In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Freitag, 20. Juli 2012

Kinder tragen leider bisweilen unbewusst die Schuld der Eltern weiter - vom lebensbestimmenden Erbe der Eltern. – Kafkas aufschlussreiche Kurzgesschichte "Heimkehr"

Vor einigen Jahren musste ich eine Abiturprüfung miterleben, in welcher der Prüfungsvorsitzende, der in aller Regel von einer anderen Schule kommt, ziemlich häufig - bis zu einem gewissen Grad ist ihm das erlaubt - in die Prüfung fragend eingriff. Die meisten tun das sehr sensibel und erst gegen Ende der Prüfung, um das Gespräch zwischen dem Lehrer, den der Prüfling kennt, sich entwickeln zu lassen. Dieser aber tat das schon nach kurzer Zeit und brachte dadurch den jungen Mann, der da geprüft wurde, ziemlich aus dem Konzept.
Nach der Prüfung kam der Abiturient zu mir und bedauerte, dass er nicht habe besser sein können.
Für mich war diese Aussage schlimmer als der Prüfungsverlauf selbst, die Tatsache nämlich, dass der junge Mann das unsensible und unangemessene Prüfungsverhalten des Vorsitzenden im Grunde sich zur Last legte. Dabei ging der ungünstige Verlauf für mich klar zu Lasten des Vorsitzenden; der Junge musste von vornherein kämpfen und kam nie zum freien, vertrauensvollen Sprechen. Soweit mir das möglich war, habe ich ihm Hinweise gegeben, damit er seine Leistung richtig einschätzen konnte.

Dieses Geschehen steht beispielhaft für unsensibles und seelisch belastendes Verhalten von Erwachsenen in seinen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Letztere können aufgrund ihrer fehlenden Lebenserfahrung das Verhalten der Erwachsenen zumeist nicht einschätzen. Zudem will ihre Seele vor allem in jungen Jahren den inneren Erwachsenen in sich ausbilden und die nächsten Anverwandten sind Vorbild und oft absoluter Maßstab.

Kafkas Kurzgeschichte Heimkehr zeigt beispielhaft auf, welche Auswirkungen solches Erwachsenenverhalten hat und wie fatal die Folgen sind. Hier zunächst die Kurzgeschichte selbst:

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Als brutal empfinde ich die innere Wirklichkeit des Sohnes, wie sie sich ausgebildet hat. In seinem Verhalten spiegelt sich die Distanz des Vaters zu ihm. Er, der Sohn, verhält sich nun genauso. Er traut sich nicht heran, wagt nicht zu klopfen, mehrfach taucht das von der Ferne auf.
Das ist schon schlimm genug.
Das Schlimmste aber kommt zum Schluss:
Sein Inneres nimmt wahr, dass die in der Küche Sitzenden, vermutlich seine Eltern, ein Geheimnis haben, ein Geheimnis vor ihm haben, das sie wahren wollen. 
Was er als Geheimnis wertet, ist die Kälte seiner Eltern, die ihn nicht an sie herankommen lässt.
Nun aber finden wir, was in vergleichbarer Weise auch in meinem einleitend geschilderten Erlebnis zum Ausdruck kommt:
Auf einmal übernimmt der Sohn und redet von seinem eigenen Geheimnis. 
Und mit welcher Selbstverständlichkeit er das tut!
Wie er auf einmal sich das Verhalten der Eltern zu eigen macht ... dass er sich womöglich genauso verhalten könnte mit seinem Geheimnis, das eben das vermachte Geheimnis der Eltern ist.
Gewiss gibt es da einen Konjunktiv II, das wäre - aber jeder spürt, er, der Konjunktiv II transportiert hier keine Nicht-Wirklichkeit, sondern ziemlich sicher eine zukünftige Realität des Sohnes.

Eine Schuld der Eltern, von der ich in der Überschrift gesprochen habe, ist es nur, wenn sie ein Bewusstsein ihres Verhaltens haben und es dennoch weitergeben. Ansonsten ist es ihr Erbe. 
Das seelische ist ja viel lebensbestimmender als das materielle.

Kein Kind, das vertrauensvoll sich seinen Eltern und dem Leben anvertrauen konnte, hat ein Geheimnis vor ihnen. Gewiss muss auch ein erwachsen werdendes Kind seinen Eltern nicht alles gesagt haben, schließlich wird es erwachsen und entscheidet selbst, was es sagt und was nicht. Zudem gibt es schließlich oft einen Lebenspartner, dem man alles anvertraut ... wenn es gut geht.
Nur hier ist offensichtlich: Dieser Sohn hat ein Geheimnis, das dem der Eltern korrespondiert. Nie steht für ihn zur Debatte, ob er es wirklich hat. Er hat es, weil seine Eltern ihm ihr Geheimnis ständig vorleben, jene Kälte, hinter der keine Wärme kommt, jene Kälte, die man besser nicht durchbricht, weil dort nichts ist, sich auch im Leben der Eltern nicht bilden konnte; schließlich sind auch sie nur ein Opfer ihrer Eltern, wie diese selbst ...
Das ist das Traumatische, dass Kinder etwas übernehmen, für das sie nicht verantwortlich sind.

Irgendjemand muss es ihnen sagen oder: Mögen sie es selbst erkennen.
Heute besteht dazu eher die Möglichkeit als früher.

Kafka allerdings ist an Elternkälte recht früh gestorben.
Immer wieder ziehen in Märchen die Helden aus, um z.B. den Vater, den inneren Vater zu heilen, denken wir an das Märchen vom Wasser des Lebens. Nicht immer gelingt das aufs Erste. Tröstlich aber, dass uns die Märchen sagen: Auf Dauer wird alles gut.

Einen weiteren Aspekt zu Kafkas Heimkehr: hier

Samstag, 10. Dezember 2011

Gierige Kinder. – Die Bedeutung der Vermittlung einer inneren Struktur, eines inneren Erwachsenen in der Erziehung.

Folgende Situation ist mir unvergessen:
In einer Sportstunde hole ich eine Packung der kleinen Dickmanns aus meiner Sporttasche; jeder der Klasse bekommt einen Mohrenkopf. Die Jungen im Alter von 10, 11 Jahren stehen sofort vor mir, die in der ersten Reihe sind natürlich im Vorteil. Es sind zwar offensichtlich genug Mohrenköpfe da, aber ziemlich viele sind offensichtlich auf die kleinen weißen scharf.
Kaum habe ich die Packung aufgemacht und halte sie vor mir, da schießt die Hand eines Jungen aus der dritten Reihe über alle Schultern weg in die Schachtel und krallt sich einen Mohrenkopf. Dabei wollte er nicht einmal einen weißen, nur einen, seinen. Die Hand kam so blitzschnell und war sofort in der Schachtel, dass ich mich wundere, so schnell reagiert haben zu können. Sehr laut und deutlich sagte ich: Nimm sofort die Hand raus!"
Verständlich, das Verhalten des Jungen? Immerhin stand er in der dritten Reihe, bis er drankam, konnte viel passieren ...
Ja und nein.
Eine weitere Situation, die mir genauso unvergesslich ist:
Ich sitze mit einem befreundeten Ehepaar im Garten und habe eine Runde Pizza ausgegeben als Dank für eine Hilfe, die ich von ihnen erfahren hatte. Die Riesenpizza liegt auf dem Tisch, viele Stücke, bereits geschnitten, so waren sie vom Pizza-Service gebracht worden.
Da kommt der Sohnemann herbei, setzt sich mit seinen 14 Jahren zu uns und schlingt in einem Tempo Stück für Stück hinunter, dass mir am Schluss gerade noch ein  zweites blieb. Normalerweise hätten alle von uns 4 oder 5 haben können. Auch die Eltern bekamen nicht viel mehr. Der Sohn schlang und schlang.
Mir stieg die Galle höher und höher, nicht nur, dass das Schlingen unappetitlich war und die ganze Essatmosphäre störte; es war einfach rüpelhaft und rücksichtslos-unhöflich, wie er sich benahm.
Da die Pizza von mir quasi ein Geschenk war, wollte ich nichts sagen und ich sagte auch deshalb nichts, weil ich erwartete, dass die Eltern eingriffen; aber das taten sie nicht. Im Gegenteil, eher hatte ich noch den Eindruck, dass die Mutter stolz war, wie ihr Sohn schlingen konnte. Ich bin mir allerdings auch ziemlich sicher, dass mir auch der Mut, etwas zu sagen, fehlte, denn ich hätte mit einer Zurechtweisung des Jungen in gewisser Weise auch die Eltern düpiert, schließlich waren sie für das Verhalten ihres Kindes verantwortlich.
Ich hoffe, heute würde ich es in einer vergleichbaren Situation dennoch tun.

Das Problem liegt nur vordergründig auf Seiten der Kinder bzw. Jugendlichen; vielmehr liegt ein Problem in der Erziehung und vielleicht auch in der Familienaufstellung vor.
Von dem Jungen aus dem Unterricht weiß ich, dass er ältere Geschwister hat. Wenn in einer Familie nicht darauf geachtet wird, dass ein Jüngeres nicht ständig um seine Position kämpfen muss; wenn nicht darauf geachtet wird, dass Mädchen nicht zugunsten von Jungen benachteiligt werden - übrigens können auch jüngere sich rigoros gegenüber älteren Geschwistern durchsetzen (auch da müssten Eltern moderieren), dann ist so ein Tun, wie es der Junge mit seinem Mohrenkopfverhalten gezeigt hat, verständlich. Struggle for life.
Schlimm, wenn solches Verhalten am Familientisch nicht balanciert wird.
Meine Anweisung an den Jungen halte ich, obwohl er ursächlich ziemlich sicher nicht dafür verantwortlich zu machen ist, für richtig; er muss lernen, sich an Regeln zu halten. Wenn das Schicksal ihn in dieser Situation in die dritte Reihe stellt, ist das in Ordnung. – Geholfen ist ihm damit allerdings nur sehr oberflächlich; in Wirklichkeit und ursächlich nicht.

In gewisser Weise ist es normal, dass Kinder sich so verhalten wie der Junge mit seinen Pizzastücken, vor allem wenn sie 3, 4 oder meinetwegen auch 5, 6, 7 Jahre alt sind; dann probieren sie einfach aus und testen je nach Temperament und Charakter, wie weit sie gehen können.
Es ist dann Sache der Erwachsenen, eine Struktur einzubringen, einen notwendigen Rahmen  zu setzen. Im Alter des Jungen, das heißt mit 14 Jahren, ist schon deutlich etwas schief gelaufen; bei dem zweiten und dritten hat er noch gefragt, ob er noch eines haben könne; in der Folge langte er  dann einfach zu.
Das Verhalten der Kinder an sich ist nicht das Schlimme an der Sache, schlimm sind die schwachen Erwachsenen, denen die innere Kraft fehlt, Kindern Struktur zu geben. Und selbst sie sind in gewisser Weise auch nicht die Quelle, denn sie haben diese Struktur auch nicht gelernt.
Es gibt Kinder in der Schule, die am Anfang, wenn man sie als Lehrer bekommt, rigoros einen mitten im Satz unterbrechen - mit der größten Selbstverständlichkeit; das kann ein oder zweimal passieren; sie aber machen das, wann sie wollen.
Einem Erwachsenen möchte man dringend empfehlen, ein Kind ausreden zu lassen; aber genauso muss ein Erwachsener dafür Sorge tragen, dass ein Kind einen Erwachsenen respektiert.
Es gibt in unserer Kultur eine mittlerweile völlig aus dem Ruder gelaufene Art von Kinderfreundlichkeit.
Ich erinnere mich an einen Schulleiter zu Beginn meiner Zeit als Lehrer:
Man stand im Rektorat und unterhielt sich mit ihm. Da öffnete sich die Tür und ein Schüler trat herein. Sofort war man - und nicht nur ich, so erging es auch den anderen Kollegen - außen  vor; abrupt wendete sich der Schulleiter dem oder den Schülern zu, demonstrierte vor allen im Raum anwesenden Erwachsenen Kinderfreundlichkeit, und erst wenn diese versorgt und betüttelt waren, wandte er sich wieder den Erwachsenen zu.
Das mag in dem ein  oder anderen Fall gewiss angemessen sein, z.B. wenn ein Kind weinend den Raum betritt; ansonsten aber ist solches Verhalten von Seiten der Erwachsenen katastrophal; wobei noch am wenigsten schlimm ist, dass diese Erwachsenen demonstrieren, dass ihr innerer Erwachsener krank ist; schlimmer ist, dass sie diesen Infekt weitergeben.
An die Kinder.

Gierige Erwachsene gibt es zuhauf, möchte ich sagen. Plötzlich fährt in ihnen das innere Kind aus seiner Nische, in der es sich versteckt hat, sein Arm fährt raus und krallt sich, was es meint, haben zu müssen ... wer möchte schon ein Leben lang zu kurz gekommen sein ... Erwachsene können Gefühl und Verhalten halt besser kaschieren ...

Donnerstag, 1. Mai 2008

Der liebevolle Erwachsene

, wenn Sie glauben, dass Sie schlecht seien und unfähig, sich selbst glücklich zu machen. Sie werden glauben, dass Sie mit dem Schmerz Ihres inneren Kindes nicht fertig werden könnten. Stattdessen wer­den Sie weiterhin versuchen, Ihr inneres Kind zu kontrollieren, und das Kind wird wiederum versuchen, andere zu kontrollie­ren. Sie werden Ihr inneres Kind im Stich lassen und andere für Ihre Gefühle verantwortlich machen. Wenn Ihr Erwachsener einmal entschieden hat, Ihr inneres Kind zu verlassen, dann bleibt dieses machtlos und allein zurück. Es ist der innere Erwachsene, der dann eine neue Entscheidung im Sinne des Kindes treffen muss.
Der liebevolle Erwachsene
Der liebevolle Erwachsene - der Erwachsene also, der von und mit dem inneren Kind lernen möchte - ist der dynamische, engagierte, mutige Persönlichkeitsanteil in uns, der Teil, der durch ethische Grundsätze und durch Integrität bestimmt ist. Der liebevolle Erwachsene setzt sich dafür ein zu lernen, das innere Kind zu umsorgen. Er bemüht sich darum, das innere Kind kennen zu lernen, zu lieben, zu unterstützen und in Kon­takt mit ihm zu sein. Der liebevolle Erwachsene in uns bringt den Mut auf, in unser Inneres zu schauen, uns mit uns selbst zu konfrontieren und uns kennen zu lernen. Dies ist der positive innere Elternteil, der Teil in uns, der unsere alten Kindheits­wunden heilen und falsche Überzeugungen durch die Wahrheit ersetzen kann. Dieser Teil kann konstruktiv und im Interesse der Gefühle und Bedürfnisse des inneren Kindes handeln. Er kann aktiv die Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte und kreati­ven Ideen des Kindes realisieren. Das Kind ist hungrig - der Erwachsene bereitet ihm eine Mahlzeit zu. Das Kind ist müde - der Erwachsene geht zu Bett und macht das Licht aus. Das Kind möchte Kontakt zu anderen haben - der Erwachsene nimmt das Telefon und ruft jemanden an. Das Kind visualisiert das Bild, und der Erwachsene malt es auf die Leinwand.
Der Erwachsene drückt durch sein Handeln die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes und auch des Erwachsenen aus. Wenn wir nur fühlen, ohne dass wir unseren Erwachsenen diese Gefühle in Handlung umsetzen lassen, dann bleiben wir stecken. Glei­chermaßen sind Taten, die nicht vom Gefühl getragen werden, nichtssagend und leer. Wenn Sie zum Beispiel einem anderen Menschen gegenüber warme Gefühle hegen, diese aber nicht durch irgendeine Geste ausdrücken, dann wird dieser andere nie einen tiefen Eindruck von Ihnen bekommen. Wenn Sie jedoch Zärtlichkeit demonstrieren, ohne ein Gefühl der Liebe zu empfinden, dann ist diese Aktion bedeutungslos und kann sogar manipulativ sein. Aus diesem Grund ist der Kontakt und das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Seiten in uns so wichtig. Wenn der liebevolle Erwachsene und das geliebte Kind zusammenarbeiten, sind wir mit uns selbst in Einklang.
Der liebevolle Erwachsene ist dem inneren Kind gegenüber weder autoritär noch gleichgültig. Er zwingt dem Kind seinen Willen und seine eigene Art zu handeln nicht auf, aber er versteht es, dem Kind Grenzen zu setzen. Das innere Kind möchte vielleicht den ganzen Tag Süßigkeiten naschen, aber der liebevolle Erwachsene weigert sich, diesem Bedürfnis ent­sprechend zu handeln. Statt dessen fragt der liebevolle Erwach­sene das Kind, warum es diesen Wunsch hat, warum es sich so leer fühlt, dass es sich mit Süßigkeiten füllen muss. Der liebe­volle Erwachsene macht dem Kind keine Vorwürfe, weil es bestimmte Wünsche und Gefühle hegt, er sagt dem Kind nicht, dass es unrecht habe oder schlecht sei. Der Erwachsene weiß, dass das Kind für seine Gefühle wichtige Gründe hat, und er handelt in der Absicht, diese Gefühle kennen zu lernen.
Der liebevolle Erwachsene ist dem Kind gegenüber nicht derart nachgiebig, dass er ihm erlaubt, sich anderen gegenüber lieblos zu verhalten. Nehmen wir einmal an, das innere Kind ist auf jemanden wütend. Der liebevolle Erwachsene ist sensibel genug, diese Wut wahrzunehmen und zu verstehen und hilft dem Kind, sie in angemessener Weise auszudrücken. Er erlaubt aber dem Kind nicht, seine Wut an anderen auf eine Art auszu­lassen, die manipulativ oder verletzend ist, indem es andere schikaniert, bedroht oder körperlich angreift. Der liebevolle Erwachsene verlässt das Kind nicht, wenn es wütend, verletzt oder traurig ist, noch sagt er dem Kind, dass andere für diese Gefühle verantwortlich seien. Der Erwachsene weiß, dass diese Gefühle von innen kommen, aus tief sitzenden Ängsten und Überzeugungen, dass sie nicht von jemand anderem verursacht wurden, und er ist da, um die Gefühle des Kindes wahrzuneh­men und zu verstehen und seine Selbstheilungskräfte zu unter­stützen. Darüber hinaus schützt der Erwachsene das Kind da­vor, Dinge persönlich zu nehmen, indem er dem Kind immer die Wahrheit sagt.
Nehmen wir beispielsweise einmal an, Ihr Ehepartner würde Sie anschreien und Ihnen sagen, Sie seien dumm. In Ihrer Kindheit ist Ihnen das vielleicht häufig von Ihren Eltern gesagt worden und deswegen fühlen Sie sich immer wieder getroffen, wenn man Sie als dumm bezeichnet. Ein liebevoller Erwachse­ner würde eingreifen und zu dem Kind sagen: »Dieses wütende und verurteilende Verhalten hat nichts mit dir zu tun. Du bist eine intelligente Person. Diese abwertende Charakterisierung rührt von etwas, was in ihm/ihr vorgeht und für das du nicht verantwortlich bist. Also mach dir keine Sorgen, ich werde dieses Problem für uns regeln.« Der Erwachsene handelt dann im Interesse des Kindes und sagt zu dem Ehepartner: »Ich weiß, dass du sauer bist, aber ich möchte nicht auf diese Weise heruntergeputzt werden. Das tut mir weh. Wenn du offen für ein Gespräch bist, dann lass uns über die Sache sprechen.« Wenn sie/er dann nicht für einen Lernprozess offen ist, würde ein Erwachsener die Szene verlassen. Wenn das Kind sich noch immer verletzt fühlt, würde der Erwachsene die Gefühle des Kindes anhören und herauszufinden versuchen, woher diese Gefühle kommen, vielleicht indem er sich wieder an lange vergessene Erfahrungen ähnlicher Situationen aus der Kind­heit erinnert. Der Erwachsene vertraut darauf, dass die Gefühle des Kindes sich mit einer gewissen Logik entwickeln, dass sie von vergangenen Erfahrungen und den daraus entstandenen Überzeugungen herrühren. Der liebevolle Erwachsene ist ein Lehrer und heilt das kindliche System der falschen Überzeu­gungen, indem er dem Kind die Wahrheit sagt.
Der liebevolle Erwachsene ist eine mächtige, kompetente Persönlichkeit in dem Sinne, dass er Macht hat: Macht über das Selbst, über seine Entscheidungen und die Fähigkeit, die Träume des Kindes zu verwirklichen. [...]Das Diagramm auf Seite 51 zeigt die Eigenschaften des liebevollen Erwachsenen und des geliebten Kindes und die Verbindung zwischen den beiden.
Das Wichtigste, was wir für uns selbst tun können, ist, uns bewusst zu machen, wie lieblos wir mit uns umgehen und was es bedeutet, ein liebevoller Erwachsener für unser inneres Kind zu werden.
Die Art, wie wir unser inneres Kind behandeln, ist ausschlagge­bend für alles andere in unserem Leben. Wenn wir unser inneres Kind lieblos behandeln, werden wir abhängig von Dingen, Menschen oder Handlungen. Wir werden ängstlich, besorgt, depressiv, leiden unter Schmerzen, Leere, Bedürftigkeit, gerin­ger Selbstachtung, einem unerträglichen Gefühl des Alleinseins und physischer wie psychischer Krankheit. Die Schwere einer Geisteskrankheit entspricht dem Grad der Spaltung zwischen dem inneren Erwachsenen und dem inneren Kind. Wir werden verrückt, wenn wir das Alleinsein und den tiefen Schmerz des inneren Kindes nicht sehen und fühlen wollen.
Wenn wir unser inneres Kind liebevoll behandeln, schaffen wir die innere Verbindung, die die Leere in uns füllt, und wir müssen diese Leere nicht von außen, durch Sucht oder Abhän­gigkeit, zustopfen. Je mehr wir lernen, unser inneres Kind liebevoll zu behandeln, desto tragfähiger und sicherer wird die innere Verbindung. Das bringt uns Frieden, Freude, Kraft und Ganzheit und schützt uns davor, uns aufzugeben, um von ande­ren geliebt zu werden.