:
1x Fango für die Seele ...
Und nochmal ...
.. halt möglichst oft ...