In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Sonntag, 8. April 2012

Über den Zauber des inneren Kindes und seine Heilkraft durch literarische Bilder, zum Beispiel Goethes "Novelle"


Wussten Sie, dass unser inneres Kind ein Meister des Feuerelementes sein und ihm die Kraft des Löwen zur Verfügung stehen kann?
Auch Ihrem inneren Kind?!
Wenn nicht, sollten Sie Johann Wolfgang von Goethes Novelle lesen, in der Reclam-Ausgabe gerade mal 27 Seiten lang und außerdem auf Gutenberg zu finden.
Da steht alles drin. Und dazu gleich mehr. Vorab noch drei Bemerkungen:

In der Literatur finden sich immer wieder Beispiele der Ausgestaltung innerer Kinder. Oft sind es handelnde Personen, sozusagen literarisch reale Kinder, die aber Merkmale dessen tragen, was innere Kinder zeigen, wenn sie unverletzt sind oder ihre Verletzungen geheilt haben oder auf dem Weg dazu sind.
Solche Ausgestaltungen finden wir im ganz und gar Positiven in der Gestalt von Michael Endes Momo und in der Gestalt des ein oder anderen Märchenhelden. Für eine Ausgestaltung im Negativen habe ich das im Hinblick auf Bertolt Brechts Von der Freundlichkeit der Welt aufgezeigt. 
Es gibt weitere Beispiele, die anhand der Reaktion auf ein intaktes inneres Kind zeigen, dass keine Empfänglichkeit für den Stoff da ist, weil seine tiefere Bedeutung nicht annähernd erfasst wird, erfasst werden kann.
Das gilt für Gottfried Benn, der im Hinblick auf den Inhalt von Goethes Novelle kommentiert:
... wirkt das nicht alles wie Karikatur? Betrachten Sie das Ganze: wilde Tiere brechen aus einer Menagerie aus, und alles verläuft harmonisch! Das Säuseln eines Knaben besänftigt die Natur. Gewiß, das Erhabene sieht alles vereint und weiß für alles Auswege, aber ist das nicht einfach hier: Bequemlichkeit? Führt das nicht zurück auf eine Stufe, die wohl einmal war, vielleicht aber für uns verloren ist, warum hexen und zaubern und Alterssprüche vom Stapel lassen, daß es anders sei?
Nein, Gottfried Benn hat keine Antenne für diesen Stoff, er kann alles nur mehr oder weniger als infantile Regression deuten; wenn wir seine Texte lesen, ahnen wir auch, warum; deshalb kann dieser Text, kann die Novelle bei ihm  auch gewiss nicht ihre Heilkraft entfalten, denn - und das ist mein zweiter Punkt: 
Es gibt Geschichten, Märchen, Texte, die heilsam sind. Und zwar heilen sie nicht dadurch, dass man über sie nachdenkt, sondern sie heilen durch ihre Bilder. Diese wirken unmittelbar auf das Unbewusste, und wenn sich der Verstand dazwischenschaltet, kann es sein, dass dieser deren Wirkkraft blockiert; das muss nicht sein, aber bei Gottfried Benn und anderen ist es offensichtlich so.
Bilder, wie sie in Momo und in der Novelle oder auch in Novalis´ Heinrich von Ofterdingen vorkommen, wirken durch ihre bild-ende Kraft; ja, in der Tat: Bildung ist als Wort abgeleitet von dem Wort Bild und tatsächlich ist es so: Bilder bilden!
Der Verstand kann das bei weitem nicht so effektiv, insbesondere nicht, was die Bildung unserer Seele ausmacht.
Wenn Sie von daher Äußerungen Benns zu Krankheit und Siechtum in Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke oder zum Thema Liebe in Nachtcafé lesen und auf die Bilder achten, dann wissen Sie, warum die Bilder der Novelle in diesem Mann nur schwerlich wirken können.

Wie gesagt, sie können heilen. In einer tiefen Krise in meinem Leben habe ich abends einfach manchmal ein Grimm-Märchen gelesen, wahlllos, einfach eines der großen, sei es Aschenputtel oder Dornröschen oder Rapunzel. - Danach kann man wie getröstet einschlafen.

Die dritte Bemerkung bezieht sich auf den Umstand, dass die Novelle - diese Bezeichnung war Goethe als Titel genug, sie war für ihn einfach die Bezeichnung für eine unerhörte Begebenheit - in Goethe wie eine Frucht reifte, über 30 Jahre hin. 1797 entwirft er den Plan zu einem epischen Gedicht, genannt "Die Jagd" und erwähnt es gegenüber Schiller und Wilhelm von Humboldt. Doch es dauert fast 30 Jahre, bis er es ausführt, dann als Prosatext, der mit dem Lied des Kindes endet, nachdem jenes - bezeichnenderweise erfahren wir seinen Namen nicht - den Löwen nicht besiegte, sondern sich ihm näherte wie einem Freund - kein Wunder, war doch auch der Löwe ein Teil von ihm.
Die letzte Strophe lautet:

      Und so geht mit guten Kindern
      Sel´ger Engel gern zu Rat,
      Böses Wollen zu verhindern,
      Zu befördern schöne Tat.
      So beschwören, fest zu bannen
      Liebem Sohn ans zarte Knie
      Ihn, des Waldes Hochtyrannen,
      Frommer Sinn und Melodie.

Die Handlung spielt in einem Fürstentum und zweifelsohne ist der Fürst ein aufgeklärter, wie man jene bezeichnet, die nicht mehr im Stile eines absoluten Herrschers regierten, sondern zum Wohle ihres Volkes. Dennoch aber zeigt sich innerlich Unaufgearbeitetes in ihm, wenn es heißt, dass er sich vorgenommen hatte, mittels einer Jagd "die friedlichen Bewohner der dortigen Wälder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen."
Als die Jagdgesellschaft gerade aufgebrochen war, bricht im Dorf ein Feuer aus, in dessen Folge Tiere einer Schaustellertruppe ausbrechen, ein Tiger und ein Löwe.
Die Gemahlin des Fürsten war nicht mit zur Jagd gekommen, sondern war mit dem Oheim des Fürsten und Honorio, einem Junker, den der Fürst zu ihrer Begleitung und als dienstbaren Boten zur Seite gegeben hatte, unterwegs in Richtung der alten Stammburg; sie befanden sich auf halber Bergeshöhe, als sie des Feuers gewahr wurden, das, wie sie aus der Ferne wahrnahmen, auf dem Marktplatz ausgebrochen war und sie zur Umkehr veranlasste. Der Fürst-Oheim war schon vorausgeritten, als die Fürstin in Begleitung Honorios den Tiger wahrnimmt, der sich auf sie zubewegt. 
In wenigen Zeilen gelingt es Goethe, die Dramatik der Szene vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Honorio gelingt es, mit einem Schuss den Tiger zu erlegen, ein Geschehen, das sich im Nachhinein als nicht notwendig herausstellen sollte, denn der Tiger war zahm.
Mag sein, dass Honorio das nicht erkennen konnte, mag aber auch sein, dass er vor der Fürstin zu gern Held sein wollte; jedenfalls sprengte er in unnachahmlicher Manier heran und mit seiner zweiten Pistole gelang es ihm, den Tiger zur Strecke zu springen. Auf ihm kniend empfängt er den Dank der Fürstin und spricht davon, dass er sich vorstelle, wie das Fell des Tigers die Fürstin  zur Lust bekleidet - "begleitet", schreibt Goethe.

Vor allem im Alterswerk Goethes ist alles hochsymbolisch, und so hat natürlich auch das Feuerelement, das hier im Dorf verrückt spielt, eine Bedeutung. Sicherlich steht es im Zusammenhang mit dem Feuer der Unruhe, das der Fürst absichtsvoll in die Wälder tragen wll, um die dortigen Tiere aufzuschrecken und zur Strecke zu bringen, es hat aber vor allem mit der Leidenschaft zu tun, die in jenem jungen Edelmann zur Gattin des Fürsten auflodert.
Selbst in der verhaltenen Darstellung, die wir im Alterswerk Goethes finden, wird klar, dass es in diesem jungen Mann lichterloh brennt und die Fürstin dies durchaus auch wahrnimmt.

Hier kann nicht darauf eingegangen werden, wie wertvoll es ist, sich die Reaktion der Fürstin und auch des jungen Mannes zu Gemüte zu führen; sie fallen nämlich nicht in Dschungelcampmanier übereinander her, sondern er akzeptiert, dass die Fürstin verheiratet und nicht zu haben ist, und sie bittet ihn aufzustehen, nicht auf den Knien zu bleiben, eine Haltung, die suggerieren könnte, dass er um ihre Gunst und Zuneigung bittet. 
Der junge Mann löst die Situation, indem er kniend darum bittet, auf eine Reise gehen zu dürfen.
Es will also nicht geschehen, was Goethes Werther nicht schaffte, sich nämlich von seiner an Albert vergebenen Lotte zu lösen, obwohl er eigentlich schon Abschied genommen hatte, was seinen Tod und Lottes tiefen Schmerz zur Folge hatte, sondern Honorio ist bereit zu entsagen, zu verzichten:
ein Aspekt, der gerade in unserer heutigen Zeit ganz und gar in Vergessenheit geraten zu sein scheint und doch für die seelische Bildung unverzichtbar ist.

Was beide zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, ist, dass auch der Löwe ausgebrochen ist und sich in der alten, zum Teil verfallenen Stammburg befindet, die oberhalb des Dorfes auf einem Bergrücken liegt.
Der Fürst, mit seinem Jagdgefolge inzwischen zurückgekehrt, weil auch er den Brand wahrgenommen hatte, erfährt, dass auch der Löwe los ist und lässt die Gewehre laden. Doch ein Mann bittet um das Leben des Löwen; er stellt sich als Vater innerhalb der Schaustellerfamilie heraus, die im Dorf verweilte, als das Feuer ausbrach, die miterleben musste, dass schon ihr Tiger getötet worden war und die nun händeringend um das Leben ihres Löwen fleht.
Er bietet sich an den Löwenkäfig zu holen und spricht, indem er auf seine Frau uns ein Kind verweist:
"Hier diese Frau und dieses Kind (...) erbieten sich, ihn zu zähmen, ihn ruhig zu erhalten, bis ich den beschlagenen Kasten heraufschaffe, da wir ihn denn unschädlich und unbeschädigt wieder zurückbringen werden«.
Das Kind beginnt nun, auf einer Flöte zu spielen, und es heißt:
"Das Kind verfolgte seine Melodie, die keine war, eine Tonfolge ohne Gesetz, und vielleicht eben deswegen so herzergreifend; die Umstehenden schienen wie bezaubert von der Bewegung einer liederartigen Weise (...)".
Ja, es war eine Melodie ohne Gesetz, aber aus dem Herzen; sie folgte sozusagen den Gesetzen des Herzens.
Seltsamerweise und auffallend ist, dass ein Wächter, der oben auf der Burg sich befunden hatte und nun herangelaufen kommt, berichtet, der Löwe liege auf der Burg im Sonnenschein.

Das allerdings ist kein Zufall. In der astrologischen Symbolik ist der Löwe dem Feuerelement zugeordnet und der Löwe als Feuerzeichen beherrscht den Planeten Sonne. Dieser Symbolik war sich Goethe, der mt dem Wissen des Paracelsus höchst vertraut war, bewusst, und es entsprach auch seinem Denken.
Aber es ist dies kein spezifisch paracelsisch-goethesches Denken, sondern entspricht tiefem inneren Menschheitswissen, denken wir nur daran, dass die Taten des Herakles alle den astrologischen Symbolen im Zodiakus, im Tierkreis zuzuordnen sind, eine Tatsache, die die Mythenforschung weitgehend ignoriert.
Klar hört das nicht gern, wer Astrologie als pure Scharlatanerie abtut, obwohl Keppler, Goethe und nicht wenige andere ihr durchaus große Bedeutung zumaßen.

Um die Bedeutung von Sonne, Feuer und Löwe in ihrer ganzen Tragweite zu verstehen, muss noch einmal herausgehoben sein, dass der Löwe sich auf der alten Stammburg aufhält, einer Burg, die, bis auf einen Weg, der freigelegt worden war, keinen weiteren Zugang mehr besaß. Im Verlauf der Novelle wird sie in mehreren Zusammenhängen beleuchtet, auf die ich hier nicht näher eingehen kann und die dem Goetheschen Prinzip der wiederholten Spiegelungen entsprechen, aber so viel ist klar, dass sie "von alten Zeiten" herkommt und sich in ihr die "alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur in dem ernstesten Streit erblicken lassen."
Diese Burg also symbolisiert das ewige Verhältnis von Naturgesetzlichkeit und Wirken der Menschenkraft. Sie steht symbolisch für das Wissen darum seit alters her.
Genau an diesem Platz in der Sonne hält sich der Löwe auf und er verweist damit darauf, dass es um ein Geschehen geht, dass diese Dimension in sich trägt: Es geht um ein Bewusstsein und Wissen von alters her.
Dieses Wissen macht das Kind mit seinem Tun für die Anwesenden fruchtbar, denn es sorgt dafür, dass die Kraft des Löwen und das, was er darstellt, nämlich die Kraft des Herzens, nicht umgebracht wird; alle, die zugegen sind - und auch wir als Leser - werden Zeugen eines Geschehens, das die Anwesenden und uns mit diesem Wissen, das seit alters her existiert, wieder neu verbinden will.
Das aber kann nur ein Kind leisten.
Ein puer aeternus, ein Knabe von Ewigkeit her, wie er in uns allen ist und wie er sich natürlich auch in der Geburt von Jesus findet. Was Letzterer bringt, will ja in jedem von uns sein, und es ist ein Bewusstsein jenseits jeglicher Konfession; mancher Atheist mag es leben "gegen" seinen Willen :-))
Dieses Wissen um das Kind, um den ewigen Knaben, das ewige Kind, ist bereits ein vorchristliches Wissen. Deshalb erfahren wir, wie Moses auf den Wassern des Nil überlebt, deshalb hören wir von David  und seinen Kampf gegen Goliath, deshalb wissen wir um die apokryphe Schrift des Tobias, der von dem Erzengel Raphael geleitet, das Heilmittel für seinen blinden Vater nach Hause bringen kann.
Deshalb wirkt das Kind in der Novelle schon, bevor es den Löwen besänftigt, schon auf die Erwachsenen ein; für sie singt es seine Verse, denn deren Einstellung, deren Sinnen ist Voraussetzung dafür, dass der Löwe sich genauso verhält!
So singt das Kind "mit reiner Kehle, heller Stimme und geschickten Läufen", vom Vater auf der Flöte begleitet, seine drei Strophen, die auf biblisches und mythologisches Geschehen Bezug nehmen, ein Bezug, der früheren Lesern geläufig war, heute aber, da die Bibelkenntnis so zurückgegangen ist, dass Golgatha für eine Zahnpasta und Gethsemane für eine Rockgruppe, nicht aber für den Garten, in dem Jesus seine letzten Anfechtungen vor seinem Tod erleiden musste, gehalten wird.

Das erste Bild, das im Folgenden den Propheten im Graben anspricht, bezieht sich allerdings auf eine sehr unbekannte apokryphe Schrift mit dem Titel "Vom Drachen zu Babel", in der ein Engel den Habakuk, ein Landmann, in Judäa lebend, der einen Brei für seine Schnitter auf dem Feld gekocht hatte, am Schopf packt und durch die Lüfte nach Babylon zu der Löwengrube trägt, damit Daniel inmitten seiner Löwen eine Speise erhalte; darauf also nimmt die erste Strophe des Liedes Bezug:

       Aus den Gruben, hier im Graben
      Hör ich des Propheten Sang;
      Engel schweben, ihn zu laben,
      Wäre da dem Guten bang?
      Löw und Löwin hin und wieder,
      Schmiegen sich um ihn heran;
      Ja, die sanften frommen Lieder
      Haben´s Ihnen angetan!

       Engel schweben auf und nieder
      uns in Tönen zu erlaben,
      Welch ein himmlischer Gesang!
      In den Gruben, in dem Graben
      Wäre da dem Kinde bang?
      Diese sanften frommen Lieder
      Lassen Unglück nicht heran:
      Engel schweben hin und wider
      Und so ist es schon getan.

      Denn der Ew´ge herrscht auf Erden,
      Über Meere herrscht sein Blick;
      Löwen sollen Lämmer werden,
      Und die Welle schwankt zurück;
      Blankes Schwert erstarrt im Hiebe;
      Glaub´  und Hoffnung sind erfüllt;
      Wundertätig ist die Liebe,
      Die sich im Gebet enthüllt.

Und nun heißt es in der Novelle:
Alles war still, hörte, horchte, und nur erst, als die Töne verhallten, konnte man den Eindruck bemerken und allenfalls beobachten. Alles war wie beschwichtigt, jeder in seiner Art gerührt. Der Fürst, als wenn er erst jetzt das Unheil übersähe, das ihn vor kurzem bedroht hatte, blickte nieder auf seine Gemahlin, die, an ihn gelehnt, sich nicht versagte, das gestickte Tüchlein hervorzuziehen und die Augen damit zu bedecken. Es tat ihr wohl, die jugendliche Brust von dem Druck erleichtert zu fühlen, mit dem die vorhergehenden Minuten sie belastet hatten. Eine vollkommene Stille beherrschte die Menge; man schien die Gefahren vergessen zu haben, unten den Brand und von oben das Erstehen eines bedenklich ruhenden Löwen. 
An den Erwachsenen schon zeigt sich, was sich nachher auch an dem Löwen zeigen wird.
Der Fürst selbst fragt vorsichtshalber die Mutter:
»Ihr glaubt also, daß Ihr den entsprungenen Löwen, wo Ihr ihn antrefft, durch Euren Gesang, durch den Gesang dieses Kindes, mit Hülfe dieser Flötentöne beschwichtigen und ihn sodann unschädlich sowie unbeschädigt in seinem Verschluß wieder zurückbringen könntet?«
Der Wärtel, der Wärter also, versichert der Mutter, dass er mit schussbereitem Gewehr dastehe; auch Honorio sitzt mit gespannter Doppelbüchse auf einem Mauerstück, um sofort eingreifen zu können, wiewohl der Knabe zunächst allein, ohne dass von außen eingegriffen werden könnte, in das Burggemäuer hinein muss, wohin sich der Löwe zurückgezogen hat.
Doch die Mutter weiß:
»Die Umstände sind alle nicht nötig; Gott und Kunst, Frömmigkeit und Glück müssen das Beste tun«.– »Es sei«, versetzte der Wärtel; »aber ich kenne meine Pflichten. Erst führ ich Euch durch einen beschwerlichen Stieg auf das Gemäuer hinauf, gerade dem Eingang gegenüber, den ich erwähnt habe; das Kind mag hinabsteigen, gleichsam in die Arena des Schauspiels, und das besänftigte Tier dort hereinlocken!« Das geschah; Wärtel und Mutter sahen versteckt von oben herab, wie das Kind die Wendeltreppen hinunter in dem klaren Hofraum sich zeigte und in der düstern Öffnung gegenüber verschwand, aber sogleich seinen Flötenton hören ließ, der sich nach und nach verlor und verstummte. Die Pause war ahnungsvoll genug; den alten, mit Gefahr bekannten Jäger beengte der seltene menschliche Fall. Er sagte sich, daß er lieber persönlich dem gefährlichen Tiere entgegenginge; die Mutter jedoch, mit heiterem Gesicht, übergebogen horchend, ließ nicht die mindeste Unruhe bemerken. Endlich hörte man die Flöte wieder; das Kind trat aus der Höhle hervor mit glänzend befriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein, aber langsam und, wie es schien, mit einiger Beschwerde. Er zeigte hie und da Lust, sich niederzulegen; doch der Knabe führte ihn im Halbkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume, bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne, die sie durch eine Ruinenlücke hereinsandte, wie verklärt niedersetzte und sein beschwichtigendes Lied abermals begann, dessen Wiederholung wir uns auch nicht entziehen können:   
   Aus den Gruben, hier im Graben
   Hör ich des Propheten Sang;
   Engel schweben, ihn zu laben,
   Wäre da dem Guten bang?
   Löw und Löwin hin und wieder,
   Schmiegen sich um ihn heran;
   Ja, die sanften frommen Lieder
   Haben´s Ihnen angetan!
Zum Schluss heißt es noch:
(...) das Kind (sah) in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger, siegreicher Überwinder, jener (der Löwe also) zwar nicht wie der Überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene.
Ja, das Kind wird sogar dem Löwen noch einen Dorn aus dem Fußballen ziehen, bevor die Schlussverse die Novelle beschließen.

Im Grunde verrät das Goethesche Vokabular schon, wenn er zweimal von Verklärung und ebenfalls von siegreicher Überwindung schreibt, dass der alte Weimarer wusste, dass er hier eine im Grunde heilige Szene gestaltete, eine archetypische, die in jedes Menschen Herzen eingelagert ist, denn der Löwe bedeutet nun einmal die Kraft des Herzens und es ist jenes heilige Kind in uns, das diese Kraft den Leidenschaften entreißen und sie nutzbar machen kann einem Frieden in uns und unter den Menschen, einem Zustand der Liebe, von dem Goethe in seiner Marienbader Elegie gesprochen hat, indem er schrieb: Wir nennen´s fromm sein
Kein Zufall, dass auch in der Novelle von Frömmigkeit und fromm sein gesprochen wird

Nur das Kind in uns kann uns den Garten oder auch die Stammburg - um im Bild der Novelle zu bleiben - zu jener höheren Natur aufschließen, die sich in jedem von uns befindet, um dort den Löwen zu treffen.
Gewiss ein Weg der Überwindung.
Über und durch viele Leben.

Aber ich glaube, das Bewusstsein der Menschen ist weiter, als es den Anschein haben will, und manche suchen und finden den Kontakt zu diesem Kind in sich und ebenso nicht zum zerstörenden, sondern zum heiligen Feuer und zu jener Kraft, dem Mut, den wir brauchen, um diesen Weg zu jenem Kind in uns zu gehen.
Kleiner Nachtrag, aus dem Leben gegriffen: Lion hugs woman

Samstag, 26. Juni 2010

Eine Gemeinschaft von Kindern







Ich glaube, dass ein Grund, warum viele sich selbst nicht begegnen, ist, dass sie sich auf der Ebene des Erwachsenen suchen; aber mehr Menschen, als man glaubt, sind in Wirklichkeit keine Erwachsenen, weil sie nie wirklich Verantwortung für sich übernommen haben. Man erkennt sie auch daran, dass sie viel "Schuld" auf die Politiker schieben, den Chef, auf das Wetter, den lieben Gott; doch dieser Gott sind in Wirklichkeit oft sie selbst, weil er nicht mehr ist als ihr eigenes begrenztes Bewusstsein.
Deshalb eben das Gebot: Du sollst Dir kein Bildnis machen ...

Wie will sich jemand auf einer Ebene finden, auf der er gar nicht vorhanden ist? Höchstens eben in seiner Einbildung ...

Es ist zugleich wichtig, sich auf die Ebene der Kinder in uns und um uns zu begeben, denn nur, wer ihnen begegnet, kann auch dem göttlichen Kind in uns begegnen, dem Christusgeist, Atman oder wie man es immer nennt.

Der Erwachsene kann nur reifen, wenn die Kinder heilen.

Wahre Religiosität ist eine Gemeinschaft von Kindern, die in Gott wachsen wollen; in diesem Sinne werden sie wahrhaft er-wachsen.

Dienstag, 30. Juni 2009

Über "Die Leiden des jungen Werther": dogmatische Drahtpuppe contra innere Kinder, die dem Herzen am nächsten sind ...

Man kann den lieblosen Erwachsenen, den Chopich/Paul so treffend charakterisiert haben, literarisch kaum trefflicher umsetzen, als das dem jungen Goethe in seinem Briefroman, mit dem er wie mit sonst keinem Werk mehr in Deutschland Aufnahme und Beachtung fand, in der Gestalt des Medikus gelungen ist.
Wie in wenigen Sätzen der Doktor skizziert wird und wie dagegen Werthers innere Kinder sich ausleben im Spiel mit den Kindern Lottes, das ist einfach toll geschrieben.
Hier der erstarrte, innerlich verknöchterte Erwachsene, dessen innere Kinder vereist sind, da der junge Mann, der leben und das, was in im als Energie seiner inneren Kinder pulst, ausleben will:

Am 29. Junius
Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein großes Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter der Würde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ich ließ mich aber in nichts stören, ließ ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder wären so schon ungezogen genug, der Werther verderbe sie nun völlig.
Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! - immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menschen:"wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!" und nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! - haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht? - weil wir älter sind und gescheiter! - guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange verkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht - das ist auch was Altes! - und bilden ihre Kinder nach sich und - Adieu, Wilhelm! Ich mag darüber nicht weiter radotieren.

Werther wird auch daran scheitern und Selbstmord begehen, weil in ihm das Verhältnis von Erwachsenem und inneren Kindern nicht stimmig war.
In ihm war der innere Erwachsene nicht stark genug, als es gegolten hätte, dass der liebevolle innere Erwachsene, der auch eine machtvolle, kompetente Persönlichkeit in uns sein will, den Teil in Werther, der sich die ganze Zeit glaubt ausleben zu müssen, in das angemessene Flussbett der Seele zurückruft.
Um zum Ziel zu kommen, kann die Seele nicht die ganze Zeit über die Ufer treten.
Das ist immer wieder notwendig, dass auch in uns der Erwachsene den inneren Kindern die Fließ-Richtung weist.

Montag, 25. Mai 2009

Sich mit Hilfe von Kindern des eigenen inneren Kindes bewusst werden: Von einem Fußtritt, einem Milzriss und einem inneren Kind, das um Liebe wimmert.


Martin war ein stiller Junge, zurückhaltend, zurückgezogen, ja auch ein wenig verdruckt. Ich hatte seine Mutter kennengelernt, eine Matrone, die alles genau wusste und bei der er gewiss nur wenig Luft zum freien Atmen bekam.

Ich konnte Martin nicht besonders leiden; er war mir einfach nicht sympathisch.
- Es ist gut, wenn ein Lehrer sich das zugesteht, denn nur so sind Heilungen möglich.

Ich war Martins Klassenlehrer in der 5. und 6. Klasse, unterrichtete ihn in Sport und Deutsch und wir hatten nie einen mehr als förmlichen Draht zueinander.
Wie erstaunt war ich, als in der 7. Klasse - er und ich hatten keinen Fächerunterricht mehr zusammen - Martin in meiner Theater-AG auftauchte.
Ich war nahezu perplex: Martin und Theaterspielen?! Dieser introvertierte Junge, der nie den Mund freiwillig aufmachte?! Gleichzeitig war ich auch irgendwie erfreut, dass er diesen Schritt gewagt hatte.
Wir bereiteten uns in den ersten Doppelstunden auf das Spielen eines Stückes vor, indem wir emotionale Interaktionen übten, Sprechübungen machten und Ähnliches mehr.

Martin stand gerade auf der Bühne und sollte aggressiv reagieren; aber er konnte es nicht. Ich sprang mit einem Satz nach oben und machte es ihm vor; ich weiß noch heute, wie ich sagte: Stell Dir vor, da steht ein Lehrer vor Dir, den Du nicht leiden kannst und Du würdest ihm am liebsten gegen das Schienbein treten.
Was mir bis dato nie passiert war und auch nicht mehr passiert ist - eigentlich hatte und habe ich eine ganz gute Körperkontrolle: Mein Fuß stoppte einfach nicht da ab, wo er sollte, sondern traf Martins Schienbein.

Martin war geknickt; ihm tat erkennbar das Bein weh. Ich entschuldigte mich zigmal und brachte ihm am nächsten Tag ein Buchgeschenk mit, um ihm zu zeigen, dass es mir wirklich Leid tue (der Tritt war nicht zu fest gewesen, aber sicherlich spürbar).

Martin kam nicht mehr in die Theater-AG.

Zweieinhalb Jahre später führte uns das Schicksal wieder über den Sportunterricht zusammen.
Martin war immer noch derselbe, weswegen ich ihn nur beschränkt leiden konnte:
Wenn er gefoult wurde, blieb er immer lange liegen und sandte deutlich aus: Wer kümmert sich um mich? Kümmert sich keiner um mich? Ich bin so verletzt ... ich bin schwer verletzt ... Hilfe, Hilfe ... - Das tat er mit dem Erfolg, dass keiner sich um ihn kümmerte; jeder spürte diesen Gestus, vor allem ich. Ich mochte diese weinerliche Botschaft absolut nicht.

Es war Anfang Dezember, als wir die Grätsche über den Längskasten sprangen. Ich war erstaunt, wie viele in der Klasse den Mut hatten, mit Karacho anzulaufen, vom Reuterbrett abzuspringen, zu fliegen, weit nach vorne zu greifen, zu grätschen und zu landen. Keine einfache Übung. Fast drei Meter, die es fliegend zu überwinden galt. Manche setzten die Hände zu früh auf dem Kasten auf, dann bestand extreme Gefahr für die Handgelenke, weil der Körper über sie wegschob; manche sprangen auch zu flach ab, dann mussten sie zwangsläufig auf dem Kasten aufsetzen. Oder sie sprangen im Sprungbrett zu weit vorn ab; dann bestand die Gefahr, dass sie an dessen Ende zum Kasten hin abrutschten und gegen diesen donnerten.
Alles ging gut.
Viele in der Klasse sprangen die schwere Übung. Ich staunte.
Vor allem staunte ich: Martin war dabei.
Das hatte ich ihm nie im Leben zugetraut: diesen Mut, anzulaufen und abzuspringen, ohne Besinnung, ohne zu zögern.
Bei manchen merkt man eine Hemmung, wenn sie anlaufen und dann springen sollen; da ist eine minimale Verzögerung kurz vor dem Absprung, die Angst!

Martin hatte keine Angst.
Er sprang, als hätte er das schon immer gemacht.
Ich wunderte mich einfach bloß; das hatte ich ihm im Leben nie zugetraut. Wo war die eingebaute psychische Bremse, die er sonst in seinem Verhalten und auch im Sport hatte?

Ich bin immer froh, wenn solch eine Stunde gut vorbeigeht und so war es auch damals.
"Schluss für heute." - Ich beendete das Springen.
"Noch einen Durchgang, noch einmal", die Klasse bettelte förmlich. Welches Lehrerherz wird da nicht weich und freut sich auch über so viel Engagement.
"Okay, noch einen Durchgang."
Ich baute mich wieder hinter dem Längskasten auf, denn immer mal wieder musste ich einen auf die Beine stellen, der mit zu viel Dampf dahergeflogen kam.
Dann kam Martin dran.
Mutig und zuversichtlich lief er an.
Es krachte schrecklich; das Kastenende hob sich.
Martin war abgerutscht und gegen den Kasten gedonnert. Er lag auf dem Boden.
Ich war fassungslos und erinnere mich, dass ein Schüler zu mir sagen musste: "Heben Sie ihn doch hoch!"
Das riss mich aus meiner Lähmung. Ich versuchte, das Häufchen Elend auf die Beine zu stellen. Martin wimmerte.
Nach einer ganzen Weile war er wieder so weit klar, dass ich glaubte, ihn alleine nach Hause gehen lassen zu können.

Am nächsten Morgen kurz vor Unterrichtsbeginn lief ich am Klassenraum von Martins Klasse vorbei und rief hinein: "Na ihr Sprungtiger, wie geht es Martin?"

"Der liegt im Krankenhaus, Verdacht auf Milzriss!"

Ich war wie vom Donner gerührt.

"Häääääää??"
"Keine Ahnung, die Mutter hat´s gesagt."

An diesem Tag hatte ich wieder bis 17.15 Uhr Unterricht und die ganze Zeit kämpfte ich mit mir: Soll ich im Krankenhaus vorbeigehen oder nicht? Irgendwie hatte ich Null Bock auf diesen Besuch, es waren meine alten Vorbehalte gegen Martin, die da in mir schwelten, ich wusste es genau.
Schließlich siegte das Pflichtgefühl. Trotz noch ausstehender Unterrichtsvorbereitungen: Um 18 Uhr stand ich auf seiner Station vor der diensthabenden Schwester und fragte sie: "Kann ich ausnahmsweise noch zu Martin Schneider ❴Name von der Redaktion :-) geändert ...❵, ich weiß, es ist außerhalb der Besuchszeit, aber die Frau an der Pforte hat mich hochgelassen; er ist ein Schüler von mir und ich hatte bis jetzt Unterricht?"
"Tut mir leid, da kommen Sie zu spät!"
Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen; das konnte nicht sein, das doch nicht, klar konnte ein Milzriss lebensbedrohlich sein ...
Ich hörte die Stimme der Schwester:
"Der ist heute Nachmittag entlassen worden."

Die Gedanken in meinem Kopf glichen einem zusammengerechten Laubhaufen bei Windstärke 10.
Ich hörte mich sagen: "Ja, kann es sein, dass er sich selbst eingeliefert hat? - War da mehr Krankseinwollen als wirkliches Kranksein?"
"Das kann man so sagen!"
Ich bedankte mich kurz bei der Schwester, ich musste sofort an die frische Luft.
Hatte ich es nicht geahnt?!
Martin hatte wieder seine Mitleids- und Hilfe-ich-bin-so-verletzt-Chose abgezogen.

Wochen später, ich war joggend unterwegs und ich kenne die Stelle heute noch, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Johannes, dieser Martin, das bist Du. So warst Du auch in diesem Alter.
- Die Geschichte mit Martin hatte mich nie losgelassen. -
Da liegst Du in Wirklichkeit auf dem Boden und möchtest Zuwendung. Dir ist es als Kind genauso gegangen, ob mit 11 oder mit 15. Du hast Dich nach Zuwendung, nach Liebe gesehnt und hast sie zu Hause nie bekommen. Und was Martin gemacht hat und macht, hast Du damals genauso gemacht: Du hast allen gezeigt, wie verletzt Du bist, wenn Du verletzt warst, Du hast sie zu Entschuldigungen und Streicheleinheiten zwingen wollen.
Du warst ein emotional genauso verarmtes Kind wie Martin es ist.

Noch und gerade als Erwachsener neigt man dazu, in bestimmten Situationen in dieses Alter zu gehen und sich so zu verhalten wie der fünfzehnjährige Martin, wie der zwölfjährige Johannes. - Das ist normal. Es ist nichts Krankhaftes. Es ist einfach so: Ein Teil der Seele ist krank, er ist verletzt und er machte es damals wie ein waidwundes Tier: Er zog sich zurück.
Und in bestimmten Situationen aktualisiert er sich im Erwachsenen. Auslöser können ein bestimmter Tonfall sein, eine Person mit bestimmten Merkmalen, ein Geruch, ein bestimmtes Maß an Unsympathie oder sogar Sympathie mit bestimmten Unklarheiten, ein Kind, das einen an seine eigene Kindheit erinnert mit einem bestimmten Verhalten, das man nur zu gut kennt ... dann kommen Aversionen auf, manchmal mehr.

Der Ausweg ist, sich rational klar zu machen, dass man mit seinem Gefühl der Aversion richtig liegt; und manchmal versichert man sich ja dann auch der Meinung anderer, die das genauso sehen: Ja, ein weinerlicher Typ.

Ein Ausweg ist und bleibt ein Weg ins Aus.

Eine Lösung ist, dass man seinem verletzten inneren Kind, wenn es sich wieder meldet, sagt:
>Hallo, heute bist Du nicht mehr allein, heute kümmere ich mich um Dich.<
Und man tröstet dieses verletzte Kind und sagt ihm: >Es ist alles gut, ich bin für Dich da!<

Für jemanden, der sich nicht mit dieser Materie beschäftigt hat, mag das seltsam vorkommen, aber ich rate allen, die darüber lächeln, mal sich zu fragen, warum so mancher Erwachsene - und Frauen getrauen sich das eher als Männer - einen Teddy oder eine Puppe oder ein weiches großes Kissen in den Arm nimmt oder sich reinkuschelt, wenn er verletzt ist. Im Grunde nimmt er sich selbst in den Arm, sein verletztes Kind von damals.

Und Gott sei Dank tut er das!!
Wenn er es anspricht, kann er es heilen.

Wie sagt J. Bradshaw: Man kann nur heilen, was man fühlt. Wie wahr. Dazu muss man diese Gefühle zulassen, ernst nehmen, wahrnehmen können.

Im Erziehungsprozess ist es natürlich für die heranwachsenden Kinder ungünstig, wenn sie einen Lehrer, eine Lehrerin oder Vater bzw. Mutter verletzen oder auch nur eine Verletzung auslösen; dann gibt es für Erwachsene oft nur zwei Möglichkeiten zu reagieren:
Der verletzte Erwachsene geht sofort in das Eltern-Ich von damals, übernimmt also genau das Verhalten dessen, der ihn damals verletzte - das geht dann meist nicht ohne Demütigung des Kindes, dem er gegenübersteht, ab, oder:
Er wird auch zum verletzten Kind von damals und keift mit dem ihm gegenüberstehenden Kind herum.

Das kommt leider öfters vor, als man denkt! Auch in der Schule lässt es sich immer wieder beobachten.

Für einen Erwachsenen ist dieses Verhalten im Grunde fast zwanghaft - bis ihm die Ursachen bewusst werden.
Nur wehrt sich dieses verletzte innere Kind mit Händen und Füßen, entdeckt zu werden.
Deshalb wird auch in den Schulen und unter Eltern viel zu wenig über diese Thematik gesprochen.

Notwendig wäre in obiger Situation, dass der Erwachsene sich sagen kann:
Moment, ich bin der Erwachsene, ich trage hier Verantwortung, ich trage zur Lösung entscheidend bei. Er kann also als der liebevolle Erwachsene agieren. - Das kann durchaus bedeuten, dass er eine klare, unmissverständliche Entscheidung trifft; aber die ist durchaus manchmal angebracht im erzieherischen Prozess, vor allem, wenn man auf Kinder trifft, wie sie M. Winterhoff in seinem hervorragenden Buch Tyrannen müssen nicht sein anspricht.

PS: Was hinter einem Fußtritt aus Versehen doch alles stecken kann ... heute weiß ich, dass er kein Zufall war.

Und:
In der Folgezeit, nachdem mir bewusst geworden war, wie nahe mir Martin eigentlich stand - er war ja im Grunde ein Teil von mir -, wurde er richtiggehend erwachsen für mich, das heißt: Ich konnte ihn eine selbständige Persönlichkeit werden lassen. Das tat uns beiden (uns beiden!) richtig gut.

Freitag, 6. Februar 2009

In Deutschland muss man ein Auto sein, um wirklich geliebt zu werden!





Daraus ergibt sich recht schlüssig:

Im Inneren der Menschen unserer abendländischen Kultur leben keine Kinder mehr, sondern es fahren innere Autos.
Und die müssen nicht zum TÜV; das sollte man auch mal bedenken, wie gefährlich und unverantwortlich das ist.


Jetzt, wo sich die EU nicht mehr um das Aussehen der verkaufenswerten Bananen kümmert, sollten die Europaabgeordneten endlich den Verkehr der inneren Autos regeln, damit wirklich Ordnung in den Welt-Innenraum kommt.

Den Seelen-Salon.
Den Auto-Salon der Seele.

Kümmert euch! Das gilt auch für städtische Abgeordnete, für die Abgeordneten der Kreistage, der Regionalparlamente, der Länderparlamente und des Deutschen Bundestages und Bundesrates.
Nehmt endlich eure Aufgaben wahr!

Erkennt die Ziele der Sehnsucht unserer Hochkultur!

Schon seit Jahrzehnten kümmern sich deutsche und europäische Männer oft intensiver um ihre Autos als um ihre Frauen. Nur die Politiker haben das noch nicht gemerkt ...

Ich warte noch ein Weilchen, bis ich diesen Blog umbenenne ... Das innere Auto ...

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Todesangst um das Haus der Seele: Die Angst des Kindes heute ist das Trauma von morgen, ein Einfallstor für Lebensangst.

Ich war vielleicht fünf Jahre und wir wohnten in Bornheim, einem Stadtteil von Frankfurt. Unser Haus hatte fünf Stockwerke, wir wohnten im 1. Stock, doch wenn ich aus dem Fenster guckte, ging es weit für mich nach unten.
Eines Tages machten Arbeiter sich an unserem Haus zu schaffen. Mit einem Presslufthammer gruben sie an einem Kellereinstieg ein Loch in den Boden, um etwas auszubessern. Mit meiner Mutter zusammen lehnte ich aus unserem Wohnzimmerfenster. Ich sah die Arbeiter, sah sie graben und schippen und auf einmal bekam ich eine Riesenangst. Ich dachte, dass das Haus zusammenstürzt. Das würde es nicht aushalten, so wie die Männer da buddelten und machten. Es würde zusammenfallen. Ich litt Höllenqualen, hatte Todesangst und schrie. Meine Mutter und meine Schwester versuchten mich zu beruhigen, doch ich war nicht abzubringen: Das Haus stürzt ein.
Niemand nahm mich an die Hand und ging hinunter mit mir, damit ich mit einem Arbeiter hätte sprechen und bewusst vergleichen können, auf einem wie großen Fundament das Haus steht und dass ein Beet auch nicht kaputt geht, wenn man am Rand Gras ausharkt.
Warum verstehen Erwachsene so wenig die Ängste der Kinder?
Welche Ängste müssen Bilder im Fernsehen auslösen?
Und wie sehr muss eine Kinderseele abstumpfen, damit sie erträgt, was ihr die Erwachsenenwelt zumutet?!

Mittwoch, 3. September 2008

Friedrich Nietzsche: "Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg" ... Über unsere inneren Helden, über unseren inneren König ...



"Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun verleumdeten sie alle Hoffnungen. Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum noch Ziele. "Geist ist auch Wolllust" – so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel; nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen. Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich Dich: Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg! Halte heilig Deine höchste Hoffnung" – Also sprach Zarathustra.
aus Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen.

Wenige Jahre, nachdem Nietzsche dies geschrieben hat, wurde er wahnsinnig. Er, der schon immer in die Abgründe der menschlichen Seele schaute, bricht 1889 in Turin zusammen. Schluchzend umarmt er ein Pferd. Unter wirren Reden wird er ins Hotel gebracht. Man diagnostiziert eine Paralyse als Spätfolge von Syphilis; diese Diagnose ist jedoch umstritten. Nietzsche lebt noch elf Jahre, bevor er stirbt.
Ich glaube, er wurde lieber wahnsinnig, als dass man von ihm hätte sagen sollen: Er gab die Hoffnung auf.
Zehn Jahre lässt Nietzsche seinen Helden Zarathustra zurückgezogen im Gebirge leben, bevor jener, wie es heißt, zum Kind geworden als Erwachter zu den Menschen zurückkehrt, um ihnen traurige Wahrheiten zu sagen, u.a., dass Gott tot sei.
Es steht schlecht um die Menschen und Zarathustra meint:
"Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch.
Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden."
Dieses Meer ist für Nietzsche der Übermensch; jenen will er die Menschen lehren.
Für mich ist dies nicht die Lösung. Notwendig ist, dass der Mensch sich auf sein wahres Mensch-Sein besinnt. Dazu gehört allerdings, dass er sich auch auf den Helden in sich und seinen inneren König besinnt.
Robert Bly schreibt dazu:

Der innere König in uns weiß, was wir für den Rest unseres Le­bens machen wollen oder für den Rest des Monats oder für den Rest des Tages. Er kann uns deutlich machen, was wir wirklich wollen, ohne in seiner Wahl von den Meinungen anderer um uns herum beeinflusst zu werden. Der innere König steht in Verbindung mit dem Feuer unserer Entschlusskraft und Leidenschaft­lichkeit.
Als wir ein oder zwei Jahre alt waren, so darf man vermuten, war der innere König lebendig und kraftvoll. Damals wussten wir oft, was wir wollten, und das machten wir uns und anderen klar. Natürlich scheren sich manche Familien gar nicht darum, was die Kinder wollen.
Bei den meisten von uns wurde unser König schon früh getötet. Kein König stirbt einfach nur so, sondern er wird gestürzt und stirbt. Wenn die inneren Krieger noch nicht stark genug sind, um den König zu beschützen - und wie könnten sie das mit zwei oder drei Jahren? -, stirbt er.

Unter den Bedingungen, unter denen ich aufwuchs, wäre mein innerer König auch gestorben, doch habe ich viele Märchen und Sagen gelesen, und die Helden dieser Geschichten haben als innere Helden meinen König vor dem Tod bewahrt.
So ging und geht es vielleicht auch anderen Menschen, dass auch ihre inneren Kinder überlebt bzw. weniger Verletzungen erlitten haben, als sie hätten z.B. wegen der elternhäuslichen Gegebenheiten erleiden müssen auf Grund jener inneren Helden, die sie begleitet und beschützt haben.
Das Personal von Märchen und Sagen entspricht einem archetypischen, das heißt in allen Menschen vorkommenden Grundmuster seelischer Wesenheiten, die angesprochen und zum Klingen gebracht werden. Sind sie einmal in der Seele erklungen, so sind sie aktiviert; die Seele weiß um sie und sucht diesen Ton wieder zum Klingen zu bringen.
Auch das Personal moderner Videos und anderweitiger Filme aus Fernsehen und Leinwand trägt Heldenzüge. Es ist allerdings wichtig, dass die Seele selbst Bilder generiert und nicht solche benutzt, die andere unter bestimmten energetischen Voraussetzungen creiert haben; zum anderen trägt die Schlichtheit der Darstellung von Märchen und Sagen, die oft etwas belächelten Gut-Böse-Schemata dazu bei, dass die Bilder klar an Ort und Stelle treten können.
Stellen wir uns, was in unserer Seele anklingt und über ihre Reichhaltigkeit entscheidet, wie ein Klavier vor mit schwarzen und weißen Tasten. Im Grunde ist dieses Klavier kreisförmig um uns gebaut und mit unserem flexiblen Klavierstuhl in der Mitte können wir uns in alle Richtungen bewegen und im Grunde – sagen wir – unendlich viele Töne anschlagen.
Freilich gibt es Menschen, die in ihrem Leben immer nur im Rahmen einer Oktave das Lied ihres Lebens spielen. Und weil sie nicht mehr Töne anschlagen, halten sie auch, was sie spielen, für das Leben; es ist dies eine Möglichkeit der Lebensgestaltung, allerdings, ohne dass sie es merken, eine absolut reduzierte. Sie entsprechen den Menschen, die Platon in seinem Höhlengleichnis in der Höhle sich befinden lässt. Es gibt aber auch Menschen, für die dieses Rundum-Klavier sogar einer Orgel gleicht mit vielen Registern und Manualen. Solche Menschen waren Albert Schweitzer, Johann Sebastian Bach, Michelangelo, Leonardo da Vinci und manche uns Unbekannte vor Ort. Vielleicht gibt es mehr als wir ahnen. Mit Sicherheit hat ihr Geist in ihrer Kindheit eine reichhaltige Ausbildung und Fülle an Material erhalten. Unvorstellbar, dass ein Shakespeare oder Goethe ihre Werke hätten ohne solch einen Reichtum in ihrer Kindheit hätten schaffen können.
Mit der größtmögliche Reichtum besteht eben in Märchen und Sagen und Geschichten aus der Bibel, verbunden mit Namen wie Mose, David und Daniel.
Wenn wir wertvolle Bücher über Märchen lesen, erkennen wir, was dort angesprochen wird; ich denke hier an die Bücher von Hans Jellouschek, u.a. Der Froschkönig. Ich liebe dich, weil ich dich brauche oder auch Die Froschprinzessin. Wie ein Mann zur Liebe findet, Robert Blys Eisenhans. Ein Buch für Männer oder an die sehr anthroposophisch ausgerichteten Bücher zum Verständnis von Märchen von Rudolf Geiger, u.a. Märchenkunde. 
Helden finden ihre Heimat in sich. Homers Odyssee ist ein Epos über einen, der verzweifelt sucht, heim zu finden, seine Heimat zu finden. Was er dabei erlebt, sind Stationen, wie sie jedem Menschen widerfahren können, man denke nur an Odysseus´ Erlebnis mit Circe, welche Männer, in diesem Fall des Odysseues Gefährten, in Schweine verwandelt, ein Geschehen, dem wir heute tagtäglich beiwohnen, wenn wir den Fernseher anschalten und Zeugen eines allgemeinen Becircens werden.
Und zu guter Letzt ist das Parzival-Epos eine Ausgestaltung unserer eigenen seelischen Situation, denn der verletzte Gralskönig, das sind wir, und was wir anstreben, ist unsere Heilung durch den Gral.

Für unsere Kinder, für unsere inneren Kinder gibt es kaum etwas Wertvolleres als Sagen und Märchen. Wer verzweifelt war und eines der großen Grimm-Märchen gelesen hat, weiß, was ich meine.
So ist es wichtig, dass wir dem Helden in den Kindern Nahrung geben, ihrer Jeanne d´Arc, ihrer Frau Holle, ihrer Pippi Langstrumpf, ihrem Lancelot, Artus, Parzival, Schneewittchen oder Rapunzel.

PS:
In diesem Zusammenhang wichtig sind die drei Könige, auf die Robert Bly hinweist,
ebenso wie wir die Bedeutung des wahren Matriarchats und Patiarchats in uns erkennen müssen.