In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Montag, 9. Juni 2014

Langeweile: hirntechnisch gesehen bestens für Ihr Kind! Und nicht nur hirntechnisch . . .


Das muss alle die Eltern schocken, die schon vor der Geburt ihres Kindes sich einen Plan zurechtgelegt haben, wie es sinnvollst gefördert werden kann.
Das beginnt mit der mozartlich vorgeburtlichen Beschallung, geht weiter mit gezielter Befüllung der Spiegelneuronen, dem Mutter-Vater-Kind-Schwimmen, mit ach so spielerischem Lernfreudetrainig, mit sensomotorischen Lerneinheiten während der Kita-Zeit, mit Ballett-Einheiten im Leib-Seele-Kindergarten . . . okay, ich übertreibe ... aber so weit von der Realität bin ich nun auch nicht entfernt.
Übrigens - und das möchte ich hier schon auch anmerken - halte ich einen Kindergarten mit hohem Aufforderungscharakter, um Dinge zu entdecken, für durchaus wertvoll. Allerdings bin ich hier eher auf der Montessorie-Linie: Es dürfen, ja sollen Dinge sein, die immer wieder auch aus dem Kind kommen. Wobei es durchaus so sein darf, dass eine gute Mischung stattfinden darf: Lieder lernen Kinder nun einmal, wenn sie der Kindergärtnerin nachsingen, auch wenn sie ihre eigenen haben und manchmal goldig vor sich hinbrabbeln und -singen - ich möchte sagen: 
Die Mischung macht´s, eine Mischung, die allerdings für jedes Kind anders aussehen wird; so weit möglich, gehen Menschen, die mit Kindern zu tun haben wollen, darauf ein.

Hochfrequenz-Lernen cancelt die Lernfreude

Zu obigem Programm, beginnend schon in der vorgeburtlichen Phase (irgendwann kommt ein Wissenschafler und weist nach, dass es am besten schon vor der Zeugung losgeht), sagt Gerald Hüther jedenfalls eindeutig STOPP, und was er zum Ausdruck bringt, bedeutet nichts anderes, als dass solches Verhalten für die Lernfreude eines Kindes sehr kontraproduktiv sein kann, ja in der Regel ist - zu den elterlichen Neurosen, die hinter solch einer Einstellung stecken, äußert er sich nicht  (weil sich damit auch die Chance, dass Betroffene es sich zu Herzen nehmen, steigt).

Gut, ich hatte als Kind viel Langeweile und bei mir hat es trotzdem nur zum Lehrer gereicht (kleiner Spaß, ich bin gern Lehrer), aber was ich weiß und als sehr wertvoll für mich empfinde:
Die Langeweile hat bei mir dazu geführt, dass ich die örtliche Bibliothek sehr stark frequentiert habe und dass sich meine Fähigkeit, alles in Bildern sehen zu können, sehr ausgeprägt hat, denn ich musste die etwas dürftige Eisenbahnanlage immer aufpäppeln durch meine Vorstellungen, wie die Lok mit 20 Wagen gerade die Alpen überquert oder durch unwirtliche Canyons fährt (manchmal mit Indianerüberfall). Und am meisten gefordert war meine Phantasie, als ich mir den damals noch dick aufgepolsterten, runden Klavierhocker gegen den heftigen Widerstand meiner großen Schwester erkämpfte, ihn schräg stellte und zu einem Bus-Lenkrad umfunktionierte, seiner eigentlichen Bestimmung, wie ich fand. Das war schon tollkühn, wie ich da diesen großen Bus durch den Stadtverkehr manövriert habe. - Was meine Mutter dachte, wenn sie mich so sah, weiß ich nicht, aber sie ist mit mir auch nicht zum Arzt gegangen.

Heute kann ich mir alles - kein Wunder bei so viel Übung - bestens in Bildern vorstellen (was dazu führt, dass ich mir selten eine Literaturverfilung ansehen mag, weil meine eigenen Bilder mir einfach lieb sind, in aller Regel viel lieber als die Filmbilder), und - man mag es nicht glauben - es hilft mir nicht unerheblich z. B.  beim Interpretieren von Gedichten. Wenn man sich alles in Bildern wie in einem Film vorstellt, fällt einem sofort auf, wo die Knackpunkte liegen, was ungewöhnlich ist, wo Brüche sind, was außergewöhnlich ist, was womöglich gar nicht gesagt oder getan wird, aber doch eigentlich ansteht ...
Ich sehe manchmal in misstrauisch staunende Augen, wenn ich zu meinen Schülern sage: Schaut euch alles wie in einem Film an, dann liegt die Interpretation fast auf der Hand.
Was ich immer mitbedenken muss: Viele können das nicht mehr, sich eigene Bilder zu machen. Von frühester Kindheit werden sie mit fremden Bildern erschlagen, ihre eigenen kommen nie zum Tragen.  Dafür sorgen Video, Play-Station und Smartphone.
Ein Jammer.
Wie wertvoll ist die eigene Phantasie.

Einstein wäre für G10

Vergessen wir nicht, dass Einstein seine Relativitätstheorie sich zunächst nur vorgestellt hat: Alles, was das Verhältnis von Raum und Zeit betrifft und was seit Jahrhunderten Gültigkeit besaß, die Vorstellung nämlich von einer gleichförmig ablaufenden Zeit, die für jedes Bezugssystem diesselbe Gültigkeit haben müsse, revidierte er durch seine Vorstellungskraft dahingehend, dass jedes System seine Eigenzeit besitzt. Eine gigantische Leistung dieses, seines Vermögens.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob er Langeweile hatte, aber von Videos und Smartphone-Schrott ist er jedenfalls nicht zugeballert worden.
Doch wie sinnvoll es sein kann, sich mit Lange-Weile und durchaus langsam zu entwickeln - die Diskussion um G8/G9 lässt grüßen -, machen seine Zeilen an James Franck deutlich:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war."

Das ist für Einstein, so möchte man sagen, der Stein der Weisen:

"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, dass an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen."

Diese Sätze möchte man allen Bildungsplanern und jenen Eltern ins Stammbuch schreiben, die glauben, sie müssten Kinder möglichst früh möglichst viel eintrichtern, damit sie alle Einsteins werden.

Genau der aber würde sagen: Lasst ihnen doch Zeit. Zeit zum Staunen. Zeit zum Wundern.

Ein Kindergarten darf, ja sollte immer auch ein Wunderland sein.
Dann entwickeln sie Dinge, die wir nicht zu denken wagen, nicht denken können, weil wir von zu eilfertigen Erwachsenen auf ihr Denken hin gedrillt worden sind.
Um Einstein noch einmal ausführlicher zu zitieren:

"Ich (..) habe mich derart langsam entwickelt, daß ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind."

Lassen wir doch Kindern so weit als möglich ihre Ungewöhnlichkeit. Vielleicht können dann viele auch ungewöhnlicher bleiben und müssen sich nicht in ADHS-Symptome flüchten.

Ich empfehle Ihnen jedenfalls das folgende Video, auch deshalb, weil es denjenigen, denen die überzogene Leistungs-Erziehung unserer Kinder gefühlsmäßig schon immer ein Dorn im Auge war, argumentatives Material an die Hand gibt. Manchmal tut das unseren Gefühlen ja auch wirklich gut :-)




PS Übrigens glaube ich - auch wenn ich mich darüber mokiert habe -, dass Mozart-Musik wirklich einem Ungeborenen gut tut. Mozart hat sich Zeit seines Lebens - und das, obwohl er ja durchaus schon als Kind ziemlich hart rangenommen wurde - so viel Kind bewahrt: Da muss seine Musik förmlich gut tun - und das gilt auch für die inneren Kinder der Erwachsenen :-)

PPS Und Spiegelneuronen zu befüllen, wenn es nicht nur ein lern-technischer Akt ist, sondern einer in Liebe, mit Zuwendung und Freude, ist natürlich ausgesprochen sinnvoll - dazu habe ich ja an anderer Stelle geschrieben . . .


PPPS  als Nachtrag: Ich sehe gerade im Newsletter von Gehirn und Geist: Die neueste Ausgabe enthält einen Artikel zum Thema Langeweile:
Wenn die Zeit kriecht.
Ist Langeweile zu erforschen nicht ganz schön öde? Keineswegs! Wissenschaftler entdecken ein erstaunlich vielschichtiges Phänomen, das gute und schlechte Seiten birgt - und uns sogar zur Sinnsuche inspirieren kann.

Ich finde die Zeitschrift echt gut, den Artikel allerdings eher langweilig, Forschungen konglomerierend :-)
Interessant vielleicht dieser Absatz:

Wer stimulationsarme Phasen stets füllt, tut daher vor allem Kindern nichts Gutes, meint etwa die britische Sozialwissenschaftlerin Teresa Belton. Sie schrieb bereits 2001 den Mangel an Kreativität vieler Kinder deren TV-Konsum in Zeiten der Langeweile zu. Inzwischen sind noch Playstations und Smartphones hinzugekommen. Wann immer Kinder gelangweilt sind, wenden sie sich elektronischer Unterhaltung zu, fürchtet Belton: »Sie lassen sich von Reizen bombardieren, anstatt sich auf ihre inneren Ressourcen zu verlassen.«

PPPPS  Was unser gesunder Menschenverstand übrigens schon immer wusste :-)

Sonntag, 3. März 2013

(II) Der Himmel hat keine Moral! – Zu oft geben wir Zwanghaftigkeiten an unsere (inneren) Kinder weiter!

Teil I hier

Gerade im Hinblick auf unsere Selbsterziehung, unsere Vorstellungen, was richtig und falsch ist, unsere Zwanghaftigkeiten, die wir so oft "Freiheit" nennen, ist das Folgende hilfreich.

Die Gedanken Stefan v. Jankovichs finde ich aufschlussreich in mehrerer Hinsicht, wobei ich ihn in nur einem Punkt entscheidend korrigieren möchte:
Göttliche Liebe ist nicht selbstlos, ein Begriff, den er im Zusammenhang mit ihr verwendet. Der Mensch verliert sein Selbst nicht, wenn er liebevoll denkt und handelt. Im Gegenteil: Er gewinnt sein Selbst, sein göttliches Selbst. – Nie ist wahre Liebe selbstlos.

Wahre Liebe ist immer ein Selbst–Gewinn!

Was ich im Zusammenhang von Jankovichs Erfahrungen besonders wichtig finde, darüber möchte ich im Anschluss an seine Worte schreiben.
Hier der Auszug aus dem Buch Ich war klinisch tot. Der Tod, mein schönstes Erlebnis:

"Was das Urteil während des Lebensfilmes betrifft, so ist es sehr bezeichnend, daß ich selber dieses Urteil fällte, nicht irgend ein Gott oder astraler Richter. Nicht der allmächtige Gott von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, nicht der im apokalyptischen Feuer erscheinende Richter von Johannes, nein, ich selber, d. h. mein ICH-Bewußtsein, hatte durch mein eigenes Gewissen die Bilanz zu ziehen. Mit meinem plötzlich sehr sensitiv gewordenen Göttlichen Prinzip, das in jedem als Kernstück und Ursprung seines eigenen ICH-Bewußtseins verborgen ist, konnte ich klar erkennen, ob ich in dieser oder jener Situation richtig gehandelt oder mich richtig verhalten, das Problem richtig gelöst, die Probe bestanden hatte oder nicht. 

Im Zusammenhang mit dem Urteil machte ich eine meiner wichtigsten Erfahrungen:

„Ich beurteilte mich nicht nach irdischen Moralgesetzen, sondern nach dem kosmischen Harmoniegesetz der Liebe."

Lange Zeit habe ich im Spital liegend darüber nachgedacht, wie ich dieses Phänomen entziffern könnte. Warum habe ich eine Handlung als POSITIV beurteilt, obwohl ich gegen die bestehenden moralischen, christlichen Gesetze, den Staat und die Gewohnheiten der Gesellschaft verstoßen hatte? Warum verurteilte ich mich andererseits für sogenannte „gute Taten", bei denen ich sogar gegen mich selbst Zurückhaltung, Enthaltung, eine Art von Askese geübt hatte? Wie war das möglich? Habe ich mich im Leben oft falsch verhalten? War damals meine Beurteilung der Situationen nach den herrschenden moralischen Gesetzen falsch, oder sind die vom Menschen abgefaßten Gesetze falsch?

Ich bin heute überzeugt, daß die Taten und Gedanken positiv und als gut bewertet werden, die selbstloser Liebe entspringen, und in denen die geistige Weiterentwicklung, eine Bereicherung des ICH, als Bestandteil zu erkennen war.

Liebe, Selbstlosigkeit, Freiwilligkeit, allgemeine Gerechtigkeit, gute Gedanken, guter Wille und Harmonie waren die Hauptmerkmale der Entscheidungen und Situationen, die ich als „gut" oder „positiv" bewertet habe.

Der Ursprung dieser Entscheidungen bzw. Lösungen entstammte meinem eigenen ICH. Initiant dafür war der tief in mir verborgene Gottesfunke, d. h. mein Göttliches Überbewußtsein.

Hingegen werden als negative Entscheidungen die Gedanken oder Taten beurteilt, die durch egoistische Hintergedanken entstanden, die nicht ehrlich waren und mit denen ich anderen Nachteile oder Schaden zugefügt habe. Dies gilt auch dann, wenn sie der Welt als „gut" erschienen. Schlecht wurden auch die Entscheidungen beurteilt, bei denen ich jemandem etwas aufzwang, sei es eine Handlung, eine Idee, eine Meinung, oder wenn ich eine Handlung erpreßte. Diese Taten stellten alle einen Eingriff in den Lebensablauf des anderen dar, eine Einschränkung des freien Willens einer Person. Dasselbe galt auch, wenn ich mir selbst — aus irgendeinem Grund — etwas aufzwang, mich quasi selbst vergewaltigte, die Erfüllung meines Schicksals dadurch verhinderte. Negativ waren die Entscheidungen, denen ein böswilliger Ursprung wie Haß, Rache, Neid, Machtgier, Geldgier, Habsucht, Eitelkeit, Eifersucht, Stolz usw. zugrunde lag und durch die ich somit gegen das kosmische Harmonie–Gesetz handelte.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, welche Szenen ich im Tod als nicht gut erlebt habe, erschrecke ich darüber, wie viele sogenannte gute Taten, d. h. diejenigen, die ich mit pflichtbewußtem Willen vollbracht habe, um jemanden glücklich zu machen, die also mit Selbstaufopferung und Rücksicht auf andere verbunden waren, nicht in die positiven harmonischen Szenen eingereiht wurden. Ich habe oft darüber nachgedacht. Aber plötzlich erkannte ich, daß man die göttliche Harmonie stört, wenn man sogenannte „gute Taten" erzwingt, denn das Göttliche ist ohne jeden Zwang.

Ich erkannte auch, daß unsere Moralbegriffe im Jenseits keine Gültigkeit haben. Seit jener Zeit bin ich allen menschlichen Moralbegriffen gegenüber kritisch eingestellt."

Gerade im Hinblick auf die Erziehung unserer Kinder verlangen im Grunde Jankovichs Erfahrungen und seine daraus reslultierende Sicht ein völliges Umdenken.
Wie oft zwingen wir Kindern unsere Sicht der Dinge auf, unsere Moralbegriffe, die Kondensate unserer Erfarungen, die auf den uns anzerzogenen Zwangsvorstellungen von Moral und Leben beruhen.

Wir lassen Kinder zu oft nicht ihre ureigenen Ideen entwickeln und verwirklichen. Wir geben ihnen zu oft vor, was sie zu denken und zu tun haben. Oft geschieht das von Seiten der Erwachsenen unbewusst. Und es kommt hinzu, dass wir der Ansicht sind, dass wir es gut meinen. – In den Auswirkungen ist aber das Gegenteil der Fall.

Gemeint ist nicht und gewiss ist es nicht falsch, klare Anweisungen zu geben im Hinblick auf den Gebrauch des Konjunktiv I in der indirekten Rede, im Hinblich auf eine ordentliche Heftführungen oder den richtigen Tempusgebrauch im Englischen, im Hinblick auf Anstandsregeln.
Das ist nicht gemeint.
Gemeint sind kindliche Sichtweisen, die wir uns nicht wirklich anhören, sondern sofort korrigieren und sich nicht entwickeln lassen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ein Kind etwas nicht einsieht, oft etwas dahintersteckt, was es nicht sagen kann oder sich nicht (mehr) zu sagen erlaubt.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich die Geduld besaß zu warten, was ein Kind sagen möchte und es nicht unterbrach, nachdem die ersten Sätze nicht meinen Erwartungen entsprachen, oft Inhalte kamen, die mich verblüfft haben.

Wir sind viel zu sehr noch Sklaven der eigenen Zwänge, die aus unserer Erziehung resultieren, die - gerade in unserer Schulzeit - oft auf Zwang und vorgefertigten Versatzstücken beruhte.

Freiheit des Geistes bedeutet, der Unberührtheit des kindlichen Geistes wieder mehr Respekt zu zollen und warten zu können, ob nicht für uns Erwachsene eine tiefe Wahrheit in ihm verborgen ist, vor der unsere Zwanghaftigkeit in Wahrheit Angst hat.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Starke Wurzeln und um sie viel Erde für unsere Kinder! – Mascha Kalékos "An mein Kind".


In vielen Gedichten der Mascha Kaléko findet sich ein zauberhaft wehmütiger Ton, der ihre Leser angezogen hat. Das erste Gedicht, das ich von ihr las, war Souvenier à Kladow. Es hat mich sofort in seinem Bann gezogen und man spürt, wie schwer es Mascha Kaléko fiel, ihre Berliner Heimat zu verlassen:


Ich denke oft an Kladow im April ...

Noch hält der Frühling sich im Wald verborgen,
Die Ufer warten kahl und winterstill,
Und nur die ersten Knospen rufen: "morgen"!

Und in der letzten Strophe heißt es dann:

Von meinem Herzen bleibt ein gutes Stück
Auf diesem kleinen Erdenfleck zurück.
Und eine Stimme in mir sagt: Ich will
Die Stunde, wie sie ist, in mir bewahren.
Und sieh: da lebt sie nach so vielen Jahren!
Ich denke oft an Kladow im April.

Es ist fast immer eine kleine, eine mikrokosmische Welt, auf die Mascha Kaléko blickt, mit Mut zu schlichter Herzlichkeit und Liebe. Kaum einmal allerdings, dass sie in ein Deutschbuch der Oberstufe Eingang fand und findet, da finden sich die Kaschnitz, die Bachmann oder Rose Ausländer; Mascha Kaléko sucht man vergebens.
Vielleicht, weil sie ihr Herz zu sehr auf der Zunge trägt. Man spürt es auf Schritt und Tritt. Zugleich glaubt man es in ihrem Inneren zu spüren. – Das ist offensichtlich für unsere Schüler zu schlicht, zu wenig abstrakt. Was gibt es da zu interpretieren? Schließlich muss man den Kopf einzusetzen lernen – Kopflosigkeit fällt auf, Herzlosigkeit nicht, wofür also braucht man ein Herz? Bereitet das auf die freie Wirtschaft vor, auf die Erhöhung des Bruttosozialprodukts? 
– Was also braucht man eine Dichterin, die offensichtlich ihr Herz nicht verbirgt ...

Ihr Inneres finden wir auch in einem ihrer bekanntesten Gedichte, in An mein Kind, in dem sie zunächst mit warmen, liebevollen Worten indirekt und so zärtlich von ihrem Geliebten spricht, wenn sie ihrem Kind ins Stammbuch schreibt:


Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.

Wie sehr muss sie da beide Männer geliebt haben, den großen und den kleinen! Es gibt sicherlich nicht viele Frauen, die solch ein Seelen-Glühen für einen Mann empfinden und in Worte fassen und all dies ihrem Kind widmen:


An mein Kind

Dir will ich meines Liebsten Augen geben

Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.

Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass man hienieden
All´seine Fehler selbst begehen muss.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,

Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!

Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume

Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume -
Bewahr´den Tropfen Öl im alten Krug!


Traum und Träumer spielen in dem Gedicht zweimal eine Rolle. Eigentlich toll, wenn jemand ein Träumer ist, also auch Träume schätzt, mithin sicherlich offen ist für das Weibliche in sich – und dennoch kühn!
Und wie! – Was seine Mutter ihrem Kind zutraut! Heben doch die meisten Menschen nicht einmal offene Türen aus den Angeln, geschweige denn verschlossene  :-))

So scheint es weiterzugehen, doch der Konjunktiv im zweiten Vers der zweiten Strophe irritiert leise: Dein Weg sei frei. – Wenn man sein Glück schmiedet, dann verschafft man sich doch freie Bahn? – Seltsam, nach dem sicheren Dir will und Du wirst diese verhaltene Formulierung: Dein Weg sei frei.  Seltsam in der Folge dann auch diese Sentenz in Bezug auf all die Fehler, die man selbst begehen muss.

Das klingt fast schwermütig. Ja, schwermütig klingt es, was zunächst der liebevolle Tonfall kaschiert, auch durch die wirkungsvollen Alliterationen in seiner Seele und dem gelobten Glück.
Auf einmal ist da ein Ernst, ein fast bitterer Ernst.
Gilt dieser Satz, das man all seine Fehler selbst begehen müsse, wirklich ihrem Kind? Oder gilt er nicht vor allem ihr selbst, obwohl sie doch dezidiert An mein Kind schreibt? 

Er gilt ihr selbst.
Wie deutlich das durch das sich Anschließende wird!
Es sind ihre Erfahrungen, die sie ihrem Kind mitgibt, das doch seine eigenen machen möchte!
Sie spricht in der Folge von Abgründen und davon, dass Gott den Kranz hoch in die Wolken hängte.

Hat Gott das getan?
Auch für ihr Kind?
Woher nimmt sie diese Sicherheit?
Ist Gott nicht in uns?
Warum schreibt sie das ausgerechnet ihrem Kind?

Wir hören die Stimme des Angelus Silesius:

Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Die letzten Aussagen der Mascha Kaléko wollen gar nicht mehr recht passen zu dem mutigen Beginn.

Warum sollte jemand nach Ganzheit streben – Mascha Kaléko rät: sei es ganz –, wenn er es eh mit einem Gott zu tun hat, der den Siegeskranz hoch in die Wolken hängt? Klingt das nicht nach göttlichem Wolkenkuckucksheim?

Als ich das Gedicht zum ersten Mal las, fand ich es, wie so viele Kaléko-Gedichte, ein wenig wehmütig und schön; auch und gerade dieser Schluss mit dem Topos des Kruges und der Wertschätzung auch noch eines Tropfens Öl. Bei näherem Hinschauen aber muss einem angst und bange werden.

Was gibt da die Autorin, Kind jüdischer Eltern, ihrem Kind mit?

 Ist nicht von einem wurzellosen Baum die Rede!
 Und einem im Grunde leeren Krug?
 Und warum leuchtet die Fackel der Freiheit nur im Traum?
● Bezieht sich da die Jüdin auf ihr Volk, von dem sie zwar zu Lebzeiten noch erlebte, dass es in Palästina eine Heimat fand, von dem sie aber wusste und weiß, das es immer über die ganze Welt verstreut war und im Grunde heute auch noch ist? Mussten ihre Eltern nicht fliehen, musste nicht sie selbst fliehen?

Das Alte Testament, das Mascha Kaléko wohl kannte, spricht eine andere Sprache. Im 11. Kapitel des Propheten Jesaja können wir lesen:


Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

Isai, auch Jesse genannt - wir kennen die Namensbezeichnung aus dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen (Von Jesse kam die Art) - ist der Vater des späteren großen Königs David. 

Von Wurzellosigkeit ist hier nicht die Rede, sondern von einem jungen Trieb und Wurzeln. – Kein Wunder wird jener David später dichten:

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal
fürchte ich kein Unglück ...

Warum gibt Mascha Kaléko ihrem Kind mit, dass es ohne Wurzeln sei? 
Weiß sie denn nicht, dass unsere innere Heimat uns immer Wurzel ist?


Auch eine so bemerkenswerte Dichterin, die mit so viel Herz dichtet, kann offensichtlich nicht unbedingt über ihre eigene Biografie hinweg.

In Die frühen Jahre, ich glaube, einem ihrer frühen Gedichte, schreibt sie:


Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

So hart das klingen mag, aber ich bin mir nicht sicher, ob das, was Mascha Kaléko als Liebe bezeichnet, nicht viel eher Sehnsucht nach Liebe ist – ein gewaltiger Unterschied.

Ihre Bilder sprechen dafür, dass sie ein Leben lang suchte, nicht von ungefähr war sie dreimal verheiratet; ihren letzten Mann aber muss sie wohl geliebt haben; als er stirbt, lebt auch sie nicht mehr lange.

Sehnsucht ist nicht Sucht nach dem Himmel, sondern Sucht nach einer Verwurzelung in der Erde. Gerade die Menschen, die gern abheben und schweben und sehnsuchtsvolle Gedichte lieben, suchen doch in Wahrheit eine irdische Verwurzelung, wie wir sie alle brauchen.

Das ist es, was wir unseren Kinder mitgeben müssen: eine Wurzel mit viel Erde drumherum. –  In ihrem Gedicht ist offensichtlich, dass Mascha Kaléko es nicht konnte. Niemand wird das als negativ werten, es ist, wie es ist, und Mascha Kaléko hat nicht absichtlich von dem letzten Tropfen Öl geschrieben, den ihr Kind bewahren soll.

Niemand wird wirklich seinem Kind Wurzellosigkeit und einen letzten Tropfen mitgeben.

Gerade aber weil Mascha Kaléko so eine ehrliche Schriftstellerin ist, erleben wir hier, wie es ist, wenn das eigene Leben in uns tiefe Spuren hinterlässt.

Dabei ist es wichtig, dass wir unseren Kindern eine kräftige Wurzel mitgeben, und einen Krug, gefüllt bis an den Rand mit frisch gepresstem Öl!


Heute haben wir mehr Möglichkeiten, uns Dingen bewusst zu werden.

Und wir dürfen auch an solchen Gedichten erkennen, was wir zu lernen haben.

Nur so können wir eine vielleicht vorhandene eigene Wurzellosigkeit, die wir immer auch an unsere Kinder weitergeben, überwinden.

Denn die Wurzel ist da. Sie ist von Jesses Art. – Daran glaube ich.



Sonntag, 2. September 2012

"Junge, das schaffst Du schon!"

Heute, Sonntag, 2. September ist Jesco von Puttkamer zu Gast auf Bayern I - ich höre gerade zu -, ein genialer, interessanter Mann, mittleweile 79 Jahre alt, erfolgreicher Buchautor und ehemaliger Mitarbeiter Wernher von Brauns, Leiter einer NASA-Planungsgruppe zur permanenten Erschließung des Alls und Mitarbeiter am Apollo-Programm, am Space Shuttle, Skylab und der Raumstation ISS und nun auch mit verantwortlich für die NASA-Mars-Mission; täglich geht er noch zur Arbeit! Übrigens war er auch technischer Berater für Star Trek - Der Film und Raumschiff Enterprise.

Den Gästen der Sendung Blaue Couch werden ja auch immer Fragen gestellt, genauer, der Anfang eines Satzes vorgegeben, den sie fortsetzen sollen.

Für Jesco von Puttkamer lautete ein Satzanfang:

Meine Mutter sagte immer ...


und Puttkamer sagte, was seine Mutter ihm mitgab:


... Junge, das schaffst Du schon!


Was für eine Mutter!

Was für ein Lebensprogramm, das sie in ihren Jungen pflanzte.
Wenn man an gegenteilige Beispiele denkt und wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, weil mit ihnen selbst so umgegangen worden ist ... meine Güte ... davon erzählt ja auch immer wieder dieses Blog, nicht, um das Negative zu verstärken, sondern um sich der eigenen Programme bewusst zu werden. Es sind keine Programme für die Ewigkeit - ich glaube an die Veränderbarkeit, an die Heilkraft der Seele.

Wichtig ist deshalb zu wissen, dass in einer Ecke unseres Herzens, auch wenn wir anderes erlebt haben, etwas lebt, was sich entfalten kann, was stärker ist als alle negativen Erlebnisse.
Ich glaube an die Kraft einer solchen Heilung. Und immer, wenn man solchen Geschichten, solchen Menschen wie von Puttkamer zuhört, bekommt diese Pflanze Kraft. – Deshalb gehen auch die allermeisten Märchen gut aus. Eine Mär ist eine Kunde.
Märchen künden vom Leben und seiner Kraft; aber sie verheimlichen die Prüfungen nicht!

Übrigens erzählte Puttkamer, wie er mit seiner Oma 1942 aus der Ferne, von Murnau aus, das bombadierte, brennende, rot leuchtende München sah, wie es dem Kind doch mulmig geworden sei, doch seine Oma ihm gesagt habe: Das bauen wir alles wieder auf.

Da beschloss von Puttkamer, später einmal Ziegelsteine herzustellen oder Architekt oder Ingenieur zu werden ...

Was für ein Segen, wenn Mütter so mit ihren Kindern umgehen können ...


Sonntag, 5. Juni 2011

Paracelsus: Was Du in dem Kind erweckst, wird es in seine Form bringen!

Eine der Weisheiten des Paracelsus:

Dem Menschen ist die Fähigkeit für alle Handwerke und alle Künste eingeboren, doch sind sie noch nicht alle an den Tag gebracht (...)
Sondern die in ihm offenbar werden sollen, müssen erst in ihm erweckt werden. Was man von den Menschen lernen kann, das ist kein eigentliches Lernen, denn alles liegt schon in dem Kinde vorgebildet; man muss es nur in ihm erwecken und aufrufen (...) Das Kind ist noch ein vieldeutiges Wesen, und je nachdem, was du in ihm erweckst, wird es in seine Form gebracht. Erweckst du seine Fähigkeit zum Schustern, so wird es ein Schuster, rufst du den Steinmetz in ihm wach, dann wird es zum Steinmetz, und rufst du den Gelehrten auf, dann wird es ein Gelehrter werden. Und das mag so geschehen, weil alle Möglichkeiten in ihm liegen; was du in ihm erweckst, das geht aus ihm hervor, das übrige bleibt unerweckt in Schlaf versunken.


An unseren Verletzungen sehen wir, warum es so wenige Künstler, Friedensforscher und wirklich Liebende gibt. Da liegt noch viel Arbeit vor der Menschheit, in der Verantwortung aller Erziehenden!

Im Übrigen glaube ich: Unser innerer Erwachsener kann auch in unserem Alter viel in uns leisten. Er kann liebevoll mit seinen inneren Kindern umgehen; so lernen sie vielleicht nicht mehr Klavier zu spielen, aber die Liebe zuzulassen, vielleicht nicht mehr Segelfliegen, aber der Liebe zu vertrauen wie ein Drachengleiter der Luft und den Wolken vertraut ...
Dass Erwachsene sich nicht mehr verändern können ist ein Gerücht, das die verbissenen inneren Erwachsenen streuen, um ihre Existenz und ihre Lernunwilligkeit zu rechtfertigen ... !

Samstag, 15. Januar 2011

Kind, alles, was WIR, Deine Eltern wollen, geht Dir leicht von der Hand – was DU willst, geht schwer ... vergiss das nie ... WIR meinen es nur gut mit dir!

Heute morgen, kurz nach dem Anschalten, höre ich im Radio ein Lied von Mary Roos, dessen erste Strophe lautet:

Leben heißt die wilde Reise
jeder geht, wie er es will;
mancher heimlich still und leise,
mancher mutig, wild und schrill.

So ansprechend lebensnah und ehrlich dieser Text auf den ersten Blick klingen mag, so wenig trifft er, glaube ich, auf die meisten Menschen zu.
Jeder geht, wie er es will.
Haben wir wirklich die Wahl?
Gehen wir davon aus, der Wille des Menschen wird von seiner Seele gesteuert, die nur sein Bestes will.
Warum dann, fragt man sich, gehen Menschen wie Hänsel und Gretel in den Wald und - so scheint es doch - zielsicher auf das Haus der Hexe zu?
Warum versucht die Königin im Schneewittchen-Märchen Schneewittchen umzubringen, die eine Gestalt ihres äußeren Lebens sein kann, in der Regel aber jenen Teil in ihr verkörpert, der ihre reine Seele ist, im Märchen von Frau Holle heißt sie Gold-Marie. Warum versucht die Königin diesen wertvollen Teil in sich zu zerstören?
Doch in der Regel nicht in vollem Bewusstsein.
Warum also laufen viele Menschen fast zielsicher in eine Krankheit hinein, in einen Unfall, der immer nur scheinbar überraschend kommt, in ein Beziehungsdrama und in berufliche Schwierigkeiten?
Des Rätsels Lösung ist, dass Menschen keinesfalls so frei sind, wie sie sich dünken, dass sie bestimmt und beeinflusst werden von inneren Programmen, die sie zum Teil nicht einmal kennen oder über die sie keine Gewalt haben.
Und diese Programme sind so stark, dass selbst Petrus angesichts des Meisters der Wasser, also des Meisters der Seele, Jesus, im See Genezareth untergeht.
Ein Programm, dass ich kürzlich bei mir mit Hilfe meiner besten Freundin HeideMarie R. Ehrke enttarnen durfte, kann sein, dass Eltern einem soufflieren:
Kind, was WIR Dir zu tun sagen, geht Dir leicht von der Hand.
Auf der anderen Seite aber suggerieren sie: Alles, was das Kind selbst möchte, ist gar nicht einfach, ja oft schwer: Bedenke gut, Kind, was DU tust ... tu lieber, was WIR Dir sagen. Das, was DU da möchtest, ist gar nicht gut für Dich, das wird schwer gehen, wird schwierig.
Die Folge: Dieses Programm wirkt sich auf alles aus, was ich fortan im Leben tue. Alles, was ICH will, geht schwer. Wenn ich dieses Programm nicht enttarnen kann: bis an mein Lebensende.
Letztendlich führt es dazu, dass ich tue, was mir schwer fällt ...
Kein Wunder zieht dieses Programm Krankheiten an, zieht Menschen zu mir, denen es genauso geht ...
Frei bin ich dann, weiß Gott, nicht.
Ohne himmlische Hilfe hätte ich das wohl nie erreicht.
Deshalb bin ich HeideMarie R. Ehrke sehr dankbar und bin froh, wenn sie bald ihre Erfahrungen und ihr Wissen auf Sky-Voice für viele Menschen veröffentlicht.

Freitag, 5. November 2010

Fatal für das innere Kind: "Im Übermaß verliert die Liebe all ihre Kraft!" – Wie sich eine weise Mutter, auch eine weise innere Mutter verhält.

Schön, dass man in den Ferien neben all dem Korrigieren ab und an mal in ein Buch gucken kann und in diesen Herbstferien sind es zwei, in die ich morgens nach dem Frühstück eine halbe Stunde bis Stunde reingucke. Eines davon ist White Eagels "Die Göttliche Mutter".
Da las ich heute Morgen eine klasse Stelle, die mir bestätigt, dass das Verhältnis der Kinder zu Vater und Mutter, zu Erwachsenen also, dem Verhältnis unseres inneren Kindes zu uns als Erwachsenem entspricht. 


Im Grunde können wir z.B. die Fehler, die Michael Winterhoff hier anspricht, genau auch auf unser Verhältnis zu unserem inneren Kind umlegen. Es ist falsch, immer als Erwachsener sein Kumpel sein zu wollen oder als Erwachsener sich mit ihm zu identifizieren.  Wir würden nicht mehr merken, wenn es uns an der Nase herumführt, wir würden Stimmungen nicht mehr als Stimmungen des inneren Kindes identifizieren können, wir würden unsere Identität als Erwachsener verlieren:
Es gibt genug Erwachsene, die fest in der Hand ihres launischen inneren Kindes sind. 
Oft sind es Menschen, bei denen wir nie wissen, wann sie mal launisch sind und wann nicht, es sind Erwachsene, bei denen man dankbar ist, wenn sie normal sind und nicht launisch.
Mit solchen Menschen zusammenleben zu müssen, ist schrecklich, weil man nie weiß, was gerade in ihnen vorgeht und man vollkommen von ihren Launen abhängig ist. Meist sind es Menschen, die mit traumatischen Kindheitserlebnissen nicht klar kommen und fest in deren Hand sind.


White Eagle schreibt:

Lasst uns die Liebe analysieren ... wenn wir das können. Wenn man Sentimentalität mit Liebe verwechselt, erschafft man ein Problem, denn Sentimentalität hat ihren Platz, und es ist nicht leicht, sie von Liebe zu trennen. Aber wie es mit allen Tugenden der Fall ist, im Übermaß verliert die Liebe all ihre Kraft. Sie wird zum Hindernis, und es kann geschehen, dass sie den Menschen auf einen falschen Weg lenkt: Er bedeckt seine eigenen Schwächen und Fehler mit dem Mantel der Liebe und für die wirklichen Bedürfnisse seines Bruders oder seiner Schwester - ich ergänze: für die seines inneren Kindes - wird er blind.
Vielleicht ist Folgendes eine der wichtigsten Aussagen, die wir zu machen haben: dass unangebrachte Liebe oder Sentimentalität dich für deinen wirklichen Dienst an deinem Bruder, an deiner Schwester blind machen kann - ich ergänze: für die wirklichen Bedürfnisse des inneren Kindes -. Sie wird bewirken, dass Du nicht weise gibst, dass du nicht nur indirekt dir nachgibst, sondern auch den anderen freien Lauf lässt.
Wir wollen das mit dem Beispiel der hingebungsvollen Mutter verdeutlichen, die dem Kind alles gibt, was es fordert. In dem Glauben, dass dies Liebe ist, gibt die Mutter nicht nur das, wessen das Kind bedarf, sondern sie gibt ihm alles, materiell, mental und spirituell, und macht sich dabei blind für das Bedürfnis des Kindes nach Selbstentfaltung. Was ist die Folge? Statt ihrem Kind Gelegenheit zu geben zu wachsen und glücklich zu sein - ich ergänze in Bezug auf das innere Kind: heil zu werden und glücklich zu sein - beraubt die Mutter es jeder Möglickkeit des Selbstausdruckes und der Entwicklung - ich ergänze in Bezug auf unser inneres Kind: Wir kennen seine Möglichkeiten des Selbstausdruckes und seiner Entwicklungsmöglichkeiten nicht -. Die weise Mutter dagegen enthält sich auf jeder Ebene eines zu üppigen Aufwands.
Bedeutet das, dass die Mutter kalt und gleichgültig werden sollte? Nein. Es bedeutet, dass die Mutter ihr Kind auf solche Art und Weise liebt, dass sie klar sein Bedürfnis nach Erfahrung sieht, dass es lernen muss, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Mutter und der Vater, wenn sie in Verstand und Herz übereinstimmen (und wir hoffen wirklich, dass dies der Fall ist) müssen gemeinsam nicht nur das körperliche Wachstum ihres Kindes, sondern auch das mentale überwachen; sie müssen sorgfältig auf die Spiele achten, die es spielt, auf die Bücher, die das Kind gerne liest und ganz besonders darauf, was das Kind über seine Umgebung denkt. - Anmerkung: Unsere Bücher, unsere Freizeitbeschäftigung, unsere Spiele: klar dürfen sie aus den Wünschen unseres inneren Kindes heraus kommen; aber nicht jedem Spiel, nicht jeder Beschäftigung, die das innere Kind lanciert, müssen wir nachkommen, da ist auch Vorsicht geboten -.
Wir beklagen die Tendenz der Schule, das arme Gehirn solange mit Tatsachenwissen vollzustopfen, bis es voll und verdummt ist. Wir möchten lieber das Kind ermutigen, im Geiste zu wachsen, sich wie eine Blume den geistigen Kräften zu öffnen. Nochmals wiederholen wir: Das Ziel des Lebens ist Wachstum, und im gegenwärtigen Zeitalter ist das Wachstum des Geistes im Kind besonders notwendig.

So weit das Zitat und zum Abschluss der Hinweis, dass wir bald wieder in die Jahreszeit der Ankunft des Göttlichen Kindes eintreten, in der die Energie zur Heilung unseres inneren Kindes besonders hoch ist. 

Samstag, 7. November 2009

Wenn Kinder und Jugendliche aus einem Erwachsenen-Ich oder sogar aus einem rigiden Eltern-Ich heraus agieren ...

Gerade in jüngster Zeit habe ich das mehrfach erlebt und es könnte ein Indiz dafür sein, dass wir auf dieses Phänomen als Lehrer und Erzieher zunehmend treffen werden:
dass Kinder und Jugendlichen partiell - und dann meist zunehmend mehr - nicht in ihrem jugendlichen Ich leben, sich also als Kind und Jugendlicher erleben, sondern in einem von den eigenen Eltern vorprojektierten und projizierten Erwachsenen-Ich; ja, im Extremfall kopieren diese Kinder ein rigides Eltern-Ich, eine verhärtete Form des Erwachsenen-Ichs.

Bekannt ist, dass zunehmend Eltern ihr Kind bevorzugt als gleichwertigen Partner sehen oder als Partner-Ersatz, ja, als verlängerten eigenen intellektuellen Arm, um ein Bild Michael Winterhoffs zu übernehmen. Sie sprechen dann mit ihm eine Sprache, die ihm nicht angemessen ist. In der Regel gelingt diese unnatürliche Rollenzuweisung dadurch, dass sie dem Kind bzw. Jugendlichen Begriffe infiltrieren, die nicht zu dessen Welt- und Sprachverständnis gehören. Darunter finden sich gern z.B. Fremd-Worte oder auch Fachvokabular aus dem psychologischen Bereich.

Wenn bei den Eltern Gefühlsarmut vorherrscht - und sie kann auch vorliegen, wenn ein oder beide Elternteile bestens über Gefühle reden können - und sie diese Gefühlsarmut mit übertriebener Linkshirnigkeit kompensieren, also mit einer Weltsicht verbinden, die das gesamte Lebensmanagement an den Verstand abtritt, dann sind Kinder in besonders hohem Maße gefährdet.

Väter agieren dann auch gerne in dem Bereich digitaler Welten mit ihren Kindern, vor allem mit ihren Söhnen; der andere Bereich verarmt, oft, weil sie ihn selbst nicht leben können - und wie gesagt, das ist unabhängig, was der Vater beruflich macht, er kann Psychologe, Theologe, Lehrer oder Lagerarbeiter sein.

Eine Folge dieser Erziehung ist also, dass Heranwachsende einen Wortschatz aufweisen, den Kinder und Jugendliche dieses Alters nicht verwenden; sie verwenden aber auch Argumentationsstrategien, die ihrem Alter ganz und gar nicht entsprechen. Dem Lehrer gegenüber treten sie mit dem Bewusstsein eines Erwachsenen auf. Nicht selten drängen sie ihn in die Schülerrolle; er hat dann ihre Fragen zu beantworten. Tut er das nicht, reagieren sie empört oder beleidigt und/oder verwickeln ihn auf meist unglaublich geschickte Weise in Diskussionen.

Man muss dieses Verhalten einordnen können, um angemessen darauf zu reagieren.

Erlebt man Eltern solcher Jugendlicher, dann sind diese oft sichtlich stolz, dass ihr Kind sich so gewählt und gestelzt ausdrückt; ja, ich habe es erlebt, dass eine Mutter förmlich an den Lippen ihres Kindes hing, um zu hören, was es nun wieder (Alt-)Kluges sagen wird.

Gleichzeitig kann man in solchen Gesprächen erleben, dass Eltern ihren Kindern entsprechende Worte lancieren, soufflieren.

Das alles ist erschreckend, erschreckend verantwortungslos. Erwachsene betreiben mittels ihrer Kinder Ersatzbefriedigung. Das ist nicht nur höchst narzisstisch, sondern ein Missbrauch von Kindern.

Kinder und Jugendliche leben dieses Erwachsenen-Ich zwar nur partiell und vor allem auch in Gesprächen und Auseinandersetzungen mit Erwachsenen, dennoch aber lässt sich leider festhalten, dass damit ein Verlust ihres Kindseins einhergeht, ein nicht zu wiedergutmachender Schaden, der hier der Seele entsteht, weil er sich nicht nur gravierend auswirkt auf das gegenwärtige Leben, sondern auch auf das Verhalten solch geschädigter Kinder und Jugendlicher gegenüber eigenen Kindern, die sie einmal erziehen werden.

Schrecklich, wenn diese Kinder Erzieher werden; sie werden einer einseitig rationalisierten Erziehung das Wort reden, wie sie bei uns in erschreckendem Ausmaß ohnehin schon vorliegt. Vor allem werden sie Kinder, die ihr KindSein mit allen Facetten leben wollen, nicht verstehen; gerade auch, wenn diese musisch orientiert sind.

Das ist unabhängig davon, ob sie selbst beispielsweise ein Musikinstrument spielen.

Wenn es den betroffenen Heranwachsenden nicht gelingt aufzuarbeiten, was ihre Eltern in ihnen angerichtet haben, perpetuiert sich möglicherweise dieses Verhalten über Generationen mit Folgen, nicht nur für die Familie, sondern für die Gesellschaft.

Eltern werden im Übrigen nicht selten selbst Opfer ihrer (un)bewussten Erziehungsstrategie, wenn ihr Kind mit ihnen Diskussionen beginnt über Dinge, bezüglich deren es im Rahmen einer Erziehung eigentlich nichts zu diskutieren gibt; ob sie dann ihre eigenen Fehler erkennen wollen, hängt von ihrer Bereitschaft ab, aus dem zu lernen, was ihnen begegnet und Kummer bereitet.

Übrigens findet man Kinder, die schon mit 9 oder 10 Jahren auf diese Weise erfolgreich agieren.

Oft allerdings wechseln Eltern dann einfach die Strategie:

Wenn ihre eigenen Kinder sie selbst zu Kindern machen, werden sie überraschend tolerant.

Sie bringen es dann noch fertig, ihre Schwäche als menschliche Größe zu verkaufen.

In der Schule erlebt man als Lehrer dann, dass Eltern nicht über das Verhalten der Kinder mit dem Lehrer sprechen, sondern Maßnahmen des Lehrers in Frage stellen und anzweifeln. Andernfalls müssten sie sich ja darüber Gedanken machen, was in ihrer Erziehung falsch gelaufen ist; das tun sie sehr selten!

Im Extrem habe ich erlebt, dass eine Mutter, selbst Lehrerin, ihrem Kind verbot, eine erzieherische Maßnahme, die ihm von seinem Lehrer aufgetragen worden war, auszuführen, obwohl ihr Kind unter Zeugen den Lehrer beleidigt hatte. Sie glaubte ihrem Kind, das eine andere Version kreiert hatte. Was blieb ihr auch anders übrig, wenn sie erfolgreich ihre Selbsttäuschung fortsetzen wollte.

Wenn dann Schulleiter womöglich dem Lehrer nicht den notwendigen Rückhalt geben, bilden möglicherweise solche Kinder und Eltern in einer Institution mit Gleichgesinnten eine Front, die diese pädagogische Einrichtung zerstören kann.

Mein Eindruck ist, ja, für mich ist es eine Gewissheit, dass unter den Verantwortlichen, die die Lehrpläne gestalten, zumeist Erwachsene sitzen, die nie eine richtige Kindheit erlebt haben; sonst könnte nicht geschehen, dass Kinder unter einen solchen intellektuellen Stress gesetzt werden, wie das geschieht und wie ich es in Baden-Württemberg im Rahmen des neu eingeführten G8 erlebe.

Unter dem Deckmantel zunehmender Liberalisierung des Schulwesens lässt sich sehr geschickt Pädagogik in der gewünschten Richtung reglementieren, indem Schulen untereinander in Wettbewerb gesetzt werden oder durch zentrale Prüfungsvorgaben Normen und Inhalte eingefordert werden, die Lehrer dazu zwingen, im Schulalltag den entsprechenden Vorgaben gerecht zu werden.

Ich sehe auch den Vorschlag von Frau Schavan, den Schulen mehr Eigenständigkeit geben zu wollen, ganz eindeutig in diesem Licht.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Zeit, die sich beschäftigen mit der Rolle von Gefühl und Intuition und emotionaler Intelligenz, Phänomene, die in weit größerem Ausmaß unsere Wirklichkeit bestimmen, als das manche Menschen aus verständlichen Gründen - man muss ja auch deren Kindheit und Erziehung berücksichtigen - wahrhaben wollen, sind an dieser Bildungsministerin vorbeigegangen. Gewiss hat sie darüber gelesen; aber ich halte sie aus Gründen ihrer Persönlichkeit nicht dazu in der Lage umzusetzen, dass endlich Herz und Verstand in unserer Bildung ein Verhältnis eingehen, das zum Segen der Kinder und der Gesellschaft gereicht.

Ich bin in unserer momentanen Bildungslandschaft durchaus für zentrale Prüfungsvorgaben, durchaus auch bundesweit, aber sie müssen es dem einzelnen Lehrer erlauben, seine Individualität zum Wohl der Kinder einbringen zu können, und sie müssen es erlauben, der individuellen Zusammensetzung einer Klasse gerecht zu werden; jedes Kind, jede Klasse ist anders und es muss möglich sein, dem Rechnung tragen zu dürfen. Das zu tun ist zunehmend nicht mehr möglich, zumindest in Baden Württemberg nicht.

Nach außen sieht alles so liberal und modern, so aufgeschlossen aus; doch ist der Wein in den neuen Schläuchen schon längst vergoren und absolut ungenießbar.

Es herrscht der Geist der Kontrolle, nicht des Vertrauens.

Nur der Geist des Vertrauens ermöglicht es Menschen, ihre wahre Größe zu entwickeln; dann werden möglicherweise auch zentrale Prüfungen nicht mehr notwendig sein.

Erziehung soll nicht Nachwuchs heranzüchten für den Arbeitsmarkt, sondern will ein Kind zu dem Bewusstsein (er)ziehen, von dem aus es seine ganz spezifischen Fähigkeiten zunehmend selbständig entfalten kann.

Warum nur trägt der Arbeitsmarkt, wenn viele Politiker über ihn reden, menschlichere und lebendigere Züge als die dort tätigen Menschen, die, wenn dieselben Personen über sie reden, merkwürdig blutleer und entseelt wirken. – Die Antwort ist so denkbar wie einfach. Leider.

Bildung kann Menschen programmieren wollen zu einem Menschsein, das vorgegeben wird von Leuten, die, ohne es zu merken, nur ein sehr reduziertes Leben leben.

Eine Gesellschaft kann ein Kaleidoskop wunderbarer Menschen sein; unser normiertes Bildungssystem erlaubt das nur in Ansätzen und ermöglicht es nur Kindern, die viel Unterstützung von zu Hause haben oder als Persönlichkeit ungewöhnlich stark sind.

Erst im letzten Schuljahr musste ich erleben, dass ein hochbegabtes Kind das Gymnasium verließ, weil es dem normierenden Druck nicht mehr gewachsen war und daran zerbrochen wäre. – Ich wünsche ihm sehr, dass es dennoch seine wunderbaren Begabungen wird entfalten können.

Gerade in einer Zeit wie der unseren, in der Wissen förmlich explodiert und in der ich erlebe, dass Kinder ein unglaubliches Potential besitzen können, ist es wichtig, dass diese Engstirnigkeit in der Erziehung endlich aufhört, die basiert auf kranken Programmierungen der Erziehenden

Mögen Menschen erziehen und Lehrpläne gestalten, denen es darum geht, dass Kinder und Jugendliche Freiräume leben und sogar neue erschließen, dass sie Körper, Seele und Geist als eine Einheit begreifen ebenso wie Liebe und Selbstliebe und dass sie zugleich lernen, dass lebenswertes Leben Wertschätzung gegenüber der Unversehrtheit des Anderen und Respekt vor den notwendigen Gesetzen einer Gesellschaft, deren Institutionen und Organen voraussetzt.

Natürlich ist es am allerbesten, wenn Erwachsene das vorleben!

Montag, 25. Mai 2009

Sich mit Hilfe von Kindern des eigenen inneren Kindes bewusst werden: Von einem Fußtritt, einem Milzriss und einem inneren Kind, das um Liebe wimmert.


Martin war ein stiller Junge, zurückhaltend, zurückgezogen, ja auch ein wenig verdruckt. Ich hatte seine Mutter kennengelernt, eine Matrone, die alles genau wusste und bei der er gewiss nur wenig Luft zum freien Atmen bekam.

Ich konnte Martin nicht besonders leiden; er war mir einfach nicht sympathisch.
- Es ist gut, wenn ein Lehrer sich das zugesteht, denn nur so sind Heilungen möglich.

Ich war Martins Klassenlehrer in der 5. und 6. Klasse, unterrichtete ihn in Sport und Deutsch und wir hatten nie einen mehr als förmlichen Draht zueinander.
Wie erstaunt war ich, als in der 7. Klasse - er und ich hatten keinen Fächerunterricht mehr zusammen - Martin in meiner Theater-AG auftauchte.
Ich war nahezu perplex: Martin und Theaterspielen?! Dieser introvertierte Junge, der nie den Mund freiwillig aufmachte?! Gleichzeitig war ich auch irgendwie erfreut, dass er diesen Schritt gewagt hatte.
Wir bereiteten uns in den ersten Doppelstunden auf das Spielen eines Stückes vor, indem wir emotionale Interaktionen übten, Sprechübungen machten und Ähnliches mehr.

Martin stand gerade auf der Bühne und sollte aggressiv reagieren; aber er konnte es nicht. Ich sprang mit einem Satz nach oben und machte es ihm vor; ich weiß noch heute, wie ich sagte: Stell Dir vor, da steht ein Lehrer vor Dir, den Du nicht leiden kannst und Du würdest ihm am liebsten gegen das Schienbein treten.
Was mir bis dato nie passiert war und auch nicht mehr passiert ist - eigentlich hatte und habe ich eine ganz gute Körperkontrolle: Mein Fuß stoppte einfach nicht da ab, wo er sollte, sondern traf Martins Schienbein.

Martin war geknickt; ihm tat erkennbar das Bein weh. Ich entschuldigte mich zigmal und brachte ihm am nächsten Tag ein Buchgeschenk mit, um ihm zu zeigen, dass es mir wirklich Leid tue (der Tritt war nicht zu fest gewesen, aber sicherlich spürbar).

Martin kam nicht mehr in die Theater-AG.

Zweieinhalb Jahre später führte uns das Schicksal wieder über den Sportunterricht zusammen.
Martin war immer noch derselbe, weswegen ich ihn nur beschränkt leiden konnte:
Wenn er gefoult wurde, blieb er immer lange liegen und sandte deutlich aus: Wer kümmert sich um mich? Kümmert sich keiner um mich? Ich bin so verletzt ... ich bin schwer verletzt ... Hilfe, Hilfe ... - Das tat er mit dem Erfolg, dass keiner sich um ihn kümmerte; jeder spürte diesen Gestus, vor allem ich. Ich mochte diese weinerliche Botschaft absolut nicht.

Es war Anfang Dezember, als wir die Grätsche über den Längskasten sprangen. Ich war erstaunt, wie viele in der Klasse den Mut hatten, mit Karacho anzulaufen, vom Reuterbrett abzuspringen, zu fliegen, weit nach vorne zu greifen, zu grätschen und zu landen. Keine einfache Übung. Fast drei Meter, die es fliegend zu überwinden galt. Manche setzten die Hände zu früh auf dem Kasten auf, dann bestand extreme Gefahr für die Handgelenke, weil der Körper über sie wegschob; manche sprangen auch zu flach ab, dann mussten sie zwangsläufig auf dem Kasten aufsetzen. Oder sie sprangen im Sprungbrett zu weit vorn ab; dann bestand die Gefahr, dass sie an dessen Ende zum Kasten hin abrutschten und gegen diesen donnerten.
Alles ging gut.
Viele in der Klasse sprangen die schwere Übung. Ich staunte.
Vor allem staunte ich: Martin war dabei.
Das hatte ich ihm nie im Leben zugetraut: diesen Mut, anzulaufen und abzuspringen, ohne Besinnung, ohne zu zögern.
Bei manchen merkt man eine Hemmung, wenn sie anlaufen und dann springen sollen; da ist eine minimale Verzögerung kurz vor dem Absprung, die Angst!

Martin hatte keine Angst.
Er sprang, als hätte er das schon immer gemacht.
Ich wunderte mich einfach bloß; das hatte ich ihm im Leben nie zugetraut. Wo war die eingebaute psychische Bremse, die er sonst in seinem Verhalten und auch im Sport hatte?

Ich bin immer froh, wenn solch eine Stunde gut vorbeigeht und so war es auch damals.
"Schluss für heute." - Ich beendete das Springen.
"Noch einen Durchgang, noch einmal", die Klasse bettelte förmlich. Welches Lehrerherz wird da nicht weich und freut sich auch über so viel Engagement.
"Okay, noch einen Durchgang."
Ich baute mich wieder hinter dem Längskasten auf, denn immer mal wieder musste ich einen auf die Beine stellen, der mit zu viel Dampf dahergeflogen kam.
Dann kam Martin dran.
Mutig und zuversichtlich lief er an.
Es krachte schrecklich; das Kastenende hob sich.
Martin war abgerutscht und gegen den Kasten gedonnert. Er lag auf dem Boden.
Ich war fassungslos und erinnere mich, dass ein Schüler zu mir sagen musste: "Heben Sie ihn doch hoch!"
Das riss mich aus meiner Lähmung. Ich versuchte, das Häufchen Elend auf die Beine zu stellen. Martin wimmerte.
Nach einer ganzen Weile war er wieder so weit klar, dass ich glaubte, ihn alleine nach Hause gehen lassen zu können.

Am nächsten Morgen kurz vor Unterrichtsbeginn lief ich am Klassenraum von Martins Klasse vorbei und rief hinein: "Na ihr Sprungtiger, wie geht es Martin?"

"Der liegt im Krankenhaus, Verdacht auf Milzriss!"

Ich war wie vom Donner gerührt.

"Häääääää??"
"Keine Ahnung, die Mutter hat´s gesagt."

An diesem Tag hatte ich wieder bis 17.15 Uhr Unterricht und die ganze Zeit kämpfte ich mit mir: Soll ich im Krankenhaus vorbeigehen oder nicht? Irgendwie hatte ich Null Bock auf diesen Besuch, es waren meine alten Vorbehalte gegen Martin, die da in mir schwelten, ich wusste es genau.
Schließlich siegte das Pflichtgefühl. Trotz noch ausstehender Unterrichtsvorbereitungen: Um 18 Uhr stand ich auf seiner Station vor der diensthabenden Schwester und fragte sie: "Kann ich ausnahmsweise noch zu Martin Schneider ❴Name von der Redaktion :-) geändert ...❵, ich weiß, es ist außerhalb der Besuchszeit, aber die Frau an der Pforte hat mich hochgelassen; er ist ein Schüler von mir und ich hatte bis jetzt Unterricht?"
"Tut mir leid, da kommen Sie zu spät!"
Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen; das konnte nicht sein, das doch nicht, klar konnte ein Milzriss lebensbedrohlich sein ...
Ich hörte die Stimme der Schwester:
"Der ist heute Nachmittag entlassen worden."

Die Gedanken in meinem Kopf glichen einem zusammengerechten Laubhaufen bei Windstärke 10.
Ich hörte mich sagen: "Ja, kann es sein, dass er sich selbst eingeliefert hat? - War da mehr Krankseinwollen als wirkliches Kranksein?"
"Das kann man so sagen!"
Ich bedankte mich kurz bei der Schwester, ich musste sofort an die frische Luft.
Hatte ich es nicht geahnt?!
Martin hatte wieder seine Mitleids- und Hilfe-ich-bin-so-verletzt-Chose abgezogen.

Wochen später, ich war joggend unterwegs und ich kenne die Stelle heute noch, fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Johannes, dieser Martin, das bist Du. So warst Du auch in diesem Alter.
- Die Geschichte mit Martin hatte mich nie losgelassen. -
Da liegst Du in Wirklichkeit auf dem Boden und möchtest Zuwendung. Dir ist es als Kind genauso gegangen, ob mit 11 oder mit 15. Du hast Dich nach Zuwendung, nach Liebe gesehnt und hast sie zu Hause nie bekommen. Und was Martin gemacht hat und macht, hast Du damals genauso gemacht: Du hast allen gezeigt, wie verletzt Du bist, wenn Du verletzt warst, Du hast sie zu Entschuldigungen und Streicheleinheiten zwingen wollen.
Du warst ein emotional genauso verarmtes Kind wie Martin es ist.

Noch und gerade als Erwachsener neigt man dazu, in bestimmten Situationen in dieses Alter zu gehen und sich so zu verhalten wie der fünfzehnjährige Martin, wie der zwölfjährige Johannes. - Das ist normal. Es ist nichts Krankhaftes. Es ist einfach so: Ein Teil der Seele ist krank, er ist verletzt und er machte es damals wie ein waidwundes Tier: Er zog sich zurück.
Und in bestimmten Situationen aktualisiert er sich im Erwachsenen. Auslöser können ein bestimmter Tonfall sein, eine Person mit bestimmten Merkmalen, ein Geruch, ein bestimmtes Maß an Unsympathie oder sogar Sympathie mit bestimmten Unklarheiten, ein Kind, das einen an seine eigene Kindheit erinnert mit einem bestimmten Verhalten, das man nur zu gut kennt ... dann kommen Aversionen auf, manchmal mehr.

Der Ausweg ist, sich rational klar zu machen, dass man mit seinem Gefühl der Aversion richtig liegt; und manchmal versichert man sich ja dann auch der Meinung anderer, die das genauso sehen: Ja, ein weinerlicher Typ.

Ein Ausweg ist und bleibt ein Weg ins Aus.

Eine Lösung ist, dass man seinem verletzten inneren Kind, wenn es sich wieder meldet, sagt:
>Hallo, heute bist Du nicht mehr allein, heute kümmere ich mich um Dich.<
Und man tröstet dieses verletzte Kind und sagt ihm: >Es ist alles gut, ich bin für Dich da!<

Für jemanden, der sich nicht mit dieser Materie beschäftigt hat, mag das seltsam vorkommen, aber ich rate allen, die darüber lächeln, mal sich zu fragen, warum so mancher Erwachsene - und Frauen getrauen sich das eher als Männer - einen Teddy oder eine Puppe oder ein weiches großes Kissen in den Arm nimmt oder sich reinkuschelt, wenn er verletzt ist. Im Grunde nimmt er sich selbst in den Arm, sein verletztes Kind von damals.

Und Gott sei Dank tut er das!!
Wenn er es anspricht, kann er es heilen.

Wie sagt J. Bradshaw: Man kann nur heilen, was man fühlt. Wie wahr. Dazu muss man diese Gefühle zulassen, ernst nehmen, wahrnehmen können.

Im Erziehungsprozess ist es natürlich für die heranwachsenden Kinder ungünstig, wenn sie einen Lehrer, eine Lehrerin oder Vater bzw. Mutter verletzen oder auch nur eine Verletzung auslösen; dann gibt es für Erwachsene oft nur zwei Möglichkeiten zu reagieren:
Der verletzte Erwachsene geht sofort in das Eltern-Ich von damals, übernimmt also genau das Verhalten dessen, der ihn damals verletzte - das geht dann meist nicht ohne Demütigung des Kindes, dem er gegenübersteht, ab, oder:
Er wird auch zum verletzten Kind von damals und keift mit dem ihm gegenüberstehenden Kind herum.

Das kommt leider öfters vor, als man denkt! Auch in der Schule lässt es sich immer wieder beobachten.

Für einen Erwachsenen ist dieses Verhalten im Grunde fast zwanghaft - bis ihm die Ursachen bewusst werden.
Nur wehrt sich dieses verletzte innere Kind mit Händen und Füßen, entdeckt zu werden.
Deshalb wird auch in den Schulen und unter Eltern viel zu wenig über diese Thematik gesprochen.

Notwendig wäre in obiger Situation, dass der Erwachsene sich sagen kann:
Moment, ich bin der Erwachsene, ich trage hier Verantwortung, ich trage zur Lösung entscheidend bei. Er kann also als der liebevolle Erwachsene agieren. - Das kann durchaus bedeuten, dass er eine klare, unmissverständliche Entscheidung trifft; aber die ist durchaus manchmal angebracht im erzieherischen Prozess, vor allem, wenn man auf Kinder trifft, wie sie M. Winterhoff in seinem hervorragenden Buch Tyrannen müssen nicht sein anspricht.

PS: Was hinter einem Fußtritt aus Versehen doch alles stecken kann ... heute weiß ich, dass er kein Zufall war.

Und:
In der Folgezeit, nachdem mir bewusst geworden war, wie nahe mir Martin eigentlich stand - er war ja im Grunde ein Teil von mir -, wurde er richtiggehend erwachsen für mich, das heißt: Ich konnte ihn eine selbständige Persönlichkeit werden lassen. Das tat uns beiden (uns beiden!) richtig gut.