In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Samstag, 15. Juni 2013

"was mit Kindern zu tun hat, gilt, zumindest in Deutschland, immer als zweite oder dritte Kategorie". – Was die Baumgeister Michael Ende so alles flüstern.

was mit Kindern zu tun hat, gilt, zumindest in Deutschland, immer als zweite oder dritte Kategorie — man hat es nicht ganz geschluckt, daß da plötzlich ein Kinderbuchautor in der literarischen Szene auftaucht. Aber eben deswegen, weil es gerade im Kinderbuch möglich ist zu spielen, habe ich zunächst einmal mit dem Kinderbuch angefangen. Nun hat eine Grenzüberschreitung stattgefunden. Diesen Spielcharakter will ich unbedingt beibehalten.

Neuerdings müssen Kinder unbedingt die Renten sichern, insofern sind sie wichtiger geworden; ansonsten weiß Michael Ende wovon er spricht. Es waren seine inneren Kinder, die ihn zum Schreiben brachten; kein Wunder, schrieb er erst einmal Kinderbücher und im Grunde sind Momo und die Unendliche Geschichte ja auch Kinderbücher und Bücher für die inneren Kinder von Erwachsenen.
Deshalb machen sie manche so glücklich, weil ihre inneren Kinder sich wiederfinden und gegebenenfalls so richtig zum Leben erwachen.

Unsere inneren Kinder spielen ständig das Spiel der Phantasie und wenn sie es bei manchen Erwachsenen nicht am Tag dürfen - immer mal wieder wenigstens, natürlich nicht ständig -, dann tun sie es nachts um so intensiver, denn da kann sie der Erwachsene nicht kontrollieren. Der  nur wundert sich dann, dass er immer mal wieder morgens schweißgebadet aufwacht, weil sein kindliches Wesen am liebsten nicht aufwachen möchte in ein Gefängnis hinein, was sein Erwachsener Realität nennt, was sie allerdings  nicht ist, denn die Wirklichkeit ohne Phantasie ist Leblosigkeit.
Oder kennen wir Menschen, die nur mit ihrer linken Kopfhälfte durch die Welt gehen?
Kennen wir Menschen, die nur als rechte Körperhälfte durch die Gegend gehen?
Nein?
Tun aber viele.
Wir nennen das linkshirnig.
Die Linkshirnigkeit, die reine Verstandesorientierung, entspricht der rechten Körperhälfte.
Viele tarnen das nur so geschickt.

Eines nur ist ganz wichtig und absolut bemerkenswert, so wie es Michael Ende formuliert:

Die beiden Welten gehören zusammen, sind aber getrennt. Man kann die eine Ebene nicht auf die andere verschieben. Das hieße — was übrigens in der Unendlichen Geschichte geschieht —, daß man aus Phantasien etwas mit in die Alltagswelt hinübernimmt. Das geht nicht. Nur die Veränderungen, die du selbst in Phantasien erlebst, kannst du mit hinübernehmen, aber nicht die Teile Phantasien selbst. Das gehört mit zu der ganzen Problematik, daß der Mensch eben auf mehreren Ebenen lebt, nicht nur auf einer.

Offensichtlich ist dieser Unterschied wichtig.
Deshalb gibt es in unserem Kopf auch das corpus callosum, die so genannte Brücke, diese Verbindungsstelle im Gehirn zwischen rechter und linker Gehirnhälfte. Wir können nicht die rechte Gehirnhälfte da durchziehen. Das geht nicht und es wäre nicht gut.
Aber wir können in unser reales Leben die Leichtigkeit mitnehmen, die wir in Phantasien lernten. Wir können genauso mitnehmen, dass es Hilfen gibt, die sich unserer Kenntnis entziehen, die sind auf einmal da. Es ist nämlich eine Illusion zu glauben, in Phantasien wäre alles Eiapopeia. Deshalb brauchen wir z.B. den Glücksdrachen Fuchur. Man lese mal die Unendliche Geschichte und wie sich in Phantasien das Nichts ausbreitet. Vergessen wir nicht: Das tut es immer noch !! Wir sind nicht gerettet.
Wir brauchen noch mehr Bastiane, mehr Momos ...

Michael Ende ließ solche Hilfen zu. In einem Gespräch mit Franz Kreuzer erzählt er jenem, dass er gar nicht wusste, als er umzog, dass seine Wohngegend Valle spiriti beati heißt, Tal der seligen Geister.
Dann sagt er:

Ich bin tatsächlich der Meinung, daß in den Bäumen sehr viel mehr lebt als das, was die Naturwissenschaft heute in einem Baum sieht. Der Baum ist eben nicht nur ein chemisches System, der Baum ist ein Lebewesen. Und in alten Zeiten nannte man das die Dryade. Wenn man ein bißchen intensiver mit Bäumen zusammenlebt, merkt man, daß hinter diesen Lebewesen auch etwas Geistiges steckt, etwas real Geistiges. Und ich bin durchaus der Meinung, daß in meinen Bäumen hier Dryaden wohnen.

Kreuzer meint dann:

Es könnte also sein, daß zuerst Sie verzaubert worden sind, ehe Sie dann mit Ihrem Buch Hunderttausende verzaubert haben.

Michael Ende: 

Ich hoffe sehr, daß mir die Dryaden behilflich sind bei dieser Verzauberung.

Lassen wir uns, liebe Leserin, lieber Leser, verzaubern.
Nicht von ungefähr nannte Morris Berman sen Buch Wiederverzauberung der Welt. Das Ende des Newtonschen Zeitalters.
Die Wiederverzauberung brauchen wir, um zu überleben.
Über diese Verzauberung wissen unsere unverletzten inneren Kinder bestens Bescheid.
Nehmen wir uns wieder Zeit, ihnen zu lauschen, was sie erzählen und was sie uns fragen.
Sie stellen keine Bedingungen. Sie sind einfach da.
So wie die seligen Geister.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Momo: Medizin pur für unser inneres Kind

Der innere Reichtum, den Michael Ende gehabt haben muss, ist für mich mit dem eines Goethe vergleichbar. Ich möchte sagen, Momo hat sehr viel mit seinem eigenen inneren Kind zu tun. So viel  Intuition, wie sie Michael Ende hat, so viel Phantasie, die dennoch geerdet ist: das verweist auf die Eigenschaften Momos, die auch ganz im Leben steht – und zugleich heilt, zum Beispiel durch Zuhören, durch ihr inneren versöhnendes Sein, wenn Streithähne allein durch ihre Anwesenheit zur Ruhe kommen wie zu Anfang der Wirt und der Maurer. 
Wie Meister Hora ist Momo im Grunde eine mythologische Figur; sie verweist sie auf Höheres:
Das göttliche innere Kind ist das Kind in der Krippe: es ist der Archetypus des inneren Kindes.
Momo ist sein Nachfahre. Dieses Mädchen spricht in allen Erwachsenen ihr inneres Kind an, man muss allein die Geschichten in dem Buch lesen, die erzählt werden, das Märchen vom Zauberspiegel oder die Geschichte vom Wandernden Taifun und wie Momosan und Kapitän Gordon samt Steuermann Melú ihm beikommen und wofür dieser wandernde Taifun steht (Erster Teil, Kapitel 3).  Wie Momosan diesen besiegt, mit Hilfe der Musik, das findet sich in dieser Weise nur bei Goethe in seiner Novelle und in der Gestalt des Orpheus wieder; auch darüber möchte ich schreiben ... über die Macht der Musik, die Macht der Musik aus Kindermund ...
Spätestens in den Osterferien möchte ich hier und in Methusalem (hier und hier) einiges dazu schreiben.
Bis dahin muss ich meine geschätzten Leser vertrösten ... aber wer Momo noch nicht gelesen hat ... unbedingt lesen! Und jede Geschichte beachten, die Fähigkeiten Momos beachten ... sie finden sich schon ganz am Anfang des Buches benannt ... all das ist Medizin pur für unser inneres Kind ...
Bereits vorhandene Posts zu Momo: 


PS: Für alle Kollegen: Die Geschichte vom wandernden Taifun (Erster Teil, Kapitel 3) lässt sich bestens bis in Klasse 6 spielen; Gruppen von ca. 7 - 9 Schülern sind notwendig; diese Größe ist nicht ganz einfach (man muss vorab schon besprechen, dass sich Einzelne auch bei dieser Gruppengröße zurücknehmen müssen und einen Verantwortlichen bestimmen, der sich durchsetzen kann - manche Gruppen bekommen das allerdings auch in purer Zusammenarbeit hin) und man braucht für jede Gruppe einen Klassenraum zum Proben, da aus Stühlen das Schiff nachgebaut werden muss etc. Jedenfalls: eine tolle Spiel-Vorlage, vor allem, wenn Momosan ihr Lied singt und alle anfangen mitzutanzen ... der Renner :-)), auch, wenn dann der wandernde Taifun in sich zusammensackt, ggf. dabei spricht (zu seiner Darstellung gibt man ihm am besten diverse Kleiderstücke in die Hand, die er mit herumwirbelt - Tanz nur auf Doppeltischen ... zwischen den Tischen kann der Wirbelsturm dann versinken :-)) 
Zeitbedarf für die Gruppenphase: ca. 45 Minuten. 
Zum Vorspielen muss eine große Spielfläche im Klassenraum vorhanden sein ...

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Wenn sich Hände schneeleise auf Deine Augen legen: Michael Endes Gespür für den inneren Vater.

Wer den Beginn der Geschichte um Momo kennt, weiß, dass sie eines Tages in der Ruine des Amphitheaters vor der Stadt auftaucht. Die Leute erfahren von ihr und kommen und fragen sie aus, fragen auch nach ihren Eltern, ernten aber nur ein Schulterzucken und als sie fragen, wer ihr denn ihren Namen gegeben habe, antwortet Momo: Ich.
In den Mythen sind Helden oft Waisen oder zumindest Halbwaisen. Auch in den Märchen ist es ja oft so, dass der Vater krank wird, die Mutter stirbt ... auf einmal ist der Held allein.
So allein ist auch Momo.
Viele Menschen haben Vater und Mutter, in Wirklichkeit sind sie aber doch allein.
Das ist schlimm, schlimmer als Waise zu sein. Denn keinen Vater und Mutter zu haben, wenn man glaubt, man habe welche, kann ein Leben lang undurchschaubar sein. Zwei Hohlräume, die man für Vater und Mutter hält.
Jeder Mensch muss überprüfen, ob er Vater und Mutter hat.
Wenn sie fehlen, fehlt etwas in uns, was uns erwachsen werden lässt. 
Wenn sie fehlen, ist die Linie zu den Ahnen gestört. Und wie wichtig diese Linien sind, wissen wir spätestens seit Hellinger und seinen Familienaufstellungen. Wer im Rücken seine Ahnen hat, ist stark, wer sie nicht hat, läuft Gefahr, auf den Rücken zu fallen. Es macht einen tiefen Sinn, dass im Alten Testament immer wieder die Reihe der Ahnen aufgelistet werden. Früher hielt ich das für Papierverschwendung. Heute weiß ich, dass jeder Ahne eine Bedeutung hat. Es geht nicht darum, dass wir ihn in einem vordergründigen Sinn kennen, es geht darum, dass er eine Sprosse auf jener Leiter ist, auf der wir uns zum Himmel strecken.
Zudem ist die Gefahr riesig, dass eine Frau sich einen Mann sucht, der Vater für sie sein soll, und genauso besteht die Gefahr, dass ein Mann sich eine Frau sucht, die Mutter sein soll.
Nicht, dass diese Ehen unglücklich sein müssen, aber wirkliches Glück ist nur in einer symmetrischen Beziehung zu finden, nicht in einer zwischen Kind und Elternteil.
Momo findet in Meister Hora einen Vater:
Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen.
Dieses Gefühl der Geborgenheit und bedingungslosen Liebe, das braucht jeder Mensch. Auch der verlorene Sohn im biblischen Gleichnis hat es bei seiner Rückkehr erlebt, dieses bedingungslose Auf- und Angenommensein.
Wer dieses Gefühl nicht kennt, muss es nacharbeiten. Ich glaube, man kann das. Sonst fällt ein Mann immer wieder auf Vaterfiguren herein und fährt auf sie ab, ohne es zu merken. Und auch eine Frau sucht primär den Vater im Mann und nicht den ebenbürtigen Partner.
Sorgfältig bei einer möglichen Nacharbeit müssen wir unterscheiden, ob wir nur Ersatzfiguren gesucht und gefunden haben oder ein wirkliches Vorbild, das uns sagen lässt: Diese Energie erfüllt meine Seele. 
Ansonsten bleibt ewig eine Sehnsucht. 
Eben eine Sucht.
Sonst finden wir kein Vaterhaus.
Kein Mutterhaus.
Und können auch unseren Kindern keines geben.
Auch unseren inneren Kindern nicht.
Mehr zu Michael Endes Momo: hier