In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Sonntag, 8. September 2013

Auf dem Weg, wirklich lieben zu lernen, auf dem Weg zur Heilung des inneren Vaters: Arbeiten im Dunkeln, Sehen im Dunkeln, im Bergwerk der Bilder!

Mein Vater lebt nicht mehr, wie soll ich das Verhältnis zu ihm heilen? Ein Mann, der mich ein Leben lang nie in den Arm nehmen konnte, mich mit seinen Händen nie herzlich berührte? Der mit seiner Frau nicht klarkam und letztendlich nicht mit dem Leben? Der auf dem Sterbebett so tief aufstöhnte, als ich ihm zuliebe ein Vater Unser betete bei jener Stelle, die lautet: Und vergib uns unsere Schuld, obwohl er zu diesem Zeitpunkt doch schon tagelang nicht mehr ansprechbar war und wie im Koma lag!
Damals saß ich in dem Zimmer eines Krankenhauses, in dem noch zwei weitere schwerkranke Männer lagen, und ich erinnere mich, dass sie beide, als ich am Bett meines Vaters betete, innehielten und - einer von ihnen sogar laut - mitbeteten.

Wie auch sollen Frauen, die Schreckliches in Bezug auf ihren Vater mitgemacht haben - wie sollen sie ihren inneren Vater heilen?

So schwer es fällt, aber für die allermeisten Eltern, die ihren Kindern schweren Schaden zugefügt haben, gilt: Sie haben ihr Bestes gegeben - mehr ging nicht. 
Angesichts dessen, was  manche Eltern ihren Kindern angetan haben, scheint das fast lästerlich, nur:
Oft sind diese Eltern zu ihren eigenen Herkunfts-Eltern geworden und so geblieben.

Was sie getan haben, haben sie oft stellvertretend für das Bewusstsein ihrer Eltern getan. 
Unbewusst.
Diese alte Bewusstseins-Programme und Programmierungen setzen alles daran, nicht enttarnt zu werden, weiteragieren zu können, von Kindern zu Kindeskindern. 
Wenn es irgend geht, reißen sie den, der sie enttarnen will, mit in den Tod. Hinter diesem Geschehen steht eine große Dramatik; wir sehen sie in dem Leben so vieler Menschen. – Noch dominiert diese Dramatik, doch ich glaube, die Zeit kommt, in der sich das verändert. – In den Anfängen dieser Zeit befinden wir uns.

Nach wie vor ist es eine besondere Gnade, dass wir in unserem Bewusstsein weitergehen dürfen und können, wenn wir es tun wollen.

Dazu gehört, dass wir unseren Eltern zugestehen: Sie haben ihr Bestes gegeben, auch da, wo das Beste furchbar war, denn familiäre Programme, die in Menschen ablaufen, sind Zwangsjacken, aus denen es oft kein Entkommen gibt.

Wir können die Seele unserer Eltern nicht sanieren.
Wenn wir allerdings uns helfen, geschieht ihnen Hilfe, ob wir wollen oder nicht. Auch in einer anderen Welt nehmen sie an den Bewusstseinsprozessen ihrer Kinder teil.

Wir können uns selbst helfen, uns selbst heilen, indem wir uns helfen lassen, indem wir uns heilen lassen. Ein Weg ist der, der in der Unendlichen Geschichte aufgezeichnet ist. Das Brüder- Grimm-Märchen Eisenhans ist auch ein Heilungsmärchen - wie manche andere. Früher wurde auch das Johannes-Evangelium unter diesem Aspekt, dem der Heilung, gelesen.

Zurück noch einmal zu den Eltern, denn es gibt noch jene Eltern, die sich dessen bewusst waren, was sie taten.
Wie gilt es, mit ihnen umzugehen?

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Dieses große Jesus-Wort am Kreuz ist auch das Lösungswort für unsere Seele.

Ich meine, der große Heiler meint: Vater, sei diesen Menschen gnädig, denn sie erfassen nicht, was sie anrichten, angerichtet haben.

Sie erfassen nicht die Dimensionen dessen, was sie tun, was sie taten.

Wer Kinderseelen Schmerz zufügt, tut etwas, was den Kosmos weinen lässt.

Wir wissen heute, dass, wenn in der Kindheit Spiegelneuronen nicht gefüllt worden sind, zum Beispiel mit der Fähigkeit, sich einfühlen zu können, Schmerz wahrnehmen zu können, auf Stimmen reagieren zu können, auf Mimik, auf Schluchzen, auf die ganze Palette von Gefühlen, dann kann der Mensch tatsächlich zu einem Monster werden, das nicht in der Lage ist, menschliche Regungen zu zeigen, nicht in der Lage ist, menschliche Regungen wahrzunehmen.

Zurück zu dem biblischen Bild, das manchen Leser veranlassen könnte wegzuklicken oder zu denken: Muss das sein, schon wieder diese Bibel?!

Die biblischen Bilder, die Bilder vom Kreuz, von Gethsemane, von der Auferstehung - letzteres Geschehen konnten damals vor nun annähernd 2000 Jahren nur Frauen wahrnehmen, nur also unsere weibliche Seite - sind Bilder der Heilung.

Wir sollten sie sehen, ohne uns durch die Kriminalgeschichte der Kirchen beeinflussen zu lassen, die es auch gibt neben der Tatsache, dass diese Institution auch vielen Menschen geholfen hat, genauer gesagt, Menschen voller Liebe, die in ihr gewirkt haben.

Gibt es Schlimmeres, als die Liebe hinzurichten?


Auch das haben Eltern, wie auch ich sie hatte, getan. In ihren Kindern, in dem Verhalten gegenüber ihren Kindern haben sie die Liebe hingerichtet. Nicht nur – aber doch auch.

Wie sehr wäre es der LIEBE ein Anliegen gewesen, dass wir als Kinder, dass Kinder überhaupt unversehrt geblieben wären!
Was, das sei an dieser Stelle gefragt, tun wir, tun unsere Politiker für die Kinder Syriens?

Stattdessen bin ich vielfach von meinen Eltern gequält und seelisch gefoltert worden (davon abgesehen, dass ich als Kind auch ordentlich auf die mir zur Verfügung stehende Art austeilen konnte ... auch ganz schön fies - und es geschah nicht alles aus Notwehr, sondern war Teil dessen, was ich in dieses Leben mitgebracht habe).


Gesagt werden darf hier aber auch, dass es Familien gibt, in der Kinder in wirklicher Liebe aufwachsen. – Glücklich, wer das erleben durfte und darf.


In der Dame Aiuóla haben wir eine Große innere Mutter kennengelernt auf eine Weise, wie sie Michael Ende für seine Unendliche Geschichte gewählt hat. Bastian lebt längere Zeit bei ihr, bis eine Sehnsucht in ihm zu wachsen beginnt, die er benennt als eine Sehnsucht, selbst lieben zu können


Erstaunt muss er bemerken, dass er es nicht konnte.


Ein Fingerzeig für uns, denn was wir als Liebe bezeichnen, ist ja nur das, was uns als Liebe vermittelt wurde.


Wenn wir das Meer nicht kennen und unsere Eltern einen Teich als Meer bezeichnen, dann denken wir bei dem Wort Meer, wir würden das Meer kennen.


So ist es mit der Liebe.


Bei der Dame Aiuóla merkt Bastian, dass er gar nicht weiß, was Liebe ist.


Und die Dame Aiuóla macht ihn darauf aufmerksam, dass er nun seinen letzten Wunsch gefunden habe.


Den musste Bastian finden, um von Phantásien, aus der Realität des Buches, in der er so viel lernte, wieder in seine Realität zu kommen.


Und sie sagt ihm weiterhin, dass er, um lieben zu können, das Wasser des Lebens finden müsse.


Klar, Michael Ende greift hier ein Märchenmotiv auf, aber auch eines, das sich in dem letzten Buch der Bibel findet.


Im Märchen wird die Bedeutung des Wassers des Lebens ganz klar: Es geht darum, ein Heilmittel für den todkranken Vater zu finden.


Auch für den Vater in uns.


Wir wissen, dass der Hauptakteuer der Unendlichen Geschichte, Bastian, ein Buch liest, indem es darum geht, der kindlichen Kaiserin das Leben zu retten. Und dass in diesem Buch ein Junge namens Atréju auserwählt wird, sie zu retten. Dass dieser Junge auf die Reise geht und herausfindet, dass jemand der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben müsse, damit sie überleben kann, dass dieser Jemand aber von außerhalb Phantásiens kommen muss, dass aber Phantásien unendlich groß ist, grenzenlos ... Wie also soll Atréju außerhalb Phantásiens gelangen, um diesen Menschen zu finden? Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt der Unendlichen Geschichte Atréjus Riesenproblem ... bis auf einmal Bastian, der diese Unendliche Geschichte auf dem Speicher seiner Schule liest, in die Handlung des Buches hineingelangt ... er ist es in der Folge, der der kindlichen Kaiserin den Namen gibt.


Er nennt sie Mondenkind.


Es kommt die Phase, wo er nicht mehr zurück will, weil ihm Phantásien so behagt und die riesige Gefahr besteht, dass er tatsächlich nicht mehr zurückkommt, wenn er seinen letzten Wunsch nicht richtig einsetzt. Auf die Dramatik dieses Geschehens, die mit allen Süchten von Menschen, auch einer religiösen oder esoterischen Sucht zusammenhängt, werde ich an anderer Stelle ein andermal eingehen.


Mit seinem letzten Wunsch, lieben zu lernen, hat Bastian Gott sei Dank richtig gewählt.


Nun also hat er sich von der Dame Aiuóla, die wir als seine innere Mutter wahrgenommen hatten, verabschiedet, um das Wasser des Lebens zu finden, und, wir ahnen es, zu seinem Vater zu gelangen.


Das nun erweist sich als nicht so einfach und gut, dass er auf Yor trifft, den Blinden Bergmann, der nur im Licht blind ist, aber im Dunkeln bestens sieht. Jener weiß um den Weg, doch er weiß auch, dass Bastian viel Geduld brauchen wird, um den Weg zu finden, denn er muss jenes Bild im Bergwerk der Bilder finden, das ihm den Weg weist.


Im Bergwerk der Bilder finden sich alle Träume der Menschen, denn nichts geht in der Welt verloren. Alle sind festgehalten auf hauchdünnen Tafeln aus einer Art Marienglas. Ganz Phantásien, das weiß Yor, steht auf den Grundfesten aus unseren vergessenen Träumen.


Ohne dass es Bastian so richtig bewusst wird, wird Yor sein Lehrer, denn jener weiß, dass Bastian nur ein vergessener Traum helfen kann, lieben zu lernen und das Wasser des Lebens zu finden.


Tag für Tag fährt er nun fortan mit Yor in die Tiefe des Bergwerks.


Bastian lernt zu schweigen, er lernt, zartfühlend mit den hauchdünnen Tafeln aus Marienglas umzugehen, auf denen die Träume festgehalten sind, er lernt die notwendige Art, sich behutsam zu bewegen, er lernt, im Dunkeln des Bergwerks - es wird auch die Grube Minroud genannt - zu arbeiten.


Nach und nach also lernte Bastian, sich da unten in der Dunkelheit zurechtzufinden:


Eingerollt wie ein ungeborenes Kind im Leib seiner Mutter lag er in den dunklen Tiefen der Grundfesten Phantásiens und schürfte geduldig nach einem vergessenen Traum, einem Bild, das ihn zum Wasser des Lebens führen konnte. 

Wenn wir das bei Michael Ende lesen, dann verstehen wir auf einmal auf eine ganz neue Weise Hugo von Hofmannsthals Weltgeheimnis!
Bastian klagte nicht und empörte sich nicht. Er hatte alles Mitleid mit sich selbst verloren. Er war geduldig und still geworden.
Natürlich wird hier der Weg beschrieben, den auch wir zu gehen haben. Wie der Knabe in Schillers Taucher müssen wir in die Tiefen unserer Seele absteigen, müssen lernen, zartfühlend mit unseren und den Träumen der Menschen umzugehen, müssen bereit sein, in das Dunkel, das auch unser Dunkel ist, abzutauchen, in die Nacht, ins Unbewusste. Müssen lernen, uns in dieser Tiefe, dieser Nacht zu bewegen ...

Hierzu bedürfen wir einer archetypischen Gestalt, den wir psychologisch unseren inneren Zauberer, unseren inneren Weisen nennen könnten.

Diese Gestalt hat jeder in sich. Wir brauchen sie, damit wir ohne Angst in die Tiefe steigen, wir brauchen sie, denn sie weiß um uns, um unser wahres Sehnen.
Wir können sie auch zu Hilfe rufen.
Dennoch kann dieser innere Zauberer uns nur begleiten, das Entscheidende müssen wir selbst tun, denn:

Das alles, was Bastian erlebt, ist nur dem möglich, der nicht jammert, der sich nicht selbst bemitleidet.


Wir ahnen, warum die göttliche Stimme in uns uns zuallererst gemahnt, mit unserem Selbstmitleid aufzuhören.


Wir lernen auf diesem Weg Geduld oder wir steigen vorzeitig aus.


Hier nun eine entscheidende Passage in Bastians Leben, wie sie Michael Ende zu Papier brachte:
Wie lange diese harte Zeit dauerte, lässt sich nicht sagen, denn solche Arbeit lässt sich nicht nach Tagen oder Monaten bemessen. Jedenfalls geschah es eines Abends, dass er ein Bild mitbrachte, das ihn auf der Stelle so sehr aufwühlte, dass er sich zurückhalten musste, keinen Überraschungslaut auszustoßen und damit alles zu zerstören.
Auf der zarten Marienglastafel - sie war nicht sehr groß, hatte nur etwa das Format einer gewöhnlichen Buchseite - war sehr klar und deutlich ein Mann zu sehen, der einen weißen Kittel trug. In der einen Hand hielt er ein Gipsgebiss. Er stand da und seine Haltung und der stille, bekümmerte Ausdruck in seinem Gesicht griffen Bastian ans Herz. Aber das, was ihn am meisten betroffen machte, war, dass der Mann in einen glasklaren Eisblock eingefroren war. Ganz und gar und von allen Seiten umgab ihn eine undurchdringliche, aber vollkommen durchsichtige Eisschicht.
Während Bastian das Bild betrachtete, das vor ihm im Schnee lag, erwachte in ihm Sehnsucht nach diesem Mann, den er nicht kannte. Es war ein Gefühl, das wie aus weiter Ferne herankam, wie eine Springflut im Meer, die man anfangs kaum wahrnimmt, bis sie näher und näher kommt und zuletzt zur gewaltigen, haushohen Woge wird, die alles mit sich reißt und hinwegschwemmt. Bastian ertrank fast darin und rang nach Luft. Das Herz tat ihm weh, es war nicht groß genug für eine so riesige Sehnsucht. In dieser Flutwelle ging alles unter, was er noch an Erinnerung an sich selbst besaß. Und er vergaß das Letzte, was er noch hatte: seinen eigenen Namen.
Als er später zu Yor in die Hütte trat, schwieg er. Auch der Bergmann sagte nichts, aber er blickte lange nach ihm hin, wobei seine Augen wieder wie in weite Ferne zu schauen schienen und dann ging zum ersten Mal in all dieser Zeit ein kurzes Lächeln über seine steingrauen Züge.
In dieser Nacht konnte der Junge, der nun keinen Namen mehr hatte, trotz aller Müdigkeit nicht einschlafen. Immerfort sah er das Bild vor sich. Ihm war, als ob der Mann ihm etwas sagen wollte, aber es nicht konnte, weil er in dem Eisblock eingeschlossen war. Der Junge ohne Namen wollte ihm helfen, wollte machen, dass dieses Eis taute. Wie in einem wachen Traum sah er sich selbst den Eisblock umarmen, um ihn mit der Wärme seines Körpers zum Schmelzen zu bringen. Aber alles war vergebens.
Doch dann hörte er plötzlich, was der Mann ihm sagen wollte, hörte es nicht mit den Ohren, sondern tief in seinem eigenen Herzen:
»Hilf mir bitte! Lass mich nicht im Stich! Allein komme ich aus diesem Eis nicht heraus. Hilf mir! Nur du kannst mich daraus befreien - nur du!«
Als sie sich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen erhoben, sagte der Junge ohne Namen zu Yor:
»Ich fahre heute nicht mehr mit dir in die Grube Minroud ein.«
»Willst du mich verlassen?«
Der Junge nickte. »Ich will gehen und das Wasser des Lebens suchen.«
»Hast du das Bild gefunden, das dich führen wird?«
»Ja.«
»Willst du es mir zeigen?«
Der Junge nickte abermals. Beide gingen hinaus in den Schnee, wo das Bild lag. Der Junge sah es an, aber Yor richtete seine blinden Augen auf das Gesicht des Jungen, als blicke er durch ihn hindurch in eine weite Ferne. Er schien lange auf etwas hinzuhorchen. Endlich nickte er.
»Nimm es mit«, flüsterte er, »und verliere es nicht. Wenn du es verlierst oder wenn es zerstört wird, dann ist für dich alles zu Ende. Denn in Phantasien bleibt dir nun nichts mehr. Du weißt, was das heißt.«
Der Junge, der keinen Namen mehr hatte, stand mit gesenktem Kopf und schwieg eine Weile. Dann sagte er ebenso leise:
»Danke, Yor, für das, was du mich gelehrt hast.«
Sie gaben sich die Hände.
»Du warst ein guter Bergknappe«, raunte Yor, »und hast fleißig gearbeitet.«
Damit wandte er sich ab und ging auf den Schacht der Grube Minroud zu. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er in den Förderkorb und fuhr in die Tiefe.
Der Junge ohne Namen hob das Bild aus dem Schnee auf und stapfte in die Weite der weißen Ebene hinaus.
Bastian macht sich auf zu seinem Vater. Er macht sich auf, das Wasser des Lebens zu finden, um diesen Vater aus seinem eingefrorenen Zustand zu befreien, damit er ihn kennen lerne und wisse, wer sein Vater denn wirklich ist.

Damit unser Held dies leisten kann, müssen auch seine letzten alten Strukturen weichen. Michael Ende spricht symbolisch davon, dass Bastian seinen Namen vergisst.


Er ist bereit für einen neuen Namen, einen neuen Namen auf der geistigen Ebene. In seiner realen Welt wird er immer Bastian Balthasar Bux heißen.


Es gibt Menschen, die sich einen neuen Namen selbst geben oder auch sagen, er sei ihnen von einem geistigen Wesen gegeben worden. Oft klingen diese Namen indisch oder fernöstlich.


Ich persönlich halte von dieser Art von Namensgebung überhaupt nichts, weil ich mehr als einmal erlebt habe, dass diese sogenannten Eingebungen auf puren Einbildungen des spirituellen Ego dieser Menschen beruhen, die mehr sein möchten, als sie sind.


Unser realer Name trägt unsere Lebensenergie, und diese Lebensenergie hängt immer mit dem Kulturbereich zusammen, in den wir - nie zufällig - hineingeboren worden sind. Von daher sollte unsere Entwicklung eher dahin gehen zu erfahren, welche Bedeutung unser realer Name wirklich für uns hat; dabei ist eine Name wie Hans genauso bedeutungsvoll wie Johannes. Hans hat eine ganz andere Energie als Johannes und ein Mensch, der Hans heißt, wird eine andere Lebensenergie umsetzen als ein Johannes. – Beides ist gleichermaßen wertvoll.


Die Bedeutung des Geschehens um den Namen Bastians, das Michael Ende anspricht, hat zu tun mit jener Stelle aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 2, 17, in der es heißt:
Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, als wer ihn empfängt.
Im Griechischen gibt es relativ viele Wörter, die Stein bedeuten, u. a. pétra, líthos, báros.

Im griechischen Text des Neuen Testamentes finden wir das Wort pséphos. Dieses Wort steht für den Stimmstein, mit dem der Teilnehmer einer abstimmungsberechtigten Versammlung seine Stimme abgeben konnte, wobei es weiße und schwarze Steine gab. In der Athener Volksversammlung, der ekklesía, löste dieses Abstimmungsverfahren mit einer Steinabgabe das per acclamatio, also per Klatschen oder Handheben zuzustimmen, ab. So kommt es, dass, in Anlehnung an pséphos, der Vorgang des Abstimmens als psephízein bezeichnet wurde.


Wenn in der Bibel von diesem Stein die Rede ist, so bedeutet das auch, dass Gott für den, den es betrifft, seine Stimme abgibt.


Mehr geht in religiösem Sinne nicht.


Und dieser Stein ist weiß, genauer gesagt - denn leukós bedeutet auch glänzend, licht: Es ist ein weiß glänzender, ein lichtvoller Stein.


Indem Bastian seinen Namen verliert, wird er bereit für ein neues Bewusstsein, es ist Raum geschaffen für einen neuen Namen, den nur er kennt, so heißt es ausdrücklich in der Bibel; er kennt ihn, und natürlich Gott, der ihn mit ihm auszeichnete.

Immer wieder greift Michael Ende auf mythologische und biblische Symbolik zurück, wohl wissend, dass sie einen tiefen wahren Gehalt hat; durch die umfassenden Arbeiten von Mircea Eliade und C.G.Jung wissen wir, wie wahr das ist.

Machen wir uns also, falls wir das noch nicht getan haben, auf, unseren Vater in uns zu erlösen.
Das kann auf die unterschiedlichsten Arten geschehen, auch dadurch, dass wir ihn der Gerechtigkeit Gottes übergeben, wenn Schlimmes geschehen ist. Wenn dies auf die richtige Weise in uns geschieht, dann geschieht es ohne Groll.

Bastian wird seinen Vater finden. Aber das ist ein weiterer, ein letzter Abschnitt in der Unendlichen Geschichte.

PS Eins möchte ich noch nachtragen: 
Zu meiner Mutter, die nun schon bald zwanzig Jahre nicht mehr auf dieser Erde ist, habe ich ein wunderbar schönes Verhältnis. Sie hat mir von da, wo sie jetzt ist, schon sehr geholfen – aber das ist eine andere Geschichte.
Und zu meinem Vater, der auch schon viele Jahre gestorben ist, möchte ich sagen, dass ich mir ziemlich, um nicht zu sagen: sehr sicher bin, dass er jeden meiner Schritte genau sieht, sich ansieht.
Ich glaube, er macht Schritte auf mich zu, Schritte, die er in unserer gemeinsamen Erdenzeit nicht gehen konnte. Darüber freue ich mich sehr.

Samstag, 25. Mai 2013

Wenn die Scham kommt, geht die Freude. - Jede Familie hat ihre eigenen Schamgesetze!


Vor vielen Jahren sitze ich mit meiner Tochter auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Decke und wir spielen und balgen; meine Tochter kräht vor Freude, Bälle und Gegenstände fliegen durch die Luft und plötzlich höre ich mich sagen: >Komm, wir hören auf, sonst passiert noch was<.
Dieser Satz verblüffte mich total, denn es war ein Satz aus dem Repertoire meiner Mutter: Immer, wenn ich mit meiner eineinhalb Jahre älteren Schwester als Kind richtig herumtollte, kam dieser Satz oder ein vergleichbarer wie: >Hört auf, gleich gibt es ein Unglück!<
Heute wundert es mich nicht mehr, dass dann meistens auch etwas passierte, was unser Spiel abrupt unterbrach und meine Mutter entsprechend zetern ließ.
Wie es auch immer ausging: Dieser Satz bedeutete das Ende der Freude.

An anderer Stelle habe ich schon kurz über das Elternhaus meiner Mutter geschrieben; dort gab es keine Ausgelassenheit, keine Freude, die auch einmal überborden durfte …
Warum sollte Freude nicht auch überborden dürfen …
Wie oft schlägt die Gicht des Meeres über die Balustraden und an den Gesteinen der Ufer hoch: auch ein Meer freut sich … so freut sich auch die Seele …
Meiner Mutter war es nicht möglich, die ausgelassene Freude ihrer Kinder zu ertragen; zu groß war der Schmerz, dass diese Freude für sie immer ein Tabu gewesen war; wer sich in ihrem Elternhaus getraut hätte, sie zu zeigen, hätte sich - in übertragenem Sinne oder real - in die Ecke stellen müssen; doch die familiäre Atmosphäre sorgte schon immer dafür, dass in diese Verlegenheit keines der 10 Familienmitglieder kam
Diesen Schmerz, keine Freude leben zu dürfen, muss die Seele wegsperren - nur gebremste Freude leben zu dürfen ist unerträglich; so wird dieses Bewusstsein weggesperrt, wird zu einer dunklen Seite des inneren Kindes, die sich in den unterschiedlichsten Formen beim Erwachsenen aktivieren kann, wenn sie ausgelöst wird; bei meiner Mutter wurde sie durch die eigenen KInder ausgelöst.
Sie konnte nicht anders, als deren überbordende Freude zu stornieren.
Alles andere war für ihr verletztes inneres Kind unerträglich.
Eigentlich unfassbar, dass die Freude der eigenen Kinder unerträglich ist; aber der familiäre Hintergrund meiner Mutter macht es verständlich.

Immer wieder aktivieren reale Kinder dunkle Seiten unseres inneren Kindes; deshalb ist dieses Wissen gerade für Lehrer so wichtig.
Da in dem Elternhaus meiner Mutter und entsprechend auch in meinem eigenen eine sehr traditionelle Religiosität gepflegt wurde, hatte Ausgelassenheit auch etwas Verruchtes an sich.

Damals wurde mir schlagartig bewusst, dass ich im Moment dabei war, dieses Scham-Muster an meine Tochter weiterzugeben: Freude, die an Scham gekoppelt und damit aussätzig war.
Wie die Pest!

Als ich mich mit dem Buch Bradshaws über die Scham auseinandersetzte, wurde mir bewusst, dass diese Thematik viel umfassender ist, als ich geahnt hatte, denn Freude gibt es ja nicht nur im Spiel, sondern: es gibt die Spielfreude, es gibt aber auch die Lebensfreude …
Auch Lebensfreude kann storniert werden - durch die Eltern!
Spätestens da wird das Thema existentiell …

Noch ein Nachtrag:
Jede Familie hat ihre eigenen Schamregularien und –gesetze.
Wenn zwei Menschen nun zusammenfinden, treffen auch die Regelsysteme zweier Familien zusammen. Das kann im Bereich der Scham bedeuten, dass sich recht einverständig geschämt wird, weil die Regeln relativ deckungsgleich sind … es muss aber nicht sein … dann gibt´s Probleme.
Nicht selten mag es so sein, dass nicht die Liebe scheitert, sondern dass sich die Scham-Systeme als nicht kompatibel erweisen … aber das ist ein anderes Thema … wie sagte Herr von Briest in Theodor Fontanes Roman Effi Briest, dessen Tochter u.a. an diesem Problem zugrundeging: "Ein weites Feld". 
Deshalb lebte diese Familie auch das "kleine Glück", die kleine Freude. 
Für die Tochter hatte dieses "kleine Glück" zu wenig Lebensenergie; sie starb zu früh. 
Sie trug die 
Scham
 auch ihrer Eltern mit.

Und noch eine Anmerkung:
Ich glaube, dass Mütter unbewusst (oder manchmal sogar bewusst) tatsächlich einen Wohnzimmer-Unfall energetisch inszenieren können.
Für den ein oder anderen mag das übertrieben sein, esoterisch (gemeint in einem abfälligen Sinn).
Aber man frage sich mal, warum jemand - ggf. immer wieder - "zufällig" das Messer mit offener Schneide zum Partner hinlegt oder warum manche Menschen ihre Brille immer auf die Gläser legen. Welcher unbewusste Plan dahintersteckt, so etwas zu tun. 
Menschen sind leider manchmal viel machtvoller, als wir glauben. Jeder kennt Beispiele, wie sehr sich jemand im Beisein eines Anderen oder durch das Zusammensein mit ihm verändert ...
Zugleich aber gilt das Gegenteil: Eine Mutter kann ein wahrer Schutzmantel für ihr Kind sein.

Sonntag, 10. Februar 2013

(I) Wie gesund ist Nähe? Wie sehr beeinflusst die Energie der Eltern die ihrer Kinder?

Mir kommt es vor, als ob es schon ewig lang her sei, da erfüllte ich mir mit meiner damaligen Freundin einen Traum: Wir kauften zusammen ein Bauernhaus.

Das war unser beider Wunsch gewesen, und das Haus war auch in der Tat ein Traum: auf dem Land und doch unweit einer attraktiven Universitäts-Stadt gelegen, mit Scheune, mit großem Garten, oberhalb Obstwiesen, der Wald ganz in der Nähe, 300 Meter oberhalb der Wiesen; nachts schlurfte der Igel über die Terrasse und abends konnte man, wenn man Glück hatte, die Rehe am Waldrand beobachten; ich spielte im örtlichen Fußballverein in der Mannschaft mit ... alles echt gut ...

... wenn ich nicht krank geworden wäre und mein Körper mir signalisierte: entweder deine Gesundheit geht oder du gehst aus dem Haus, gibst die Beziehung auf. - Einige Monate wollte ich das nicht wahrhaben; aber innerlich wusste ich: Ich habe eigentlich keine Wahl, auch, weil ich immer kränker wurde.

Das ist letztendlich ein anderes, ein seelisches Thema, denn mir war klar geworden: Meine Freundin war nicht eine wirkliche Beziehungspartnerin, sondern meine Mutter ... in solch einer Beziehung wollte mein Inneres nicht leben, und wenn es nicht anders geht und mein Wesen das partout nicht sehen will, will der Körper mithelfen, die Dinge bewusst zu machen ...

Damals betreute mich eine Ärztin, die mit Hilfe von Elektroakupunktur therapierte - wie ich heute noch finde, ein Super-Verfahren. Mit ihrem Apparat konnte sie im Grunde den ganzen Körper durchmessen, jedes Organ, und wenn sie mit ihrem Messgerät auf den entsprechenden Körperpunkt ging und der Zeiger auf dem angeschlossenen Apparat zurückfiel, bedeutete das nichts Gutes. Sie konnte dann in ein ebenfalls angeschlossenes Gerät Arzneien legen, und wenn ein Medikament das Organ auf der Anzeige stabilsierte, dann half das Medikament; der Zeiger schlug zwar aus, blieb dann aber stehen und fiel keinen Millimeter zurück. Klasse war eben, dass sie eine Homöopathin war und es zuallererst immer mit homöopathischen Mitteln versuchte. Erst, wenn unter ihnen keines half, griff sie zu allopathischen. Was bei mir zu jener Zeit zum Teil notwendig war.

Als ich damals zu ihr kam, war mein ganzer Körper krank und ich weiß noch, dass sie zu mir sagte: Einen jungen Mann in ihrem Alter mit diesem Gesundheitszustand – das habe ich auch noch selten erlebt.
Sie half mir damals über die Trennung, den Auszug und diese schwierige Zeit hinweg; sie wusste, und das sagte sie auch: Körperlich helfe ich Ihnen, das Seelische müssen Sie klarbekommen. –

Viele Jahre später - ich hatte mittlerweile eine kleine Tochter - war diese krank und ich erinnerte mich an diese Ärztin.
Meine Kleine hatte Durchfall und ihr ging es gar nicht gut.
Ich war froh, dass die Ärztin noch therapierte und meldete meine Tochter an. Tags darauf konnten wir schon kommen.
Nun saß ich im Praxisraum auf dem Stuhl und hatte meine Tochter auf dem Schoß, ich glaube, sie war damals ungefähr fünf Jahre alt.
Aber ich staunte nicht schlecht, als die Ärztin ihre Organe durchmaß: Der Magen war in Ordnung, die verschiedenen Darmbereiche waren in Ordnung - ich konnte das nicht fassen.
Nur an der ein oder anderen Stelle zeigte sich eine leise Schwäche und als die Ärztin Medikamente einlegte, weiß ich, zuckte mir damals durch den Kopf: Nanu, das sind doch meine Medikamente, die kenne ich doch, die helfen doch mir ...

Ich weiß noch, dass ich das Sprechzimmer verließ und wusste: Das kann nicht sein; meine Tochter ist echt krank, und nun ist ihr überhaupt nicht geholfen. Ich war innerlich total von der Rolle und wusste nur: Irgendwas kann nicht sein ...

Einen Tag später fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Meine Tochter hatte auf MEINEM Schoß gesessen, sie war in MEINEM Energiefeld gewesen; die Ärztin hatte nicht meine Tochter gemessen, sondern mich, wenn sie auch auf den Punkten meines Kindes ihr Messgerät angesetzt hatte. Meine Energie als Erwachsener war so stark, mein Energiefeld hatte das meiner Tochter total dominiert, dass sich meine Organe anzeigten und nicht ihre. Ich war damals - und bin es noch heute - nur erstaunt, dass das der Ärztin nicht bewusst war; eigentlcih war sie echt gut - offensichtlich aber war ihr das nicht bewusst.

Es dauerte noch einige Tage, dann war mein Kind auch mit Hausmitteln wieder hergestellt.
Aber dieses Ereignis ist mir bis heute unvergessen.

Für mich war damals, nachdem mir dieser Umstand bewusst geworden war, auf jeden Fall klar – und das war zugleich ein Trost: Du musst einfach oft Deine Tochter auf den Schoß und in Deine Nähe nehmen, dann ist sie im Grunde gesund bzw. die Organe können sich erholen und gesunden.


Für die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern ist das Bewusstsein davon, wie sehr sie körperlich ihre Kinder beeinflussen, ganz entscheidend.
Noch entscheidender ist, wie sehr sie es auch seelisch tun.
Eltern tragen maßgeblich zur Erkrankung bzw. Gesunderhaltung ihrer Kinder bei.
Das zeigt, welch hohe Verantwortung und Bedeutung sie haben.
Dieses Wissen darf auf keinen Fall zu falschen Schuldgefühlen auf Seiten von Vater und/ oder Mutter führen, nicht nur, weil diese das Kind auch übernimmt, sondern weil wir Menschen sind, die alle Fehler haben.

In den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, wie sehr Kinder schon in frühen Jahren die Energie ihrer Eltern übernommen haben und unter den Auswirkungen vor allem seelischer Bewusstseinszustände ihrer Eltern leiden

Eltern machen ihre Kinder wirklich oft krank. – Das ist leider so.

Ich könnte manche Beispiele erzählen, wo sich die seelische Einstellung der Eltern in ihren Kindern niederschlägt - wirklich schlägt ...
Mittlerweile gehe ich auch dazu über, gegenüber Eltern diese Prozesse anzusprechen, soweit ich sie sehen kann, immer natürlich auch in dem Bewusstsein, dass ich mich irren kann und nur einen Ausschnitt der familiären Wirklichkeit wahrnehme.

Heute habe ich die Kraft, die Wut und den Zorn, der mir dann manchmal entgegenschlägt, auszuhalten, selbst wenn ich mich bemühe zu verdeutlichen, dass wir alle Fehler machen und Fehler in der Erziehungsrealität kein Verbrechen sind; solange wir bestimmte Dinge nicht reflektieren, geben wir eben weiter, wie mit uns umgegangen worden ist.

Ich denke nur, es wäre so gut und eigentlich zwingend notwendig, dass in unserer Gesellschaft sich über diese Tatsache ein Bewusstsein herstellt, damit Kinder nicht unnötig mehr in eine Situation gebracht werden, die unheilvoll ihr Leben prägt.

Gott sei Dank – das soll hier nicht vergessen sein – gibt es auch das Gegenteil: Eltern, die mit ihrer Liebe ihrem Kind den Lebensweg ein gutes Stück weit bahnen.


Mittwoch, 2. Januar 2013

Starke Wurzeln und um sie viel Erde für unsere Kinder! – Mascha Kalékos "An mein Kind".


In vielen Gedichten der Mascha Kaléko findet sich ein zauberhaft wehmütiger Ton, der ihre Leser angezogen hat. Das erste Gedicht, das ich von ihr las, war Souvenier à Kladow. Es hat mich sofort in seinem Bann gezogen und man spürt, wie schwer es Mascha Kaléko fiel, ihre Berliner Heimat zu verlassen:


Ich denke oft an Kladow im April ...

Noch hält der Frühling sich im Wald verborgen,
Die Ufer warten kahl und winterstill,
Und nur die ersten Knospen rufen: "morgen"!

Und in der letzten Strophe heißt es dann:

Von meinem Herzen bleibt ein gutes Stück
Auf diesem kleinen Erdenfleck zurück.
Und eine Stimme in mir sagt: Ich will
Die Stunde, wie sie ist, in mir bewahren.
Und sieh: da lebt sie nach so vielen Jahren!
Ich denke oft an Kladow im April.

Es ist fast immer eine kleine, eine mikrokosmische Welt, auf die Mascha Kaléko blickt, mit Mut zu schlichter Herzlichkeit und Liebe. Kaum einmal allerdings, dass sie in ein Deutschbuch der Oberstufe Eingang fand und findet, da finden sich die Kaschnitz, die Bachmann oder Rose Ausländer; Mascha Kaléko sucht man vergebens.
Vielleicht, weil sie ihr Herz zu sehr auf der Zunge trägt. Man spürt es auf Schritt und Tritt. Zugleich glaubt man es in ihrem Inneren zu spüren. – Das ist offensichtlich für unsere Schüler zu schlicht, zu wenig abstrakt. Was gibt es da zu interpretieren? Schließlich muss man den Kopf einzusetzen lernen – Kopflosigkeit fällt auf, Herzlosigkeit nicht, wofür also braucht man ein Herz? Bereitet das auf die freie Wirtschaft vor, auf die Erhöhung des Bruttosozialprodukts? 
– Was also braucht man eine Dichterin, die offensichtlich ihr Herz nicht verbirgt ...

Ihr Inneres finden wir auch in einem ihrer bekanntesten Gedichte, in An mein Kind, in dem sie zunächst mit warmen, liebevollen Worten indirekt und so zärtlich von ihrem Geliebten spricht, wenn sie ihrem Kind ins Stammbuch schreibt:


Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.

Wie sehr muss sie da beide Männer geliebt haben, den großen und den kleinen! Es gibt sicherlich nicht viele Frauen, die solch ein Seelen-Glühen für einen Mann empfinden und in Worte fassen und all dies ihrem Kind widmen:


An mein Kind

Dir will ich meines Liebsten Augen geben

Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.

Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass man hienieden
All´seine Fehler selbst begehen muss.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,

Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!

Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume

Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume -
Bewahr´den Tropfen Öl im alten Krug!


Traum und Träumer spielen in dem Gedicht zweimal eine Rolle. Eigentlich toll, wenn jemand ein Träumer ist, also auch Träume schätzt, mithin sicherlich offen ist für das Weibliche in sich – und dennoch kühn!
Und wie! – Was seine Mutter ihrem Kind zutraut! Heben doch die meisten Menschen nicht einmal offene Türen aus den Angeln, geschweige denn verschlossene  :-))

So scheint es weiterzugehen, doch der Konjunktiv im zweiten Vers der zweiten Strophe irritiert leise: Dein Weg sei frei. – Wenn man sein Glück schmiedet, dann verschafft man sich doch freie Bahn? – Seltsam, nach dem sicheren Dir will und Du wirst diese verhaltene Formulierung: Dein Weg sei frei.  Seltsam in der Folge dann auch diese Sentenz in Bezug auf all die Fehler, die man selbst begehen muss.

Das klingt fast schwermütig. Ja, schwermütig klingt es, was zunächst der liebevolle Tonfall kaschiert, auch durch die wirkungsvollen Alliterationen in seiner Seele und dem gelobten Glück.
Auf einmal ist da ein Ernst, ein fast bitterer Ernst.
Gilt dieser Satz, das man all seine Fehler selbst begehen müsse, wirklich ihrem Kind? Oder gilt er nicht vor allem ihr selbst, obwohl sie doch dezidiert An mein Kind schreibt? 

Er gilt ihr selbst.
Wie deutlich das durch das sich Anschließende wird!
Es sind ihre Erfahrungen, die sie ihrem Kind mitgibt, das doch seine eigenen machen möchte!
Sie spricht in der Folge von Abgründen und davon, dass Gott den Kranz hoch in die Wolken hängte.

Hat Gott das getan?
Auch für ihr Kind?
Woher nimmt sie diese Sicherheit?
Ist Gott nicht in uns?
Warum schreibt sie das ausgerechnet ihrem Kind?

Wir hören die Stimme des Angelus Silesius:

Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Die letzten Aussagen der Mascha Kaléko wollen gar nicht mehr recht passen zu dem mutigen Beginn.

Warum sollte jemand nach Ganzheit streben – Mascha Kaléko rät: sei es ganz –, wenn er es eh mit einem Gott zu tun hat, der den Siegeskranz hoch in die Wolken hängt? Klingt das nicht nach göttlichem Wolkenkuckucksheim?

Als ich das Gedicht zum ersten Mal las, fand ich es, wie so viele Kaléko-Gedichte, ein wenig wehmütig und schön; auch und gerade dieser Schluss mit dem Topos des Kruges und der Wertschätzung auch noch eines Tropfens Öl. Bei näherem Hinschauen aber muss einem angst und bange werden.

Was gibt da die Autorin, Kind jüdischer Eltern, ihrem Kind mit?

 Ist nicht von einem wurzellosen Baum die Rede!
 Und einem im Grunde leeren Krug?
 Und warum leuchtet die Fackel der Freiheit nur im Traum?
● Bezieht sich da die Jüdin auf ihr Volk, von dem sie zwar zu Lebzeiten noch erlebte, dass es in Palästina eine Heimat fand, von dem sie aber wusste und weiß, das es immer über die ganze Welt verstreut war und im Grunde heute auch noch ist? Mussten ihre Eltern nicht fliehen, musste nicht sie selbst fliehen?

Das Alte Testament, das Mascha Kaléko wohl kannte, spricht eine andere Sprache. Im 11. Kapitel des Propheten Jesaja können wir lesen:


Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

Isai, auch Jesse genannt - wir kennen die Namensbezeichnung aus dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen (Von Jesse kam die Art) - ist der Vater des späteren großen Königs David. 

Von Wurzellosigkeit ist hier nicht die Rede, sondern von einem jungen Trieb und Wurzeln. – Kein Wunder wird jener David später dichten:

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal
fürchte ich kein Unglück ...

Warum gibt Mascha Kaléko ihrem Kind mit, dass es ohne Wurzeln sei? 
Weiß sie denn nicht, dass unsere innere Heimat uns immer Wurzel ist?


Auch eine so bemerkenswerte Dichterin, die mit so viel Herz dichtet, kann offensichtlich nicht unbedingt über ihre eigene Biografie hinweg.

In Die frühen Jahre, ich glaube, einem ihrer frühen Gedichte, schreibt sie:


Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

So hart das klingen mag, aber ich bin mir nicht sicher, ob das, was Mascha Kaléko als Liebe bezeichnet, nicht viel eher Sehnsucht nach Liebe ist – ein gewaltiger Unterschied.

Ihre Bilder sprechen dafür, dass sie ein Leben lang suchte, nicht von ungefähr war sie dreimal verheiratet; ihren letzten Mann aber muss sie wohl geliebt haben; als er stirbt, lebt auch sie nicht mehr lange.

Sehnsucht ist nicht Sucht nach dem Himmel, sondern Sucht nach einer Verwurzelung in der Erde. Gerade die Menschen, die gern abheben und schweben und sehnsuchtsvolle Gedichte lieben, suchen doch in Wahrheit eine irdische Verwurzelung, wie wir sie alle brauchen.

Das ist es, was wir unseren Kinder mitgeben müssen: eine Wurzel mit viel Erde drumherum. –  In ihrem Gedicht ist offensichtlich, dass Mascha Kaléko es nicht konnte. Niemand wird das als negativ werten, es ist, wie es ist, und Mascha Kaléko hat nicht absichtlich von dem letzten Tropfen Öl geschrieben, den ihr Kind bewahren soll.

Niemand wird wirklich seinem Kind Wurzellosigkeit und einen letzten Tropfen mitgeben.

Gerade aber weil Mascha Kaléko so eine ehrliche Schriftstellerin ist, erleben wir hier, wie es ist, wenn das eigene Leben in uns tiefe Spuren hinterlässt.

Dabei ist es wichtig, dass wir unseren Kindern eine kräftige Wurzel mitgeben, und einen Krug, gefüllt bis an den Rand mit frisch gepresstem Öl!


Heute haben wir mehr Möglichkeiten, uns Dingen bewusst zu werden.

Und wir dürfen auch an solchen Gedichten erkennen, was wir zu lernen haben.

Nur so können wir eine vielleicht vorhandene eigene Wurzellosigkeit, die wir immer auch an unsere Kinder weitergeben, überwinden.

Denn die Wurzel ist da. Sie ist von Jesses Art. – Daran glaube ich.



Sonntag, 2. September 2012

"Junge, das schaffst Du schon!"

Heute, Sonntag, 2. September ist Jesco von Puttkamer zu Gast auf Bayern I - ich höre gerade zu -, ein genialer, interessanter Mann, mittleweile 79 Jahre alt, erfolgreicher Buchautor und ehemaliger Mitarbeiter Wernher von Brauns, Leiter einer NASA-Planungsgruppe zur permanenten Erschließung des Alls und Mitarbeiter am Apollo-Programm, am Space Shuttle, Skylab und der Raumstation ISS und nun auch mit verantwortlich für die NASA-Mars-Mission; täglich geht er noch zur Arbeit! Übrigens war er auch technischer Berater für Star Trek - Der Film und Raumschiff Enterprise.

Den Gästen der Sendung Blaue Couch werden ja auch immer Fragen gestellt, genauer, der Anfang eines Satzes vorgegeben, den sie fortsetzen sollen.

Für Jesco von Puttkamer lautete ein Satzanfang:

Meine Mutter sagte immer ...


und Puttkamer sagte, was seine Mutter ihm mitgab:


... Junge, das schaffst Du schon!


Was für eine Mutter!

Was für ein Lebensprogramm, das sie in ihren Jungen pflanzte.
Wenn man an gegenteilige Beispiele denkt und wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, weil mit ihnen selbst so umgegangen worden ist ... meine Güte ... davon erzählt ja auch immer wieder dieses Blog, nicht, um das Negative zu verstärken, sondern um sich der eigenen Programme bewusst zu werden. Es sind keine Programme für die Ewigkeit - ich glaube an die Veränderbarkeit, an die Heilkraft der Seele.

Wichtig ist deshalb zu wissen, dass in einer Ecke unseres Herzens, auch wenn wir anderes erlebt haben, etwas lebt, was sich entfalten kann, was stärker ist als alle negativen Erlebnisse.
Ich glaube an die Kraft einer solchen Heilung. Und immer, wenn man solchen Geschichten, solchen Menschen wie von Puttkamer zuhört, bekommt diese Pflanze Kraft. – Deshalb gehen auch die allermeisten Märchen gut aus. Eine Mär ist eine Kunde.
Märchen künden vom Leben und seiner Kraft; aber sie verheimlichen die Prüfungen nicht!

Übrigens erzählte Puttkamer, wie er mit seiner Oma 1942 aus der Ferne, von Murnau aus, das bombadierte, brennende, rot leuchtende München sah, wie es dem Kind doch mulmig geworden sei, doch seine Oma ihm gesagt habe: Das bauen wir alles wieder auf.

Da beschloss von Puttkamer, später einmal Ziegelsteine herzustellen oder Architekt oder Ingenieur zu werden ...

Was für ein Segen, wenn Mütter so mit ihren Kindern umgehen können ...


Sonntag, 2. Oktober 2011

Im Reich der Kindlichen Kaiserin. Brief des kleinen Johannes.


Liebe kindliche Kaiserin,


heute ist ein besonderes Fest, die Erwachsenen sind feierlicher als sonst. Ich sitze dann mit einem besonderen Gefühl hier in der Nord-Ost-Gemeinde und schaue auf den Altar, der voller Früchte ist und staune, wer ihn wohl so toll geschmückt hat. 
Ich bringe meine Augen gar nicht mehr weg.
So viel. So viel auf einem Altar.
Wo sind nur all die Blumen und Früchte und Kräuter her?
Wer hat sie gebracht und sich so viel Zeit genommen?


Ich höre den Pfarrer, wie er sich bedankt für alles und nehme das Berührtsein  der Erwachsenen wahr; manche haben die Augen auf und manche hören gar nicht zu, das spüre und sehe ich.
Ich weiß auch meinen Papa und meine Mama hier; meine Mama hat bestimmt auch die Augen auf und beguckt ihre Hände; zu Hause macht sie beim Beten sogar an ihnen rum; mein Papa hört bestimmt zu.
Ich möchte Dir auch danken, liebe kindliche Kaiserin, für all das Brot und Obst und Gute, was Du uns geschenkt hast und schenkst.
Weißt Du, ich weiß noch, wie meine Mama sich mit einer Schaufel auf die Straße gestürzt hat, um die Pferdeäpfel für ihren Garten aufzulesen. Ich hatte sehr Angst um sie, weil so viele Autos um sie herum fuhren; alle fuhren schnell, keiner hielt.
Wenn sie wieder da war, war ich richtig froh. Ich hätte sie am liebsten festgehalten, wenn sie wieder auf die Straße lief.
Alles, damit wir gut zu essen haben aus dem Garten.
Und ich weiß noch, wie wir morgens mit einem Leiterwägelchen loszogen in die Frankfurter Großmarkthalle, um einen Sack Apfelsinen billiger zu bekommen.
Es gibt halt nicht so viel Obst. Und Mama und Papa müssen sparen.
Mama will sowieso immer sparen.
Einmal kamen wir heim und alle Orangen waren strohig; das war schlimm.
Jedenfalls möchte ich auch Danke sagen für alles, was wir bekommen.
Ich glaube, das Fest, das wir heute feiern, heißt Erntedank.
Denke auch in Zukunft an uns und lass uns nicht im Stich und lass mich Deinen Namen finden, damit ich Dich retten kann. Das würde ich so gerne!


In Liebe,
Dein Johannes


PS: Die Kindliche Kaiserin ist Regentin des Landes Phantásien aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Dort ist sie krank und Atréju soll sie retten. Sie verkörpert in Michael Endes Werk die Herzensweisheit, wie sie - oft tief verborgen - sich auch in uns befindet und als Schatz gehoben sein will. Meist wissen Kinder noch mehr von dieser Weisheit als die Erwachsenen (deshalb ist auch die Kaiserin eine Kindliche Kaiserin). Weshalb Erwachsene von Kindern viel mehr lernen könnten, als sie ahnen, ahnen wollen ...

Freitag, 29. Juli 2011

Mama, warum hasst Du mich so sehr? Über die schwarze Seite der Großen Mutter. – Fast eine Familienaufstellung in Markus Zusaks "Der Joker"

Gut, ich habe keine sonderlich glückliche Kindheit gehabt. Vielleicht liegt es daran, dass ich skeptisch bin, wenn jemand mir sagt, er habe eine glückliche gehabt und seine Eltern seien lieb zu ihm gewesen. Bei manchen Menschen kommt das so einschränkungslos rüber, dass diese Einschätzung schon ihren Grund haben mag ... 
Auch in meiner Familie, unter uns Geschwistern, ist die Sichtweise auf meine Eltern und unsere Ursprungsfamliie durchaus unterschiedlich. 
Sie hängt schlicht und ergreifend mit der Position zusammen, die jedes Kind im Rahmen der Familie einnahm und - wenn sie nicht aufgedeckt, angesprochen und bearbeitet wird - einnimmt mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Leben.
Hat ein Kind eine privilegierte Position, dann wird es zu einem anderen Urteil kommen als ein Geschwister, dass seinen ihm zustehenden Anteil im Rahmen der Familie nie bekommen hat und im Leben womöglich aus scheinbar unerfindlichen Gründen immer der Loser sein wird. Die Wurzeln aber liegen in der Usprungsfamilie: Hier liegen die Gründe, warum das eine Kind Professor wird, das andere kaufmännischer Angestellter, warum der eine zum Drogenabhängigen wird, der andere zu jemandem, der eine Familie gründet und gar nicht verstehen kann, wie jemand aus der eigenen Familie so abgleiten kann. Wo doch die Familie so intakt war.
Sie war es eben nur für ihn! Und das auch nur an der Oberfläche.
Wenn  man eine Familienaufstellung macht (wer dieses Verfahren nicht kennt, Video auf dieser Seite anschauen), kommt in aller Regel heraus, wo man selbst im Rahmen seiner Familie steht und ob Vater und Mutter einen z.B. anschauen oder nicht. Und wen sie anschauen. Vielleicht ist es sogar so, dass der Vater oder die Mutter verdeckt sind durch Geschwister, dass also jemand zwischen den Eltern und einem selbst steht ... jede Familie hat ja ihre eigene Charakteristik. Und niemand möge annehmen, die Wirkung der Familienstruktur lasse mit dem Tod der Eltern nach. Im Gegenteil. (Vorsicht nur bei der Auswahl des Familienaufstellers: Da dilettieren mittlerweile ziemlich viele verantwortungslos herum).

Ein weiterer Punkt, was die Beurteilung der Familie betrifft, ist einfach, dass Glück und Liebe relativ sind. Was für den einen schon Liebe ist, es es für einen anderen noch lange nicht. Und genauso verhält es sich mit Glück. 
Als Kinder übernehmen wir, was unsere Eltern als Liebe definieren, und sei diese Definition auch reduziert.
Im Folgenden zitiere ich eine Passage aus oben erwähntem Buch, über das ich an anderer Stelle etwas ausführlicher informiert habe.
Ed Kennedy wird von einem ihm Unbekannten angehalten, sich der Lösung von Aufgaben zu stellen, Botschaften zu überbringen, die er mittels Karten, Assen genauer gesagt, erhält. Insgesamt wird er vier Asse erhalten und dann noch die Joker-Karte. Manchmal muss er der Botschaft zuliebe gewaltige Prügel einstecken, manchesmal erlebt er unglaublich Schönes.
In der folgenden Szene hat er eine Aufgabe zu lösen, eine Botschaft zu überbringen, aber er weiß nicht an wen, er weiß nur, dass sie mit einer Kneipe, dem Melusso´s zusammenhängt. 
Nachdem er seinen baufälligen und furchtbar stinkenden Hund namens Türsteher versorgt hat - mit ihm unterhält er sich immer per Gedankensprache - macht er sich auf den Weg.
Der folgende Buchausschnitt stammt aus Teil III "Schwere Zeiten für Ed Kennedy"; seine Aufgaben erhielt er auf einem Pik Ass; wir befinden uns im Rahmen der zweiten Aufgabe des Pik Ass:

 Ich betrete das Restaurant, den allumfassenden Duft und die Wärme von Spagettisoße, Pasta und Knoblauch. Ich halte die Augen offen, ob mir irgendjemand folgt, aber ich habe keinen Menschen bemerkt, der auch nur das mindeste Interesse an mir gezeigt hätte. Nur Leute, die tun, was sie zu tun gewohnt sind.
Sich unterhalten. Falsch parken.
Fluchen. Ihren Kindern sagen, dass sie sich beeilen und aufhören sollen zu heulen.
Solche Sachen.
Im Restaurant bitte ich die Kellnerin, mir einen Tisch in der dunkelsten Ecke zu geben.
»Da drüben?«, fragt sie entgeistert »Neben der Küche?«
»Ja, bitte.«
»Da wollte noch niemand freiwillig sitzen«, erklärt sie. »Sind Sie ganz sicher?«
»Ganz sicher.«
Was für ein sonderbarer Kerl, denkt sie zweifellos, aber sie führt mich zu dem Tisch.
»Weinkarte?«
»Wie bitte?«
»Möchten Sie einen Wein trinken?«
»Nein, danke.«
Sie fegt die Weinkarte vom Tisch und nennt mir die Empfehlungen des Hauses. Ich bestelle Spagetti Bolognese und Lasagne.
»Erwarten Sie noch jemanden?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein.«
»Sie wollen beide Gerichte essen?«
»Oh, nein«, antworte ich. »Die Lasagne ist für meinen Hund. Ich habe versprochen, dass ich ihm etwas mitbringe.«
Diesmal bedenkt sie mich mit einem Blick, der sagt: »Was für ein erbärmlicher, einsamer Kerl«, was völlig verständlich ist, nehme ich an. Aber sie sagt: »Ich bringe Ihnen die Lasagne, bevor Sie gehen, einverstanden?«
»Ja, danke.«
»Möchten Sie etwas trinken?«
»Nein, danke.«
Ich trinke nie etwas in einem Restaurant, denn ein Getränk kriege ich überall. Aber kochen kann ich nicht und nur deshalb gehe ich überhaupt in Restaurants.
Sie geht weg und ich schaue mich um. Die Hälfte der Tische ist besetzt. Menschen schlagen sich die Bäuche voll, andere trinken Wein, während sich ein junges Pärchen über den Tisch hinweg küsst und sich gegenseitig mit Nudeln füttert. Die einzig interessante Person ist ein Mann, der an derselben Wand sitzt wie ich. Er wartet auf jemanden, trinkt Wein, isst aber nichts. Er trägt einen Anzug und hat sein welliges silberschwarzes Haar glatt zurückgekämmt.
Kurz darauf kommt die Spagetti Bolognese und gleichzeitig die volle Bedeutung dessen, warum ich hier bin.
Ich hätte mich beinahe verschluckt, als die Begleitung des Mannes an den Tisch tritt. Er steht auf, küsst sie und legt ihr die Hände auf die Hüften.
Die Frau ist Beverly Anne Kennedy.
Bev Kennedy.
Auch bekannt als meine Mutter.
Oh, Scheiße, denke ich und ziehe den Kopf ein.
Aus irgendeinem Grund fühle ich mich, als müsste ich mich gleich übergeben.
Meine Mutter trägt ein schmeichelndes Kleid. Es ist dunkelblau und glänzend. Die Farbe erinnert mich an eine stürmische Nacht. Graziös setzt sie sich hin. Ihr Haar rahmt ihr Gesicht weich ein.
Kurz gesagt: Dies ist das erste Mal, dass sie in meinen Augen tatsächlich wie eine Frau aussieht. Normalerweise ist sie lediglich meine kratzbürstige Mutter, die mich beschimpft und mich einen nutzlosen Versager nennt. Heute Abend aber trägt sie Ohrringe und ihr dunkles Gesicht und die braunen Augen lächeln. Sie zeigt ein paar Falten, wenn sie lächelt, aber ja, sie sieht glücklich aus.
Sie wirkt glücklich als Frau.
Der Mann ist ein echter Gentleman, schenkt ihr Wein ein und fragt sie, was sie essen möchte. Sie unterhalten sich mit offenkundigem Vergnügen und einer gewissen Gelassenheit. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Ehrlich gesagt versuche ich es auch gar nicht.
Ich denke an meinen Vater.
Ich denke an ihn und bin sofort niedergeschlagen.
Frag mich nicht, warum, aber ich habe den Eindruck, dass er etwas Besseres verdient hat.
Natürlich war er ein Säufer, besonders gegen Ende seines Lebens, aber er war so freundlich, so großzügig und sanft. Ich schaue in meine Spagettisoße und sehe sein Gesicht vor mir, sein kurzes schwarzes Haar und seine fast farblosen Augen. Er war ziemlich groß, und wenn er zur Arbeit ging, trug er immer ein Flanellhemd und hatte eine Zigarette im Mundwinkel. Zu Hause rauchte er nie. Nicht im Haus jedenfalls. Auch er war ein Gentleman, trotz allem.
Ich denke auch daran, wie er, nachdem die Kneipe zugemacht hatte, durch die Haustür getorkelt kam und sich aufs Sofa fallen ließ.
Natürlich brüllte meine Mutter ihn an, aber es nutzte nichts.
Sie piesackte ihn sowieso jeden Tag. Er arbeitete sich den Hintern wund, aber es war nie genug für sie. Erinnerst du dich noch an die Sache mit dem Beistelltisch? Mit so etwas musste sich mein Vater jeden Tag herumschlagen.
Als wir jünger waren, hat er oft Ausflüge mit uns Kindern unternommen, zum Nationalpark, an den Strand und zu einem etwas weiter entfernten Spielplatz mit einem riesigen Raumschiff aus Metall. Nicht so wie die Spielplätze, auf denen die armen Kinder heutzutage spielen müssen - überall nur Plastik, zum Kotzen. Er unternahm viel mit uns und schaute schweigend zu, wie wir spielten. Manchmal blickten wir zu ihm, und dann saß er da, rauchte zufrieden und träumte vor sich hin. Die erste Erinnerung meines Lebens ist meine Wenigkeit im Alter von vier Jahren, wie ich auf Gregor Kennedv, meinem Vater, Huckepack ritt. Damals war die Welt noch nicht so groß und ich konnte alles sehen. Damals war mein Vater ein Held und kein Mensch.
Jetzt sitze ich hier und frage mich, was ich als Nächstes tun muss.
Meine erste Tat ist der Entschluss, meinen Teller nicht leer zu essen. Ich beobachte meine Mutter und ihren Begleiter. Es ist nicht zu übersehen, dass die beiden nicht zum ersten Mal hier sind. Die Kellnerin kennt sie und bleibt kurz an ihrem Tisch stehen, um ein paar Worte zu wechseln. Sie fühlen sich wohl in der Gesellschaft des anderen. Ich will bitter sein und zornig, aber ich bremse mich noch rechtzeitig. Was für einen Sinn hätte das? Immerhin ist sie ein Mensch und hat das Recht, glücklich zu sein, genauso wie jeder andere.
Erst ein paar Minuten später begreife ich meinen ersten Impuls, ihr das offensichtliche Glück zu neiden.
Es hat nichts mit meinem Vater zu tun.
Es hat mit mir zu tun.
In einem plötzlichen Anfall von Übelkeit erkenne ich den absoluten Horror der Situation:
Da sitzt meine Mutter, etwas über fünfzig Jahre alt, und flirtet ungeniert mit irgendeinem Typen - und hier sitze ich, in der Blüte meiner Jugend, ganz und gar allein.
Ich schüttele den Kopf.
Über mich selbst.
Pik 10 Sturm auf der Veranda
Die Kellnerin räumt die restlichen Spagetti ab und bringt die Lasagne des Türstehers in einer billigen Aluschale. Er wird sich darüber vermutlich sehr freuen.
Ich husche zum Tresen und bezahle, schaue mich noch einmal nach meiner Mutter und dem Mann um, vorsichtig, um nicht gesehen zu werden. Aber sie ist völlig in ihn versunken. Sie starrt ihn an und lauscht seinen Worten mit einer solchen Intensität, dass ich mir keinerlei Mühe mehr gebe, meine Anwesenheit zu verbergen. Ich bezahle und verlasse das Restaurant, gehe aber nicht heim.
Ich laufe zum Haus meiner Mutter und warte auf der Veranda.
Das Haus riecht nach meiner Kindheit. Ich kann riechen, wie der Duft unter der Tür nach draußen kriecht, während ich auf dem kühlen Betonboden hocke.
Die Nacht funkelt vor Sternen. Ich lege mich auf den Rücken und schaue hinauf, verliere mich dort oben. Ich habe das Gefühl, als würde ich fallen, aber nach oben, hinein in den Abgrund des Himmels über mir.
Das Nächste, was ich fühle, ist ein Fuß, der mich anstupst.
Ich wache auf und richte meine Augen auf das Gesicht, das zu dem Fuß gehört.
»Was willst du denn hier?«, fragt sie.
So ist meine Mutter.
Die Freundlichkeit in Person.
Ich stütze mich auf den Ellbogen auf und beschließe, nicht um den heißen Brei herumzureden.
»Ich wollte dich fragen, ob du dich im Melusso's gut amüsiert hast.«
Ein Ausdruck der Überraschung fällt ihr aus dem Gesicht, obwohl sie versucht, ihn aufzuhalten. Er löst sich und erst dann bekommt sie ihn zu fassen und dreht ihn hin und her. »Es war sehr nett«, sagt sie, aber ich merke, dass sie versucht, Zeit zu gewinnen, um sich ihre Argumente zurechtzulegen. »Eine Frau muss leben.«
Ich setze mich auf. »Na klar.«
Sie zuckt mit den Schultern. »Ist das der einzige Grund, warum du hier bist - um mir vorzuhalten, dass ich mit einem Mann zum Essen verabredet war? Ich habe Bedürfnisse, weißt du?« 
Bedürfnisse.
Hör sie dir an.
Sie geht an mir vorbei zur Tür und steckt den Schlüssel ins Schloss. »Also, Ed, wenn du nichts dagegen hast - ich bin sehr müde.«
Jetzt.
Der Moment.
Beinahe hätte ich gekniffen, aber heute Abend stehe ich auf. Ich weiß ganz genau, dass ich der einzige Spross dieser Frau bin, den sie in einer solchen Situation nicht ins Haus bitten wird. Wenn meine Schwestern hier wären, würde sie jetzt schon Kaffee kochen. Wenn es Tommy wäre, würde sie ihn fragen, ob ihn seine Professoren an der Universität gut behandeln, und ihm eine Cola und ein Stück Kuchen anbieten.
Aber an mir, Ed Kennedy, ganz genauso ihr Fleisch und Blut wie ihre anderen Kinder, geht sie vorbei. Mir verweigert sie die Freundlichkeit, mich bittet sie nicht herein. Ich wünsche mir, dass sie nur ein einziges Mal ein kleines bisschen liebenswürdig zu mir ist.
Die Tür hat sich schon fast geschlossen, da halte ich sie mit der Hand auf.
Es erklingt ein Geräusch, als ob jemand eine Ohrfeige bekommen hätte.
Ihr Gesicht wird hart.
Ich spreche, deutlich und unmissverständlich.
»Ma?«, sage ich.
»Was?«
»Warum hasst du mich so sehr?«
Jetzt schaut sie mich an, diese Frau, während ich mich bemühe, dass meine Augen mich nicht verraten.
Tonlos, ohne Umschweife, antwortet sie mir.
»Weil du mich so sehr an ihn erinnerst, Ed.«
Ihn?
Dann begreife ich.
Ihn - an meinen Vater.
Sie geht ins Haus und die Tür schlägt zu.
Ich war gezwungen, einen Mann zu den Klippen zu bringen und so zu tun, als wollte ich ihn umbringen. Zwei Schläger haben in meiner Küche Pasteten gegessen und mich grün und blau geprügelt. Und ich musste mich von ein paar aufgebrachten Teenagern vermöbeln lassen.
Doch dies ist meine dunkelste Stunde.
Da stehe ich.
Verletzt.
Auf der Veranda meiner Mutter.
Der Himmel öffnet sich, fällt auseinander.
Ich möchte mit meinen Händen und meinen Füßen gegen die Tür hämmern.
Ich tue es nicht.
Ich sinke nur auf die Knie, gefällt, niedergemäht von der Brutalität ihrer Worte. Ich versuche, etwas Gutes darin zu sehen, denn ich habe meinen Vater geliebt. Abgesehen von seinem Alkoholproblem glaube ich nicht, dass es eine Schande ist, ihm ähnlich zu sein.
Warum fühle ich mich dann so schrecklich?
Ich rühre mich nicht.
Im Gegenteil - ich schwöre mir, dass ich diese beschissene Veranda nicht verlassen werde, bis ich die Antworten bekommen habe, die mir zustehen. Ich werde hier schlafen, wenn es sein muss, und morgen den ganzen Tag in der sengenden Hitze hier warten. Ich stehe auf und rufe.
»Ich gehe nicht weg, Ma!« Noch einmal. »Hörst du mich? Ich gehe nicht weg.«
Nach etwa einer Viertelstunde wird die Tür aufgezogen, aber ich schaue meine Mutter nicht an. Ich drehe mich um und spreche die Straße an, sage: »Du behandelst die anderen so gut - Leigh, Kath und Tommy. Es ist, als ob...« Ich lasse nicht zu, dass ich schwach werde. Ich halte mich zurück. »Aber mir gegenüber benimmst du dich so, als würdest du mich nicht im Mindesten respektieren. Dabei bin ich derjenige, der hier ist.« Jetzt schaue ich sie an. »Ich bin hier, wenn du etwas brauchst. Und jedes Mal wenn du mich um etwas bittest, tue ich es, oder etwa nicht?«
Sie nickt. »Ja, Ed.« Im nächsten Moment stürzt sie sich wie ein Habicht auf mich. Sie greift mich mit ihrer Version der Wahrheit an. Die Worte schneiden mir so messerscharf in die Ohren, dass ich fast erwarte, es müsse Blut aus ihnen hervorquellen. »Ja, du bist hier und genau das ist der Punkt!« Sie breitet die Arme aus. »Schau dir dieses Dreckloch an! Das Haus, die Stadt, einfach alles.« Ihre Stimme ist dunkel. »Und was deinen Vater angeht - er hat mir versprochen, dass wir eines Tages von hier weggehen würden. Er hat mir versprochen, dass wir packen und wegziehen würden, und schau dir an, wo wir sind, Ed. Wir sind immer noch hier. Ich bin hier. Du bist hier und genau wie bei deinem alten Herrn kommt von dir auch nur leeres Geschwätz. Nur Worte, keine Taten. Du...« Giftig deutet sie mit dem Finger auf mich. »Du könntest genauso viel erreichen wie die anderen. Sogar so viel wie Tommy... Aber du bist immer noch hier und du wirst auch in fünfzig Jahren noch hier sein.« Sie klingt so kalt. »Und du wirst nichts aus dir gemacht haben.«
Die Stimme verklingt zu Schweigen.
Sie bricht es wieder. »Ich will doch nur«, sagt sie, »dass du dein Leben nicht vergeudest.« Langsam kommt sie auf die Stufen zu und sagt: »Ich möchte, dass dir etwas klar wird, Ed.«
»Was?«
Ganz vorsichtig schiebt sie den Satz aus ihrem Mund. »Ob du es glaubst oder nicht - es bedarf einer Menge Liebe, um jemanden so zu hassen.«
Ich versuche zu begreifen.
Sie steht immer noch auf der Veranda, als ich hinunter in den Vorgarten gehe. Ich drehe mich um.
Mein Gott, ist das dunkel.
So dunkel wie das Pik-Ass.
»Hast du dich schon mit diesem Mann getroffen, als Dad noch am Leben war?«, will ich von ihr wissen.
Sie schaut mich an, wünscht sich, dass sie es nicht tun müsste, und obwohl sie nichts sagt, weiß ich es. Ich weiß, dass sie nicht nur meinen Vater hasst, sondern auch sich selbst. Und dann wird mir bewusst, dass sie sich irrt.
Es ist nicht die Stadt, denke ich. Es sind die Menschen.
Wir wären dieselben, egal wo wir uns befänden.
Wieder spreche ich. Eine letzte Frage.
»Hat Dad es gewusst?«
Langes Schweigen.
Ein Schweigen, das tötet, bis meine Mutter sich abwendet und weint. Die Nacht ist so tiefschwarz, dass ich mich frage, ob die Sonne jemals wieder aufgeht.

Diese Passage enthält unglaublich viel, und keine Frage: Ed Kennedy erfährt sehr viel, was für ihn wertvoll ist.
Ganz offensichtlich ist, welche Rolle, welche Position er in der Familie einnimmt. Ihm selbst ist klar, dass seine Mutter seine Geschwister Tommy und Kathie ganz anders behandelt.
Diese Position allerdings müsste er noch viel klarer sehen, um deren ganzes Ausmaß zu erkennen, warum zum Beispiel nämlich seine Geschwister erfolgreich sind und nicht von ungefähr das Weite gesucht haben und er Taxifahrer ist in einem Betrieb, in dem der Chef so mit ihm umgeht, wie es sonst nur seine Mutter mit ihm tut, und warum er noch in der Nähe der Mutter wohnt.
Jede Familie hat ein bestimmtes Maß an Familienenergie, die auch mit der Kraft der Ahnen zusammenhängt, die hinter Vater und Mutter, Oma und Opa väterlicher- und mütterlicherseits stehen. Die Bibel noch wusste um die Bedeutung dieser Familienenergie, deshalb werden im Alten Testament so ausführlich und recht oft Stammbäume aufgelistet.
Das kommt nicht von ungefähr; dahinter steht das Bewusstsein der Lebensweisheit, dass Familien und Stammbäume sehr viel zu vergeben haben, sehr viel Lebensenergie. 
Ist Ed sich zudem klar über die Bedeutung dessen, wie seine Mutter ihn weckt? – Mit dem Fuß?! Eine Mutter stupst ihr Kind nicht mit dem Fuß wach. Es ist derselbe Fuß, der verbal ständig zutritt. Es scheint nicht so, dass Ed Kennedy sich dessen bewusst ist, wohl aber glaubt man zu spüren, dass er auf dem Weg zur Wahrheit ist.
Die Frage darf dennoch gestellt werden: Bringt diese Stelle ihn entscheidend weiter?
Aus noch anderen Gründen: Nein! – Um es genauer zu formulieren: Noch nicht.
Zu sehr darf die Mutter bleiben, wie sie ist.
Zu sehr bleibt ihre Kosmetik bestehen, etwas in ihrer Aussage: "Es bedarf einer Menge Liebe, um jemanden so zu hassen."
Das klingt gut, so ein Satz, ja, ist er - psychologisch gesehen - nicht sogar wahr?
Ja, so raffiniert sind solche Antworten, dass man denkt: Vielleicht  hat sie doch einen guten Kern! Tut sie nicht doch im Grunde alles aus Liebe?
Und schon ist man im Seichten, da, wo die Mutter ihren Ed haben will.
Die Wahrheit aber ist:
Diese Antwort ist im Grunde eine Verhöhnung ihres Sohnes.
Genauso wie ihre Aussage: "Ich will doch nur, dass du dein Leben nicht vergeudest."
Darum geht es ihr nicht im Geringsten.
Dazu braucht man das Buch nicht zu lesen, um das zu wissen. Denn das ist elterliche Strategie, dass sie ihre schrecklichen Programme hinter solchen Floskeln verstecken.
Ich will doch nur Dein Bestes.
Das ist meistens eine der größten Lügen, die Eltern aussprechen. Meistens muss man nämlich nur die Methoden anschauen, mit der sie dieses Beste durchsetzen wollen, um zu wissen, dass sie etwas durchsetzen, zu was sie ihr Inneres verdonnert.
So, wie mit ihnen umgegangen worden ist, so gehen sie in der Regel auch mit ihrem Kind um: Ich will doch nur dein Bestes!
Klar geht es nicht darum, ob Eltern böse sind. Das sind sie nicht. Sie geben weiter, wie mit ihnen umgegangen wurde, manchmal kaschieren sie es. Früher schlug man als Elternteil viel eher zu; heute ist das nicht mehr "in"; man schlägt keine Kinder - äußerlich. Effektiver kann man sie innerlich schlagen. Und das ist noch gemeiner, weil solche Schläge oft nicht als Gewalt enttarnt werden.
Doch auch hier geht es nicht um gut und böse. Auch meine Eltern gaben ihr "Bestes".
So viel "Bestes", dass ich alle Mühe habe, es zum Guten zu wenden ...
In der Buch-Szene steht Ed Kennedy auf. Auch das ist ein symbolischer Akt, und das Gute ist, Ed ist sich dessen bewusst. Er lässt sich nicht einfach rauswerfen.
Man muss sich das vorstellen: Diese Mutter wirft ihren Sohn raus. Sie wirft ihn so raus, wie sie ihn lieblos ins Leben geworfen hat, als der den Mutterleib verließ.
Solch eine Mutter wirft ihr Kind in das Dunkel des Lebens. Nicht, dass das Leben per se dunkel ist. Keineswegs. Aber für solche Kinder wie für Ed ist es das. Es ist so dunkel wie das Innere dieser Mutter.
Den Archetypus der Großen Mutter kennen wir aus der Psychologie. Und diese Große Mutter hat eine lichte, aber auch eine sehr dunkle Seite. Der leider viel zu früh verstorbene Arzt und Psychiater Erich Neumann hat ihre Wandlungsseiten in seinen Büchern vielfach aufgezeigt, u.a. in "Die Große Mutter. Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten". Jede Frau nun nimmt an diesen Seiten mehr oder weniger Anteil. Manche Frauen und Mütter haben sehr viel Lichtes, manche allerdings auch sehr viel Dunkles. Eds Mutter ist eine von ihnen.
Markus Zusak bringt das zum Ausdruck, indem er die Nacht tiefschwarz sein lässt.
Ed spürt diese Schwärze, und das ist gut so. Aus dieser Schwärze kommt kein Ton. Aus diesen Schwarzen Löchern kommt kein Licht. 

Ed beginnt NEIN zu sagen zu dieser Schwärze. Dadurch kann ihm immer mehr bewusst werden.
Deutlich wird dies am nächsten Weihnachtsfest, als sich die Familie bei der Mutter trifft. Da nimmt Ed Bezug auf die bereits oben zitierte Aussage der Mutter:

»Schau dir dieses Dreckloch an! Das Haus, die Stadt, einfach alles.« Ihre Stimme ist dunkel. »Und was deinen Vater angeht - er hat mir versprochen, dass wir eines Tages von hier weggehen würden. Er hat mir versprochen, dass wir packen und wegziehen würden, und schau dir an, wo wir sind, Ed. Wir sind immer noch hier. Ich bin hier. Du bist hier und genau wie bei deinem alten Herrn kommt von dir auch nur leeres Geschwätz. Nur Worte, keine Taten. Du...« Giftig deutet sie mit dem Finger auf mich. »Du könntest genauso viel erreichen wie die anderen. Sogar so viel wie Tommy... Aber du bist immer noch hier und du wirst auch in fünfzig Jahren noch hier sein.« Sie klingt so kalt. »Und du wirst nichts aus dir gemacht haben.«

Er enttarnt die dunkle Magie der Mutterworte, indem er sagt, als er die Weihnachtsfeier verlässt:
»Wenn du hier weggegangen wärst, wärst du trotzdem überall dieselbe Person gewesen.«

Und der Ich-Erzähler, also Ed, lässt uns weiter teilhaben: 
Das ist eigentlich genug der Wahrheit, aber ich kann nicht schweigen. »Wenn ich jemals hier weggehen sollte ...« – ich muss schlucken – »dann werde ich dafür sorgen, dass ich zuerst hier ein besserer Mensch geworden bin.«
»Okay, Ed.« Sie ist verblüfft und ich empfinde Mitgefühl für diese Frau auf dieser Veranda in dieser armseligen Straße in dieser gewöhnlichen Stadt. »Hört sich gut an.«
»Bis bald, Ma.«
Ich bin weg.
Das musste mal gesagt werden.


Ed ist gewiss auf einem richtigen Weg, doch ich hoffe, dass er die wirkliche Gerissenheit  der dunklen Mutter durchschaut; Mitleid mit dieser Mutter ist nicht angebracht. Noch lange, lange nicht!
Dazu ist sie viel zu gerissen, um vieles gerissener, als Ed es ahnt und durchschaut; sie hat tausend Mittel, um ihren Jungen dennoch in Abhängigkeit zu halten. Denn er hat zu erfüllen, was sein Vater nicht tat: Er hat seine Mutter aus dem Dreckloch zu bringen. Er hat den Prinzen zu spielen, als der sein Vater kläglich versagte.
Und Ed hat noch ein Problem: Er idealisiert seinen Vater. 
Es hat seinen Grund, dass sein Vater sich in diese Situation mit dieser Frau manövrierte.
Und wie seine Mutter auch ihre lichten Seiten hat, so hat sein Vater dunkle, vielleicht mehr, als Ed zu entdecken bereit ist. Es sind schließlich die, die auch er übernommen hat.


Dieses Buch zeigt am Schluss eine wunderbare Lösung auf, wie Ed sich befreien kann, wie er zum Autor seines Lebens wird.
Als Leser nehmen wir teil an dieser Entwicklung.
Dieses Buch - zu Recht erhielt es zahlreiche Preise, unter anderen den bedeutenden Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 - ist eines der wenigen, das ich kenne, das Hoffnung macht. Es verweist am Schluss in einer nicht ganz leicht zu decodierenden Passage den Leser darauf, doch selbst Autor seines Lebens zu sein
Deshalb ist es unendlich wertvoll.


Ein weiterer Post zu Der Joker:
Kann man sich in ein Buch verlieben? – Man kann! – 
Eine meiner Lieblingsszenen aus Markus Zusaks Der Joker