In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Mittwoch, 14. August 2013

Das Ende der Mutter-Sucht: Wie du bist, so bist du recht ... Die Dame Aiuóla nimmt uns an; sie ist ein Teil von uns.


Es gibt zahlreiche Märchen, die von der inneren Mutter erzählen, die einen wesentlichen Teil unserer Seele ausmacht. 
Und diese Mutter hat viele Facetten. 
Sibylle Birkhäuser-Oeri hat in ihrem posthum von ihrer Freundin Marie-Louise von Franz zur Veröffentlichung aufbereiteten Manuskript - erschienen als Die Mutter im Märchen - einige ansgesprochen: 
Da finden wir u.a. die Todesmutter, die Feuermutter, die lebensschenkende Naturmutter ... all diese Mütter, die dunklen wie die hellen, sind Seiten EINER Großen Mutter.Eine der bekannntesten Ausgestaltungen ist Frau Holle.
In uns gibt es diese vielen Facetten der Mutter wie auch diese EINE, die Goethe meint, wenn er am Ende von Faust II vom Ewig-Weiblichen spricht, das uns hinanzieht, die Homer besingtwenn er die Mutter als Allmutter Erde anspricht, und deren auch in vielen, den meisten indianischen Kulturen gedacht wird.
Die Griechen nannten sie Gaia, eben Allmutter Erde.
Sie ist die göttliche Mutter. Der weibliche Teil der Gottheit.
Jenen Teil, den uns die christlichen Kirchen verschwiegen haben.
Vater, Sohn und Heiliger Geist, so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Nur Männer, keine Frau. 
So ist das in der Kirche.

Wir können diese göttliche Mutter nicht erfassen. Wir Menschen tun das ja gern, etwas zu erfassen und dann kräftig festzuhalten, unter Kontrolle zu bringen, damit die liebe Seele Ruhe hat.

Aber genau das ist der Punkt: diese Mutter schenkt zwar Ruhe und Frieden, denn sie will uns an ihrer Brust stillen, damit wir Stille lernen, aber sie beunruhigt uns auch in gewisser Weise, weil sie ständig im Wandel ist wie die Erde, die Natur.

Wer sie immer mehr verstehen lernen will, muss sich von ihr beunruhigen und stillen zugleich lassen.

Haben wir keine Verbindung zu ihr, treiben wir durch den Raum ... immer auf der Suche, unterwegs in Sachen Mutter-Sucht. Bevorzugt tun das jene Männer, die ständig unterwegs in Sachen Liebesabenteuer sind. Ohne es zu wissen, suchen sie in jeder Frau die Mutter, weil sie sich auf krankhafte Weise nie von ihr lösen konnten, oft, weil es die Mutter auf gerissene Weise verhindert hat, immer wieder - und sie tut es oft noch, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Von dieser Mutter muss sich jeder Mann lösen. Das
 Grimm-Märchen Eisenhans berichtet davon.

Von der geistigen Mutter allerdings hätten wir uns nie lösen sollen. Die gute Mutter in den Märchen, die gute Königin, wie auch immer sie gestaltet worden ist, stirbt zumeist. So wie im Übrigen auch oft der Vater.

Jeder Mensch, ob Mann, ob Frau, muss sich vergewissern, ob er in Verbindung mit dieser Mutter steht. In einer liebenden.

Eine solche liebende Verbindung ist keine, die auf Unterwerfung basiert. Mit einer Mutter setzt man sich durchaus immer mal wieder auch auseinander.

Oft aber ist sie noch so tot in uns Menschen wie Schneewittchen.
Dann gilt es, sie zu wecken.

Eigentlich keine Überraschung, dass diese Thematik auch in Michael Endes Unendlicher Geschichte auf dem Weg Bastians zur Heilung des Inneren der Menschen, sprich in der Geschichte also der kindlichen Kaiserin, eine bedeutende Rolle spielt, wenn auch auf durchaus ungewöhnliche Weise.

Die innere Mutter, die Bastian trifft, ist die Dame Aiuóla.

Das Ganze ist absolut goldig geschrieben:


Schließlich gelangte er in eine schnurgerade Allee aus kugelrunden Bäumen, die voller rotbackiger Äpfel hingen. Und ganz am Ende der Allee tauchte ein Haus auf. Beim Näherkommen stellte Bastian fest, dass es wohl das drolligste Haus war, das er je gesehen hatte. Ein hohes spitzes Dach saß wie eine Zipfelmütze auf einem Gebäude, das eher einem Riesenkürbis glich, denn es war kugelig, und die Wände hatten an vielen Stellen Beulen und Ausbuchtungen, sozusagen dicke Bäuche, was dem Haus ein behäbiges und gemütliches Aussehen verlieh.

Da deutet sich schon an, welchen Mutter-Aspekt Michael Ende ausgewählt hat. Die Dame Aiuóla wohnt nämlich im Änderhaus, einem Haus, das sich ständig ändert, verschwindet auf der einen Seite ein Fenster, wächst auf ener anderen ein Erker aus dem Haus ...

Die Frau begrüßt Bastian mit einem Lied, das schon deutlich werden lässt, was eine wirkliche Mutter ausmacht, jedenfalls jene innere Mutter, auf die wir uns beziehen:


Alles, was du suchst und willst, 
auch Geborgenheit, 
Trost nach allem Leid. 
Ob du gut warst oder schlecht, 
wie du bist, so bist du recht,  
denn dein Weg war weit.«

Wie Du bist, so bist Du recht.
Wie schön, wenn das jemand zu uns sagt und uns so annimmt, wie wir sind.

Die wirkliche Mutter tut das!

Die Stimme begann von neuem zu singen: 


Großer Herr, sei wieder klein! 
Sei ein Kind und komm herein! 
Steh nicht länger vor der Tür, 
denn du bist willkommen hier! 
Alles ist für dich bereit 
schon seit langer Zeit.

Die Stimme übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Bastian aus. Er war sicher, dass es eine sehr freundliche Person war, die da sang.
Er klopfte also an die Tür, und die Stimme rief:
»Herein! Herein, mein schöner Bub!«
Er öffnete die Tür und sah eine gemütliche, nicht sehr große Stube, durch deren Fenster die Sonne hereinschien. In der Mitte stand ein runder Tisch, gedeckt mit allerlei Schalen und Körben voll bunter Früchte, die Bastian nicht kannte. Am Tisch saß eine Frau, die selbst ein wenig aussah wie ein Apfel, so rotbackig und rund, so gesund und appetitlich.
Im allerersten Augenblick war Bastian fast überwältigt von dem Wunsch, mit ausgebreiteten Armen auf sie zuzulaufen und »Mama! Mama!« zu rufen. Aber er beherrschte sich. Seine Mama war tot und ganz gewiss nicht hier in Phantásien. Diese Frau hatte zwar dasselbe liebe Lächeln und dieselbe Vertrauen erweckende Art, einen anzusehen, aber die Ähnlichkeit war höchstens die einer Schwester. Seine Mutter war klein gewesen und diese Frau hier war groß und irgendwie imposant. Sie trug einen breiten Hut, der über und über voller Blumen und Früchte war, und auch ihr Kleid war aus einem farbenprächtigen, geblümten Stoff. Erst nachdem er es eine Weile betrachtet hatte, bemerkte er, dass es in Wirklichkeit ebenfalls aus Blättern, Blüten und Früchten war.
Während er so stand und sie ansah, überkam ihn ein Gefühl, wie er es schon lange, lange nicht mehr gekannt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann und wo, er wusste nur, dass er sich manchmal so gefühlt hatte, als er noch klein war.
»Setz dich doch, mein schöner Bub!«, sagte die Frau und wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl. »Du wirst sicher hungrig sein, also iss erst einmal!«
»Entschuldigung«, antwortete Bastian, »du erwartest doch einen Gast. Aber ich bin nur ganz zufällig hier.«
»Tatsächlich?«, fragte die Frau und schmunzelte.



Bastian mag lange meinen, er sei zufällig hier und die Ähnlichkeit sei höchstens die einer Schwester. Nein, er hat zu der Mutter gefunden, die unser aller Mutter ist, die sich ständig ändert wie die Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit symbolisiert und Werden und Vergehen, zu sehen an ihrem Haus. 
Wenn wir zu dieser Mutter finden, gibt es nur eins: Wohlsein!

Es gibt Bücher, die nehmen einen an die Hand und zeigen einem den Weg, schaffen Bilder, die unsere Seele heilen und ihr den Weg weisen, ja, die selbst der Weg sein können, denn unser Inneres vertraut diesen Bildern.

Michael Ende war ein weiser Weißer Magier.
Seine Bilder helfen uns. 
Ja, seine Unendliche Geschichte hat eine heilende Wirkung!

Sonntag, 10. Februar 2013

(I) Wie gesund ist Nähe? Wie sehr beeinflusst die Energie der Eltern die ihrer Kinder?

Mir kommt es vor, als ob es schon ewig lang her sei, da erfüllte ich mir mit meiner damaligen Freundin einen Traum: Wir kauften zusammen ein Bauernhaus.

Das war unser beider Wunsch gewesen, und das Haus war auch in der Tat ein Traum: auf dem Land und doch unweit einer attraktiven Universitäts-Stadt gelegen, mit Scheune, mit großem Garten, oberhalb Obstwiesen, der Wald ganz in der Nähe, 300 Meter oberhalb der Wiesen; nachts schlurfte der Igel über die Terrasse und abends konnte man, wenn man Glück hatte, die Rehe am Waldrand beobachten; ich spielte im örtlichen Fußballverein in der Mannschaft mit ... alles echt gut ...

... wenn ich nicht krank geworden wäre und mein Körper mir signalisierte: entweder deine Gesundheit geht oder du gehst aus dem Haus, gibst die Beziehung auf. - Einige Monate wollte ich das nicht wahrhaben; aber innerlich wusste ich: Ich habe eigentlich keine Wahl, auch, weil ich immer kränker wurde.

Das ist letztendlich ein anderes, ein seelisches Thema, denn mir war klar geworden: Meine Freundin war nicht eine wirkliche Beziehungspartnerin, sondern meine Mutter ... in solch einer Beziehung wollte mein Inneres nicht leben, und wenn es nicht anders geht und mein Wesen das partout nicht sehen will, will der Körper mithelfen, die Dinge bewusst zu machen ...

Damals betreute mich eine Ärztin, die mit Hilfe von Elektroakupunktur therapierte - wie ich heute noch finde, ein Super-Verfahren. Mit ihrem Apparat konnte sie im Grunde den ganzen Körper durchmessen, jedes Organ, und wenn sie mit ihrem Messgerät auf den entsprechenden Körperpunkt ging und der Zeiger auf dem angeschlossenen Apparat zurückfiel, bedeutete das nichts Gutes. Sie konnte dann in ein ebenfalls angeschlossenes Gerät Arzneien legen, und wenn ein Medikament das Organ auf der Anzeige stabilsierte, dann half das Medikament; der Zeiger schlug zwar aus, blieb dann aber stehen und fiel keinen Millimeter zurück. Klasse war eben, dass sie eine Homöopathin war und es zuallererst immer mit homöopathischen Mitteln versuchte. Erst, wenn unter ihnen keines half, griff sie zu allopathischen. Was bei mir zu jener Zeit zum Teil notwendig war.

Als ich damals zu ihr kam, war mein ganzer Körper krank und ich weiß noch, dass sie zu mir sagte: Einen jungen Mann in ihrem Alter mit diesem Gesundheitszustand – das habe ich auch noch selten erlebt.
Sie half mir damals über die Trennung, den Auszug und diese schwierige Zeit hinweg; sie wusste, und das sagte sie auch: Körperlich helfe ich Ihnen, das Seelische müssen Sie klarbekommen. –

Viele Jahre später - ich hatte mittlerweile eine kleine Tochter - war diese krank und ich erinnerte mich an diese Ärztin.
Meine Kleine hatte Durchfall und ihr ging es gar nicht gut.
Ich war froh, dass die Ärztin noch therapierte und meldete meine Tochter an. Tags darauf konnten wir schon kommen.
Nun saß ich im Praxisraum auf dem Stuhl und hatte meine Tochter auf dem Schoß, ich glaube, sie war damals ungefähr fünf Jahre alt.
Aber ich staunte nicht schlecht, als die Ärztin ihre Organe durchmaß: Der Magen war in Ordnung, die verschiedenen Darmbereiche waren in Ordnung - ich konnte das nicht fassen.
Nur an der ein oder anderen Stelle zeigte sich eine leise Schwäche und als die Ärztin Medikamente einlegte, weiß ich, zuckte mir damals durch den Kopf: Nanu, das sind doch meine Medikamente, die kenne ich doch, die helfen doch mir ...

Ich weiß noch, dass ich das Sprechzimmer verließ und wusste: Das kann nicht sein; meine Tochter ist echt krank, und nun ist ihr überhaupt nicht geholfen. Ich war innerlich total von der Rolle und wusste nur: Irgendwas kann nicht sein ...

Einen Tag später fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Meine Tochter hatte auf MEINEM Schoß gesessen, sie war in MEINEM Energiefeld gewesen; die Ärztin hatte nicht meine Tochter gemessen, sondern mich, wenn sie auch auf den Punkten meines Kindes ihr Messgerät angesetzt hatte. Meine Energie als Erwachsener war so stark, mein Energiefeld hatte das meiner Tochter total dominiert, dass sich meine Organe anzeigten und nicht ihre. Ich war damals - und bin es noch heute - nur erstaunt, dass das der Ärztin nicht bewusst war; eigentlcih war sie echt gut - offensichtlich aber war ihr das nicht bewusst.

Es dauerte noch einige Tage, dann war mein Kind auch mit Hausmitteln wieder hergestellt.
Aber dieses Ereignis ist mir bis heute unvergessen.

Für mich war damals, nachdem mir dieser Umstand bewusst geworden war, auf jeden Fall klar – und das war zugleich ein Trost: Du musst einfach oft Deine Tochter auf den Schoß und in Deine Nähe nehmen, dann ist sie im Grunde gesund bzw. die Organe können sich erholen und gesunden.


Für die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern ist das Bewusstsein davon, wie sehr sie körperlich ihre Kinder beeinflussen, ganz entscheidend.
Noch entscheidender ist, wie sehr sie es auch seelisch tun.
Eltern tragen maßgeblich zur Erkrankung bzw. Gesunderhaltung ihrer Kinder bei.
Das zeigt, welch hohe Verantwortung und Bedeutung sie haben.
Dieses Wissen darf auf keinen Fall zu falschen Schuldgefühlen auf Seiten von Vater und/ oder Mutter führen, nicht nur, weil diese das Kind auch übernimmt, sondern weil wir Menschen sind, die alle Fehler haben.

In den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, wie sehr Kinder schon in frühen Jahren die Energie ihrer Eltern übernommen haben und unter den Auswirkungen vor allem seelischer Bewusstseinszustände ihrer Eltern leiden

Eltern machen ihre Kinder wirklich oft krank. – Das ist leider so.

Ich könnte manche Beispiele erzählen, wo sich die seelische Einstellung der Eltern in ihren Kindern niederschlägt - wirklich schlägt ...
Mittlerweile gehe ich auch dazu über, gegenüber Eltern diese Prozesse anzusprechen, soweit ich sie sehen kann, immer natürlich auch in dem Bewusstsein, dass ich mich irren kann und nur einen Ausschnitt der familiären Wirklichkeit wahrnehme.

Heute habe ich die Kraft, die Wut und den Zorn, der mir dann manchmal entgegenschlägt, auszuhalten, selbst wenn ich mich bemühe zu verdeutlichen, dass wir alle Fehler machen und Fehler in der Erziehungsrealität kein Verbrechen sind; solange wir bestimmte Dinge nicht reflektieren, geben wir eben weiter, wie mit uns umgegangen worden ist.

Ich denke nur, es wäre so gut und eigentlich zwingend notwendig, dass in unserer Gesellschaft sich über diese Tatsache ein Bewusstsein herstellt, damit Kinder nicht unnötig mehr in eine Situation gebracht werden, die unheilvoll ihr Leben prägt.

Gott sei Dank – das soll hier nicht vergessen sein – gibt es auch das Gegenteil: Eltern, die mit ihrer Liebe ihrem Kind den Lebensweg ein gutes Stück weit bahnen.


Sonntag, 2. Dezember 2012

Am Anfang ist es Liebe / Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt ...


Es ist nun schon fünf Jahre her, dass ich diesen Post auf der Ethik-Post veröffentlichte. Gerade habe ich ihn wiedergelesen, weil er angeklickt worden war. Und mir ist aufgefallen, wie sehr er ein Thema dieses Blogs hier ist.
Dieser Post von damals berührt mich heute noch sehr. Er lautet im Original:


Liebe Anne-Kathrin,

ich danke Dir, dass Du mir erlaubt hast, Deine Zeilen hier hineinzuschreiben. Als Du sie im letzten Jahr verfasst hast, warst Du 16 und wir trafen uns im Fach Deutsch in der 11. Klasse. Jeder sollte damals im Rahmen einer Art Poetry-Slam einen Text schreiben, also eine Form von Gedicht, in dem alles erlaubt ist; wenn man will, kann man mittendrin singen oder eine Strophe auf Chinesisch vortragen.
Bewundernswert, was ihr alle damals geschrieben habt; jeder kam ja nach vorne und trug seinen Text vor. Für jeden gab es Beifall, ob sein Text vier Zeilen umfasste oder 40.
Ich war einfach nur fasziniert von der Vielfalt dessen, was ihr vortrugt.
Als Du Deine Zeilen gelesen hast, war es zunächst sehr still.
Ich war innerlich fassungslos.
Niemand hatte damit gerechnet, dass unter uns jemand ist, der so bis in seine Tiefen verletzt ist und uns Anteil nehmen lässt.
Ich glaube, ich darf im Namen aller damals Anwesenden sagen: danke für Dein Vertrauen!
Du stehst für viele andere junge Menschen, denen es auch so geht.
Du hattest den Mut zu sprechen.
Oft habe ich in unserem gemeinsamen Jahr Deine Traurigkeit in Deinem Gesicht, Deinen Augen gelesen, gesehen.
Von ganzem Herzen wünsche ich Dir, dass aus großem Trost, den Deine Seele erfahren möge, langsam, aber doch beständig und immer mehr und immer mehr wieder Freude in Dein Leben einziehen darf.


Deine Gedanken sind überschrieben

Beziehungen

Kind und Vater
Am Anfang ist alles offen
Vertrauen – Misstrauen
Zu Beginn war das Vertrauen
Doch viele Enttäuschungen durch den Vater
ließen Misstrauen wachsen

Hoffnung – Enttäuschung
Zu Beginn gab es viel Hoffnung
Doch viele Handlungen des Vaters
ließen die Hoffnung schwinden
und Enttäuschung blieb zurück.
Freude – Traurigkeit
Zu Beginn dachte das Kind immer mit Freude an den Vater
Doch sein mangelndes Verständnis
ließen von der Freude
nur Traurigkeit übrig

Liebe – Hass
Am Anfang ist es Liebe
Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt
Doch der Vater erkennt das Geschenk nicht
Die Blume bleibt unbeachtet
Seinen Augen bleiben solche Dinge verborgen
Da nur Erfolg und Materielles für ihn wichtig sind
Sein Ziel fest im Blick
Zertritt er die Blume –
Langsam wächst an ihrer Stelle eine neue Pflanze –
genährt von Misstrauen und Enttäuschungen
- Hass –
- Beziehungen -


Freitag, 20. Juli 2012

Kinder tragen leider bisweilen unbewusst die Schuld der Eltern weiter - vom lebensbestimmenden Erbe der Eltern. – Kafkas aufschlussreiche Kurzgesschichte "Heimkehr"

Vor einigen Jahren musste ich eine Abiturprüfung miterleben, in welcher der Prüfungsvorsitzende, der in aller Regel von einer anderen Schule kommt, ziemlich häufig - bis zu einem gewissen Grad ist ihm das erlaubt - in die Prüfung fragend eingriff. Die meisten tun das sehr sensibel und erst gegen Ende der Prüfung, um das Gespräch zwischen dem Lehrer, den der Prüfling kennt, sich entwickeln zu lassen. Dieser aber tat das schon nach kurzer Zeit und brachte dadurch den jungen Mann, der da geprüft wurde, ziemlich aus dem Konzept.
Nach der Prüfung kam der Abiturient zu mir und bedauerte, dass er nicht habe besser sein können.
Für mich war diese Aussage schlimmer als der Prüfungsverlauf selbst, die Tatsache nämlich, dass der junge Mann das unsensible und unangemessene Prüfungsverhalten des Vorsitzenden im Grunde sich zur Last legte. Dabei ging der ungünstige Verlauf für mich klar zu Lasten des Vorsitzenden; der Junge musste von vornherein kämpfen und kam nie zum freien, vertrauensvollen Sprechen. Soweit mir das möglich war, habe ich ihm Hinweise gegeben, damit er seine Leistung richtig einschätzen konnte.

Dieses Geschehen steht beispielhaft für unsensibles und seelisch belastendes Verhalten von Erwachsenen in seinen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Letztere können aufgrund ihrer fehlenden Lebenserfahrung das Verhalten der Erwachsenen zumeist nicht einschätzen. Zudem will ihre Seele vor allem in jungen Jahren den inneren Erwachsenen in sich ausbilden und die nächsten Anverwandten sind Vorbild und oft absoluter Maßstab.

Kafkas Kurzgeschichte Heimkehr zeigt beispielhaft auf, welche Auswirkungen solches Erwachsenenverhalten hat und wie fatal die Folgen sind. Hier zunächst die Kurzgeschichte selbst:

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Als brutal empfinde ich die innere Wirklichkeit des Sohnes, wie sie sich ausgebildet hat. In seinem Verhalten spiegelt sich die Distanz des Vaters zu ihm. Er, der Sohn, verhält sich nun genauso. Er traut sich nicht heran, wagt nicht zu klopfen, mehrfach taucht das von der Ferne auf.
Das ist schon schlimm genug.
Das Schlimmste aber kommt zum Schluss:
Sein Inneres nimmt wahr, dass die in der Küche Sitzenden, vermutlich seine Eltern, ein Geheimnis haben, ein Geheimnis vor ihm haben, das sie wahren wollen. 
Was er als Geheimnis wertet, ist die Kälte seiner Eltern, die ihn nicht an sie herankommen lässt.
Nun aber finden wir, was in vergleichbarer Weise auch in meinem einleitend geschilderten Erlebnis zum Ausdruck kommt:
Auf einmal übernimmt der Sohn und redet von seinem eigenen Geheimnis. 
Und mit welcher Selbstverständlichkeit er das tut!
Wie er auf einmal sich das Verhalten der Eltern zu eigen macht ... dass er sich womöglich genauso verhalten könnte mit seinem Geheimnis, das eben das vermachte Geheimnis der Eltern ist.
Gewiss gibt es da einen Konjunktiv II, das wäre - aber jeder spürt, er, der Konjunktiv II transportiert hier keine Nicht-Wirklichkeit, sondern ziemlich sicher eine zukünftige Realität des Sohnes.

Eine Schuld der Eltern, von der ich in der Überschrift gesprochen habe, ist es nur, wenn sie ein Bewusstsein ihres Verhaltens haben und es dennoch weitergeben. Ansonsten ist es ihr Erbe. 
Das seelische ist ja viel lebensbestimmender als das materielle.

Kein Kind, das vertrauensvoll sich seinen Eltern und dem Leben anvertrauen konnte, hat ein Geheimnis vor ihnen. Gewiss muss auch ein erwachsen werdendes Kind seinen Eltern nicht alles gesagt haben, schließlich wird es erwachsen und entscheidet selbst, was es sagt und was nicht. Zudem gibt es schließlich oft einen Lebenspartner, dem man alles anvertraut ... wenn es gut geht.
Nur hier ist offensichtlich: Dieser Sohn hat ein Geheimnis, das dem der Eltern korrespondiert. Nie steht für ihn zur Debatte, ob er es wirklich hat. Er hat es, weil seine Eltern ihm ihr Geheimnis ständig vorleben, jene Kälte, hinter der keine Wärme kommt, jene Kälte, die man besser nicht durchbricht, weil dort nichts ist, sich auch im Leben der Eltern nicht bilden konnte; schließlich sind auch sie nur ein Opfer ihrer Eltern, wie diese selbst ...
Das ist das Traumatische, dass Kinder etwas übernehmen, für das sie nicht verantwortlich sind.

Irgendjemand muss es ihnen sagen oder: Mögen sie es selbst erkennen.
Heute besteht dazu eher die Möglichkeit als früher.

Kafka allerdings ist an Elternkälte recht früh gestorben.
Immer wieder ziehen in Märchen die Helden aus, um z.B. den Vater, den inneren Vater zu heilen, denken wir an das Märchen vom Wasser des Lebens. Nicht immer gelingt das aufs Erste. Tröstlich aber, dass uns die Märchen sagen: Auf Dauer wird alles gut.

Einen weiteren Aspekt zu Kafkas Heimkehr: hier

Freitag, 29. Juli 2011

Mama, warum hasst Du mich so sehr? Über die schwarze Seite der Großen Mutter. – Fast eine Familienaufstellung in Markus Zusaks "Der Joker"

Gut, ich habe keine sonderlich glückliche Kindheit gehabt. Vielleicht liegt es daran, dass ich skeptisch bin, wenn jemand mir sagt, er habe eine glückliche gehabt und seine Eltern seien lieb zu ihm gewesen. Bei manchen Menschen kommt das so einschränkungslos rüber, dass diese Einschätzung schon ihren Grund haben mag ... 
Auch in meiner Familie, unter uns Geschwistern, ist die Sichtweise auf meine Eltern und unsere Ursprungsfamliie durchaus unterschiedlich. 
Sie hängt schlicht und ergreifend mit der Position zusammen, die jedes Kind im Rahmen der Familie einnahm und - wenn sie nicht aufgedeckt, angesprochen und bearbeitet wird - einnimmt mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Leben.
Hat ein Kind eine privilegierte Position, dann wird es zu einem anderen Urteil kommen als ein Geschwister, dass seinen ihm zustehenden Anteil im Rahmen der Familie nie bekommen hat und im Leben womöglich aus scheinbar unerfindlichen Gründen immer der Loser sein wird. Die Wurzeln aber liegen in der Usprungsfamilie: Hier liegen die Gründe, warum das eine Kind Professor wird, das andere kaufmännischer Angestellter, warum der eine zum Drogenabhängigen wird, der andere zu jemandem, der eine Familie gründet und gar nicht verstehen kann, wie jemand aus der eigenen Familie so abgleiten kann. Wo doch die Familie so intakt war.
Sie war es eben nur für ihn! Und das auch nur an der Oberfläche.
Wenn  man eine Familienaufstellung macht (wer dieses Verfahren nicht kennt, Video auf dieser Seite anschauen), kommt in aller Regel heraus, wo man selbst im Rahmen seiner Familie steht und ob Vater und Mutter einen z.B. anschauen oder nicht. Und wen sie anschauen. Vielleicht ist es sogar so, dass der Vater oder die Mutter verdeckt sind durch Geschwister, dass also jemand zwischen den Eltern und einem selbst steht ... jede Familie hat ja ihre eigene Charakteristik. Und niemand möge annehmen, die Wirkung der Familienstruktur lasse mit dem Tod der Eltern nach. Im Gegenteil. (Vorsicht nur bei der Auswahl des Familienaufstellers: Da dilettieren mittlerweile ziemlich viele verantwortungslos herum).

Ein weiterer Punkt, was die Beurteilung der Familie betrifft, ist einfach, dass Glück und Liebe relativ sind. Was für den einen schon Liebe ist, es es für einen anderen noch lange nicht. Und genauso verhält es sich mit Glück. 
Als Kinder übernehmen wir, was unsere Eltern als Liebe definieren, und sei diese Definition auch reduziert.
Im Folgenden zitiere ich eine Passage aus oben erwähntem Buch, über das ich an anderer Stelle etwas ausführlicher informiert habe.
Ed Kennedy wird von einem ihm Unbekannten angehalten, sich der Lösung von Aufgaben zu stellen, Botschaften zu überbringen, die er mittels Karten, Assen genauer gesagt, erhält. Insgesamt wird er vier Asse erhalten und dann noch die Joker-Karte. Manchmal muss er der Botschaft zuliebe gewaltige Prügel einstecken, manchesmal erlebt er unglaublich Schönes.
In der folgenden Szene hat er eine Aufgabe zu lösen, eine Botschaft zu überbringen, aber er weiß nicht an wen, er weiß nur, dass sie mit einer Kneipe, dem Melusso´s zusammenhängt. 
Nachdem er seinen baufälligen und furchtbar stinkenden Hund namens Türsteher versorgt hat - mit ihm unterhält er sich immer per Gedankensprache - macht er sich auf den Weg.
Der folgende Buchausschnitt stammt aus Teil III "Schwere Zeiten für Ed Kennedy"; seine Aufgaben erhielt er auf einem Pik Ass; wir befinden uns im Rahmen der zweiten Aufgabe des Pik Ass:

 Ich betrete das Restaurant, den allumfassenden Duft und die Wärme von Spagettisoße, Pasta und Knoblauch. Ich halte die Augen offen, ob mir irgendjemand folgt, aber ich habe keinen Menschen bemerkt, der auch nur das mindeste Interesse an mir gezeigt hätte. Nur Leute, die tun, was sie zu tun gewohnt sind.
Sich unterhalten. Falsch parken.
Fluchen. Ihren Kindern sagen, dass sie sich beeilen und aufhören sollen zu heulen.
Solche Sachen.
Im Restaurant bitte ich die Kellnerin, mir einen Tisch in der dunkelsten Ecke zu geben.
»Da drüben?«, fragt sie entgeistert »Neben der Küche?«
»Ja, bitte.«
»Da wollte noch niemand freiwillig sitzen«, erklärt sie. »Sind Sie ganz sicher?«
»Ganz sicher.«
Was für ein sonderbarer Kerl, denkt sie zweifellos, aber sie führt mich zu dem Tisch.
»Weinkarte?«
»Wie bitte?«
»Möchten Sie einen Wein trinken?«
»Nein, danke.«
Sie fegt die Weinkarte vom Tisch und nennt mir die Empfehlungen des Hauses. Ich bestelle Spagetti Bolognese und Lasagne.
»Erwarten Sie noch jemanden?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein.«
»Sie wollen beide Gerichte essen?«
»Oh, nein«, antworte ich. »Die Lasagne ist für meinen Hund. Ich habe versprochen, dass ich ihm etwas mitbringe.«
Diesmal bedenkt sie mich mit einem Blick, der sagt: »Was für ein erbärmlicher, einsamer Kerl«, was völlig verständlich ist, nehme ich an. Aber sie sagt: »Ich bringe Ihnen die Lasagne, bevor Sie gehen, einverstanden?«
»Ja, danke.«
»Möchten Sie etwas trinken?«
»Nein, danke.«
Ich trinke nie etwas in einem Restaurant, denn ein Getränk kriege ich überall. Aber kochen kann ich nicht und nur deshalb gehe ich überhaupt in Restaurants.
Sie geht weg und ich schaue mich um. Die Hälfte der Tische ist besetzt. Menschen schlagen sich die Bäuche voll, andere trinken Wein, während sich ein junges Pärchen über den Tisch hinweg küsst und sich gegenseitig mit Nudeln füttert. Die einzig interessante Person ist ein Mann, der an derselben Wand sitzt wie ich. Er wartet auf jemanden, trinkt Wein, isst aber nichts. Er trägt einen Anzug und hat sein welliges silberschwarzes Haar glatt zurückgekämmt.
Kurz darauf kommt die Spagetti Bolognese und gleichzeitig die volle Bedeutung dessen, warum ich hier bin.
Ich hätte mich beinahe verschluckt, als die Begleitung des Mannes an den Tisch tritt. Er steht auf, küsst sie und legt ihr die Hände auf die Hüften.
Die Frau ist Beverly Anne Kennedy.
Bev Kennedy.
Auch bekannt als meine Mutter.
Oh, Scheiße, denke ich und ziehe den Kopf ein.
Aus irgendeinem Grund fühle ich mich, als müsste ich mich gleich übergeben.
Meine Mutter trägt ein schmeichelndes Kleid. Es ist dunkelblau und glänzend. Die Farbe erinnert mich an eine stürmische Nacht. Graziös setzt sie sich hin. Ihr Haar rahmt ihr Gesicht weich ein.
Kurz gesagt: Dies ist das erste Mal, dass sie in meinen Augen tatsächlich wie eine Frau aussieht. Normalerweise ist sie lediglich meine kratzbürstige Mutter, die mich beschimpft und mich einen nutzlosen Versager nennt. Heute Abend aber trägt sie Ohrringe und ihr dunkles Gesicht und die braunen Augen lächeln. Sie zeigt ein paar Falten, wenn sie lächelt, aber ja, sie sieht glücklich aus.
Sie wirkt glücklich als Frau.
Der Mann ist ein echter Gentleman, schenkt ihr Wein ein und fragt sie, was sie essen möchte. Sie unterhalten sich mit offenkundigem Vergnügen und einer gewissen Gelassenheit. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Ehrlich gesagt versuche ich es auch gar nicht.
Ich denke an meinen Vater.
Ich denke an ihn und bin sofort niedergeschlagen.
Frag mich nicht, warum, aber ich habe den Eindruck, dass er etwas Besseres verdient hat.
Natürlich war er ein Säufer, besonders gegen Ende seines Lebens, aber er war so freundlich, so großzügig und sanft. Ich schaue in meine Spagettisoße und sehe sein Gesicht vor mir, sein kurzes schwarzes Haar und seine fast farblosen Augen. Er war ziemlich groß, und wenn er zur Arbeit ging, trug er immer ein Flanellhemd und hatte eine Zigarette im Mundwinkel. Zu Hause rauchte er nie. Nicht im Haus jedenfalls. Auch er war ein Gentleman, trotz allem.
Ich denke auch daran, wie er, nachdem die Kneipe zugemacht hatte, durch die Haustür getorkelt kam und sich aufs Sofa fallen ließ.
Natürlich brüllte meine Mutter ihn an, aber es nutzte nichts.
Sie piesackte ihn sowieso jeden Tag. Er arbeitete sich den Hintern wund, aber es war nie genug für sie. Erinnerst du dich noch an die Sache mit dem Beistelltisch? Mit so etwas musste sich mein Vater jeden Tag herumschlagen.
Als wir jünger waren, hat er oft Ausflüge mit uns Kindern unternommen, zum Nationalpark, an den Strand und zu einem etwas weiter entfernten Spielplatz mit einem riesigen Raumschiff aus Metall. Nicht so wie die Spielplätze, auf denen die armen Kinder heutzutage spielen müssen - überall nur Plastik, zum Kotzen. Er unternahm viel mit uns und schaute schweigend zu, wie wir spielten. Manchmal blickten wir zu ihm, und dann saß er da, rauchte zufrieden und träumte vor sich hin. Die erste Erinnerung meines Lebens ist meine Wenigkeit im Alter von vier Jahren, wie ich auf Gregor Kennedv, meinem Vater, Huckepack ritt. Damals war die Welt noch nicht so groß und ich konnte alles sehen. Damals war mein Vater ein Held und kein Mensch.
Jetzt sitze ich hier und frage mich, was ich als Nächstes tun muss.
Meine erste Tat ist der Entschluss, meinen Teller nicht leer zu essen. Ich beobachte meine Mutter und ihren Begleiter. Es ist nicht zu übersehen, dass die beiden nicht zum ersten Mal hier sind. Die Kellnerin kennt sie und bleibt kurz an ihrem Tisch stehen, um ein paar Worte zu wechseln. Sie fühlen sich wohl in der Gesellschaft des anderen. Ich will bitter sein und zornig, aber ich bremse mich noch rechtzeitig. Was für einen Sinn hätte das? Immerhin ist sie ein Mensch und hat das Recht, glücklich zu sein, genauso wie jeder andere.
Erst ein paar Minuten später begreife ich meinen ersten Impuls, ihr das offensichtliche Glück zu neiden.
Es hat nichts mit meinem Vater zu tun.
Es hat mit mir zu tun.
In einem plötzlichen Anfall von Übelkeit erkenne ich den absoluten Horror der Situation:
Da sitzt meine Mutter, etwas über fünfzig Jahre alt, und flirtet ungeniert mit irgendeinem Typen - und hier sitze ich, in der Blüte meiner Jugend, ganz und gar allein.
Ich schüttele den Kopf.
Über mich selbst.
Pik 10 Sturm auf der Veranda
Die Kellnerin räumt die restlichen Spagetti ab und bringt die Lasagne des Türstehers in einer billigen Aluschale. Er wird sich darüber vermutlich sehr freuen.
Ich husche zum Tresen und bezahle, schaue mich noch einmal nach meiner Mutter und dem Mann um, vorsichtig, um nicht gesehen zu werden. Aber sie ist völlig in ihn versunken. Sie starrt ihn an und lauscht seinen Worten mit einer solchen Intensität, dass ich mir keinerlei Mühe mehr gebe, meine Anwesenheit zu verbergen. Ich bezahle und verlasse das Restaurant, gehe aber nicht heim.
Ich laufe zum Haus meiner Mutter und warte auf der Veranda.
Das Haus riecht nach meiner Kindheit. Ich kann riechen, wie der Duft unter der Tür nach draußen kriecht, während ich auf dem kühlen Betonboden hocke.
Die Nacht funkelt vor Sternen. Ich lege mich auf den Rücken und schaue hinauf, verliere mich dort oben. Ich habe das Gefühl, als würde ich fallen, aber nach oben, hinein in den Abgrund des Himmels über mir.
Das Nächste, was ich fühle, ist ein Fuß, der mich anstupst.
Ich wache auf und richte meine Augen auf das Gesicht, das zu dem Fuß gehört.
»Was willst du denn hier?«, fragt sie.
So ist meine Mutter.
Die Freundlichkeit in Person.
Ich stütze mich auf den Ellbogen auf und beschließe, nicht um den heißen Brei herumzureden.
»Ich wollte dich fragen, ob du dich im Melusso's gut amüsiert hast.«
Ein Ausdruck der Überraschung fällt ihr aus dem Gesicht, obwohl sie versucht, ihn aufzuhalten. Er löst sich und erst dann bekommt sie ihn zu fassen und dreht ihn hin und her. »Es war sehr nett«, sagt sie, aber ich merke, dass sie versucht, Zeit zu gewinnen, um sich ihre Argumente zurechtzulegen. »Eine Frau muss leben.«
Ich setze mich auf. »Na klar.«
Sie zuckt mit den Schultern. »Ist das der einzige Grund, warum du hier bist - um mir vorzuhalten, dass ich mit einem Mann zum Essen verabredet war? Ich habe Bedürfnisse, weißt du?« 
Bedürfnisse.
Hör sie dir an.
Sie geht an mir vorbei zur Tür und steckt den Schlüssel ins Schloss. »Also, Ed, wenn du nichts dagegen hast - ich bin sehr müde.«
Jetzt.
Der Moment.
Beinahe hätte ich gekniffen, aber heute Abend stehe ich auf. Ich weiß ganz genau, dass ich der einzige Spross dieser Frau bin, den sie in einer solchen Situation nicht ins Haus bitten wird. Wenn meine Schwestern hier wären, würde sie jetzt schon Kaffee kochen. Wenn es Tommy wäre, würde sie ihn fragen, ob ihn seine Professoren an der Universität gut behandeln, und ihm eine Cola und ein Stück Kuchen anbieten.
Aber an mir, Ed Kennedy, ganz genauso ihr Fleisch und Blut wie ihre anderen Kinder, geht sie vorbei. Mir verweigert sie die Freundlichkeit, mich bittet sie nicht herein. Ich wünsche mir, dass sie nur ein einziges Mal ein kleines bisschen liebenswürdig zu mir ist.
Die Tür hat sich schon fast geschlossen, da halte ich sie mit der Hand auf.
Es erklingt ein Geräusch, als ob jemand eine Ohrfeige bekommen hätte.
Ihr Gesicht wird hart.
Ich spreche, deutlich und unmissverständlich.
»Ma?«, sage ich.
»Was?«
»Warum hasst du mich so sehr?«
Jetzt schaut sie mich an, diese Frau, während ich mich bemühe, dass meine Augen mich nicht verraten.
Tonlos, ohne Umschweife, antwortet sie mir.
»Weil du mich so sehr an ihn erinnerst, Ed.«
Ihn?
Dann begreife ich.
Ihn - an meinen Vater.
Sie geht ins Haus und die Tür schlägt zu.
Ich war gezwungen, einen Mann zu den Klippen zu bringen und so zu tun, als wollte ich ihn umbringen. Zwei Schläger haben in meiner Küche Pasteten gegessen und mich grün und blau geprügelt. Und ich musste mich von ein paar aufgebrachten Teenagern vermöbeln lassen.
Doch dies ist meine dunkelste Stunde.
Da stehe ich.
Verletzt.
Auf der Veranda meiner Mutter.
Der Himmel öffnet sich, fällt auseinander.
Ich möchte mit meinen Händen und meinen Füßen gegen die Tür hämmern.
Ich tue es nicht.
Ich sinke nur auf die Knie, gefällt, niedergemäht von der Brutalität ihrer Worte. Ich versuche, etwas Gutes darin zu sehen, denn ich habe meinen Vater geliebt. Abgesehen von seinem Alkoholproblem glaube ich nicht, dass es eine Schande ist, ihm ähnlich zu sein.
Warum fühle ich mich dann so schrecklich?
Ich rühre mich nicht.
Im Gegenteil - ich schwöre mir, dass ich diese beschissene Veranda nicht verlassen werde, bis ich die Antworten bekommen habe, die mir zustehen. Ich werde hier schlafen, wenn es sein muss, und morgen den ganzen Tag in der sengenden Hitze hier warten. Ich stehe auf und rufe.
»Ich gehe nicht weg, Ma!« Noch einmal. »Hörst du mich? Ich gehe nicht weg.«
Nach etwa einer Viertelstunde wird die Tür aufgezogen, aber ich schaue meine Mutter nicht an. Ich drehe mich um und spreche die Straße an, sage: »Du behandelst die anderen so gut - Leigh, Kath und Tommy. Es ist, als ob...« Ich lasse nicht zu, dass ich schwach werde. Ich halte mich zurück. »Aber mir gegenüber benimmst du dich so, als würdest du mich nicht im Mindesten respektieren. Dabei bin ich derjenige, der hier ist.« Jetzt schaue ich sie an. »Ich bin hier, wenn du etwas brauchst. Und jedes Mal wenn du mich um etwas bittest, tue ich es, oder etwa nicht?«
Sie nickt. »Ja, Ed.« Im nächsten Moment stürzt sie sich wie ein Habicht auf mich. Sie greift mich mit ihrer Version der Wahrheit an. Die Worte schneiden mir so messerscharf in die Ohren, dass ich fast erwarte, es müsse Blut aus ihnen hervorquellen. »Ja, du bist hier und genau das ist der Punkt!« Sie breitet die Arme aus. »Schau dir dieses Dreckloch an! Das Haus, die Stadt, einfach alles.« Ihre Stimme ist dunkel. »Und was deinen Vater angeht - er hat mir versprochen, dass wir eines Tages von hier weggehen würden. Er hat mir versprochen, dass wir packen und wegziehen würden, und schau dir an, wo wir sind, Ed. Wir sind immer noch hier. Ich bin hier. Du bist hier und genau wie bei deinem alten Herrn kommt von dir auch nur leeres Geschwätz. Nur Worte, keine Taten. Du...« Giftig deutet sie mit dem Finger auf mich. »Du könntest genauso viel erreichen wie die anderen. Sogar so viel wie Tommy... Aber du bist immer noch hier und du wirst auch in fünfzig Jahren noch hier sein.« Sie klingt so kalt. »Und du wirst nichts aus dir gemacht haben.«
Die Stimme verklingt zu Schweigen.
Sie bricht es wieder. »Ich will doch nur«, sagt sie, »dass du dein Leben nicht vergeudest.« Langsam kommt sie auf die Stufen zu und sagt: »Ich möchte, dass dir etwas klar wird, Ed.«
»Was?«
Ganz vorsichtig schiebt sie den Satz aus ihrem Mund. »Ob du es glaubst oder nicht - es bedarf einer Menge Liebe, um jemanden so zu hassen.«
Ich versuche zu begreifen.
Sie steht immer noch auf der Veranda, als ich hinunter in den Vorgarten gehe. Ich drehe mich um.
Mein Gott, ist das dunkel.
So dunkel wie das Pik-Ass.
»Hast du dich schon mit diesem Mann getroffen, als Dad noch am Leben war?«, will ich von ihr wissen.
Sie schaut mich an, wünscht sich, dass sie es nicht tun müsste, und obwohl sie nichts sagt, weiß ich es. Ich weiß, dass sie nicht nur meinen Vater hasst, sondern auch sich selbst. Und dann wird mir bewusst, dass sie sich irrt.
Es ist nicht die Stadt, denke ich. Es sind die Menschen.
Wir wären dieselben, egal wo wir uns befänden.
Wieder spreche ich. Eine letzte Frage.
»Hat Dad es gewusst?«
Langes Schweigen.
Ein Schweigen, das tötet, bis meine Mutter sich abwendet und weint. Die Nacht ist so tiefschwarz, dass ich mich frage, ob die Sonne jemals wieder aufgeht.

Diese Passage enthält unglaublich viel, und keine Frage: Ed Kennedy erfährt sehr viel, was für ihn wertvoll ist.
Ganz offensichtlich ist, welche Rolle, welche Position er in der Familie einnimmt. Ihm selbst ist klar, dass seine Mutter seine Geschwister Tommy und Kathie ganz anders behandelt.
Diese Position allerdings müsste er noch viel klarer sehen, um deren ganzes Ausmaß zu erkennen, warum zum Beispiel nämlich seine Geschwister erfolgreich sind und nicht von ungefähr das Weite gesucht haben und er Taxifahrer ist in einem Betrieb, in dem der Chef so mit ihm umgeht, wie es sonst nur seine Mutter mit ihm tut, und warum er noch in der Nähe der Mutter wohnt.
Jede Familie hat ein bestimmtes Maß an Familienenergie, die auch mit der Kraft der Ahnen zusammenhängt, die hinter Vater und Mutter, Oma und Opa väterlicher- und mütterlicherseits stehen. Die Bibel noch wusste um die Bedeutung dieser Familienenergie, deshalb werden im Alten Testament so ausführlich und recht oft Stammbäume aufgelistet.
Das kommt nicht von ungefähr; dahinter steht das Bewusstsein der Lebensweisheit, dass Familien und Stammbäume sehr viel zu vergeben haben, sehr viel Lebensenergie. 
Ist Ed sich zudem klar über die Bedeutung dessen, wie seine Mutter ihn weckt? – Mit dem Fuß?! Eine Mutter stupst ihr Kind nicht mit dem Fuß wach. Es ist derselbe Fuß, der verbal ständig zutritt. Es scheint nicht so, dass Ed Kennedy sich dessen bewusst ist, wohl aber glaubt man zu spüren, dass er auf dem Weg zur Wahrheit ist.
Die Frage darf dennoch gestellt werden: Bringt diese Stelle ihn entscheidend weiter?
Aus noch anderen Gründen: Nein! – Um es genauer zu formulieren: Noch nicht.
Zu sehr darf die Mutter bleiben, wie sie ist.
Zu sehr bleibt ihre Kosmetik bestehen, etwas in ihrer Aussage: "Es bedarf einer Menge Liebe, um jemanden so zu hassen."
Das klingt gut, so ein Satz, ja, ist er - psychologisch gesehen - nicht sogar wahr?
Ja, so raffiniert sind solche Antworten, dass man denkt: Vielleicht  hat sie doch einen guten Kern! Tut sie nicht doch im Grunde alles aus Liebe?
Und schon ist man im Seichten, da, wo die Mutter ihren Ed haben will.
Die Wahrheit aber ist:
Diese Antwort ist im Grunde eine Verhöhnung ihres Sohnes.
Genauso wie ihre Aussage: "Ich will doch nur, dass du dein Leben nicht vergeudest."
Darum geht es ihr nicht im Geringsten.
Dazu braucht man das Buch nicht zu lesen, um das zu wissen. Denn das ist elterliche Strategie, dass sie ihre schrecklichen Programme hinter solchen Floskeln verstecken.
Ich will doch nur Dein Bestes.
Das ist meistens eine der größten Lügen, die Eltern aussprechen. Meistens muss man nämlich nur die Methoden anschauen, mit der sie dieses Beste durchsetzen wollen, um zu wissen, dass sie etwas durchsetzen, zu was sie ihr Inneres verdonnert.
So, wie mit ihnen umgegangen worden ist, so gehen sie in der Regel auch mit ihrem Kind um: Ich will doch nur dein Bestes!
Klar geht es nicht darum, ob Eltern böse sind. Das sind sie nicht. Sie geben weiter, wie mit ihnen umgegangen wurde, manchmal kaschieren sie es. Früher schlug man als Elternteil viel eher zu; heute ist das nicht mehr "in"; man schlägt keine Kinder - äußerlich. Effektiver kann man sie innerlich schlagen. Und das ist noch gemeiner, weil solche Schläge oft nicht als Gewalt enttarnt werden.
Doch auch hier geht es nicht um gut und böse. Auch meine Eltern gaben ihr "Bestes".
So viel "Bestes", dass ich alle Mühe habe, es zum Guten zu wenden ...
In der Buch-Szene steht Ed Kennedy auf. Auch das ist ein symbolischer Akt, und das Gute ist, Ed ist sich dessen bewusst. Er lässt sich nicht einfach rauswerfen.
Man muss sich das vorstellen: Diese Mutter wirft ihren Sohn raus. Sie wirft ihn so raus, wie sie ihn lieblos ins Leben geworfen hat, als der den Mutterleib verließ.
Solch eine Mutter wirft ihr Kind in das Dunkel des Lebens. Nicht, dass das Leben per se dunkel ist. Keineswegs. Aber für solche Kinder wie für Ed ist es das. Es ist so dunkel wie das Innere dieser Mutter.
Den Archetypus der Großen Mutter kennen wir aus der Psychologie. Und diese Große Mutter hat eine lichte, aber auch eine sehr dunkle Seite. Der leider viel zu früh verstorbene Arzt und Psychiater Erich Neumann hat ihre Wandlungsseiten in seinen Büchern vielfach aufgezeigt, u.a. in "Die Große Mutter. Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten". Jede Frau nun nimmt an diesen Seiten mehr oder weniger Anteil. Manche Frauen und Mütter haben sehr viel Lichtes, manche allerdings auch sehr viel Dunkles. Eds Mutter ist eine von ihnen.
Markus Zusak bringt das zum Ausdruck, indem er die Nacht tiefschwarz sein lässt.
Ed spürt diese Schwärze, und das ist gut so. Aus dieser Schwärze kommt kein Ton. Aus diesen Schwarzen Löchern kommt kein Licht. 

Ed beginnt NEIN zu sagen zu dieser Schwärze. Dadurch kann ihm immer mehr bewusst werden.
Deutlich wird dies am nächsten Weihnachtsfest, als sich die Familie bei der Mutter trifft. Da nimmt Ed Bezug auf die bereits oben zitierte Aussage der Mutter:

»Schau dir dieses Dreckloch an! Das Haus, die Stadt, einfach alles.« Ihre Stimme ist dunkel. »Und was deinen Vater angeht - er hat mir versprochen, dass wir eines Tages von hier weggehen würden. Er hat mir versprochen, dass wir packen und wegziehen würden, und schau dir an, wo wir sind, Ed. Wir sind immer noch hier. Ich bin hier. Du bist hier und genau wie bei deinem alten Herrn kommt von dir auch nur leeres Geschwätz. Nur Worte, keine Taten. Du...« Giftig deutet sie mit dem Finger auf mich. »Du könntest genauso viel erreichen wie die anderen. Sogar so viel wie Tommy... Aber du bist immer noch hier und du wirst auch in fünfzig Jahren noch hier sein.« Sie klingt so kalt. »Und du wirst nichts aus dir gemacht haben.«

Er enttarnt die dunkle Magie der Mutterworte, indem er sagt, als er die Weihnachtsfeier verlässt:
»Wenn du hier weggegangen wärst, wärst du trotzdem überall dieselbe Person gewesen.«

Und der Ich-Erzähler, also Ed, lässt uns weiter teilhaben: 
Das ist eigentlich genug der Wahrheit, aber ich kann nicht schweigen. »Wenn ich jemals hier weggehen sollte ...« – ich muss schlucken – »dann werde ich dafür sorgen, dass ich zuerst hier ein besserer Mensch geworden bin.«
»Okay, Ed.« Sie ist verblüfft und ich empfinde Mitgefühl für diese Frau auf dieser Veranda in dieser armseligen Straße in dieser gewöhnlichen Stadt. »Hört sich gut an.«
»Bis bald, Ma.«
Ich bin weg.
Das musste mal gesagt werden.


Ed ist gewiss auf einem richtigen Weg, doch ich hoffe, dass er die wirkliche Gerissenheit  der dunklen Mutter durchschaut; Mitleid mit dieser Mutter ist nicht angebracht. Noch lange, lange nicht!
Dazu ist sie viel zu gerissen, um vieles gerissener, als Ed es ahnt und durchschaut; sie hat tausend Mittel, um ihren Jungen dennoch in Abhängigkeit zu halten. Denn er hat zu erfüllen, was sein Vater nicht tat: Er hat seine Mutter aus dem Dreckloch zu bringen. Er hat den Prinzen zu spielen, als der sein Vater kläglich versagte.
Und Ed hat noch ein Problem: Er idealisiert seinen Vater. 
Es hat seinen Grund, dass sein Vater sich in diese Situation mit dieser Frau manövrierte.
Und wie seine Mutter auch ihre lichten Seiten hat, so hat sein Vater dunkle, vielleicht mehr, als Ed zu entdecken bereit ist. Es sind schließlich die, die auch er übernommen hat.


Dieses Buch zeigt am Schluss eine wunderbare Lösung auf, wie Ed sich befreien kann, wie er zum Autor seines Lebens wird.
Als Leser nehmen wir teil an dieser Entwicklung.
Dieses Buch - zu Recht erhielt es zahlreiche Preise, unter anderen den bedeutenden Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 - ist eines der wenigen, das ich kenne, das Hoffnung macht. Es verweist am Schluss in einer nicht ganz leicht zu decodierenden Passage den Leser darauf, doch selbst Autor seines Lebens zu sein
Deshalb ist es unendlich wertvoll.


Ein weiterer Post zu Der Joker:
Kann man sich in ein Buch verlieben? – Man kann! – 
Eine meiner Lieblingsszenen aus Markus Zusaks Der Joker