In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?
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Sonntag, 8. September 2013

Auf dem Weg, wirklich lieben zu lernen, auf dem Weg zur Heilung des inneren Vaters: Arbeiten im Dunkeln, Sehen im Dunkeln, im Bergwerk der Bilder!

Mein Vater lebt nicht mehr, wie soll ich das Verhältnis zu ihm heilen? Ein Mann, der mich ein Leben lang nie in den Arm nehmen konnte, mich mit seinen Händen nie herzlich berührte? Der mit seiner Frau nicht klarkam und letztendlich nicht mit dem Leben? Der auf dem Sterbebett so tief aufstöhnte, als ich ihm zuliebe ein Vater Unser betete bei jener Stelle, die lautet: Und vergib uns unsere Schuld, obwohl er zu diesem Zeitpunkt doch schon tagelang nicht mehr ansprechbar war und wie im Koma lag!
Damals saß ich in dem Zimmer eines Krankenhauses, in dem noch zwei weitere schwerkranke Männer lagen, und ich erinnere mich, dass sie beide, als ich am Bett meines Vaters betete, innehielten und - einer von ihnen sogar laut - mitbeteten.

Wie auch sollen Frauen, die Schreckliches in Bezug auf ihren Vater mitgemacht haben - wie sollen sie ihren inneren Vater heilen?

So schwer es fällt, aber für die allermeisten Eltern, die ihren Kindern schweren Schaden zugefügt haben, gilt: Sie haben ihr Bestes gegeben - mehr ging nicht. 
Angesichts dessen, was  manche Eltern ihren Kindern angetan haben, scheint das fast lästerlich, nur:
Oft sind diese Eltern zu ihren eigenen Herkunfts-Eltern geworden und so geblieben.

Was sie getan haben, haben sie oft stellvertretend für das Bewusstsein ihrer Eltern getan. 
Unbewusst.
Diese alte Bewusstseins-Programme und Programmierungen setzen alles daran, nicht enttarnt zu werden, weiteragieren zu können, von Kindern zu Kindeskindern. 
Wenn es irgend geht, reißen sie den, der sie enttarnen will, mit in den Tod. Hinter diesem Geschehen steht eine große Dramatik; wir sehen sie in dem Leben so vieler Menschen. – Noch dominiert diese Dramatik, doch ich glaube, die Zeit kommt, in der sich das verändert. – In den Anfängen dieser Zeit befinden wir uns.

Nach wie vor ist es eine besondere Gnade, dass wir in unserem Bewusstsein weitergehen dürfen und können, wenn wir es tun wollen.

Dazu gehört, dass wir unseren Eltern zugestehen: Sie haben ihr Bestes gegeben, auch da, wo das Beste furchbar war, denn familiäre Programme, die in Menschen ablaufen, sind Zwangsjacken, aus denen es oft kein Entkommen gibt.

Wir können die Seele unserer Eltern nicht sanieren.
Wenn wir allerdings uns helfen, geschieht ihnen Hilfe, ob wir wollen oder nicht. Auch in einer anderen Welt nehmen sie an den Bewusstseinsprozessen ihrer Kinder teil.

Wir können uns selbst helfen, uns selbst heilen, indem wir uns helfen lassen, indem wir uns heilen lassen. Ein Weg ist der, der in der Unendlichen Geschichte aufgezeichnet ist. Das Brüder- Grimm-Märchen Eisenhans ist auch ein Heilungsmärchen - wie manche andere. Früher wurde auch das Johannes-Evangelium unter diesem Aspekt, dem der Heilung, gelesen.

Zurück noch einmal zu den Eltern, denn es gibt noch jene Eltern, die sich dessen bewusst waren, was sie taten.
Wie gilt es, mit ihnen umzugehen?

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Dieses große Jesus-Wort am Kreuz ist auch das Lösungswort für unsere Seele.

Ich meine, der große Heiler meint: Vater, sei diesen Menschen gnädig, denn sie erfassen nicht, was sie anrichten, angerichtet haben.

Sie erfassen nicht die Dimensionen dessen, was sie tun, was sie taten.

Wer Kinderseelen Schmerz zufügt, tut etwas, was den Kosmos weinen lässt.

Wir wissen heute, dass, wenn in der Kindheit Spiegelneuronen nicht gefüllt worden sind, zum Beispiel mit der Fähigkeit, sich einfühlen zu können, Schmerz wahrnehmen zu können, auf Stimmen reagieren zu können, auf Mimik, auf Schluchzen, auf die ganze Palette von Gefühlen, dann kann der Mensch tatsächlich zu einem Monster werden, das nicht in der Lage ist, menschliche Regungen zu zeigen, nicht in der Lage ist, menschliche Regungen wahrzunehmen.

Zurück zu dem biblischen Bild, das manchen Leser veranlassen könnte wegzuklicken oder zu denken: Muss das sein, schon wieder diese Bibel?!

Die biblischen Bilder, die Bilder vom Kreuz, von Gethsemane, von der Auferstehung - letzteres Geschehen konnten damals vor nun annähernd 2000 Jahren nur Frauen wahrnehmen, nur also unsere weibliche Seite - sind Bilder der Heilung.

Wir sollten sie sehen, ohne uns durch die Kriminalgeschichte der Kirchen beeinflussen zu lassen, die es auch gibt neben der Tatsache, dass diese Institution auch vielen Menschen geholfen hat, genauer gesagt, Menschen voller Liebe, die in ihr gewirkt haben.

Gibt es Schlimmeres, als die Liebe hinzurichten?


Auch das haben Eltern, wie auch ich sie hatte, getan. In ihren Kindern, in dem Verhalten gegenüber ihren Kindern haben sie die Liebe hingerichtet. Nicht nur – aber doch auch.

Wie sehr wäre es der LIEBE ein Anliegen gewesen, dass wir als Kinder, dass Kinder überhaupt unversehrt geblieben wären!
Was, das sei an dieser Stelle gefragt, tun wir, tun unsere Politiker für die Kinder Syriens?

Stattdessen bin ich vielfach von meinen Eltern gequält und seelisch gefoltert worden (davon abgesehen, dass ich als Kind auch ordentlich auf die mir zur Verfügung stehende Art austeilen konnte ... auch ganz schön fies - und es geschah nicht alles aus Notwehr, sondern war Teil dessen, was ich in dieses Leben mitgebracht habe).


Gesagt werden darf hier aber auch, dass es Familien gibt, in der Kinder in wirklicher Liebe aufwachsen. – Glücklich, wer das erleben durfte und darf.


In der Dame Aiuóla haben wir eine Große innere Mutter kennengelernt auf eine Weise, wie sie Michael Ende für seine Unendliche Geschichte gewählt hat. Bastian lebt längere Zeit bei ihr, bis eine Sehnsucht in ihm zu wachsen beginnt, die er benennt als eine Sehnsucht, selbst lieben zu können


Erstaunt muss er bemerken, dass er es nicht konnte.


Ein Fingerzeig für uns, denn was wir als Liebe bezeichnen, ist ja nur das, was uns als Liebe vermittelt wurde.


Wenn wir das Meer nicht kennen und unsere Eltern einen Teich als Meer bezeichnen, dann denken wir bei dem Wort Meer, wir würden das Meer kennen.


So ist es mit der Liebe.


Bei der Dame Aiuóla merkt Bastian, dass er gar nicht weiß, was Liebe ist.


Und die Dame Aiuóla macht ihn darauf aufmerksam, dass er nun seinen letzten Wunsch gefunden habe.


Den musste Bastian finden, um von Phantásien, aus der Realität des Buches, in der er so viel lernte, wieder in seine Realität zu kommen.


Und sie sagt ihm weiterhin, dass er, um lieben zu können, das Wasser des Lebens finden müsse.


Klar, Michael Ende greift hier ein Märchenmotiv auf, aber auch eines, das sich in dem letzten Buch der Bibel findet.


Im Märchen wird die Bedeutung des Wassers des Lebens ganz klar: Es geht darum, ein Heilmittel für den todkranken Vater zu finden.


Auch für den Vater in uns.


Wir wissen, dass der Hauptakteuer der Unendlichen Geschichte, Bastian, ein Buch liest, indem es darum geht, der kindlichen Kaiserin das Leben zu retten. Und dass in diesem Buch ein Junge namens Atréju auserwählt wird, sie zu retten. Dass dieser Junge auf die Reise geht und herausfindet, dass jemand der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben müsse, damit sie überleben kann, dass dieser Jemand aber von außerhalb Phantásiens kommen muss, dass aber Phantásien unendlich groß ist, grenzenlos ... Wie also soll Atréju außerhalb Phantásiens gelangen, um diesen Menschen zu finden? Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt der Unendlichen Geschichte Atréjus Riesenproblem ... bis auf einmal Bastian, der diese Unendliche Geschichte auf dem Speicher seiner Schule liest, in die Handlung des Buches hineingelangt ... er ist es in der Folge, der der kindlichen Kaiserin den Namen gibt.


Er nennt sie Mondenkind.


Es kommt die Phase, wo er nicht mehr zurück will, weil ihm Phantásien so behagt und die riesige Gefahr besteht, dass er tatsächlich nicht mehr zurückkommt, wenn er seinen letzten Wunsch nicht richtig einsetzt. Auf die Dramatik dieses Geschehens, die mit allen Süchten von Menschen, auch einer religiösen oder esoterischen Sucht zusammenhängt, werde ich an anderer Stelle ein andermal eingehen.


Mit seinem letzten Wunsch, lieben zu lernen, hat Bastian Gott sei Dank richtig gewählt.


Nun also hat er sich von der Dame Aiuóla, die wir als seine innere Mutter wahrgenommen hatten, verabschiedet, um das Wasser des Lebens zu finden, und, wir ahnen es, zu seinem Vater zu gelangen.


Das nun erweist sich als nicht so einfach und gut, dass er auf Yor trifft, den Blinden Bergmann, der nur im Licht blind ist, aber im Dunkeln bestens sieht. Jener weiß um den Weg, doch er weiß auch, dass Bastian viel Geduld brauchen wird, um den Weg zu finden, denn er muss jenes Bild im Bergwerk der Bilder finden, das ihm den Weg weist.


Im Bergwerk der Bilder finden sich alle Träume der Menschen, denn nichts geht in der Welt verloren. Alle sind festgehalten auf hauchdünnen Tafeln aus einer Art Marienglas. Ganz Phantásien, das weiß Yor, steht auf den Grundfesten aus unseren vergessenen Träumen.


Ohne dass es Bastian so richtig bewusst wird, wird Yor sein Lehrer, denn jener weiß, dass Bastian nur ein vergessener Traum helfen kann, lieben zu lernen und das Wasser des Lebens zu finden.


Tag für Tag fährt er nun fortan mit Yor in die Tiefe des Bergwerks.


Bastian lernt zu schweigen, er lernt, zartfühlend mit den hauchdünnen Tafeln aus Marienglas umzugehen, auf denen die Träume festgehalten sind, er lernt die notwendige Art, sich behutsam zu bewegen, er lernt, im Dunkeln des Bergwerks - es wird auch die Grube Minroud genannt - zu arbeiten.


Nach und nach also lernte Bastian, sich da unten in der Dunkelheit zurechtzufinden:


Eingerollt wie ein ungeborenes Kind im Leib seiner Mutter lag er in den dunklen Tiefen der Grundfesten Phantásiens und schürfte geduldig nach einem vergessenen Traum, einem Bild, das ihn zum Wasser des Lebens führen konnte. 

Wenn wir das bei Michael Ende lesen, dann verstehen wir auf einmal auf eine ganz neue Weise Hugo von Hofmannsthals Weltgeheimnis!
Bastian klagte nicht und empörte sich nicht. Er hatte alles Mitleid mit sich selbst verloren. Er war geduldig und still geworden.
Natürlich wird hier der Weg beschrieben, den auch wir zu gehen haben. Wie der Knabe in Schillers Taucher müssen wir in die Tiefen unserer Seele absteigen, müssen lernen, zartfühlend mit unseren und den Träumen der Menschen umzugehen, müssen bereit sein, in das Dunkel, das auch unser Dunkel ist, abzutauchen, in die Nacht, ins Unbewusste. Müssen lernen, uns in dieser Tiefe, dieser Nacht zu bewegen ...

Hierzu bedürfen wir einer archetypischen Gestalt, den wir psychologisch unseren inneren Zauberer, unseren inneren Weisen nennen könnten.

Diese Gestalt hat jeder in sich. Wir brauchen sie, damit wir ohne Angst in die Tiefe steigen, wir brauchen sie, denn sie weiß um uns, um unser wahres Sehnen.
Wir können sie auch zu Hilfe rufen.
Dennoch kann dieser innere Zauberer uns nur begleiten, das Entscheidende müssen wir selbst tun, denn:

Das alles, was Bastian erlebt, ist nur dem möglich, der nicht jammert, der sich nicht selbst bemitleidet.


Wir ahnen, warum die göttliche Stimme in uns uns zuallererst gemahnt, mit unserem Selbstmitleid aufzuhören.


Wir lernen auf diesem Weg Geduld oder wir steigen vorzeitig aus.


Hier nun eine entscheidende Passage in Bastians Leben, wie sie Michael Ende zu Papier brachte:
Wie lange diese harte Zeit dauerte, lässt sich nicht sagen, denn solche Arbeit lässt sich nicht nach Tagen oder Monaten bemessen. Jedenfalls geschah es eines Abends, dass er ein Bild mitbrachte, das ihn auf der Stelle so sehr aufwühlte, dass er sich zurückhalten musste, keinen Überraschungslaut auszustoßen und damit alles zu zerstören.
Auf der zarten Marienglastafel - sie war nicht sehr groß, hatte nur etwa das Format einer gewöhnlichen Buchseite - war sehr klar und deutlich ein Mann zu sehen, der einen weißen Kittel trug. In der einen Hand hielt er ein Gipsgebiss. Er stand da und seine Haltung und der stille, bekümmerte Ausdruck in seinem Gesicht griffen Bastian ans Herz. Aber das, was ihn am meisten betroffen machte, war, dass der Mann in einen glasklaren Eisblock eingefroren war. Ganz und gar und von allen Seiten umgab ihn eine undurchdringliche, aber vollkommen durchsichtige Eisschicht.
Während Bastian das Bild betrachtete, das vor ihm im Schnee lag, erwachte in ihm Sehnsucht nach diesem Mann, den er nicht kannte. Es war ein Gefühl, das wie aus weiter Ferne herankam, wie eine Springflut im Meer, die man anfangs kaum wahrnimmt, bis sie näher und näher kommt und zuletzt zur gewaltigen, haushohen Woge wird, die alles mit sich reißt und hinwegschwemmt. Bastian ertrank fast darin und rang nach Luft. Das Herz tat ihm weh, es war nicht groß genug für eine so riesige Sehnsucht. In dieser Flutwelle ging alles unter, was er noch an Erinnerung an sich selbst besaß. Und er vergaß das Letzte, was er noch hatte: seinen eigenen Namen.
Als er später zu Yor in die Hütte trat, schwieg er. Auch der Bergmann sagte nichts, aber er blickte lange nach ihm hin, wobei seine Augen wieder wie in weite Ferne zu schauen schienen und dann ging zum ersten Mal in all dieser Zeit ein kurzes Lächeln über seine steingrauen Züge.
In dieser Nacht konnte der Junge, der nun keinen Namen mehr hatte, trotz aller Müdigkeit nicht einschlafen. Immerfort sah er das Bild vor sich. Ihm war, als ob der Mann ihm etwas sagen wollte, aber es nicht konnte, weil er in dem Eisblock eingeschlossen war. Der Junge ohne Namen wollte ihm helfen, wollte machen, dass dieses Eis taute. Wie in einem wachen Traum sah er sich selbst den Eisblock umarmen, um ihn mit der Wärme seines Körpers zum Schmelzen zu bringen. Aber alles war vergebens.
Doch dann hörte er plötzlich, was der Mann ihm sagen wollte, hörte es nicht mit den Ohren, sondern tief in seinem eigenen Herzen:
»Hilf mir bitte! Lass mich nicht im Stich! Allein komme ich aus diesem Eis nicht heraus. Hilf mir! Nur du kannst mich daraus befreien - nur du!«
Als sie sich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen erhoben, sagte der Junge ohne Namen zu Yor:
»Ich fahre heute nicht mehr mit dir in die Grube Minroud ein.«
»Willst du mich verlassen?«
Der Junge nickte. »Ich will gehen und das Wasser des Lebens suchen.«
»Hast du das Bild gefunden, das dich führen wird?«
»Ja.«
»Willst du es mir zeigen?«
Der Junge nickte abermals. Beide gingen hinaus in den Schnee, wo das Bild lag. Der Junge sah es an, aber Yor richtete seine blinden Augen auf das Gesicht des Jungen, als blicke er durch ihn hindurch in eine weite Ferne. Er schien lange auf etwas hinzuhorchen. Endlich nickte er.
»Nimm es mit«, flüsterte er, »und verliere es nicht. Wenn du es verlierst oder wenn es zerstört wird, dann ist für dich alles zu Ende. Denn in Phantasien bleibt dir nun nichts mehr. Du weißt, was das heißt.«
Der Junge, der keinen Namen mehr hatte, stand mit gesenktem Kopf und schwieg eine Weile. Dann sagte er ebenso leise:
»Danke, Yor, für das, was du mich gelehrt hast.«
Sie gaben sich die Hände.
»Du warst ein guter Bergknappe«, raunte Yor, »und hast fleißig gearbeitet.«
Damit wandte er sich ab und ging auf den Schacht der Grube Minroud zu. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er in den Förderkorb und fuhr in die Tiefe.
Der Junge ohne Namen hob das Bild aus dem Schnee auf und stapfte in die Weite der weißen Ebene hinaus.
Bastian macht sich auf zu seinem Vater. Er macht sich auf, das Wasser des Lebens zu finden, um diesen Vater aus seinem eingefrorenen Zustand zu befreien, damit er ihn kennen lerne und wisse, wer sein Vater denn wirklich ist.

Damit unser Held dies leisten kann, müssen auch seine letzten alten Strukturen weichen. Michael Ende spricht symbolisch davon, dass Bastian seinen Namen vergisst.


Er ist bereit für einen neuen Namen, einen neuen Namen auf der geistigen Ebene. In seiner realen Welt wird er immer Bastian Balthasar Bux heißen.


Es gibt Menschen, die sich einen neuen Namen selbst geben oder auch sagen, er sei ihnen von einem geistigen Wesen gegeben worden. Oft klingen diese Namen indisch oder fernöstlich.


Ich persönlich halte von dieser Art von Namensgebung überhaupt nichts, weil ich mehr als einmal erlebt habe, dass diese sogenannten Eingebungen auf puren Einbildungen des spirituellen Ego dieser Menschen beruhen, die mehr sein möchten, als sie sind.


Unser realer Name trägt unsere Lebensenergie, und diese Lebensenergie hängt immer mit dem Kulturbereich zusammen, in den wir - nie zufällig - hineingeboren worden sind. Von daher sollte unsere Entwicklung eher dahin gehen zu erfahren, welche Bedeutung unser realer Name wirklich für uns hat; dabei ist eine Name wie Hans genauso bedeutungsvoll wie Johannes. Hans hat eine ganz andere Energie als Johannes und ein Mensch, der Hans heißt, wird eine andere Lebensenergie umsetzen als ein Johannes. – Beides ist gleichermaßen wertvoll.


Die Bedeutung des Geschehens um den Namen Bastians, das Michael Ende anspricht, hat zu tun mit jener Stelle aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 2, 17, in der es heißt:
Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, als wer ihn empfängt.
Im Griechischen gibt es relativ viele Wörter, die Stein bedeuten, u. a. pétra, líthos, báros.

Im griechischen Text des Neuen Testamentes finden wir das Wort pséphos. Dieses Wort steht für den Stimmstein, mit dem der Teilnehmer einer abstimmungsberechtigten Versammlung seine Stimme abgeben konnte, wobei es weiße und schwarze Steine gab. In der Athener Volksversammlung, der ekklesía, löste dieses Abstimmungsverfahren mit einer Steinabgabe das per acclamatio, also per Klatschen oder Handheben zuzustimmen, ab. So kommt es, dass, in Anlehnung an pséphos, der Vorgang des Abstimmens als psephízein bezeichnet wurde.


Wenn in der Bibel von diesem Stein die Rede ist, so bedeutet das auch, dass Gott für den, den es betrifft, seine Stimme abgibt.


Mehr geht in religiösem Sinne nicht.


Und dieser Stein ist weiß, genauer gesagt - denn leukós bedeutet auch glänzend, licht: Es ist ein weiß glänzender, ein lichtvoller Stein.


Indem Bastian seinen Namen verliert, wird er bereit für ein neues Bewusstsein, es ist Raum geschaffen für einen neuen Namen, den nur er kennt, so heißt es ausdrücklich in der Bibel; er kennt ihn, und natürlich Gott, der ihn mit ihm auszeichnete.

Immer wieder greift Michael Ende auf mythologische und biblische Symbolik zurück, wohl wissend, dass sie einen tiefen wahren Gehalt hat; durch die umfassenden Arbeiten von Mircea Eliade und C.G.Jung wissen wir, wie wahr das ist.

Machen wir uns also, falls wir das noch nicht getan haben, auf, unseren Vater in uns zu erlösen.
Das kann auf die unterschiedlichsten Arten geschehen, auch dadurch, dass wir ihn der Gerechtigkeit Gottes übergeben, wenn Schlimmes geschehen ist. Wenn dies auf die richtige Weise in uns geschieht, dann geschieht es ohne Groll.

Bastian wird seinen Vater finden. Aber das ist ein weiterer, ein letzter Abschnitt in der Unendlichen Geschichte.

PS Eins möchte ich noch nachtragen: 
Zu meiner Mutter, die nun schon bald zwanzig Jahre nicht mehr auf dieser Erde ist, habe ich ein wunderbar schönes Verhältnis. Sie hat mir von da, wo sie jetzt ist, schon sehr geholfen – aber das ist eine andere Geschichte.
Und zu meinem Vater, der auch schon viele Jahre gestorben ist, möchte ich sagen, dass ich mir ziemlich, um nicht zu sagen: sehr sicher bin, dass er jeden meiner Schritte genau sieht, sich ansieht.
Ich glaube, er macht Schritte auf mich zu, Schritte, die er in unserer gemeinsamen Erdenzeit nicht gehen konnte. Darüber freue ich mich sehr.

Mittwoch, 14. August 2013

Das Ende der Mutter-Sucht: Wie du bist, so bist du recht ... Die Dame Aiuóla nimmt uns an; sie ist ein Teil von uns.


Es gibt zahlreiche Märchen, die von der inneren Mutter erzählen, die einen wesentlichen Teil unserer Seele ausmacht. 
Und diese Mutter hat viele Facetten. 
Sibylle Birkhäuser-Oeri hat in ihrem posthum von ihrer Freundin Marie-Louise von Franz zur Veröffentlichung aufbereiteten Manuskript - erschienen als Die Mutter im Märchen - einige ansgesprochen: 
Da finden wir u.a. die Todesmutter, die Feuermutter, die lebensschenkende Naturmutter ... all diese Mütter, die dunklen wie die hellen, sind Seiten EINER Großen Mutter.Eine der bekannntesten Ausgestaltungen ist Frau Holle.
In uns gibt es diese vielen Facetten der Mutter wie auch diese EINE, die Goethe meint, wenn er am Ende von Faust II vom Ewig-Weiblichen spricht, das uns hinanzieht, die Homer besingtwenn er die Mutter als Allmutter Erde anspricht, und deren auch in vielen, den meisten indianischen Kulturen gedacht wird.
Die Griechen nannten sie Gaia, eben Allmutter Erde.
Sie ist die göttliche Mutter. Der weibliche Teil der Gottheit.
Jenen Teil, den uns die christlichen Kirchen verschwiegen haben.
Vater, Sohn und Heiliger Geist, so heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Nur Männer, keine Frau. 
So ist das in der Kirche.

Wir können diese göttliche Mutter nicht erfassen. Wir Menschen tun das ja gern, etwas zu erfassen und dann kräftig festzuhalten, unter Kontrolle zu bringen, damit die liebe Seele Ruhe hat.

Aber genau das ist der Punkt: diese Mutter schenkt zwar Ruhe und Frieden, denn sie will uns an ihrer Brust stillen, damit wir Stille lernen, aber sie beunruhigt uns auch in gewisser Weise, weil sie ständig im Wandel ist wie die Erde, die Natur.

Wer sie immer mehr verstehen lernen will, muss sich von ihr beunruhigen und stillen zugleich lassen.

Haben wir keine Verbindung zu ihr, treiben wir durch den Raum ... immer auf der Suche, unterwegs in Sachen Mutter-Sucht. Bevorzugt tun das jene Männer, die ständig unterwegs in Sachen Liebesabenteuer sind. Ohne es zu wissen, suchen sie in jeder Frau die Mutter, weil sie sich auf krankhafte Weise nie von ihr lösen konnten, oft, weil es die Mutter auf gerissene Weise verhindert hat, immer wieder - und sie tut es oft noch, auch wenn sie nicht mehr lebt.

Von dieser Mutter muss sich jeder Mann lösen. Das
 Grimm-Märchen Eisenhans berichtet davon.

Von der geistigen Mutter allerdings hätten wir uns nie lösen sollen. Die gute Mutter in den Märchen, die gute Königin, wie auch immer sie gestaltet worden ist, stirbt zumeist. So wie im Übrigen auch oft der Vater.

Jeder Mensch, ob Mann, ob Frau, muss sich vergewissern, ob er in Verbindung mit dieser Mutter steht. In einer liebenden.

Eine solche liebende Verbindung ist keine, die auf Unterwerfung basiert. Mit einer Mutter setzt man sich durchaus immer mal wieder auch auseinander.

Oft aber ist sie noch so tot in uns Menschen wie Schneewittchen.
Dann gilt es, sie zu wecken.

Eigentlich keine Überraschung, dass diese Thematik auch in Michael Endes Unendlicher Geschichte auf dem Weg Bastians zur Heilung des Inneren der Menschen, sprich in der Geschichte also der kindlichen Kaiserin, eine bedeutende Rolle spielt, wenn auch auf durchaus ungewöhnliche Weise.

Die innere Mutter, die Bastian trifft, ist die Dame Aiuóla.

Das Ganze ist absolut goldig geschrieben:


Schließlich gelangte er in eine schnurgerade Allee aus kugelrunden Bäumen, die voller rotbackiger Äpfel hingen. Und ganz am Ende der Allee tauchte ein Haus auf. Beim Näherkommen stellte Bastian fest, dass es wohl das drolligste Haus war, das er je gesehen hatte. Ein hohes spitzes Dach saß wie eine Zipfelmütze auf einem Gebäude, das eher einem Riesenkürbis glich, denn es war kugelig, und die Wände hatten an vielen Stellen Beulen und Ausbuchtungen, sozusagen dicke Bäuche, was dem Haus ein behäbiges und gemütliches Aussehen verlieh.

Da deutet sich schon an, welchen Mutter-Aspekt Michael Ende ausgewählt hat. Die Dame Aiuóla wohnt nämlich im Änderhaus, einem Haus, das sich ständig ändert, verschwindet auf der einen Seite ein Fenster, wächst auf ener anderen ein Erker aus dem Haus ...

Die Frau begrüßt Bastian mit einem Lied, das schon deutlich werden lässt, was eine wirkliche Mutter ausmacht, jedenfalls jene innere Mutter, auf die wir uns beziehen:


Alles, was du suchst und willst, 
auch Geborgenheit, 
Trost nach allem Leid. 
Ob du gut warst oder schlecht, 
wie du bist, so bist du recht,  
denn dein Weg war weit.«

Wie Du bist, so bist Du recht.
Wie schön, wenn das jemand zu uns sagt und uns so annimmt, wie wir sind.

Die wirkliche Mutter tut das!

Die Stimme begann von neuem zu singen: 


Großer Herr, sei wieder klein! 
Sei ein Kind und komm herein! 
Steh nicht länger vor der Tür, 
denn du bist willkommen hier! 
Alles ist für dich bereit 
schon seit langer Zeit.

Die Stimme übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Bastian aus. Er war sicher, dass es eine sehr freundliche Person war, die da sang.
Er klopfte also an die Tür, und die Stimme rief:
»Herein! Herein, mein schöner Bub!«
Er öffnete die Tür und sah eine gemütliche, nicht sehr große Stube, durch deren Fenster die Sonne hereinschien. In der Mitte stand ein runder Tisch, gedeckt mit allerlei Schalen und Körben voll bunter Früchte, die Bastian nicht kannte. Am Tisch saß eine Frau, die selbst ein wenig aussah wie ein Apfel, so rotbackig und rund, so gesund und appetitlich.
Im allerersten Augenblick war Bastian fast überwältigt von dem Wunsch, mit ausgebreiteten Armen auf sie zuzulaufen und »Mama! Mama!« zu rufen. Aber er beherrschte sich. Seine Mama war tot und ganz gewiss nicht hier in Phantásien. Diese Frau hatte zwar dasselbe liebe Lächeln und dieselbe Vertrauen erweckende Art, einen anzusehen, aber die Ähnlichkeit war höchstens die einer Schwester. Seine Mutter war klein gewesen und diese Frau hier war groß und irgendwie imposant. Sie trug einen breiten Hut, der über und über voller Blumen und Früchte war, und auch ihr Kleid war aus einem farbenprächtigen, geblümten Stoff. Erst nachdem er es eine Weile betrachtet hatte, bemerkte er, dass es in Wirklichkeit ebenfalls aus Blättern, Blüten und Früchten war.
Während er so stand und sie ansah, überkam ihn ein Gefühl, wie er es schon lange, lange nicht mehr gekannt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann und wo, er wusste nur, dass er sich manchmal so gefühlt hatte, als er noch klein war.
»Setz dich doch, mein schöner Bub!«, sagte die Frau und wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl. »Du wirst sicher hungrig sein, also iss erst einmal!«
»Entschuldigung«, antwortete Bastian, »du erwartest doch einen Gast. Aber ich bin nur ganz zufällig hier.«
»Tatsächlich?«, fragte die Frau und schmunzelte.



Bastian mag lange meinen, er sei zufällig hier und die Ähnlichkeit sei höchstens die einer Schwester. Nein, er hat zu der Mutter gefunden, die unser aller Mutter ist, die sich ständig ändert wie die Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit symbolisiert und Werden und Vergehen, zu sehen an ihrem Haus. 
Wenn wir zu dieser Mutter finden, gibt es nur eins: Wohlsein!

Es gibt Bücher, die nehmen einen an die Hand und zeigen einem den Weg, schaffen Bilder, die unsere Seele heilen und ihr den Weg weisen, ja, die selbst der Weg sein können, denn unser Inneres vertraut diesen Bildern.

Michael Ende war ein weiser Weißer Magier.
Seine Bilder helfen uns. 
Ja, seine Unendliche Geschichte hat eine heilende Wirkung!

Samstag, 15. Juni 2013

"was mit Kindern zu tun hat, gilt, zumindest in Deutschland, immer als zweite oder dritte Kategorie". – Was die Baumgeister Michael Ende so alles flüstern.

was mit Kindern zu tun hat, gilt, zumindest in Deutschland, immer als zweite oder dritte Kategorie — man hat es nicht ganz geschluckt, daß da plötzlich ein Kinderbuchautor in der literarischen Szene auftaucht. Aber eben deswegen, weil es gerade im Kinderbuch möglich ist zu spielen, habe ich zunächst einmal mit dem Kinderbuch angefangen. Nun hat eine Grenzüberschreitung stattgefunden. Diesen Spielcharakter will ich unbedingt beibehalten.

Neuerdings müssen Kinder unbedingt die Renten sichern, insofern sind sie wichtiger geworden; ansonsten weiß Michael Ende wovon er spricht. Es waren seine inneren Kinder, die ihn zum Schreiben brachten; kein Wunder, schrieb er erst einmal Kinderbücher und im Grunde sind Momo und die Unendliche Geschichte ja auch Kinderbücher und Bücher für die inneren Kinder von Erwachsenen.
Deshalb machen sie manche so glücklich, weil ihre inneren Kinder sich wiederfinden und gegebenenfalls so richtig zum Leben erwachen.

Unsere inneren Kinder spielen ständig das Spiel der Phantasie und wenn sie es bei manchen Erwachsenen nicht am Tag dürfen - immer mal wieder wenigstens, natürlich nicht ständig -, dann tun sie es nachts um so intensiver, denn da kann sie der Erwachsene nicht kontrollieren. Der  nur wundert sich dann, dass er immer mal wieder morgens schweißgebadet aufwacht, weil sein kindliches Wesen am liebsten nicht aufwachen möchte in ein Gefängnis hinein, was sein Erwachsener Realität nennt, was sie allerdings  nicht ist, denn die Wirklichkeit ohne Phantasie ist Leblosigkeit.
Oder kennen wir Menschen, die nur mit ihrer linken Kopfhälfte durch die Welt gehen?
Kennen wir Menschen, die nur als rechte Körperhälfte durch die Gegend gehen?
Nein?
Tun aber viele.
Wir nennen das linkshirnig.
Die Linkshirnigkeit, die reine Verstandesorientierung, entspricht der rechten Körperhälfte.
Viele tarnen das nur so geschickt.

Eines nur ist ganz wichtig und absolut bemerkenswert, so wie es Michael Ende formuliert:

Die beiden Welten gehören zusammen, sind aber getrennt. Man kann die eine Ebene nicht auf die andere verschieben. Das hieße — was übrigens in der Unendlichen Geschichte geschieht —, daß man aus Phantasien etwas mit in die Alltagswelt hinübernimmt. Das geht nicht. Nur die Veränderungen, die du selbst in Phantasien erlebst, kannst du mit hinübernehmen, aber nicht die Teile Phantasien selbst. Das gehört mit zu der ganzen Problematik, daß der Mensch eben auf mehreren Ebenen lebt, nicht nur auf einer.

Offensichtlich ist dieser Unterschied wichtig.
Deshalb gibt es in unserem Kopf auch das corpus callosum, die so genannte Brücke, diese Verbindungsstelle im Gehirn zwischen rechter und linker Gehirnhälfte. Wir können nicht die rechte Gehirnhälfte da durchziehen. Das geht nicht und es wäre nicht gut.
Aber wir können in unser reales Leben die Leichtigkeit mitnehmen, die wir in Phantasien lernten. Wir können genauso mitnehmen, dass es Hilfen gibt, die sich unserer Kenntnis entziehen, die sind auf einmal da. Es ist nämlich eine Illusion zu glauben, in Phantasien wäre alles Eiapopeia. Deshalb brauchen wir z.B. den Glücksdrachen Fuchur. Man lese mal die Unendliche Geschichte und wie sich in Phantasien das Nichts ausbreitet. Vergessen wir nicht: Das tut es immer noch !! Wir sind nicht gerettet.
Wir brauchen noch mehr Bastiane, mehr Momos ...

Michael Ende ließ solche Hilfen zu. In einem Gespräch mit Franz Kreuzer erzählt er jenem, dass er gar nicht wusste, als er umzog, dass seine Wohngegend Valle spiriti beati heißt, Tal der seligen Geister.
Dann sagt er:

Ich bin tatsächlich der Meinung, daß in den Bäumen sehr viel mehr lebt als das, was die Naturwissenschaft heute in einem Baum sieht. Der Baum ist eben nicht nur ein chemisches System, der Baum ist ein Lebewesen. Und in alten Zeiten nannte man das die Dryade. Wenn man ein bißchen intensiver mit Bäumen zusammenlebt, merkt man, daß hinter diesen Lebewesen auch etwas Geistiges steckt, etwas real Geistiges. Und ich bin durchaus der Meinung, daß in meinen Bäumen hier Dryaden wohnen.

Kreuzer meint dann:

Es könnte also sein, daß zuerst Sie verzaubert worden sind, ehe Sie dann mit Ihrem Buch Hunderttausende verzaubert haben.

Michael Ende: 

Ich hoffe sehr, daß mir die Dryaden behilflich sind bei dieser Verzauberung.

Lassen wir uns, liebe Leserin, lieber Leser, verzaubern.
Nicht von ungefähr nannte Morris Berman sen Buch Wiederverzauberung der Welt. Das Ende des Newtonschen Zeitalters.
Die Wiederverzauberung brauchen wir, um zu überleben.
Über diese Verzauberung wissen unsere unverletzten inneren Kinder bestens Bescheid.
Nehmen wir uns wieder Zeit, ihnen zu lauschen, was sie erzählen und was sie uns fragen.
Sie stellen keine Bedingungen. Sie sind einfach da.
So wie die seligen Geister.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Im Reich der Kindlichen Kaiserin. Brief des kleinen Johannes.


Liebe kindliche Kaiserin,


heute ist ein besonderes Fest, die Erwachsenen sind feierlicher als sonst. Ich sitze dann mit einem besonderen Gefühl hier in der Nord-Ost-Gemeinde und schaue auf den Altar, der voller Früchte ist und staune, wer ihn wohl so toll geschmückt hat. 
Ich bringe meine Augen gar nicht mehr weg.
So viel. So viel auf einem Altar.
Wo sind nur all die Blumen und Früchte und Kräuter her?
Wer hat sie gebracht und sich so viel Zeit genommen?


Ich höre den Pfarrer, wie er sich bedankt für alles und nehme das Berührtsein  der Erwachsenen wahr; manche haben die Augen auf und manche hören gar nicht zu, das spüre und sehe ich.
Ich weiß auch meinen Papa und meine Mama hier; meine Mama hat bestimmt auch die Augen auf und beguckt ihre Hände; zu Hause macht sie beim Beten sogar an ihnen rum; mein Papa hört bestimmt zu.
Ich möchte Dir auch danken, liebe kindliche Kaiserin, für all das Brot und Obst und Gute, was Du uns geschenkt hast und schenkst.
Weißt Du, ich weiß noch, wie meine Mama sich mit einer Schaufel auf die Straße gestürzt hat, um die Pferdeäpfel für ihren Garten aufzulesen. Ich hatte sehr Angst um sie, weil so viele Autos um sie herum fuhren; alle fuhren schnell, keiner hielt.
Wenn sie wieder da war, war ich richtig froh. Ich hätte sie am liebsten festgehalten, wenn sie wieder auf die Straße lief.
Alles, damit wir gut zu essen haben aus dem Garten.
Und ich weiß noch, wie wir morgens mit einem Leiterwägelchen loszogen in die Frankfurter Großmarkthalle, um einen Sack Apfelsinen billiger zu bekommen.
Es gibt halt nicht so viel Obst. Und Mama und Papa müssen sparen.
Mama will sowieso immer sparen.
Einmal kamen wir heim und alle Orangen waren strohig; das war schlimm.
Jedenfalls möchte ich auch Danke sagen für alles, was wir bekommen.
Ich glaube, das Fest, das wir heute feiern, heißt Erntedank.
Denke auch in Zukunft an uns und lass uns nicht im Stich und lass mich Deinen Namen finden, damit ich Dich retten kann. Das würde ich so gerne!


In Liebe,
Dein Johannes


PS: Die Kindliche Kaiserin ist Regentin des Landes Phantásien aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Dort ist sie krank und Atréju soll sie retten. Sie verkörpert in Michael Endes Werk die Herzensweisheit, wie sie - oft tief verborgen - sich auch in uns befindet und als Schatz gehoben sein will. Meist wissen Kinder noch mehr von dieser Weisheit als die Erwachsenen (deshalb ist auch die Kaiserin eine Kindliche Kaiserin). Weshalb Erwachsene von Kindern viel mehr lernen könnten, als sie ahnen, ahnen wollen ...

Mittwoch, 16. Februar 2011

Momo: Medizin pur für unser inneres Kind

Der innere Reichtum, den Michael Ende gehabt haben muss, ist für mich mit dem eines Goethe vergleichbar. Ich möchte sagen, Momo hat sehr viel mit seinem eigenen inneren Kind zu tun. So viel  Intuition, wie sie Michael Ende hat, so viel Phantasie, die dennoch geerdet ist: das verweist auf die Eigenschaften Momos, die auch ganz im Leben steht – und zugleich heilt, zum Beispiel durch Zuhören, durch ihr inneren versöhnendes Sein, wenn Streithähne allein durch ihre Anwesenheit zur Ruhe kommen wie zu Anfang der Wirt und der Maurer. 
Wie Meister Hora ist Momo im Grunde eine mythologische Figur; sie verweist sie auf Höheres:
Das göttliche innere Kind ist das Kind in der Krippe: es ist der Archetypus des inneren Kindes.
Momo ist sein Nachfahre. Dieses Mädchen spricht in allen Erwachsenen ihr inneres Kind an, man muss allein die Geschichten in dem Buch lesen, die erzählt werden, das Märchen vom Zauberspiegel oder die Geschichte vom Wandernden Taifun und wie Momosan und Kapitän Gordon samt Steuermann Melú ihm beikommen und wofür dieser wandernde Taifun steht (Erster Teil, Kapitel 3).  Wie Momosan diesen besiegt, mit Hilfe der Musik, das findet sich in dieser Weise nur bei Goethe in seiner Novelle und in der Gestalt des Orpheus wieder; auch darüber möchte ich schreiben ... über die Macht der Musik, die Macht der Musik aus Kindermund ...
Spätestens in den Osterferien möchte ich hier und in Methusalem (hier und hier) einiges dazu schreiben.
Bis dahin muss ich meine geschätzten Leser vertrösten ... aber wer Momo noch nicht gelesen hat ... unbedingt lesen! Und jede Geschichte beachten, die Fähigkeiten Momos beachten ... sie finden sich schon ganz am Anfang des Buches benannt ... all das ist Medizin pur für unser inneres Kind ...
Bereits vorhandene Posts zu Momo: 


PS: Für alle Kollegen: Die Geschichte vom wandernden Taifun (Erster Teil, Kapitel 3) lässt sich bestens bis in Klasse 6 spielen; Gruppen von ca. 7 - 9 Schülern sind notwendig; diese Größe ist nicht ganz einfach (man muss vorab schon besprechen, dass sich Einzelne auch bei dieser Gruppengröße zurücknehmen müssen und einen Verantwortlichen bestimmen, der sich durchsetzen kann - manche Gruppen bekommen das allerdings auch in purer Zusammenarbeit hin) und man braucht für jede Gruppe einen Klassenraum zum Proben, da aus Stühlen das Schiff nachgebaut werden muss etc. Jedenfalls: eine tolle Spiel-Vorlage, vor allem, wenn Momosan ihr Lied singt und alle anfangen mitzutanzen ... der Renner :-)), auch, wenn dann der wandernde Taifun in sich zusammensackt, ggf. dabei spricht (zu seiner Darstellung gibt man ihm am besten diverse Kleiderstücke in die Hand, die er mit herumwirbelt - Tanz nur auf Doppeltischen ... zwischen den Tischen kann der Wirbelsturm dann versinken :-)) 
Zeitbedarf für die Gruppenphase: ca. 45 Minuten. 
Zum Vorspielen muss eine große Spielfläche im Klassenraum vorhanden sein ...

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Wenn sich Hände schneeleise auf Deine Augen legen: Michael Endes Gespür für den inneren Vater.

Wer den Beginn der Geschichte um Momo kennt, weiß, dass sie eines Tages in der Ruine des Amphitheaters vor der Stadt auftaucht. Die Leute erfahren von ihr und kommen und fragen sie aus, fragen auch nach ihren Eltern, ernten aber nur ein Schulterzucken und als sie fragen, wer ihr denn ihren Namen gegeben habe, antwortet Momo: Ich.
In den Mythen sind Helden oft Waisen oder zumindest Halbwaisen. Auch in den Märchen ist es ja oft so, dass der Vater krank wird, die Mutter stirbt ... auf einmal ist der Held allein.
So allein ist auch Momo.
Viele Menschen haben Vater und Mutter, in Wirklichkeit sind sie aber doch allein.
Das ist schlimm, schlimmer als Waise zu sein. Denn keinen Vater und Mutter zu haben, wenn man glaubt, man habe welche, kann ein Leben lang undurchschaubar sein. Zwei Hohlräume, die man für Vater und Mutter hält.
Jeder Mensch muss überprüfen, ob er Vater und Mutter hat.
Wenn sie fehlen, fehlt etwas in uns, was uns erwachsen werden lässt. 
Wenn sie fehlen, ist die Linie zu den Ahnen gestört. Und wie wichtig diese Linien sind, wissen wir spätestens seit Hellinger und seinen Familienaufstellungen. Wer im Rücken seine Ahnen hat, ist stark, wer sie nicht hat, läuft Gefahr, auf den Rücken zu fallen. Es macht einen tiefen Sinn, dass im Alten Testament immer wieder die Reihe der Ahnen aufgelistet werden. Früher hielt ich das für Papierverschwendung. Heute weiß ich, dass jeder Ahne eine Bedeutung hat. Es geht nicht darum, dass wir ihn in einem vordergründigen Sinn kennen, es geht darum, dass er eine Sprosse auf jener Leiter ist, auf der wir uns zum Himmel strecken.
Zudem ist die Gefahr riesig, dass eine Frau sich einen Mann sucht, der Vater für sie sein soll, und genauso besteht die Gefahr, dass ein Mann sich eine Frau sucht, die Mutter sein soll.
Nicht, dass diese Ehen unglücklich sein müssen, aber wirkliches Glück ist nur in einer symmetrischen Beziehung zu finden, nicht in einer zwischen Kind und Elternteil.
Momo findet in Meister Hora einen Vater:
Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen.
Dieses Gefühl der Geborgenheit und bedingungslosen Liebe, das braucht jeder Mensch. Auch der verlorene Sohn im biblischen Gleichnis hat es bei seiner Rückkehr erlebt, dieses bedingungslose Auf- und Angenommensein.
Wer dieses Gefühl nicht kennt, muss es nacharbeiten. Ich glaube, man kann das. Sonst fällt ein Mann immer wieder auf Vaterfiguren herein und fährt auf sie ab, ohne es zu merken. Und auch eine Frau sucht primär den Vater im Mann und nicht den ebenbürtigen Partner.
Sorgfältig bei einer möglichen Nacharbeit müssen wir unterscheiden, ob wir nur Ersatzfiguren gesucht und gefunden haben oder ein wirkliches Vorbild, das uns sagen lässt: Diese Energie erfüllt meine Seele. 
Ansonsten bleibt ewig eine Sehnsucht. 
Eben eine Sucht.
Sonst finden wir kein Vaterhaus.
Kein Mutterhaus.
Und können auch unseren Kindern keines geben.
Auch unseren inneren Kindern nicht.
Mehr zu Michael Endes Momo: hier

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Die traumatisierten inneren Kinder in Michael Endes ´Unendlicher Geschichte´

Im Rahmen eines bereits vorliegenden Post zur Unendlichen Geschichte bin ich auf deren Inhalt schon etwas eingegangen - wer sich vorab zunächst ein wenig informieren möchte ...

Dass Bastian, neben Atréju der Hauptakteur der Unendlichen Geschichte, diese, die er als Buch aus einem Buchladen entwendet hat, auf dem Dachspeicher seiner Schule liest, ganz allein mit sich, dem Buch und seiner Fantasie, ist kein Zufall. Er sitzt da, wo nur wenige hinkommen, wo man doch gemeinhin gar nichts lernen kann. Aber ganz sicher ist es so, dass er dahin musste, um die Zeit und Ruhe zu finden, zum Retter und Helden zu werden ...
Dass er da ist, wo er scheinbar nichts lernen kann, ist Bastian ganz und gar egal, denn er ist ganz gebannt von dem Inhalt des entwendeten Buches, wobei er schon etwas friert, sich alte Militärdecken umlegen muss und froh ist, ein wenig Kerzenschein zu haben. Gerade muss er zudem lesen, dass Atréju in einen gewaltigen Sturm gekommen ist, den die vier Windriesen verursacht haben. Mutig, wie er ist, richtet er sich mit Mühe auf dem Glücksdrachen, der ihn zu den Grenzen Phantásiens fliegen soll, auf, um die vier, indem er ihnen AURYN zeigt, zu fragen, wo die Grenzen seien, im Norden, im Süden, im Westen oder Osten. Doch er erhält zur Antwort:
"Wer bist Du denn, der das Zeichen der kindlichen Kaiserin trägt und nicht weißt, dass Phantasien grenzenlos ist?"
Atréju ist wie vor den Kopf geschlagen, muss er doch über Phantásien hinaus um zu jenem Menschenkind zu kommen, von dem er hofft, dass es der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gebe; nur so, das weiß er, ist Rettung vor dem NICHTS, das sich in Phantásien immer mehr ausbreitet, möglich. Wie aber soll er über Phantásien hinaus kommen, wenn es grenzenlos ist?

Kein Wunder passt er einen Moment nicht auf und schon ist es geschehen. Er stürzt in die Tiefe - und was das Schlimmste ist, er verliert dabei AURYN, den GLANZ, das Amulett der kindlichen Kaiserin, das ihn auf seiner Reise begleitet und ihm schon so wertvolle Dienste geleistet hatte.
Als er wieder aufwacht, liegt er auf Sand an einem Strand und hört Meeresrauschen. Nun ist er kein Bote seiner Kaiserin mehr, ohne AURYN. Was bleibt ihm, als landeinwärts zu laufen.

Da nun begegnet ihm, was mich so sehr an unsere traumatisierten Kinder erinnert, denn - erinnern wir uns: Phantásien ist überall, also auch bei und in den Kindern, auch wir waren dort in unserer Kindheit und es soll Erwachsene geben, die noch heute immer wieder dort einkehren ... einer z.B. hieß Michael Ende ... heute ist er in seinem Phantásien, denn er lebt bekanntlich nicht mehr ... er lebt nun dort ...

... allerdings nicht da, wo wir Atréju nun finden, dem etwas Unheimliches begegnet:

Atréju war noch nicht sehr lange so dahingewandert, als er aus der Ferne ein seltsames, stampfendes Geräusch vernahm, das näher kam. Es war wie das dumpfe Dröhnen einer großen Trommel, dazwischen hörte er schrilles Pfeifen wie von kleinen Flöten und Schellengeklingel. Er versteckte sich hinter einem Busch am Straßenrand und wartete ab.

Die eigenartige Musik kam langsam näher und schließlich tauchten aus dem Nebel die ersten Gestalten auf. Offenbar tanzten sie, aber es war kein fröhlicher oder anmutiger Tanz, vielmehr sprangen sie mit höchst absonderlichen Bewegungen herum, wälzten sich auf dem Boden, krochen auf allen vieren, bäumten sich hoch und benahmen sich wie verrückt. Aber das Einzige, was man dabei hörte, war der dumpfe, langsame Trommelschlag, die schrillen Pfeifchen und ein Winseln und Keuchen aus vielen Kehlen.

Es wurden mehr und immer mehr, es war ein Zug, der kein Ende zu nehmen schien. Atréju erblickte die Gesichter der Tänzer, sie waren grau wie Asche und schweißüberströmt, aber ihrer aller Augen glühten in einem wilden, fieberhaften Glanz. Manche peitschten sich selbst mit Geißeln.

Sie sind wahnsinnig, dachte Atréju und ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken.

Übrigens konnte er feststellen, dass der größte Teil dieser Prozession aus Nachtalben, Kobolden und Gespenstern bestand. Auch Vampire und eine Menge Hexen waren darunter, alte mit großen Buckeln und Ziegenbärten am Kinn, aber auch junge, die schön und böse aussahen. Offensichtlich war Atréju hier in eines der Länder Phantásiens geraten, das von Geschöpfen der Finsternis bevölkert war. Hätte er AURYN noch gehabt, so wäre er ihnen ohne Zögern entgegengetreten, um sie zu fragen, was hier vorging. So aber zog er es vor, in seinem Versteck abzuwarten, bis die tolle Prozession vorübergezogen war und der letzte Nachzügler hinkend und hopsend im Nebel verschwand.

Erst dann wagte er sich wieder auf die Straße hinaus und blickte dem geisterhaften Zug nach. Sollte er ihm folgen oder nicht? Er konnte sich nicht entschließen. Eigentlich wusste er überhaupt nicht mehr, ob er jetzt noch irgendetwas tun sollte oder konnte.

Zum ersten Mal fühlte er deutlich, wie sehr ihm das Amulett der Kindlichen Kaiserin fehlte und wie hilflos er ohne es war. Nicht der Schutz, den es ihm gewährt hatte, war das Eigentliche - alle Mühen und Entbehrungen, alle Ängste und Einsamkeiten hatte er ja dennoch aus eigenen Kräften bestehen müssen - aber solange er das Zeichen getragen hatte, war er sich nie unsicher gewesen, was er tun musste. Wie ein geheimnisvoller Kompass hatte es seinen Willen, seine Entschlüsse in die rechte Richtung gelenkt. Aber jetzt war das anders, jetzt war keine geheime Kraft mehr da, die ihn führte.

Nur um nicht wie gelähmt stehen zu bleiben, befahl er sich selbst dem Gespensterzug zu folgen, dessen dumpfer Trommelrhythmus noch immer aus der Ferne zu hören war.

Während er durch den Nebel huschte, immer darauf bedacht, gebührenden Abstand von den letzten Nachzüglern zu halten, versuchte er sich über seine Lage klar zu werden.

Warum nur, ach, warum hatte er nicht auf Fuchur gehört, als der ihm geraten hatte, sofort zur Kindlichen Kaiserin zurückzufliegen? Er hätte ihr die Botschaft der Uyulála überbracht und das Amulett zurückgegeben. Ohne AURYN, den Glanz, und ohne Fuchur konnte er nicht mehr zur Kindlichen Kaiserin gelangen. Sie würde bis zum letzten Augenblick ihres Lebens auf ihn warten, hoffen, dass er käme, glauben, dass er ihr und Phantasien die Rettung brächte - aber vergebens!

Das war schon schlimm genug, schlimmer aber war, was er durch die Windriesen erfahren hatte: dass es keine Grenzen gab. Wenn es unmöglich war, aus Phantasien herauszukommen, dann war es auch unmöglich, ein Menschenkind von jenseits der Grenzen zu Hilfe zu rufen. Gerade weil Phantasien unendlich war, war sein Ende unabwendbar!

Während er weiter über das unebene Pflaster durch die Nebelschwaden stolperte, hörte er in seiner Erinnerung noch einmal die sanfte Stimme der Uyulála. Ein winziges Hoffnungsfünkchen glomm in seinem Herzen auf.

Früher waren oft Menschen nach Phantasien gekommen, um der Kindlichen Kaiserin immer neue, herrliche Namen zu geben - so hatte sie doch gesungen. Also gab es doch einen Weg von der einen Welt in die andere!

»Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit, zu weit, um zu ihnen zu kommen.«

Ja, so hatten Uyulálas Worte gelautet. Nur, dass die Menschenkinder diesen Weg vergessen hatten. Aber konnte es nicht sein, dass eines, ein einziges sich wieder daran erinnerte?

Dass es für ihn selbst keine Hoffnung mehr gab, kümmerte Atreju wenig. Wichtig war allein, dass ein Menschenkind den Ruf Phantásiens hörte und kam - so wie es zu allen Zeiten geschehen war. Und vielleicht, vielleicht hatte sich schon eines aufgemacht und war unterwegs!

»Ja! ja!«, rief Bastian. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme und fügte leiser hinzu:

»Ich würde euch ja zu Hilfe kommen, wenn ich nur wüsste wie! Ich weiß den Weg nicht, Atreju. Ich weiß ihn wirklich nicht.«

Der dumpfe Trommelklang und die schrillen Pfeifchen waren verstummt, und ohne es zu merken, war Atréju der Prozession so nahe gekommen, dass er fast auf die letzten Gestalten auflief. Da er barfuß war, machten seine Schritte kein Geräusch - aber nicht das war es, was diese Leute dazu brachte, ihn überhaupt nicht zu beachten. Er hätte auch mit eisenbeschlagenen Stiefeln dahertrampeln und laut schreien können, niemand hätte sich darum gekümmert.

Sie standen nun nicht mehr in einem Zug, sondern weit verteilt auf einem Feld aus grauem Gras und Schlamm. Manche schwankten leicht hin und her, andere standen oder hockten reglos herum, aber ihrer aller Augen, in denen ein blinder fiebriger Glanz lag, blickten in dieselbe Richtung.

Und nun sah auch Atréju, worauf sie hinstarrten wie in einer grausigen Verzückung: Auf der anderen Seite des Feldes lag das Nichts.

Wer diesen Auszug aus der Unendlichen Geschichte gelesen hat, ohne den ganzen Roman zu kennen, mag schon beeindruckt sein, allein von der Tatsache, dass dieses Phantásien keine Grenzen kennt - das wissen wir doch alle, wenn in uns Phantásien lebt ... und in wem es nicht lebt, der liest diesen Roman ohnehin nicht.
Vielleicht sind wir eines dieser Menschenkinder, das vermöchte, der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen zu geben, dafür zu sorgen, dass sie wieder gesund wird, ja, dass das Nichts sich nicht weiter ausbreitet.

Zurück zur Geschichte:Was Atreju sehen muss, erschüttert ihn zutiefst, denn er
sah, dass die Spukgestalten auf dem Feld vor ihm zu zucken begannen, dass ihre Glieder sich wie in Krämpfen verdrehten und ihre Münder aufgerissen waren, als wollten sie schreien oder lachen, doch es herrschte Totenstille. Und dann - als seien sie welke Laubblätter, die ein Windstoß erfasst - rasten sie alle gleichzeitig auf das Nichts zu und stürzten, rollten und sprangen hinein.
Das aber ist noch nicht das Schlimmste, was Atréju erfährt. Von dem Werwolf Gmork erfährt er, was mit diesen Gestalten geschieht:
Hast du das Nichts gesehen, Söhnchen?«
»Ja, viele Male.«
»Wie sieht es aus?«
»Als ob man blind ist.«

»Nun gut -, und wenn ihr da hineingeraten seid, dann haftet es euch
an, das Nichts. Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit, durch die die
Menschen blind werden, sodass sie Schein und Wirklichkeit nicht mehr
unterscheiden können. Weißt du, wie man euch dort nennt?«
»Nein«, flüsterte Atreju.

»Lügen!«, bellte Gmork.
Dies ist für mich der Bezug, der sich zu inneren Kindern herstellt.

Als Kinder sind wir im Reich Phantásiens zu Hause. Und erinnern wir uns, wie es war: Es gab nicht diesen Unterschied, den Erwachsene kennen, die Welt der Kindlichen Kaiserin und die Realität waren für uns im Grunde eins. Deshalb gibt es auch in Märchen wie selbstverständlich Wunder und Wunderbares. Tiere können sprechen, Bäume neigen sich den Menschen zu, Felsen öffnen sich und Wasser weiß zu reden.

Wenn nun innere Kinder verletzt werden, dann spalten sie sich ab. Es sind die Traumen, die wir als Kinder erfahren. Diese verletzten Teile kauern sich auf den Grund unserer Seele und wenn sie sich in unserem Erwachsenenleben aktualisieren, dann stürzen sie sich in die Welt der Erwachsenen, in unsere erwachsene Welt. Dort aber sind sie uns in keiner Weise hilfreich. Was sie machen: Sie belügen uns, sie sind Lügen, sie täuschen uns über die wahre Welt hinweg.

Gmork sagt:
»Sie werden zu Wahnideen in den Köpfen der Menschen, zu Vorstellungen der Angst, wo es in Wahrheit nichts zu fürchten gibt, zu Begierden nach Dingen, die sie krank machen, zu Vorstellungen der Verzweiflung, wo kein Grund zum Verzweifeln da ist.«
Unsere verletzten inneren Kinder sind diese Wahnideen, die uns suggerieren, es sei richtig, was wir tun, wenn wir lieblos sind, wenn wir ein Kind schimpfen, das tut, was wir nicht durften. Wir verletzen es, damit es auch zu einer Lüge wird. Deshalb verschwindet Phantásien immer mehr. Und es ist das Ziel der Erwachsenen, die aus diesen Lügen heraus leben, anderen weiszumachen, dass es Phantasien nicht mehr gibt.
Deshalb gibt es so viele Erwachsene, die Kinder in Wahrheit nicht verstehen.

Und leider ist es auch so: Wenn Menschen lügen, schädigen sie auch gleichzeitig die Wesen Phantásiens, so dass sie zu dem Gelichter werden, dass Atréju begegnete.

Von daher kann es nur ein Ziel für uns geben: So viel wie möglich, unsere verletzten inneren Kinder zu heilen, unsere Lügen zu enttarnen.

Und immer wenn wir die Lügen von Erwachsenen enttarnen, sei es im privaten Bereich oder in der Politik helfen wir der Kindlichen Kaiserin, die in Wahrheit in jedem Menschen ist.

So lässt sich Phantasien, so lässt sich die kindliche Kaiserin in uns retten.

So werden die inneren Kinder in uns Helfer, liebevolle Erwachsene zu sein.

Solche Erwachsenen verstehen Kinder. Sie können Kinder wirklich durch ihre Kindheit begleiten. Sie können ihnen den Glauben an ihre Kindliche Kaiserin lassen. Sie sind ein Wall gegen das Nichts, das unsere Welt immer mehr durchzieht.