In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Samstag, 25. Mai 2013

Wenn die Scham kommt, geht die Freude. - Jede Familie hat ihre eigenen Schamgesetze!


Vor vielen Jahren sitze ich mit meiner Tochter auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Decke und wir spielen und balgen; meine Tochter kräht vor Freude, Bälle und Gegenstände fliegen durch die Luft und plötzlich höre ich mich sagen: >Komm, wir hören auf, sonst passiert noch was<.
Dieser Satz verblüffte mich total, denn es war ein Satz aus dem Repertoire meiner Mutter: Immer, wenn ich mit meiner eineinhalb Jahre älteren Schwester als Kind richtig herumtollte, kam dieser Satz oder ein vergleichbarer wie: >Hört auf, gleich gibt es ein Unglück!<
Heute wundert es mich nicht mehr, dass dann meistens auch etwas passierte, was unser Spiel abrupt unterbrach und meine Mutter entsprechend zetern ließ.
Wie es auch immer ausging: Dieser Satz bedeutete das Ende der Freude.

An anderer Stelle habe ich schon kurz über das Elternhaus meiner Mutter geschrieben; dort gab es keine Ausgelassenheit, keine Freude, die auch einmal überborden durfte …
Warum sollte Freude nicht auch überborden dürfen …
Wie oft schlägt die Gicht des Meeres über die Balustraden und an den Gesteinen der Ufer hoch: auch ein Meer freut sich … so freut sich auch die Seele …
Meiner Mutter war es nicht möglich, die ausgelassene Freude ihrer Kinder zu ertragen; zu groß war der Schmerz, dass diese Freude für sie immer ein Tabu gewesen war; wer sich in ihrem Elternhaus getraut hätte, sie zu zeigen, hätte sich - in übertragenem Sinne oder real - in die Ecke stellen müssen; doch die familiäre Atmosphäre sorgte schon immer dafür, dass in diese Verlegenheit keines der 10 Familienmitglieder kam
Diesen Schmerz, keine Freude leben zu dürfen, muss die Seele wegsperren - nur gebremste Freude leben zu dürfen ist unerträglich; so wird dieses Bewusstsein weggesperrt, wird zu einer dunklen Seite des inneren Kindes, die sich in den unterschiedlichsten Formen beim Erwachsenen aktivieren kann, wenn sie ausgelöst wird; bei meiner Mutter wurde sie durch die eigenen KInder ausgelöst.
Sie konnte nicht anders, als deren überbordende Freude zu stornieren.
Alles andere war für ihr verletztes inneres Kind unerträglich.
Eigentlich unfassbar, dass die Freude der eigenen Kinder unerträglich ist; aber der familiäre Hintergrund meiner Mutter macht es verständlich.

Immer wieder aktivieren reale Kinder dunkle Seiten unseres inneren Kindes; deshalb ist dieses Wissen gerade für Lehrer so wichtig.
Da in dem Elternhaus meiner Mutter und entsprechend auch in meinem eigenen eine sehr traditionelle Religiosität gepflegt wurde, hatte Ausgelassenheit auch etwas Verruchtes an sich.

Damals wurde mir schlagartig bewusst, dass ich im Moment dabei war, dieses Scham-Muster an meine Tochter weiterzugeben: Freude, die an Scham gekoppelt und damit aussätzig war.
Wie die Pest!

Als ich mich mit dem Buch Bradshaws über die Scham auseinandersetzte, wurde mir bewusst, dass diese Thematik viel umfassender ist, als ich geahnt hatte, denn Freude gibt es ja nicht nur im Spiel, sondern: es gibt die Spielfreude, es gibt aber auch die Lebensfreude …
Auch Lebensfreude kann storniert werden - durch die Eltern!
Spätestens da wird das Thema existentiell …

Noch ein Nachtrag:
Jede Familie hat ihre eigenen Schamregularien und –gesetze.
Wenn zwei Menschen nun zusammenfinden, treffen auch die Regelsysteme zweier Familien zusammen. Das kann im Bereich der Scham bedeuten, dass sich recht einverständig geschämt wird, weil die Regeln relativ deckungsgleich sind … es muss aber nicht sein … dann gibt´s Probleme.
Nicht selten mag es so sein, dass nicht die Liebe scheitert, sondern dass sich die Scham-Systeme als nicht kompatibel erweisen … aber das ist ein anderes Thema … wie sagte Herr von Briest in Theodor Fontanes Roman Effi Briest, dessen Tochter u.a. an diesem Problem zugrundeging: "Ein weites Feld". 
Deshalb lebte diese Familie auch das "kleine Glück", die kleine Freude. 
Für die Tochter hatte dieses "kleine Glück" zu wenig Lebensenergie; sie starb zu früh. 
Sie trug die 
Scham
 auch ihrer Eltern mit.

Und noch eine Anmerkung:
Ich glaube, dass Mütter unbewusst (oder manchmal sogar bewusst) tatsächlich einen Wohnzimmer-Unfall energetisch inszenieren können.
Für den ein oder anderen mag das übertrieben sein, esoterisch (gemeint in einem abfälligen Sinn).
Aber man frage sich mal, warum jemand - ggf. immer wieder - "zufällig" das Messer mit offener Schneide zum Partner hinlegt oder warum manche Menschen ihre Brille immer auf die Gläser legen. Welcher unbewusste Plan dahintersteckt, so etwas zu tun. 
Menschen sind leider manchmal viel machtvoller, als wir glauben. Jeder kennt Beispiele, wie sehr sich jemand im Beisein eines Anderen oder durch das Zusammensein mit ihm verändert ...
Zugleich aber gilt das Gegenteil: Eine Mutter kann ein wahrer Schutzmantel für ihr Kind sein.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Wir als liebevoller Bär, als weise Zauberin: Wie man sein kostbares inneres Kind wiedergewinnt!


Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mir vor vielen Jahren erzählte, dass sie sich manchmal, wenn es ihr schlecht gehe, ins Bett legt, ihr kleines Bärli nimmt und sich daran kuschelt.
Heute verstehe ich, was sie gemacht hat, im Grunde das einzig Richtige: Mit ihrem Bärli hat sie ihr verletztes inneres Kind zu sich gezogen, es angenommen und als Erwachsener getröstet.
Bei ihr geschah das sicherlich fast automatisch, dass ihr Inneres wusste, dass das augenblickliche Trauma eine alte Verletzung ihrer Kindheit aktualisiert. Meistens sind ja Verletzungen Traumen aus unserer Vergangenheit, die genau diese Verletzung wieder bluten lassen, die einst blutete.
Und Verletzungen, die an Stellen stattfinden, die schon einmal offen waren, heilen schlechter, das wissen wir.
Im Grunde war sie ja selbst dieses verletzte innere Kind. Aber indem der Erwachsene dieses innere Kind als Bärli angenommen hat, hat sie ihm auf der unbewussten Ebene den Trost gegeben, den es brauchte - und damit sich selbst in dieser Situation.
Dann mag der Schlaf gekommen sein und die Zeit hatte Zeit, Wunden zu heilen.

Heilung geschieht nur, wenn wir Gefühle annehmen und möglichst herausfinden, was da aktualisiert wurde.

Gerade wenn wir es nicht wissen, ist die Möglichkeit, sich in Briefen mit dem kleinen ... oder der kleinen Anna, Lisa oder Charlotte auszutauschen, eine unglaublich gute Möglichkeit.
Der Erwachsene kann beginnen und den kleinen Johannes bitten, ihm zu erzählen, was los war.
Oder der oder die kleine ... fangen an zu schreiben, schreiben davon, dass sie so allein sind, niemand da ist, der ...

John Bradshaw schreibt dazu in seinem Buch Das Kind in uns für die Phase des Säuglingsalters (er geht ja in der Folge auch auf die anderen Kindheitsphasen ein):
Stellen Sie sich vor, Sie, der weise, freundliche, alte Zauberer, würden ein Kind adoptieren. Stellen Sie sich vor, das Kind, daß Sie adoptieren wollten, wären Sie selbst als Säugling. Stellen Sie sich weiter vor, Sie müßten diesem Säugling einen Brief schreiben. Säuglinge können natürlich noch nicht lesen, aber glauben Sie mir, es ist trotzdem wichtig, daß Sie diesen Brief schreiben. (Schreiben Sie ihn nicht, wenn Sie das kostbare innere Kind in sich nicht wirklich zurückgewinnen wollen. Ich gehe allerdings davon aus, daß sie das wollen, denn sonst hätten Sie dieses Buch nicht gekauft.) Der Brief braucht nicht lang zu sein, ein paar Sätze genügen. Teilen Sie dem wunderbaren Kind in ihrem Inneren mit, daß Sie es lieben und daß Sie so froh sind, daß es ein Junge beziehungsweise ein Mädchen ist ... Wenn Sie den Brief geschrieben haben, lesen Sie ihn sich langsam ganz laut vor, und achten Sie dabei darauf, was Sie dabei empfinden. Es ist nicht schlimm, wenn Sie sich dabei traurig fühlen, und Sie sollten ruhig weinen, wenn Ihnen danach zumute ist.
Mein Brief sah so aus:
Lieber kleiner John,
ich bin so froh, daß Du auf die Welt gekommen bist. Ich liebe Dich und ich möchte, daß Du immer bei mir bleibst. Ich freue mich, daß Du ein Junge bist, und ich will Dir helfen, großzuwerden.
Ich wünschte mir, man würde mir die Chance geben, Dir zu zeigen, wieviel Du mir bedeutest.

Die weise Zauberin oder - wie in meinem Bild - der Erwachsene als liebevoller Bär, die wir sind, haben diese Möglichkeit. Wir müssen uns nur das Recht und uns selbst in die Pflicht nehmen, erwachsen zu sein und unser inneres Kind zu nehmen, wie es ist ... ohne Wertung.
Vergessen wir nicht, wie oft wir bewertet worden sind und wie oft uns das verletzt hat. Diese Angst dürfen wir unserem Kind nehmen.
Und uns!
Dann bekommt unser inneres Kind wieder Flügel.
Und wir!

Samstag, 10. September 2011

Kinder, auch also unser inneres KInd, glauben von Natur aus an eine höhere Macht! - Vom heiligen Tandem in uns ...

In dem, wie ich finde, besten Buch über unsere inneren Kinder, in "Das Kind in uns" von John Bradshaw, ist das 11. Kapitel dem Thema "Wie man das verletzte Kind in sich beschützt" gewidmet. Es geht darin um das "Geschenk von Zeit und Aufmerksamkeit" - ein Aspekt, der erklärt, warum Michael Endes Buch Momo so bedeutsam für die inneren Kinder seiner Leser ist, und deren innere Erwachsene -, es geht um die Kommunikation mit dem inneren Kind, um eine neue Familie, die sie gegebenenfalls ihrem inneren Kind suchen müssen, und um die Kraft und den Schutz des Gebetes.
Eine bemerkenswerte Aussage von Bradshaw finde ich, dass das innere Kind jedes Erwachsenen wissen muss, dass er als Erwachsener - als Schutzinstanz also des eigenen inneren Kindes - selbst aus einer Quelle Schutz bekommt, die seine eigene Endlichkeit, die Endlichkeit des Erwachsenen also, übersteigt.
Einem Erwachsenen, der nicht an Gott glaubt, könnte es schwer fallen, seinem inneren Kind dies zu vermitteln. Aber der springende Punkt für dieses Urvertrauen in eine Macht in uns und über uns, die uns übersteigt - Bradshaw hätte sie auch einfach Liebe nennen können - hängt eben genau mit dem eigenen Verhältnis zu Vater und Mutter zusammen. Sie sind die Instanzen in uns, die uns den Zugang zu einer höheren Macht, zur Liebe öffnen oder verschließen. Wer ein gebrochenes Verhältnis zu Vater und Mutter hat, wird nicht von vornherein Zugang zu der Bedeutung des wahren Vater oder der wahren Mutter haben, zu dem, was Ethnologen und Psychologen den Großen Vater und die Große Mutter nennen und was sich auch spiegelt in vielen Anfängen von Märchen, wenn von dem guten Vater und der guten Mutter, dem guten König und der guten Königin die Rede ist. Märchen geben ja Zeugnis davon, dass irgendwann der gute König und die gute Königin starben, eine Metapher dafür, dass uns Menschen das Bewusstsein für sie verloren ging. Nun sind wir als Märchenhelden unterwegs ...
Ich fürchte, dass vielen religiösen Menschen, die ein schwieriges Elternhaus hatten oder noch gar nicht entdeckt haben, dass dies der Fall war, nicht klar ist, dass ihrem Vertrauen in Gott die Wurzel, die Grundierung fehlt, ich formuliere vorsichtiger: fehlen könnte.
Ich spreche aus eigener Erfahrung.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Kind und Jugendlicher mit sogenannten gläubigen Menschen ergibt sich für mich der Eindruck, dass viele dieses Problem durch eine Intensivierung religiöser Gefühle überspielen.
Ein mahnendes Beispiel ist mir mein eigener Vater, der vermittelte, tief gläubig zu sein, selbst Andachtsstunden hielt, im Kirchenvorstand intensiv mitarbeitete und alles dafür tat, Menschen zu Gott zu bekehren. Lange habe ich gebraucht zu durchschauen, dass seine ständigen Hinweise auf die Liebe Gottes nur kaschieren mussten, dass er selbst für sich und seinen Jungen keine Liebe hatte. Ich vermute, dass er sich dessen bedingt bewusst war.
In hohem Alter gestand er in einer stillen Stunde, dass er Angst vor dem Sterben habe und ich bin mir sicher, dass sein wochenlanger Todeskampf so lange währte, weil er das Leben nicht loslassen konnte - aus Angst. Seitdem bin ich sehr skeptisch, wenn Menschen sagen: Ich habe keine Angst vor dem Sterben; mit 60 oder 70 Jahren hätte das mein Vater vielleicht auch gesagt.
Als er vor dem Sterben in einer Art Koma lag und ich ihn im Krankenhaus besuchte, er mich aber auf einer bewussten Ebene nicht erkannte, blieb ich einfach eine Weile bei ihm an seinem Bett sitzen. Bevor ich ging, wollte ich für ihn noch etwas Liebes tun und weil ich wusste, wie viel ihm das Vater unser bedeutete, betete ich mit ihm, besser gesagt, für ihn dieses Gebet Jesu. Ich weiß noch, dass es mich Mut kostete, nicht nur für mich, sondern öffentlich zu beten.
Es war eine Szene, die ich nie vergessen werde. In dem Raum lagen noch zwei Männer. Einer davon hatte mich bei meinem Eintritt gefragt, ob ich Besteck dabei habe oder ein Messer. Gott sei Dank hatte ich nichts davon dabei; mir kam erst später, dass er sich womöglich etwas antun wollte; sein Gesicht wirkte zerfurcht und voller tiefem Gram; seine Augen flackerten; sicherlich hatte er auch Schmerzen. Als ich zu beten begann, falteten er und der andere noch anwesende Mann die Hände, Letzterer murmelte das Gebet mit. Das Erschütterndste aber war für mich, dass mein Vater bei den Worten des Vater unser "Und vergib uns unsere Schuld" tief aufstöhnte, er, der mich auf der bewussten Ebene nicht erkannt und auf meine Ansprache nicht reagiert hatte.
Ich bin mir relativ sicher, dass die beiden anderen Männer nicht religiös waren, aber während des Vater unser war eine Atmosphäre in diesem Raum, die sich nicht beschreiben lässt. Vielleicht damit, dass ich sage: Es war in diesem Moment ein heiliger Raum. Heute glaube ich, der Raum war übervoll mit Engeln und dies, glaube ich, ist immer der Fall, wenn ein oder mehrere Menschen mit dem Herzen das Vater unser beten.
Wie auch immer der einzelne Erwachsene das anstellen mag, John Bradshaw lässt keinen Zweifel: Das innere Kind braucht das Wissen, dass es eine höhere Macht, eine höhere heilige Macht gibt. Er schreibt, an seine Leser gewandt über die Bedeutung des Gebetes für sich und sein inneres Kind, den kleinen John:
Das Gebet ist eine wunderbare Quelle des Schutzes für das verletzte Kind in Ihnen, und es wird nur zu gern gemeinsam mit Ihnen beten. Ich schließe dabei immer die Augen und stelle mir das Kind in mir vor, gleichgültig, in welchem Alter, es erscheint, Ich nehme es entweder auf den Schoß, oder wir knien beide nebeneinander und beten. Ich spreche ein erwachsenes Gebet und der kleine John ein Kindergebet. Abends betet er am liebsten: "Müde bin ich, geh zur Ruh ..." Manchmal beten wir das auch gemeinsam. Das "Memorare" ist ein Gebet, dass ich in der katholischen Grundschule gelernt habe, und wendet sich an die Mutter Gottes. Ich habe es gern, wenn meine Spiritualität weibliche Kraft enthält. Ich stelle mir Gott als eine mütterliche, zärtliche Instanz vor. Sie hält mich und wiegt mich in ihren Armen. Das gefällt auch dem kleinen John. 
Gedenke, o gebenedeite Jungfrau, daß noch nie ein Mensch, der deinen Schutz gesucht, dich um Hilfe angefleht oder um eine Fürsprache gebeten hat, nicht erhört worden ist. Ich flehe zu dir, o Jungfrau aller Jungfrauen, zu dir, meiner Mutter. Ich komme zu Dir; als Sünder und voller Kummer stehe ich vor deinem Angesicht. Weise mich nicht zurück, sondern erhöre gnädig mein Gebet. Amen 
Dem Erwachsenen in mir gefallen diese ständigen Hinweise auf die Jungfräulichkeit nicht so sehr, weil ich nicht glaube, dass Maria eine Jungfrau war. Aber das Gebet hat mir schon oft sehr geholfen. Ich habe dem kleinen John davon erzählt und er war sehr beeindruckt. Sie müssen sich selbst die Gebete aussuchen, die Ihnen und dem Kind in Ihnen helfen. Ich lege es Ihnen aber dringend ans Herz, sich selbst und ihrem verletzten inneren Kind nicht den mächtigen Schutz zu versagen, der dem Gebet entspringt.
Wirklich wirkt die tiefe Frömmigkeit John Bradshaws, selbst da, wo er von sich als eines Erwachsenen spricht, wie die eines Kindes. "Wenn ihr nicht werdet wir die Kinder ..." heißt es in der Bibel.

Bleibt noch anzumerken, dass für mich die Jungfräulichkeit Marias sich auf ihre Reinheit bezieht, auf ihre Unberührbarkeit, was so genannte "Sünden" betrifft. Schwer vorstellbar für einen Normal-Sterblichen, aber die Bibel sagt: Maria ist eine Jungfrau, sie ist rein, sie tut keine Sünde; sie ist frei von Sünden. Diese Reinheit ist für mich wie ein Schutzmantel; so können Maria Anfechtungen nicht wirklich verletzen. Insofern ist sie jungfräulich und deshalb spricht die Bibel von einer Jungfrauengeburt, einer Geburt in Reinheit, in Liebe, in reiner körperlicher und seelischer Liebe auch zu Joseph.

Ich persönlich mag auch das Wort "Sünder" und "Sünden" nicht. Das griechische Wort, das Luther mit Sünden übersetzt, hamartía, bedeutet eigentlich schlicht und einfach Fehler. Nicht von ungefähr lässt Goethe den Herrn, also Gott, in seinem Faust sagen:"Es irrt der Mensch so lang er strebt ..."
Hänsel und Gretel ver-irren sich im Wald. Luther müsste das als Sünde bezeichnen.
Das liegt wie ein Alp auf der menschlichen Seele.
Nein, wir machen Fehler, wir irren. Und es ist wichtig, dass wir um Verzeihung bitten und uns selbst verzeihen.
Bei allem hilft ein Gebet, ein Gebet unseres inneren Kindes, ein Gebet unseres inneren Erwachsenen. Goldig, wenn zwei, wie der große und der kleine John, gemeinsam knien und beten.
Vielleicht gilt auch für die beiden schon die Aussage Jesu im Matthäusevangelium: "Amen, ich sage euch, wo zwei eins werden, worum sie bitten, das soll ihnen zuteil werden von meinem Vater im Himmel."
Du und Dein inneres Kind, ich und mein inneres Kind: ein heiliges Tandem :-))

Montag, 28. Juli 2008

Unio mystica: Im Kind sind Gott und Mensch vereint.

Es ist für uns wichtig zu verstehen, dass das Bedürfnis, das Kind zu finden, Teil einer uralten Sehnsucht des Menschen ist. Hinter unserer individuellen Vergangenheit liegt unsere kulturelle, die aus Mythen besteht. Und in den Mythen erkennen wir, dass das Kind oft der Vereinigung des Menschlichen mit dem Göttlichen entspringt. Wir suchen sowohl das mythische Kind […] als auch das Kind unserer persönlichen Lebensgeschichte.

Rahel V. (zitiert nach J. Bradshaw, Das Kind in uns)


In der Phantasie und in den Mythen ist die Heimkehr ein dramatisches Ereignis: Die Musik spielt, ein Kalb wird geschlachtet, ein Bankett vorbereitet und alle freuen sich, dass der verlorene Sohn heimgekehrt ist. In Wirklichkeit endet das Exil oft ganz allmählich, ohne dramatische äußere Ereignisse. Der Dunstschleier verschwindet und die Welt wird wieder sichtbar. Aus dem Suchen wird ein Finden, aus der Unruhe Zufriedenheit. Nichts hat sich verändert und doch ist alles anders.

Sam Keen

Für Gott bleiben wir immer seine Kinder; und doch dürfen wir endlich erwachsen werden …

findet Johannes

„Auf welchen Planeten bin ich gefallen?", fragte der kleine Prinz.
„Auf die Erde, du bist in Afrika", antwortete die Schlange.
„Ah! ... es ist also niemand auf der Erde
?"
„Hier ist die Wüste. In den Wüsten ist niemand. Die Erde ist groß", sagte die Schlange.
Der kleine Prinz setzte sich auf einen Stein und hob die Augen zum Himmel:
„Ich frage mich", sagte er, „ob die Sterne leuchten, damit jeder eines Tages den seinen wiederfinden kann. Schau meinen Planeten an. Er steht gerade über uns ... Aber wie weit ist er fort!"
„Er ist schön", sagte die Schlange. „Was willst du hier machen?"
„Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume", sagte der kleine Prinz.
„Ah!" sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
„Wo sind die Menschen?" fuhr der kleine Prinz endlich fort. „Man ist ein bisschen einsam in der Wüste ..."
„Man ist auch bei den Menschen einsam", sagte die Schlange.
Der kleine Prinz sah sie lange an:
„Du bist ein drolliges Tier", sagte er schließlich, „dünn wie ein Finger ..."
„Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Kö­nigs", sagte die Schlange.
Der kleine Prinz musste lächeln:
„Du bist nicht sehr mächtig ... Du hast nicht einmal Füße ... Du kannst nicht einmal reisen ..."
„Ich kann dich weiter wegbringen als ein Schiff", sagte die Schlange.
Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen Prinzen wie ein goldenes Armband.
„Wen ich berühre, den gebe ich der Erde zurück, aus der er hervorgegangen ist", sagte sie noc
h. „Aber du bist rein, du kommst von einem Stern ..."
Der kleine Prinz antwortete nichts.
„Du tust mir leid auf dieser Erde aus Granit, du, der du so schwach bist. Ich kann dir eines Tages helfen, wenn du dich zu sehr nach deinem Planeten sehnst. Ich kann ..."
„Oh, ich habe sehr gut verstanden", sagte der kleine Prinz, „aber warum sprichst du immer in Rätseln?"
„Ich löse sie alle", sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.

aus Antoine de Saint-Exupéry, DER KLEINE PRINZ
das Bild entstammt der Heyne-Sonderausgabe, Zürich 1988