In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?

Samstag, 10. Dezember 2011

Gierige Kinder. – Die Bedeutung der Vermittlung einer inneren Struktur, eines inneren Erwachsenen in der Erziehung.

Folgende Situation ist mir unvergessen:
In einer Sportstunde hole ich eine Packung der kleinen Dickmanns aus meiner Sporttasche; jeder der Klasse bekommt einen Mohrenkopf. Die Jungen im Alter von 10, 11 Jahren stehen sofort vor mir, die in der ersten Reihe sind natürlich im Vorteil. Es sind zwar offensichtlich genug Mohrenköpfe da, aber ziemlich viele sind offensichtlich auf die kleinen weißen scharf.
Kaum habe ich die Packung aufgemacht und halte sie vor mir, da schießt die Hand eines Jungen aus der dritten Reihe über alle Schultern weg in die Schachtel und krallt sich einen Mohrenkopf. Dabei wollte er nicht einmal einen weißen, nur einen, seinen. Die Hand kam so blitzschnell und war sofort in der Schachtel, dass ich mich wundere, so schnell reagiert haben zu können. Sehr laut und deutlich sagte ich: Nimm sofort die Hand raus!"
Verständlich, das Verhalten des Jungen? Immerhin stand er in der dritten Reihe, bis er drankam, konnte viel passieren ...
Ja und nein.
Eine weitere Situation, die mir genauso unvergesslich ist:
Ich sitze mit einem befreundeten Ehepaar im Garten und habe eine Runde Pizza ausgegeben als Dank für eine Hilfe, die ich von ihnen erfahren hatte. Die Riesenpizza liegt auf dem Tisch, viele Stücke, bereits geschnitten, so waren sie vom Pizza-Service gebracht worden.
Da kommt der Sohnemann herbei, setzt sich mit seinen 14 Jahren zu uns und schlingt in einem Tempo Stück für Stück hinunter, dass mir am Schluss gerade noch ein  zweites blieb. Normalerweise hätten alle von uns 4 oder 5 haben können. Auch die Eltern bekamen nicht viel mehr. Der Sohn schlang und schlang.
Mir stieg die Galle höher und höher, nicht nur, dass das Schlingen unappetitlich war und die ganze Essatmosphäre störte; es war einfach rüpelhaft und rücksichtslos-unhöflich, wie er sich benahm.
Da die Pizza von mir quasi ein Geschenk war, wollte ich nichts sagen und ich sagte auch deshalb nichts, weil ich erwartete, dass die Eltern eingriffen; aber das taten sie nicht. Im Gegenteil, eher hatte ich noch den Eindruck, dass die Mutter stolz war, wie ihr Sohn schlingen konnte. Ich bin mir allerdings auch ziemlich sicher, dass mir auch der Mut, etwas zu sagen, fehlte, denn ich hätte mit einer Zurechtweisung des Jungen in gewisser Weise auch die Eltern düpiert, schließlich waren sie für das Verhalten ihres Kindes verantwortlich.
Ich hoffe, heute würde ich es in einer vergleichbaren Situation dennoch tun.

Das Problem liegt nur vordergründig auf Seiten der Kinder bzw. Jugendlichen; vielmehr liegt ein Problem in der Erziehung und vielleicht auch in der Familienaufstellung vor.
Von dem Jungen aus dem Unterricht weiß ich, dass er ältere Geschwister hat. Wenn in einer Familie nicht darauf geachtet wird, dass ein Jüngeres nicht ständig um seine Position kämpfen muss; wenn nicht darauf geachtet wird, dass Mädchen nicht zugunsten von Jungen benachteiligt werden - übrigens können auch jüngere sich rigoros gegenüber älteren Geschwistern durchsetzen (auch da müssten Eltern moderieren), dann ist so ein Tun, wie es der Junge mit seinem Mohrenkopfverhalten gezeigt hat, verständlich. Struggle for life.
Schlimm, wenn solches Verhalten am Familientisch nicht balanciert wird.
Meine Anweisung an den Jungen halte ich, obwohl er ursächlich ziemlich sicher nicht dafür verantwortlich zu machen ist, für richtig; er muss lernen, sich an Regeln zu halten. Wenn das Schicksal ihn in dieser Situation in die dritte Reihe stellt, ist das in Ordnung. – Geholfen ist ihm damit allerdings nur sehr oberflächlich; in Wirklichkeit und ursächlich nicht.

In gewisser Weise ist es normal, dass Kinder sich so verhalten wie der Junge mit seinen Pizzastücken, vor allem wenn sie 3, 4 oder meinetwegen auch 5, 6, 7 Jahre alt sind; dann probieren sie einfach aus und testen je nach Temperament und Charakter, wie weit sie gehen können.
Es ist dann Sache der Erwachsenen, eine Struktur einzubringen, einen notwendigen Rahmen  zu setzen. Im Alter des Jungen, das heißt mit 14 Jahren, ist schon deutlich etwas schief gelaufen; bei dem zweiten und dritten hat er noch gefragt, ob er noch eines haben könne; in der Folge langte er  dann einfach zu.
Das Verhalten der Kinder an sich ist nicht das Schlimme an der Sache, schlimm sind die schwachen Erwachsenen, denen die innere Kraft fehlt, Kindern Struktur zu geben. Und selbst sie sind in gewisser Weise auch nicht die Quelle, denn sie haben diese Struktur auch nicht gelernt.
Es gibt Kinder in der Schule, die am Anfang, wenn man sie als Lehrer bekommt, rigoros einen mitten im Satz unterbrechen - mit der größten Selbstverständlichkeit; das kann ein oder zweimal passieren; sie aber machen das, wann sie wollen.
Einem Erwachsenen möchte man dringend empfehlen, ein Kind ausreden zu lassen; aber genauso muss ein Erwachsener dafür Sorge tragen, dass ein Kind einen Erwachsenen respektiert.
Es gibt in unserer Kultur eine mittlerweile völlig aus dem Ruder gelaufene Art von Kinderfreundlichkeit.
Ich erinnere mich an einen Schulleiter zu Beginn meiner Zeit als Lehrer:
Man stand im Rektorat und unterhielt sich mit ihm. Da öffnete sich die Tür und ein Schüler trat herein. Sofort war man - und nicht nur ich, so erging es auch den anderen Kollegen - außen  vor; abrupt wendete sich der Schulleiter dem oder den Schülern zu, demonstrierte vor allen im Raum anwesenden Erwachsenen Kinderfreundlichkeit, und erst wenn diese versorgt und betüttelt waren, wandte er sich wieder den Erwachsenen zu.
Das mag in dem ein  oder anderen Fall gewiss angemessen sein, z.B. wenn ein Kind weinend den Raum betritt; ansonsten aber ist solches Verhalten von Seiten der Erwachsenen katastrophal; wobei noch am wenigsten schlimm ist, dass diese Erwachsenen demonstrieren, dass ihr innerer Erwachsener krank ist; schlimmer ist, dass sie diesen Infekt weitergeben.
An die Kinder.

Gierige Erwachsene gibt es zuhauf, möchte ich sagen. Plötzlich fährt in ihnen das innere Kind aus seiner Nische, in der es sich versteckt hat, sein Arm fährt raus und krallt sich, was es meint, haben zu müssen ... wer möchte schon ein Leben lang zu kurz gekommen sein ... Erwachsene können Gefühl und Verhalten halt besser kaschieren ...

Sonntag, 30. Oktober 2011

Wir als liebevoller Bär, als weise Zauberin: Wie man sein kostbares inneres Kind wiedergewinnt!


Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mir vor vielen Jahren erzählte, dass sie sich manchmal, wenn es ihr schlecht gehe, ins Bett legt, ihr kleines Bärli nimmt und sich daran kuschelt.
Heute verstehe ich, was sie gemacht hat, im Grunde das einzig Richtige: Mit ihrem Bärli hat sie ihr verletztes inneres Kind zu sich gezogen, es angenommen und als Erwachsener getröstet.
Bei ihr geschah das sicherlich fast automatisch, dass ihr Inneres wusste, dass das augenblickliche Trauma eine alte Verletzung ihrer Kindheit aktualisiert. Meistens sind ja Verletzungen Traumen aus unserer Vergangenheit, die genau diese Verletzung wieder bluten lassen, die einst blutete.
Und Verletzungen, die an Stellen stattfinden, die schon einmal offen waren, heilen schlechter, das wissen wir.
Im Grunde war sie ja selbst dieses verletzte innere Kind. Aber indem der Erwachsene dieses innere Kind als Bärli angenommen hat, hat sie ihm auf der unbewussten Ebene den Trost gegeben, den es brauchte - und damit sich selbst in dieser Situation.
Dann mag der Schlaf gekommen sein und die Zeit hatte Zeit, Wunden zu heilen.

Heilung geschieht nur, wenn wir Gefühle annehmen und möglichst herausfinden, was da aktualisiert wurde.

Gerade wenn wir es nicht wissen, ist die Möglichkeit, sich in Briefen mit dem kleinen ... oder der kleinen Anna, Lisa oder Charlotte auszutauschen, eine unglaublich gute Möglichkeit.
Der Erwachsene kann beginnen und den kleinen Johannes bitten, ihm zu erzählen, was los war.
Oder der oder die kleine ... fangen an zu schreiben, schreiben davon, dass sie so allein sind, niemand da ist, der ...

John Bradshaw schreibt dazu in seinem Buch Das Kind in uns für die Phase des Säuglingsalters (er geht ja in der Folge auch auf die anderen Kindheitsphasen ein):
Stellen Sie sich vor, Sie, der weise, freundliche, alte Zauberer, würden ein Kind adoptieren. Stellen Sie sich vor, das Kind, daß Sie adoptieren wollten, wären Sie selbst als Säugling. Stellen Sie sich weiter vor, Sie müßten diesem Säugling einen Brief schreiben. Säuglinge können natürlich noch nicht lesen, aber glauben Sie mir, es ist trotzdem wichtig, daß Sie diesen Brief schreiben. (Schreiben Sie ihn nicht, wenn Sie das kostbare innere Kind in sich nicht wirklich zurückgewinnen wollen. Ich gehe allerdings davon aus, daß sie das wollen, denn sonst hätten Sie dieses Buch nicht gekauft.) Der Brief braucht nicht lang zu sein, ein paar Sätze genügen. Teilen Sie dem wunderbaren Kind in ihrem Inneren mit, daß Sie es lieben und daß Sie so froh sind, daß es ein Junge beziehungsweise ein Mädchen ist ... Wenn Sie den Brief geschrieben haben, lesen Sie ihn sich langsam ganz laut vor, und achten Sie dabei darauf, was Sie dabei empfinden. Es ist nicht schlimm, wenn Sie sich dabei traurig fühlen, und Sie sollten ruhig weinen, wenn Ihnen danach zumute ist.
Mein Brief sah so aus:
Lieber kleiner John,
ich bin so froh, daß Du auf die Welt gekommen bist. Ich liebe Dich und ich möchte, daß Du immer bei mir bleibst. Ich freue mich, daß Du ein Junge bist, und ich will Dir helfen, großzuwerden.
Ich wünschte mir, man würde mir die Chance geben, Dir zu zeigen, wieviel Du mir bedeutest.

Die weise Zauberin oder - wie in meinem Bild - der Erwachsene als liebevoller Bär, die wir sind, haben diese Möglichkeit. Wir müssen uns nur das Recht und uns selbst in die Pflicht nehmen, erwachsen zu sein und unser inneres Kind zu nehmen, wie es ist ... ohne Wertung.
Vergessen wir nicht, wie oft wir bewertet worden sind und wie oft uns das verletzt hat. Diese Angst dürfen wir unserem Kind nehmen.
Und uns!
Dann bekommt unser inneres Kind wieder Flügel.
Und wir!

Montag, 3. Oktober 2011

Kind und Vater ... am Anfang ist alles offen ...


Vor ziemlich genau vier Jahren, als es dieses Blog noch gar nicht gab, habe ich auf meiner EthikPost einen Post veröffentlicht, ein Schulerlebnis, das mich damals sehr bewegte und es auch, als ich es heute Morgen "zufällig" las, immer noch tut. Ich finde, es passt zu den hier angesprochenen Themen:


Liebe Anne-Kathrin,

ich danke Dir, dass Du mir erlaubt hast, Deine Zeilen hier hineinzuschreiben. Als Du sie im letzten Jahr verfasst hast, warst Du 16 und wir trafen uns im Fach Deutsch in der 11. Klasse. Jeder sollte damals im Rahmen einer Art Poetry-Slam einen Text schreiben, also eine Form von Gedicht, in dem alles erlaubt ist; wenn man will, kann man mittendrin singen oder eine Strophe auf Chinesisch vortragen.
Bewundernswert, was ihr alle damals geschrieben habt; jeder kam ja nach vorne und trug seinen Text vor. Für jeden gab es Beifall, ob sein Text vier Zeilen umfasste oder 40.
Ich war einfach nur fasziniert von der Vielfalt dessen, was ihr vortrugt.
Als Du Deine Zeilen gelesen hast, war es zunächst sehr still.
Ich war innerlich fassungslos.
Niemand hatte damit gerechnet, dass unter uns jemand ist, der so bis in seine Tiefen verletzt ist und uns Anteil nehmen lässt.
Ich glaube, ich darf im Namen aller damals Anwesenden sagen: danke für Dein Vertrauen!
Du stehst für viele andere junge Menschen, denen es auch so geht.
Du hattest den Mut zu sprechen.
Oft habe ich in unserem gemeinsamen Jahr Deine Traurigkeit in Deinem Gesicht, Deinen Augen gelesen, gesehen.
Von ganzem Herzen wünsche ich Dir, dass aus großem Trost, den Deine Seele erfahren möge, langsam, aber doch beständig und immer mehr und immer mehr wieder Freude in Dein Leben einziehen darf.

Deine Gedanken sind überschrieben


BEZIEHUNGEN


Kind und Vater
Am Anfang ist alles offen
Vertrauen – Misstrauen
Zu Beginn war das Vertrauen
Doch viele Enttäuschungen durch den Vater
ließen Misstrauen wachsen
Hoffnung – Enttäuschung
Zu Beginn gab es viel Hoffnung
Doch viele Handlungen des Vaters
ließen die Hoffnung schwinden
und Enttäuschung blieb zurück.
Freude – Traurigkeit
Zu Beginn dachte das Kind immer mit Freude an den Vater
Doch sein mangelndes Verständnis
ließen von der Freude
nur Traurigkeit übrig
Liebe – Hass
Am Anfang ist es Liebe
Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt
Doch der Vater erkennt das Geschenk nicht
Die Blume bleibt unbeachtet
Seinen Augen bleiben solche Dinge verborgen
Da nur Erfolg und Materielles für ihn wichtig sind
Sein Ziel fest im Blick
Zertritt er die Blume –
Langsam wächst an ihrer Stelle eine neue Pflanze –
genährt von Misstrauen und Enttäuschungen
- Hass –
- Beziehungen -


Sonntag, 2. Oktober 2011

Im Reich der Kindlichen Kaiserin. Brief des kleinen Johannes.


Liebe kindliche Kaiserin,


heute ist ein besonderes Fest, die Erwachsenen sind feierlicher als sonst. Ich sitze dann mit einem besonderen Gefühl hier in der Nord-Ost-Gemeinde und schaue auf den Altar, der voller Früchte ist und staune, wer ihn wohl so toll geschmückt hat. 
Ich bringe meine Augen gar nicht mehr weg.
So viel. So viel auf einem Altar.
Wo sind nur all die Blumen und Früchte und Kräuter her?
Wer hat sie gebracht und sich so viel Zeit genommen?


Ich höre den Pfarrer, wie er sich bedankt für alles und nehme das Berührtsein  der Erwachsenen wahr; manche haben die Augen auf und manche hören gar nicht zu, das spüre und sehe ich.
Ich weiß auch meinen Papa und meine Mama hier; meine Mama hat bestimmt auch die Augen auf und beguckt ihre Hände; zu Hause macht sie beim Beten sogar an ihnen rum; mein Papa hört bestimmt zu.
Ich möchte Dir auch danken, liebe kindliche Kaiserin, für all das Brot und Obst und Gute, was Du uns geschenkt hast und schenkst.
Weißt Du, ich weiß noch, wie meine Mama sich mit einer Schaufel auf die Straße gestürzt hat, um die Pferdeäpfel für ihren Garten aufzulesen. Ich hatte sehr Angst um sie, weil so viele Autos um sie herum fuhren; alle fuhren schnell, keiner hielt.
Wenn sie wieder da war, war ich richtig froh. Ich hätte sie am liebsten festgehalten, wenn sie wieder auf die Straße lief.
Alles, damit wir gut zu essen haben aus dem Garten.
Und ich weiß noch, wie wir morgens mit einem Leiterwägelchen loszogen in die Frankfurter Großmarkthalle, um einen Sack Apfelsinen billiger zu bekommen.
Es gibt halt nicht so viel Obst. Und Mama und Papa müssen sparen.
Mama will sowieso immer sparen.
Einmal kamen wir heim und alle Orangen waren strohig; das war schlimm.
Jedenfalls möchte ich auch Danke sagen für alles, was wir bekommen.
Ich glaube, das Fest, das wir heute feiern, heißt Erntedank.
Denke auch in Zukunft an uns und lass uns nicht im Stich und lass mich Deinen Namen finden, damit ich Dich retten kann. Das würde ich so gerne!


In Liebe,
Dein Johannes


PS: Die Kindliche Kaiserin ist Regentin des Landes Phantásien aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Dort ist sie krank und Atréju soll sie retten. Sie verkörpert in Michael Endes Werk die Herzensweisheit, wie sie - oft tief verborgen - sich auch in uns befindet und als Schatz gehoben sein will. Meist wissen Kinder noch mehr von dieser Weisheit als die Erwachsenen (deshalb ist auch die Kaiserin eine Kindliche Kaiserin). Weshalb Erwachsene von Kindern viel mehr lernen könnten, als sie ahnen, ahnen wollen ...

Sonntag, 18. September 2011

Wenn ein Kind ermutigt wird, lernt es, sich selbst zu schätzen

Anlässlich eines Vortrages in Bad Rotenfels im Schwarzwald über Das innere Kind in Schule, Erziehung, Mythologie und Literatur beim VGK, beim Verein für Gesundheitskultur, den zu halten ich eingeladen war, erhielt ich als Dankeschön unter anderem ein Blatt mit Worten, die ich wirklich bemerkenswert und des Merkens wert finde; sie finden sich über dem Eingang einer tibetischen Schule.
Gerade auch für unsere inneren Kinder sind sie wichtig und bedeutsam, mit denen wir ja so zartfühlend umgehen sollten, wie mit realen Kindern.
Schön, wenn solche Worte über dem Eingang einer Schule stehen! Sie lauten:

Wenn ein Kind kritisiert wird, lernt es zu verurteilen. 
Wenn ein Kind angefeindet wird, lernt es zu kämpfen.   
Wenn ein Kind verspottet wird, lernt es, sich schuldig zu fühlen.     
Wenn ein Kind verstanden und toleriert wird, lernt es, geduldig zu sein.       
Wenn ein Kind ermutigt wird, lernt es sich selbst zu schätzen.         
Wenn ein Kind gerecht behandelt wird, lernt es, gerecht zu sein.          
Wenn ein Kind geborgen lebt, lernt es zu vertrauen.               
Wenn ein Kind anerkannt wird, lernt es, sich selbst zu mögen.       
 Wenn ein Kind in Freundschaft angenommen wird, lernt es, in der Welt Liebe zu finden.

Samstag, 10. September 2011

Kinder, auch also unser inneres KInd, glauben von Natur aus an eine höhere Macht! - Vom heiligen Tandem in uns ...

In dem, wie ich finde, besten Buch über unsere inneren Kinder, in "Das Kind in uns" von John Bradshaw, ist das 11. Kapitel dem Thema "Wie man das verletzte Kind in sich beschützt" gewidmet. Es geht darin um das "Geschenk von Zeit und Aufmerksamkeit" - ein Aspekt, der erklärt, warum Michael Endes Buch Momo so bedeutsam für die inneren Kinder seiner Leser ist, und deren innere Erwachsene -, es geht um die Kommunikation mit dem inneren Kind, um eine neue Familie, die sie gegebenenfalls ihrem inneren Kind suchen müssen, und um die Kraft und den Schutz des Gebetes.
Eine bemerkenswerte Aussage von Bradshaw finde ich, dass das innere Kind jedes Erwachsenen wissen muss, dass er als Erwachsener - als Schutzinstanz also des eigenen inneren Kindes - selbst aus einer Quelle Schutz bekommt, die seine eigene Endlichkeit, die Endlichkeit des Erwachsenen also, übersteigt.
Einem Erwachsenen, der nicht an Gott glaubt, könnte es schwer fallen, seinem inneren Kind dies zu vermitteln. Aber der springende Punkt für dieses Urvertrauen in eine Macht in uns und über uns, die uns übersteigt - Bradshaw hätte sie auch einfach Liebe nennen können - hängt eben genau mit dem eigenen Verhältnis zu Vater und Mutter zusammen. Sie sind die Instanzen in uns, die uns den Zugang zu einer höheren Macht, zur Liebe öffnen oder verschließen. Wer ein gebrochenes Verhältnis zu Vater und Mutter hat, wird nicht von vornherein Zugang zu der Bedeutung des wahren Vater oder der wahren Mutter haben, zu dem, was Ethnologen und Psychologen den Großen Vater und die Große Mutter nennen und was sich auch spiegelt in vielen Anfängen von Märchen, wenn von dem guten Vater und der guten Mutter, dem guten König und der guten Königin die Rede ist. Märchen geben ja Zeugnis davon, dass irgendwann der gute König und die gute Königin starben, eine Metapher dafür, dass uns Menschen das Bewusstsein für sie verloren ging. Nun sind wir als Märchenhelden unterwegs ...
Ich fürchte, dass vielen religiösen Menschen, die ein schwieriges Elternhaus hatten oder noch gar nicht entdeckt haben, dass dies der Fall war, nicht klar ist, dass ihrem Vertrauen in Gott die Wurzel, die Grundierung fehlt, ich formuliere vorsichtiger: fehlen könnte.
Ich spreche aus eigener Erfahrung.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Kind und Jugendlicher mit sogenannten gläubigen Menschen ergibt sich für mich der Eindruck, dass viele dieses Problem durch eine Intensivierung religiöser Gefühle überspielen.
Ein mahnendes Beispiel ist mir mein eigener Vater, der vermittelte, tief gläubig zu sein, selbst Andachtsstunden hielt, im Kirchenvorstand intensiv mitarbeitete und alles dafür tat, Menschen zu Gott zu bekehren. Lange habe ich gebraucht zu durchschauen, dass seine ständigen Hinweise auf die Liebe Gottes nur kaschieren mussten, dass er selbst für sich und seinen Jungen keine Liebe hatte. Ich vermute, dass er sich dessen bedingt bewusst war.
In hohem Alter gestand er in einer stillen Stunde, dass er Angst vor dem Sterben habe und ich bin mir sicher, dass sein wochenlanger Todeskampf so lange währte, weil er das Leben nicht loslassen konnte - aus Angst. Seitdem bin ich sehr skeptisch, wenn Menschen sagen: Ich habe keine Angst vor dem Sterben; mit 60 oder 70 Jahren hätte das mein Vater vielleicht auch gesagt.
Als er vor dem Sterben in einer Art Koma lag und ich ihn im Krankenhaus besuchte, er mich aber auf einer bewussten Ebene nicht erkannte, blieb ich einfach eine Weile bei ihm an seinem Bett sitzen. Bevor ich ging, wollte ich für ihn noch etwas Liebes tun und weil ich wusste, wie viel ihm das Vater unser bedeutete, betete ich mit ihm, besser gesagt, für ihn dieses Gebet Jesu. Ich weiß noch, dass es mich Mut kostete, nicht nur für mich, sondern öffentlich zu beten.
Es war eine Szene, die ich nie vergessen werde. In dem Raum lagen noch zwei Männer. Einer davon hatte mich bei meinem Eintritt gefragt, ob ich Besteck dabei habe oder ein Messer. Gott sei Dank hatte ich nichts davon dabei; mir kam erst später, dass er sich womöglich etwas antun wollte; sein Gesicht wirkte zerfurcht und voller tiefem Gram; seine Augen flackerten; sicherlich hatte er auch Schmerzen. Als ich zu beten begann, falteten er und der andere noch anwesende Mann die Hände, Letzterer murmelte das Gebet mit. Das Erschütterndste aber war für mich, dass mein Vater bei den Worten des Vater unser "Und vergib uns unsere Schuld" tief aufstöhnte, er, der mich auf der bewussten Ebene nicht erkannt und auf meine Ansprache nicht reagiert hatte.
Ich bin mir relativ sicher, dass die beiden anderen Männer nicht religiös waren, aber während des Vater unser war eine Atmosphäre in diesem Raum, die sich nicht beschreiben lässt. Vielleicht damit, dass ich sage: Es war in diesem Moment ein heiliger Raum. Heute glaube ich, der Raum war übervoll mit Engeln und dies, glaube ich, ist immer der Fall, wenn ein oder mehrere Menschen mit dem Herzen das Vater unser beten.
Wie auch immer der einzelne Erwachsene das anstellen mag, John Bradshaw lässt keinen Zweifel: Das innere Kind braucht das Wissen, dass es eine höhere Macht, eine höhere heilige Macht gibt. Er schreibt, an seine Leser gewandt über die Bedeutung des Gebetes für sich und sein inneres Kind, den kleinen John:
Das Gebet ist eine wunderbare Quelle des Schutzes für das verletzte Kind in Ihnen, und es wird nur zu gern gemeinsam mit Ihnen beten. Ich schließe dabei immer die Augen und stelle mir das Kind in mir vor, gleichgültig, in welchem Alter, es erscheint, Ich nehme es entweder auf den Schoß, oder wir knien beide nebeneinander und beten. Ich spreche ein erwachsenes Gebet und der kleine John ein Kindergebet. Abends betet er am liebsten: "Müde bin ich, geh zur Ruh ..." Manchmal beten wir das auch gemeinsam. Das "Memorare" ist ein Gebet, dass ich in der katholischen Grundschule gelernt habe, und wendet sich an die Mutter Gottes. Ich habe es gern, wenn meine Spiritualität weibliche Kraft enthält. Ich stelle mir Gott als eine mütterliche, zärtliche Instanz vor. Sie hält mich und wiegt mich in ihren Armen. Das gefällt auch dem kleinen John. 
Gedenke, o gebenedeite Jungfrau, daß noch nie ein Mensch, der deinen Schutz gesucht, dich um Hilfe angefleht oder um eine Fürsprache gebeten hat, nicht erhört worden ist. Ich flehe zu dir, o Jungfrau aller Jungfrauen, zu dir, meiner Mutter. Ich komme zu Dir; als Sünder und voller Kummer stehe ich vor deinem Angesicht. Weise mich nicht zurück, sondern erhöre gnädig mein Gebet. Amen 
Dem Erwachsenen in mir gefallen diese ständigen Hinweise auf die Jungfräulichkeit nicht so sehr, weil ich nicht glaube, dass Maria eine Jungfrau war. Aber das Gebet hat mir schon oft sehr geholfen. Ich habe dem kleinen John davon erzählt und er war sehr beeindruckt. Sie müssen sich selbst die Gebete aussuchen, die Ihnen und dem Kind in Ihnen helfen. Ich lege es Ihnen aber dringend ans Herz, sich selbst und ihrem verletzten inneren Kind nicht den mächtigen Schutz zu versagen, der dem Gebet entspringt.
Wirklich wirkt die tiefe Frömmigkeit John Bradshaws, selbst da, wo er von sich als eines Erwachsenen spricht, wie die eines Kindes. "Wenn ihr nicht werdet wir die Kinder ..." heißt es in der Bibel.

Bleibt noch anzumerken, dass für mich die Jungfräulichkeit Marias sich auf ihre Reinheit bezieht, auf ihre Unberührbarkeit, was so genannte "Sünden" betrifft. Schwer vorstellbar für einen Normal-Sterblichen, aber die Bibel sagt: Maria ist eine Jungfrau, sie ist rein, sie tut keine Sünde; sie ist frei von Sünden. Diese Reinheit ist für mich wie ein Schutzmantel; so können Maria Anfechtungen nicht wirklich verletzen. Insofern ist sie jungfräulich und deshalb spricht die Bibel von einer Jungfrauengeburt, einer Geburt in Reinheit, in Liebe, in reiner körperlicher und seelischer Liebe auch zu Joseph.

Ich persönlich mag auch das Wort "Sünder" und "Sünden" nicht. Das griechische Wort, das Luther mit Sünden übersetzt, hamartía, bedeutet eigentlich schlicht und einfach Fehler. Nicht von ungefähr lässt Goethe den Herrn, also Gott, in seinem Faust sagen:"Es irrt der Mensch so lang er strebt ..."
Hänsel und Gretel ver-irren sich im Wald. Luther müsste das als Sünde bezeichnen.
Das liegt wie ein Alp auf der menschlichen Seele.
Nein, wir machen Fehler, wir irren. Und es ist wichtig, dass wir um Verzeihung bitten und uns selbst verzeihen.
Bei allem hilft ein Gebet, ein Gebet unseres inneren Kindes, ein Gebet unseres inneren Erwachsenen. Goldig, wenn zwei, wie der große und der kleine John, gemeinsam knien und beten.
Vielleicht gilt auch für die beiden schon die Aussage Jesu im Matthäusevangelium: "Amen, ich sage euch, wo zwei eins werden, worum sie bitten, das soll ihnen zuteil werden von meinem Vater im Himmel."
Du und Dein inneres Kind, ich und mein inneres Kind: ein heiliges Tandem :-))

Sonntag, 7. August 2011

Es gibt sie: den inneren Kinderspielplatz, das innere Kinderzimmer! Über Kaskaden von Freude.

Gerade bin ich auf eine Google-Suche mit dem Stichwort "innerer Kinderspielplatz" gestoßen.
Erstaunlicherweise findet sich diese unmittelbare Wortzusammensetzung auf keiner Web-Site.
Dabei ist es eine wunderbare Metapher und ich gehe hier von einem lichtvollen inneren Kinderspielplatz aus, es gibt natürlich auch den dunklen, aber über den schreibe ich an diesem und überhaupt einem Sonntag nicht.
Und wie es den inneren Kinderspielplatz gibt, so gibt es auch das innere Kinderzimmer.
Tatsächlich habe ich einmal von einem solchen inneren Kinderzimmer geträumt. Es war in wunderbares Licht getaucht und dieses Licht war nicht nur hell, es war golden, goldweiß und so, als ob dieses Weiß noch Farben enthalte, es war sozusagen gold-weiß legiert mit Rot- und Gelb-Tönen.
Es gab da zwei Erwachsene, die auch in diesem Kinderzimmer präsent waren, aber in keiner Weise das Spiel der Kinder überwachten und störten, sondern es sozusagen mit ihrer Gegenwart ermöglichten. Eigentlich war es fast eher so, als ob ihre Energie präsent war, die sich freute über das Spiel der, also ihrer Kinder.
Ja, vielleicht war es sogar so, dass diese Freude das Spiel ihrer Kinder erst ermöglichte.
Heute weiß ich, dass es bedeutet, dass diese zwei Menschen in der Lage sind, auch über ihre inneren Kinder zu kommunizieren. Das ist eine Kommunikation voller Freude, Lachen, Spontaneität, Kreativität. Sie will gar nicht aufhören. Aus einer Kaskade aus Freude ergibt sich die nächste. In meinem Traum waren es Wolken von Licht, die aufeinanderfolgten, hellste Wolken, Kaskaden von Freude und Licht.
Ich weiß noch, dass ich in meinem Traum immer wieder Blitze wahrnahm, die in diesem Zimmer aufblitzten.
Natürlich steht dieses Kinderzimmer der Freude auch für äußeres Geschehen.
Dazu fällt mir ein, dass ich einmal mit einer Freundin einen Abend verbrachte in einem Lokal, in dem vor allem Jugendliche verkehrten, eigentlich kein besonderes, ein Innenstadtlokal eben.
Ich erinnere mich, dass manche immer wieder an unseren Tisch sahen. Da saßen zwei Erwachsene, die sich zwar immer mal wieder ruhig unterhielten, dann aber wieder flachsten, herumalberten ...
Nur: Diese Worte stehen nicht so recht dafür, was unsere inneren Kinder da machten, die wollten gar nicht aufhören zu lachen, ein Spaß ergab den anderen, ein Lachen löste das nächste ab ...
Und das Wunderbare in meiner Erinnerung ist: dieses Lachen, diese Freude ging nicht auf Kosten anderer, wir lachten nicht über andere, wie es ja manchmal so ist, wenn Erwachsene Späße machten, bevorzugt unsere zeitgenössischen Comedians. Nein.
Es war Freude an der Freude auf Kosten der Freude, wobei diese in Wirklichkeit keine Kosten veruracht, sondern sie bringt nur Gewinn, denn sie kann wie die Liebe ein nie versiegbarer Quell sein.
Erwachsene können, ohne verheiratet zu sein, ohne wirkliche Kinder gemeinsam zu haben, solch ein gemeinsames Kinderzimmer haben.

So kann das sein mit inneren Kinderspielplätzen, inneren Kinderspielzimmern.
Man möchte der Erde immer mehr dieses inneren Kinderzimmer, dieser inneren Kinderspielpätze wünschen.