In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?

Mittwoch, 16. Februar 2011

Momo: Medizin pur für unser inneres Kind

Der innere Reichtum, den Michael Ende gehabt haben muss, ist für mich mit dem eines Goethe vergleichbar. Ich möchte sagen, Momo hat sehr viel mit seinem eigenen inneren Kind zu tun. So viel  Intuition, wie sie Michael Ende hat, so viel Phantasie, die dennoch geerdet ist: das verweist auf die Eigenschaften Momos, die auch ganz im Leben steht – und zugleich heilt, zum Beispiel durch Zuhören, durch ihr inneren versöhnendes Sein, wenn Streithähne allein durch ihre Anwesenheit zur Ruhe kommen wie zu Anfang der Wirt und der Maurer. 
Wie Meister Hora ist Momo im Grunde eine mythologische Figur; sie verweist sie auf Höheres:
Das göttliche innere Kind ist das Kind in der Krippe: es ist der Archetypus des inneren Kindes.
Momo ist sein Nachfahre. Dieses Mädchen spricht in allen Erwachsenen ihr inneres Kind an, man muss allein die Geschichten in dem Buch lesen, die erzählt werden, das Märchen vom Zauberspiegel oder die Geschichte vom Wandernden Taifun und wie Momosan und Kapitän Gordon samt Steuermann Melú ihm beikommen und wofür dieser wandernde Taifun steht (Erster Teil, Kapitel 3).  Wie Momosan diesen besiegt, mit Hilfe der Musik, das findet sich in dieser Weise nur bei Goethe in seiner Novelle und in der Gestalt des Orpheus wieder; auch darüber möchte ich schreiben ... über die Macht der Musik, die Macht der Musik aus Kindermund ...
Spätestens in den Osterferien möchte ich hier und in Methusalem (hier und hier) einiges dazu schreiben.
Bis dahin muss ich meine geschätzten Leser vertrösten ... aber wer Momo noch nicht gelesen hat ... unbedingt lesen! Und jede Geschichte beachten, die Fähigkeiten Momos beachten ... sie finden sich schon ganz am Anfang des Buches benannt ... all das ist Medizin pur für unser inneres Kind ...
Bereits vorhandene Posts zu Momo: 


PS: Für alle Kollegen: Die Geschichte vom wandernden Taifun (Erster Teil, Kapitel 3) lässt sich bestens bis in Klasse 6 spielen; Gruppen von ca. 7 - 9 Schülern sind notwendig; diese Größe ist nicht ganz einfach (man muss vorab schon besprechen, dass sich Einzelne auch bei dieser Gruppengröße zurücknehmen müssen und einen Verantwortlichen bestimmen, der sich durchsetzen kann - manche Gruppen bekommen das allerdings auch in purer Zusammenarbeit hin) und man braucht für jede Gruppe einen Klassenraum zum Proben, da aus Stühlen das Schiff nachgebaut werden muss etc. Jedenfalls: eine tolle Spiel-Vorlage, vor allem, wenn Momosan ihr Lied singt und alle anfangen mitzutanzen ... der Renner :-)), auch, wenn dann der wandernde Taifun in sich zusammensackt, ggf. dabei spricht (zu seiner Darstellung gibt man ihm am besten diverse Kleiderstücke in die Hand, die er mit herumwirbelt - Tanz nur auf Doppeltischen ... zwischen den Tischen kann der Wirbelsturm dann versinken :-)) 
Zeitbedarf für die Gruppenphase: ca. 45 Minuten. 
Zum Vorspielen muss eine große Spielfläche im Klassenraum vorhanden sein ...

Samstag, 15. Januar 2011

Kind, alles, was WIR, Deine Eltern wollen, geht Dir leicht von der Hand – was DU willst, geht schwer ... vergiss das nie ... WIR meinen es nur gut mit dir!

Heute morgen, kurz nach dem Anschalten, höre ich im Radio ein Lied von Mary Roos, dessen erste Strophe lautet:

Leben heißt die wilde Reise
jeder geht, wie er es will;
mancher heimlich still und leise,
mancher mutig, wild und schrill.

So ansprechend lebensnah und ehrlich dieser Text auf den ersten Blick klingen mag, so wenig trifft er, glaube ich, auf die meisten Menschen zu.
Jeder geht, wie er es will.
Haben wir wirklich die Wahl?
Gehen wir davon aus, der Wille des Menschen wird von seiner Seele gesteuert, die nur sein Bestes will.
Warum dann, fragt man sich, gehen Menschen wie Hänsel und Gretel in den Wald und - so scheint es doch - zielsicher auf das Haus der Hexe zu?
Warum versucht die Königin im Schneewittchen-Märchen Schneewittchen umzubringen, die eine Gestalt ihres äußeren Lebens sein kann, in der Regel aber jenen Teil in ihr verkörpert, der ihre reine Seele ist, im Märchen von Frau Holle heißt sie Gold-Marie. Warum versucht die Königin diesen wertvollen Teil in sich zu zerstören?
Doch in der Regel nicht in vollem Bewusstsein.
Warum also laufen viele Menschen fast zielsicher in eine Krankheit hinein, in einen Unfall, der immer nur scheinbar überraschend kommt, in ein Beziehungsdrama und in berufliche Schwierigkeiten?
Des Rätsels Lösung ist, dass Menschen keinesfalls so frei sind, wie sie sich dünken, dass sie bestimmt und beeinflusst werden von inneren Programmen, die sie zum Teil nicht einmal kennen oder über die sie keine Gewalt haben.
Und diese Programme sind so stark, dass selbst Petrus angesichts des Meisters der Wasser, also des Meisters der Seele, Jesus, im See Genezareth untergeht.
Ein Programm, dass ich kürzlich bei mir mit Hilfe meiner besten Freundin HeideMarie R. Ehrke enttarnen durfte, kann sein, dass Eltern einem soufflieren:
Kind, was WIR Dir zu tun sagen, geht Dir leicht von der Hand.
Auf der anderen Seite aber suggerieren sie: Alles, was das Kind selbst möchte, ist gar nicht einfach, ja oft schwer: Bedenke gut, Kind, was DU tust ... tu lieber, was WIR Dir sagen. Das, was DU da möchtest, ist gar nicht gut für Dich, das wird schwer gehen, wird schwierig.
Die Folge: Dieses Programm wirkt sich auf alles aus, was ich fortan im Leben tue. Alles, was ICH will, geht schwer. Wenn ich dieses Programm nicht enttarnen kann: bis an mein Lebensende.
Letztendlich führt es dazu, dass ich tue, was mir schwer fällt ...
Kein Wunder zieht dieses Programm Krankheiten an, zieht Menschen zu mir, denen es genauso geht ...
Frei bin ich dann, weiß Gott, nicht.
Ohne himmlische Hilfe hätte ich das wohl nie erreicht.
Deshalb bin ich HeideMarie R. Ehrke sehr dankbar und bin froh, wenn sie bald ihre Erfahrungen und ihr Wissen auf Sky-Voice für viele Menschen veröffentlicht.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Wenn sich Hände schneeleise auf Deine Augen legen: Michael Endes Gespür für den inneren Vater.

Wer den Beginn der Geschichte um Momo kennt, weiß, dass sie eines Tages in der Ruine des Amphitheaters vor der Stadt auftaucht. Die Leute erfahren von ihr und kommen und fragen sie aus, fragen auch nach ihren Eltern, ernten aber nur ein Schulterzucken und als sie fragen, wer ihr denn ihren Namen gegeben habe, antwortet Momo: Ich.
In den Mythen sind Helden oft Waisen oder zumindest Halbwaisen. Auch in den Märchen ist es ja oft so, dass der Vater krank wird, die Mutter stirbt ... auf einmal ist der Held allein.
So allein ist auch Momo.
Viele Menschen haben Vater und Mutter, in Wirklichkeit sind sie aber doch allein.
Das ist schlimm, schlimmer als Waise zu sein. Denn keinen Vater und Mutter zu haben, wenn man glaubt, man habe welche, kann ein Leben lang undurchschaubar sein. Zwei Hohlräume, die man für Vater und Mutter hält.
Jeder Mensch muss überprüfen, ob er Vater und Mutter hat.
Wenn sie fehlen, fehlt etwas in uns, was uns erwachsen werden lässt. 
Wenn sie fehlen, ist die Linie zu den Ahnen gestört. Und wie wichtig diese Linien sind, wissen wir spätestens seit Hellinger und seinen Familienaufstellungen. Wer im Rücken seine Ahnen hat, ist stark, wer sie nicht hat, läuft Gefahr, auf den Rücken zu fallen. Es macht einen tiefen Sinn, dass im Alten Testament immer wieder die Reihe der Ahnen aufgelistet werden. Früher hielt ich das für Papierverschwendung. Heute weiß ich, dass jeder Ahne eine Bedeutung hat. Es geht nicht darum, dass wir ihn in einem vordergründigen Sinn kennen, es geht darum, dass er eine Sprosse auf jener Leiter ist, auf der wir uns zum Himmel strecken.
Zudem ist die Gefahr riesig, dass eine Frau sich einen Mann sucht, der Vater für sie sein soll, und genauso besteht die Gefahr, dass ein Mann sich eine Frau sucht, die Mutter sein soll.
Nicht, dass diese Ehen unglücklich sein müssen, aber wirkliches Glück ist nur in einer symmetrischen Beziehung zu finden, nicht in einer zwischen Kind und Elternteil.
Momo findet in Meister Hora einen Vater:
Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen.
Dieses Gefühl der Geborgenheit und bedingungslosen Liebe, das braucht jeder Mensch. Auch der verlorene Sohn im biblischen Gleichnis hat es bei seiner Rückkehr erlebt, dieses bedingungslose Auf- und Angenommensein.
Wer dieses Gefühl nicht kennt, muss es nacharbeiten. Ich glaube, man kann das. Sonst fällt ein Mann immer wieder auf Vaterfiguren herein und fährt auf sie ab, ohne es zu merken. Und auch eine Frau sucht primär den Vater im Mann und nicht den ebenbürtigen Partner.
Sorgfältig bei einer möglichen Nacharbeit müssen wir unterscheiden, ob wir nur Ersatzfiguren gesucht und gefunden haben oder ein wirkliches Vorbild, das uns sagen lässt: Diese Energie erfüllt meine Seele. 
Ansonsten bleibt ewig eine Sehnsucht. 
Eben eine Sucht.
Sonst finden wir kein Vaterhaus.
Kein Mutterhaus.
Und können auch unseren Kindern keines geben.
Auch unseren inneren Kindern nicht.
Mehr zu Michael Endes Momo: hier

Freitag, 17. Dezember 2010

Narzissten und ihre innere Leere - es ist auch die Leere des inneren Erwachsenen und seiner inneren Kinder ....

In der Welt der Erwachsenen, gerade auch der Erwachsenen, die mit Erziehung zu tun haben, gibt es genug, die ausgesprochene Narzissten sind, das heißt, die alles, was sie tun, auf ein Ziel ausrichten: selbst Pfau zu sein.
Wie toll ist doch das Kind der ach so lieben Mutter, wie toll kann es Ballett tanzen, wie toll Klavier spielen, wie gut kann es ein Gedicht aufsagen und wie freundlich kann es säuseln.
Die Mutter ist ganz glücklich und freut sich über ihr Kind; sie tut ja auch alles für ihre Tochter, ihren Sohn.
Manchmal sieht es so in der Öffentlichkeit aus; zu Hause ist sie womöglich nicht mehr die liebe Mama, sondern kann recht barsch sein. Dann kann man schon mal eine verzweifelte Tochter erleben, die giftet, anstatt zu säuseln.
Oder, die andere Variante: Wehe, Sohn oder Tochter machen nicht das, was sie sich vorstellt, kein Ballett mehr, auf das sie so stolz war, kein Klavier mehr, das so begabt durchs Haus klang.
Dann auf einmal ist die Tochter nicht mehr die liebe; dann auf einmal kann es sein, dass sie sich Vorwürfe anhören muss, weil sie nicht tut, was die Mutter wollte, die doch nur ihr Bestes will. Aber das Beste ist immer das, was die Mama will, nicht die Tochter. Und es ist immer das, was letztendlich die Mutter in den Vordergrund schiebt, auszeichnet.
Oder der Lehrer: Was hat er nicht für eine tolle Klasse. Natürlich liegt es an ihm. Aber wehe, sie ist nicht toll, dann distanziert er sich so schnell von den Kindern, schneller geht´s nicht, dann sind sie unfähig und faul, gehören nicht aufs Gymnasium oder oder oder ...

Klar, das ist alles ein bisschen pauschalisiert und überzeichnet. Aber wahr ist: Es gibt Erwachsene, die wollen sich großtun in ihrem Kind, wollen in den Kindern ihr eigenes Verletztsein kaschieren. Indem die Kinder die eigene Eitelkeit stützen, muss man nicht wahrnehmen, dass es da keine innere Größe gibt, sondern eine innere Leere. Deshalb dürfen auch der liebe Sohn oder die liebe Tochter nicht aus dem Haus oder werden mit allen Mitteln daran gebunden ... ohne sie könnte man die eigene innere Leere wahrnehmen müssen ...
Solche Erziehenden sind ja keine schlechten Menschen, ja manchmal können sie sogar Kinder richtiggehend begeistern. Aber diese verstehen, wenn es mal nicht so läuft, wie sie selbst es geplant haben, können sie die Kinder in Wahrheit nicht. Dazu müssten sie sich erst selbst verstehen, ihre Schwächen, die vielen kleinen Geschwüre unter den Pfauenfedern akzeptieren oder das eine große: sich nicht lieben zu können.

Auch die eigenen inneren Kinder kann man missbrauchen. Wie kann mancher Erwachsene doch aufdrehen, herumalbern, seine inneren Kinder juchzen lassen. Die ganze Gesellschaft und ihre inneren Kinder kommen mit ihm auf Touren. Meine Güte ist er ein Gesellschafter, was haben er oder sie für Ideen, wie einfallsreich, nie wird es langweilig ...
Doch wenn er allein ist, dann vergraben sich seine inneren Kinder in den Schutthalden seiner Depression, dann bekommen sie nichts zu essen, bekommen keine Liebe.
Nie sind sie in Wahrheit geliebt worden.
Nie, so wie er oder sie als Kind auch nicht.
Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass sie vor anderen unglaublich aufgedreht sind, einfallsreich, lustig, bestens gelaunt, ja, auch mit großen Augen zuhörend, einfach wie ein Paradekind, wie Paradekinder nun einmal sind ...
Vor ihm oder ihr können die eigenen inneren Kinder jedoch kein Theater spielen. Fehlt das Publikum, dann lohnt keine Show. Dann ist man auf sich verwiesen. Dann ist auf einmal große Tristesse.
Dann ist auf einmal die Großartigkeit wie weggeblasen ... das Verliebtsein in die eigene Show, in die eigenen Seifenblasen.
Wenn solche Zustände länger dauern, wenn sie ernsthaft wahrgenommen werden, wenn der Erwachsene  akzeptiert, dass etwas ganz Entscheidendes nicht stimmt:

Dann kann es sein, dass solche Erwachsenen die Bettdecke nehmen und sie knautschen sie so zusammen, dass sie Gestalt annimmt, und sie weinen in diese Decke.
Oder sie nehmen einen Teddy, den sie noch von früher haben, und sie geben ihm mit ihren Tränen die Liebe, die sie nie bekommen haben. Oder sie weinen still vor sich hin ...

Hinter und in all diesen Narzissten steht und findet sich eine große Leere, ein tiefer Schmerz, den ihre Kinder vertuschen sollen ...
... arme Erwachsene ...
... arme Kinder ...

Da hilft nur eines, wenn man Änderung möchte: sich nicht auf der Wasseroberfläche bespiegeln, sondern hinabtauchen in die Wasser der Seele.
Gut, wenn man da jemand die Hand geben kann ...
... gut, wenn man sich nicht scheut, Hilfe anzunehmen ...
... gut, wenn die eigenen inneren Kindern aus den Schutthalden hervorkommen und weinen und traurig und schmutzig sein dürfen ...
Gut, wenn sie irgendwann gebadet werden ...

Freitag, 5. November 2010

Fatal für das innere Kind: "Im Übermaß verliert die Liebe all ihre Kraft!" – Wie sich eine weise Mutter, auch eine weise innere Mutter verhält.

Schön, dass man in den Ferien neben all dem Korrigieren ab und an mal in ein Buch gucken kann und in diesen Herbstferien sind es zwei, in die ich morgens nach dem Frühstück eine halbe Stunde bis Stunde reingucke. Eines davon ist White Eagels "Die Göttliche Mutter".
Da las ich heute Morgen eine klasse Stelle, die mir bestätigt, dass das Verhältnis der Kinder zu Vater und Mutter, zu Erwachsenen also, dem Verhältnis unseres inneren Kindes zu uns als Erwachsenem entspricht. 


Im Grunde können wir z.B. die Fehler, die Michael Winterhoff hier anspricht, genau auch auf unser Verhältnis zu unserem inneren Kind umlegen. Es ist falsch, immer als Erwachsener sein Kumpel sein zu wollen oder als Erwachsener sich mit ihm zu identifizieren.  Wir würden nicht mehr merken, wenn es uns an der Nase herumführt, wir würden Stimmungen nicht mehr als Stimmungen des inneren Kindes identifizieren können, wir würden unsere Identität als Erwachsener verlieren:
Es gibt genug Erwachsene, die fest in der Hand ihres launischen inneren Kindes sind. 
Oft sind es Menschen, bei denen wir nie wissen, wann sie mal launisch sind und wann nicht, es sind Erwachsene, bei denen man dankbar ist, wenn sie normal sind und nicht launisch.
Mit solchen Menschen zusammenleben zu müssen, ist schrecklich, weil man nie weiß, was gerade in ihnen vorgeht und man vollkommen von ihren Launen abhängig ist. Meist sind es Menschen, die mit traumatischen Kindheitserlebnissen nicht klar kommen und fest in deren Hand sind.


White Eagle schreibt:

Lasst uns die Liebe analysieren ... wenn wir das können. Wenn man Sentimentalität mit Liebe verwechselt, erschafft man ein Problem, denn Sentimentalität hat ihren Platz, und es ist nicht leicht, sie von Liebe zu trennen. Aber wie es mit allen Tugenden der Fall ist, im Übermaß verliert die Liebe all ihre Kraft. Sie wird zum Hindernis, und es kann geschehen, dass sie den Menschen auf einen falschen Weg lenkt: Er bedeckt seine eigenen Schwächen und Fehler mit dem Mantel der Liebe und für die wirklichen Bedürfnisse seines Bruders oder seiner Schwester - ich ergänze: für die seines inneren Kindes - wird er blind.
Vielleicht ist Folgendes eine der wichtigsten Aussagen, die wir zu machen haben: dass unangebrachte Liebe oder Sentimentalität dich für deinen wirklichen Dienst an deinem Bruder, an deiner Schwester blind machen kann - ich ergänze: für die wirklichen Bedürfnisse des inneren Kindes -. Sie wird bewirken, dass Du nicht weise gibst, dass du nicht nur indirekt dir nachgibst, sondern auch den anderen freien Lauf lässt.
Wir wollen das mit dem Beispiel der hingebungsvollen Mutter verdeutlichen, die dem Kind alles gibt, was es fordert. In dem Glauben, dass dies Liebe ist, gibt die Mutter nicht nur das, wessen das Kind bedarf, sondern sie gibt ihm alles, materiell, mental und spirituell, und macht sich dabei blind für das Bedürfnis des Kindes nach Selbstentfaltung. Was ist die Folge? Statt ihrem Kind Gelegenheit zu geben zu wachsen und glücklich zu sein - ich ergänze in Bezug auf das innere Kind: heil zu werden und glücklich zu sein - beraubt die Mutter es jeder Möglickkeit des Selbstausdruckes und der Entwicklung - ich ergänze in Bezug auf unser inneres Kind: Wir kennen seine Möglichkeiten des Selbstausdruckes und seiner Entwicklungsmöglichkeiten nicht -. Die weise Mutter dagegen enthält sich auf jeder Ebene eines zu üppigen Aufwands.
Bedeutet das, dass die Mutter kalt und gleichgültig werden sollte? Nein. Es bedeutet, dass die Mutter ihr Kind auf solche Art und Weise liebt, dass sie klar sein Bedürfnis nach Erfahrung sieht, dass es lernen muss, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Mutter und der Vater, wenn sie in Verstand und Herz übereinstimmen (und wir hoffen wirklich, dass dies der Fall ist) müssen gemeinsam nicht nur das körperliche Wachstum ihres Kindes, sondern auch das mentale überwachen; sie müssen sorgfältig auf die Spiele achten, die es spielt, auf die Bücher, die das Kind gerne liest und ganz besonders darauf, was das Kind über seine Umgebung denkt. - Anmerkung: Unsere Bücher, unsere Freizeitbeschäftigung, unsere Spiele: klar dürfen sie aus den Wünschen unseres inneren Kindes heraus kommen; aber nicht jedem Spiel, nicht jeder Beschäftigung, die das innere Kind lanciert, müssen wir nachkommen, da ist auch Vorsicht geboten -.
Wir beklagen die Tendenz der Schule, das arme Gehirn solange mit Tatsachenwissen vollzustopfen, bis es voll und verdummt ist. Wir möchten lieber das Kind ermutigen, im Geiste zu wachsen, sich wie eine Blume den geistigen Kräften zu öffnen. Nochmals wiederholen wir: Das Ziel des Lebens ist Wachstum, und im gegenwärtigen Zeitalter ist das Wachstum des Geistes im Kind besonders notwendig.

So weit das Zitat und zum Abschluss der Hinweis, dass wir bald wieder in die Jahreszeit der Ankunft des Göttlichen Kindes eintreten, in der die Energie zur Heilung unseres inneren Kindes besonders hoch ist. 

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Ein Kind zu schlagen: für einen Lakota eine unvorstellbare Graumsamkeit

Wenn man die folgenden Sätze liest, kann man davon ausgehen, dass Lakota auch auf innere Schläge verzichteten. Denn:
Heute schlagen viele Eltern ihre Kinder nicht mehr physisch, oft aber sind Schläge durch Worte oder durch Blicke genauso schlimm.
Und weil Kinder dieses Verhalten oft nicht als Züchtigung einschätzen können, sondern als normal empfinden, haben sie kein Bewusstsein davon, dass sie in ihrer Kindheit vielfach geschlagen worden sind.
So makaber es ist:
Da können physische Schläge für die Entwicklung eines Menschen weniger schlimm sein; denn ein solches Kind weiß, dass es geschlagen worden ist und kann das Geschehen als Erwachsener aufarbeiten.
Klar, dass Schläge, ob innere oder äußere, in jedem Fall eine Kinderseele grausam quälen.
Wie viele Menschen aber gibt es, die von ihrer glücklichen Kindheit erzählen und dass sie nie geschlagen worden seien, dabei weist der Rücken ihrer Seele viele blaue Flecken auf, Flecken, die sich oft als dunkle Seiten unseres inneren Kindes nieder"schlagen".
Hier nun dieser wundervolle, friedvolle Text:


Im Stamm der Lakota war jeder gern bereit, Kinder zu betreuen. Ein Kind gehörte nicht nur einer bestimmten Familie an, sondern der großen Gemeinschaft der Sippe; sobald es gehen konnte, war es im ganzen Lager daheim, denn jeder fühlte sich als sein Verwandter.  Meine Mutter erzählte mir, dass ich als Kind oft von Zelt zu Zelt getragen wurde und sie mich an manchen Tagen nur hie und da zu Gesicht bekam. Niemals sprachen meine Eltern und Verwandten ein unfreundliches Wort zu mir, und niemals schalten sie mich, wenn  ich etwas falsch gemacht hatte. Ein Kind zu schlagen, war für einen Lakota eine unvorstellbare Grausamkeit.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             aus Weißt Du, daß die Bäume reden. Herder-Verlag


Als ich heute diese Sätze von Luther Standing Bear, der in seinen Schriften die Freundlichkeit seines Volkes Kindern gegenüber betont, in einer 6. Klasse als Einstimmen auf den Unterricht vorlas, meldeten sich viele zu Wort, und es gab auch die Meinung, dass man doch ein Kind auch schimpfen müsse, wenn es etwas ausgefressen habe.
Schwierig für manche Kinder zu verstehen, dass es eine Klarheit in Liebe gibt, die mindestens genauso wirkungsvoll Maßstäbe setzen kann.
Wir reden zwar gern von der Liebe, aber wir glauben nicht an die Macht der Liebe und ihre erzieherische Kraft. Selten haben wir das in unserer Kindheit selbst erlebt. Für meine Kindheit jedenfalls gilt dieses "selten". Entweder ich sah etwas freiwillig ein oder mir wurde es eingesehen. Manchmal, ja des Öfteren auch mit Schlägen.
Astrid Lindgren hat in ihrer bemerkenswerten Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandles herrlich aufzeigen können, wie Gewalt durch Erkenntnis, Verständnis und Liebe entmachtet werden kann.
Die Sätze Luther Standing Bears erinnern mich auch an die Kahlil Gibrans zu den Kindern.
Wie schön, wenn für Kinder sich ihre Welt so vertrauensvoll öffnet.
Wie sagt man in Afrika dem Sinn nach: Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen.
Es gibt Gegenbeispiele, in denen Kindern dieser vertrauensvolle Zugang zum Leben fehlt - mit entsprechenden Folgen womöglich für ein ganzes Leben.
Gerade deshalb sind wir gehalten, an einer Welt des Vertrauens und der Liebe mitzuarbeiten und gerade auch uns selbst Fehler und Rückschläge zu verzeihen, um der Strenge ihre Macht und Verfügungsgewalt über uns zu nehmen; nur dann können wir uns auf neue Weise verhalten.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Die traumatisierten inneren Kinder in Michael Endes ´Unendlicher Geschichte´

Im Rahmen eines bereits vorliegenden Post zur Unendlichen Geschichte bin ich auf deren Inhalt schon etwas eingegangen - wer sich vorab zunächst ein wenig informieren möchte ...

Dass Bastian, neben Atréju der Hauptakteur der Unendlichen Geschichte, diese, die er als Buch aus einem Buchladen entwendet hat, auf dem Dachspeicher seiner Schule liest, ganz allein mit sich, dem Buch und seiner Fantasie, ist kein Zufall. Er sitzt da, wo nur wenige hinkommen, wo man doch gemeinhin gar nichts lernen kann. Aber ganz sicher ist es so, dass er dahin musste, um die Zeit und Ruhe zu finden, zum Retter und Helden zu werden ...
Dass er da ist, wo er scheinbar nichts lernen kann, ist Bastian ganz und gar egal, denn er ist ganz gebannt von dem Inhalt des entwendeten Buches, wobei er schon etwas friert, sich alte Militärdecken umlegen muss und froh ist, ein wenig Kerzenschein zu haben. Gerade muss er zudem lesen, dass Atréju in einen gewaltigen Sturm gekommen ist, den die vier Windriesen verursacht haben. Mutig, wie er ist, richtet er sich mit Mühe auf dem Glücksdrachen, der ihn zu den Grenzen Phantásiens fliegen soll, auf, um die vier, indem er ihnen AURYN zeigt, zu fragen, wo die Grenzen seien, im Norden, im Süden, im Westen oder Osten. Doch er erhält zur Antwort:
"Wer bist Du denn, der das Zeichen der kindlichen Kaiserin trägt und nicht weißt, dass Phantasien grenzenlos ist?"
Atréju ist wie vor den Kopf geschlagen, muss er doch über Phantásien hinaus um zu jenem Menschenkind zu kommen, von dem er hofft, dass es der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gebe; nur so, das weiß er, ist Rettung vor dem NICHTS, das sich in Phantásien immer mehr ausbreitet, möglich. Wie aber soll er über Phantásien hinaus kommen, wenn es grenzenlos ist?

Kein Wunder passt er einen Moment nicht auf und schon ist es geschehen. Er stürzt in die Tiefe - und was das Schlimmste ist, er verliert dabei AURYN, den GLANZ, das Amulett der kindlichen Kaiserin, das ihn auf seiner Reise begleitet und ihm schon so wertvolle Dienste geleistet hatte.
Als er wieder aufwacht, liegt er auf Sand an einem Strand und hört Meeresrauschen. Nun ist er kein Bote seiner Kaiserin mehr, ohne AURYN. Was bleibt ihm, als landeinwärts zu laufen.

Da nun begegnet ihm, was mich so sehr an unsere traumatisierten Kinder erinnert, denn - erinnern wir uns: Phantásien ist überall, also auch bei und in den Kindern, auch wir waren dort in unserer Kindheit und es soll Erwachsene geben, die noch heute immer wieder dort einkehren ... einer z.B. hieß Michael Ende ... heute ist er in seinem Phantásien, denn er lebt bekanntlich nicht mehr ... er lebt nun dort ...

... allerdings nicht da, wo wir Atréju nun finden, dem etwas Unheimliches begegnet:

Atréju war noch nicht sehr lange so dahingewandert, als er aus der Ferne ein seltsames, stampfendes Geräusch vernahm, das näher kam. Es war wie das dumpfe Dröhnen einer großen Trommel, dazwischen hörte er schrilles Pfeifen wie von kleinen Flöten und Schellengeklingel. Er versteckte sich hinter einem Busch am Straßenrand und wartete ab.

Die eigenartige Musik kam langsam näher und schließlich tauchten aus dem Nebel die ersten Gestalten auf. Offenbar tanzten sie, aber es war kein fröhlicher oder anmutiger Tanz, vielmehr sprangen sie mit höchst absonderlichen Bewegungen herum, wälzten sich auf dem Boden, krochen auf allen vieren, bäumten sich hoch und benahmen sich wie verrückt. Aber das Einzige, was man dabei hörte, war der dumpfe, langsame Trommelschlag, die schrillen Pfeifchen und ein Winseln und Keuchen aus vielen Kehlen.

Es wurden mehr und immer mehr, es war ein Zug, der kein Ende zu nehmen schien. Atréju erblickte die Gesichter der Tänzer, sie waren grau wie Asche und schweißüberströmt, aber ihrer aller Augen glühten in einem wilden, fieberhaften Glanz. Manche peitschten sich selbst mit Geißeln.

Sie sind wahnsinnig, dachte Atréju und ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken.

Übrigens konnte er feststellen, dass der größte Teil dieser Prozession aus Nachtalben, Kobolden und Gespenstern bestand. Auch Vampire und eine Menge Hexen waren darunter, alte mit großen Buckeln und Ziegenbärten am Kinn, aber auch junge, die schön und böse aussahen. Offensichtlich war Atréju hier in eines der Länder Phantásiens geraten, das von Geschöpfen der Finsternis bevölkert war. Hätte er AURYN noch gehabt, so wäre er ihnen ohne Zögern entgegengetreten, um sie zu fragen, was hier vorging. So aber zog er es vor, in seinem Versteck abzuwarten, bis die tolle Prozession vorübergezogen war und der letzte Nachzügler hinkend und hopsend im Nebel verschwand.

Erst dann wagte er sich wieder auf die Straße hinaus und blickte dem geisterhaften Zug nach. Sollte er ihm folgen oder nicht? Er konnte sich nicht entschließen. Eigentlich wusste er überhaupt nicht mehr, ob er jetzt noch irgendetwas tun sollte oder konnte.

Zum ersten Mal fühlte er deutlich, wie sehr ihm das Amulett der Kindlichen Kaiserin fehlte und wie hilflos er ohne es war. Nicht der Schutz, den es ihm gewährt hatte, war das Eigentliche - alle Mühen und Entbehrungen, alle Ängste und Einsamkeiten hatte er ja dennoch aus eigenen Kräften bestehen müssen - aber solange er das Zeichen getragen hatte, war er sich nie unsicher gewesen, was er tun musste. Wie ein geheimnisvoller Kompass hatte es seinen Willen, seine Entschlüsse in die rechte Richtung gelenkt. Aber jetzt war das anders, jetzt war keine geheime Kraft mehr da, die ihn führte.

Nur um nicht wie gelähmt stehen zu bleiben, befahl er sich selbst dem Gespensterzug zu folgen, dessen dumpfer Trommelrhythmus noch immer aus der Ferne zu hören war.

Während er durch den Nebel huschte, immer darauf bedacht, gebührenden Abstand von den letzten Nachzüglern zu halten, versuchte er sich über seine Lage klar zu werden.

Warum nur, ach, warum hatte er nicht auf Fuchur gehört, als der ihm geraten hatte, sofort zur Kindlichen Kaiserin zurückzufliegen? Er hätte ihr die Botschaft der Uyulála überbracht und das Amulett zurückgegeben. Ohne AURYN, den Glanz, und ohne Fuchur konnte er nicht mehr zur Kindlichen Kaiserin gelangen. Sie würde bis zum letzten Augenblick ihres Lebens auf ihn warten, hoffen, dass er käme, glauben, dass er ihr und Phantasien die Rettung brächte - aber vergebens!

Das war schon schlimm genug, schlimmer aber war, was er durch die Windriesen erfahren hatte: dass es keine Grenzen gab. Wenn es unmöglich war, aus Phantasien herauszukommen, dann war es auch unmöglich, ein Menschenkind von jenseits der Grenzen zu Hilfe zu rufen. Gerade weil Phantasien unendlich war, war sein Ende unabwendbar!

Während er weiter über das unebene Pflaster durch die Nebelschwaden stolperte, hörte er in seiner Erinnerung noch einmal die sanfte Stimme der Uyulála. Ein winziges Hoffnungsfünkchen glomm in seinem Herzen auf.

Früher waren oft Menschen nach Phantasien gekommen, um der Kindlichen Kaiserin immer neue, herrliche Namen zu geben - so hatte sie doch gesungen. Also gab es doch einen Weg von der einen Welt in die andere!

»Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit, zu weit, um zu ihnen zu kommen.«

Ja, so hatten Uyulálas Worte gelautet. Nur, dass die Menschenkinder diesen Weg vergessen hatten. Aber konnte es nicht sein, dass eines, ein einziges sich wieder daran erinnerte?

Dass es für ihn selbst keine Hoffnung mehr gab, kümmerte Atreju wenig. Wichtig war allein, dass ein Menschenkind den Ruf Phantásiens hörte und kam - so wie es zu allen Zeiten geschehen war. Und vielleicht, vielleicht hatte sich schon eines aufgemacht und war unterwegs!

»Ja! ja!«, rief Bastian. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme und fügte leiser hinzu:

»Ich würde euch ja zu Hilfe kommen, wenn ich nur wüsste wie! Ich weiß den Weg nicht, Atreju. Ich weiß ihn wirklich nicht.«

Der dumpfe Trommelklang und die schrillen Pfeifchen waren verstummt, und ohne es zu merken, war Atréju der Prozession so nahe gekommen, dass er fast auf die letzten Gestalten auflief. Da er barfuß war, machten seine Schritte kein Geräusch - aber nicht das war es, was diese Leute dazu brachte, ihn überhaupt nicht zu beachten. Er hätte auch mit eisenbeschlagenen Stiefeln dahertrampeln und laut schreien können, niemand hätte sich darum gekümmert.

Sie standen nun nicht mehr in einem Zug, sondern weit verteilt auf einem Feld aus grauem Gras und Schlamm. Manche schwankten leicht hin und her, andere standen oder hockten reglos herum, aber ihrer aller Augen, in denen ein blinder fiebriger Glanz lag, blickten in dieselbe Richtung.

Und nun sah auch Atréju, worauf sie hinstarrten wie in einer grausigen Verzückung: Auf der anderen Seite des Feldes lag das Nichts.

Wer diesen Auszug aus der Unendlichen Geschichte gelesen hat, ohne den ganzen Roman zu kennen, mag schon beeindruckt sein, allein von der Tatsache, dass dieses Phantásien keine Grenzen kennt - das wissen wir doch alle, wenn in uns Phantásien lebt ... und in wem es nicht lebt, der liest diesen Roman ohnehin nicht.
Vielleicht sind wir eines dieser Menschenkinder, das vermöchte, der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen zu geben, dafür zu sorgen, dass sie wieder gesund wird, ja, dass das Nichts sich nicht weiter ausbreitet.

Zurück zur Geschichte:Was Atreju sehen muss, erschüttert ihn zutiefst, denn er
sah, dass die Spukgestalten auf dem Feld vor ihm zu zucken begannen, dass ihre Glieder sich wie in Krämpfen verdrehten und ihre Münder aufgerissen waren, als wollten sie schreien oder lachen, doch es herrschte Totenstille. Und dann - als seien sie welke Laubblätter, die ein Windstoß erfasst - rasten sie alle gleichzeitig auf das Nichts zu und stürzten, rollten und sprangen hinein.
Das aber ist noch nicht das Schlimmste, was Atréju erfährt. Von dem Werwolf Gmork erfährt er, was mit diesen Gestalten geschieht:
Hast du das Nichts gesehen, Söhnchen?«
»Ja, viele Male.«
»Wie sieht es aus?«
»Als ob man blind ist.«

»Nun gut -, und wenn ihr da hineingeraten seid, dann haftet es euch
an, das Nichts. Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit, durch die die
Menschen blind werden, sodass sie Schein und Wirklichkeit nicht mehr
unterscheiden können. Weißt du, wie man euch dort nennt?«
»Nein«, flüsterte Atreju.

»Lügen!«, bellte Gmork.
Dies ist für mich der Bezug, der sich zu inneren Kindern herstellt.

Als Kinder sind wir im Reich Phantásiens zu Hause. Und erinnern wir uns, wie es war: Es gab nicht diesen Unterschied, den Erwachsene kennen, die Welt der Kindlichen Kaiserin und die Realität waren für uns im Grunde eins. Deshalb gibt es auch in Märchen wie selbstverständlich Wunder und Wunderbares. Tiere können sprechen, Bäume neigen sich den Menschen zu, Felsen öffnen sich und Wasser weiß zu reden.

Wenn nun innere Kinder verletzt werden, dann spalten sie sich ab. Es sind die Traumen, die wir als Kinder erfahren. Diese verletzten Teile kauern sich auf den Grund unserer Seele und wenn sie sich in unserem Erwachsenenleben aktualisieren, dann stürzen sie sich in die Welt der Erwachsenen, in unsere erwachsene Welt. Dort aber sind sie uns in keiner Weise hilfreich. Was sie machen: Sie belügen uns, sie sind Lügen, sie täuschen uns über die wahre Welt hinweg.

Gmork sagt:
»Sie werden zu Wahnideen in den Köpfen der Menschen, zu Vorstellungen der Angst, wo es in Wahrheit nichts zu fürchten gibt, zu Begierden nach Dingen, die sie krank machen, zu Vorstellungen der Verzweiflung, wo kein Grund zum Verzweifeln da ist.«
Unsere verletzten inneren Kinder sind diese Wahnideen, die uns suggerieren, es sei richtig, was wir tun, wenn wir lieblos sind, wenn wir ein Kind schimpfen, das tut, was wir nicht durften. Wir verletzen es, damit es auch zu einer Lüge wird. Deshalb verschwindet Phantásien immer mehr. Und es ist das Ziel der Erwachsenen, die aus diesen Lügen heraus leben, anderen weiszumachen, dass es Phantasien nicht mehr gibt.
Deshalb gibt es so viele Erwachsene, die Kinder in Wahrheit nicht verstehen.

Und leider ist es auch so: Wenn Menschen lügen, schädigen sie auch gleichzeitig die Wesen Phantásiens, so dass sie zu dem Gelichter werden, dass Atréju begegnete.

Von daher kann es nur ein Ziel für uns geben: So viel wie möglich, unsere verletzten inneren Kinder zu heilen, unsere Lügen zu enttarnen.

Und immer wenn wir die Lügen von Erwachsenen enttarnen, sei es im privaten Bereich oder in der Politik helfen wir der Kindlichen Kaiserin, die in Wahrheit in jedem Menschen ist.

So lässt sich Phantasien, so lässt sich die kindliche Kaiserin in uns retten.

So werden die inneren Kinder in uns Helfer, liebevolle Erwachsene zu sein.

Solche Erwachsenen verstehen Kinder. Sie können Kinder wirklich durch ihre Kindheit begleiten. Sie können ihnen den Glauben an ihre Kindliche Kaiserin lassen. Sie sind ein Wall gegen das Nichts, das unsere Welt immer mehr durchzieht.