In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Bevor wir Kinder als eine Aufgabe, die das Leben an uns stellt, sehen, sollten wir sie als Gabe sehen!

Das Leben hat unendliches Vertrauen in uns Menschen, dass wir der Lebens-Gabe Kind gerecht werden.
Die Frage ist, ob wir alles dafür tun, diesem Vertrauen gerecht zu werden.

Auch Tiere bekommen Kinder und mancher mag fragen: Ist ein Katzenbaby, ein Hundebaby, ein Löwenbaby eine Gabe des Lebens?
Ja, für mich ist das keine Frage.
Manches Tier-Kind wird von seiner Mutter fallen gelassen; nie kennen wir die genauen Hintergründe.
Aber wir haben viele viele Beispiele, wo sich aufopferungsvollst Tier-Eltern um ihre Kinder kümmern.
Und wir wissen, dass das auch viele Menschen-Eltern tun.
Immer in dem Rahmen, in dem es mit ihnen geschehen ist.
Und mancher Rahmen ist da leider aus Beton.
So manches Kind ist an ihm zerbrochen oder hat ihn mit unendlichem Kraftaufwand sprengen müssen, doch auch sprengen können.

Ein Rahmen aus Liebe passt sich jedem Sein an.
Jedes Sein will anders sein.
Solange wir das nicht erkennen, steht es nicht gut um unsere Erziehung in Schule und Familie.

Manchem macht dieser Rahmen aus Liebe Angst, weil er die Liebe nicht sehen kann und denkt, dass ein, sein Kind ins Nichts fallen könnte. Eben deshalb fühlt er sich dann ganz besonders in der Pflicht, für einen Rahmen seiner Art zu sorgen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir einenmöglichen Rahmen aus Liebe für jeden sichtbar und erfahrbar machen, der ihn nicht sehen kann, weil er ihn nicht erlebt hat.

Weihnachten ist dafür eine besonders gute Zeit. 
Da wird vor allem auch deutlich, dass die Liebe nicht nur der Rahmen ist, sondern DIE Äußerung der Liebe als Kind selbst.
Dieses geliebte und liebende Kind lebt in allen von uns.

Kinder sind eine Äußerung der Liebe.

Verstehen wir doch, dass Liebe so vielfältig ist, dass wir sie nie erfassen können ...
Wir können weder die Liebe noch ein Kind fassen und erfassen.

Wir können sie, die Liebe, und das Kind, die Gabe des Lebens, im Herzen tragen ... in aller Unvollkommenheit ... aber mit großem Wunsch und Willen nach höchstmöglicher Entfaltung des Lebens, das seinem Ursprung und Wesen nach Liebe ist.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Am Anfang ist es Liebe / Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt ...


Es ist nun schon fünf Jahre her, dass ich diesen Post auf der Ethik-Post veröffentlichte. Gerade habe ich ihn wiedergelesen, weil er angeklickt worden war. Und mir ist aufgefallen, wie sehr er ein Thema dieses Blogs hier ist.
Dieser Post von damals berührt mich heute noch sehr. Er lautet im Original:


Liebe Anne-Kathrin,

ich danke Dir, dass Du mir erlaubt hast, Deine Zeilen hier hineinzuschreiben. Als Du sie im letzten Jahr verfasst hast, warst Du 16 und wir trafen uns im Fach Deutsch in der 11. Klasse. Jeder sollte damals im Rahmen einer Art Poetry-Slam einen Text schreiben, also eine Form von Gedicht, in dem alles erlaubt ist; wenn man will, kann man mittendrin singen oder eine Strophe auf Chinesisch vortragen.
Bewundernswert, was ihr alle damals geschrieben habt; jeder kam ja nach vorne und trug seinen Text vor. Für jeden gab es Beifall, ob sein Text vier Zeilen umfasste oder 40.
Ich war einfach nur fasziniert von der Vielfalt dessen, was ihr vortrugt.
Als Du Deine Zeilen gelesen hast, war es zunächst sehr still.
Ich war innerlich fassungslos.
Niemand hatte damit gerechnet, dass unter uns jemand ist, der so bis in seine Tiefen verletzt ist und uns Anteil nehmen lässt.
Ich glaube, ich darf im Namen aller damals Anwesenden sagen: danke für Dein Vertrauen!
Du stehst für viele andere junge Menschen, denen es auch so geht.
Du hattest den Mut zu sprechen.
Oft habe ich in unserem gemeinsamen Jahr Deine Traurigkeit in Deinem Gesicht, Deinen Augen gelesen, gesehen.
Von ganzem Herzen wünsche ich Dir, dass aus großem Trost, den Deine Seele erfahren möge, langsam, aber doch beständig und immer mehr und immer mehr wieder Freude in Dein Leben einziehen darf.


Deine Gedanken sind überschrieben

Beziehungen

Kind und Vater
Am Anfang ist alles offen
Vertrauen – Misstrauen
Zu Beginn war das Vertrauen
Doch viele Enttäuschungen durch den Vater
ließen Misstrauen wachsen

Hoffnung – Enttäuschung
Zu Beginn gab es viel Hoffnung
Doch viele Handlungen des Vaters
ließen die Hoffnung schwinden
und Enttäuschung blieb zurück.
Freude – Traurigkeit
Zu Beginn dachte das Kind immer mit Freude an den Vater
Doch sein mangelndes Verständnis
ließen von der Freude
nur Traurigkeit übrig

Liebe – Hass
Am Anfang ist es Liebe
Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt
Doch der Vater erkennt das Geschenk nicht
Die Blume bleibt unbeachtet
Seinen Augen bleiben solche Dinge verborgen
Da nur Erfolg und Materielles für ihn wichtig sind
Sein Ziel fest im Blick
Zertritt er die Blume –
Langsam wächst an ihrer Stelle eine neue Pflanze –
genährt von Misstrauen und Enttäuschungen
- Hass –
- Beziehungen -


Sonntag, 4. November 2012

Kinder sind Augen, die sehen, wofür wir längst schon blind sind.


Dieses chinesische Sprichwort habe ich vorhin beim sonntagnachmittäglichen Web-Stöbern - das Wetter ist draußen nicht gerade allerseligenhaft - auf einem Blog gefunden, dem von Jasmin. 

Wer als Kind Eltern hat, die einen so sehen können, mit Erwachsenen zu tun hat, die einen so wertschätzen ... hmm ... Paradies ... 
Vor allem der im Post-Titel zitierte Satz ist so bemerkenswert - der nächste auch ... na, ich glaube, da findet jeder etwas ...

♡   Das Sprichtwort spricht auch von unserem inneren Kind   ♡


Was ist ein Kind?

Es ist Liebe
die Gestalt angenommen hat.
Es ist Glück,
für das es keine Worte gibt.
Es ist eine kleine Hand,
die Dich zurückführt in eine Welt,
die Du schon vergessen hast.
Schön dass Du da bist,
und unser Leben reicher machst!
Kinder sind Augen,
die sehen,
wofür wir längst schon blind sind.
Kinder sind Ohren,
die hören,
wofür wir längst schon taub sind.
Kinder sind Seelen,
die spüren,
wofür wir längst schon stumpf sind.
Kinder sind Spiegel,
die zeigen,
was wir gerne verbergen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Ich möchte dem Wort Goethes vom Ewig-Weiblichen in aller gebotenen Bescheidenheit das Ewig-Kindliche beigesellen, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein.


Das kann einen schon etwas sprachlos machen, auf welch geniale Weise Michael Ende in seiner Rede Über das Ewig-Kindliche, gehalten in Tokio am 19. August 1980, auf den Punkt bringt, was im Anschluss an ihn in Bezug darauf, was das Wesentliche des inneren Kindes ausmacht, viele Psychologen kaum so überzeugend hinbekommen haben. 
In seinen Worten klingt das Wissen um den puer aeternus, jenes Kind - es ist genauso eine puella aeterna, das seit Urzeiten die Triebfeder der Menschen ist, an, es klingt an das Wissen um das Land der Phantasie, den Raum der Kunst, das Wissen um ein zielgerichtetes Leben durch Absichtslosigkeit, ohne das alles es kein wahres Menschsein gibt.
Deshalb schreibt er auch in seinem Kurzen Nachwort im Anschluss an Momo, dass er auf einer großen Reise (!) war, als ihm die Geschichte über dieses Kind, von dem der Roman handelt, erzählt wurde, und zwar von einem merkwürdigen Passagier in einem Eisenbahnabteil.

Merkwürdig insofern, als es mir völlig unmöglich war, sein Alter zu bestimmen. Anfangs glaubte ich, einem Greis gegenüberzusitzen, doch bald sah ich, dass ich mich getäuscht haben musste, denn mein Mitreisender erschien mir plötzlich sehr jung. Doch auch dieser Eindruck erwies sich bald wieder als Irrtum. Jedenfalls erzählte er mir während der langen Nachtfahrt diese ganze Geschichte. Nachdem er damit zu Ende war, schwiegen wir beide ein Weilchen. Dann fügte der rätselhafte Passagier noch einen Satz hinzu, den ich dem Leser nicht vorenthalten darf. »Ich habe Ihnen das alles erzählt«, sagte er nämlich, »als sei es bereits geschehen. Ich hätte es auch so erzählen können, als geschehe es erst in der Zukunft. Für mich ist das kein so großer Unterschied.« Er muss dann wohl an der nächsten Station ausgestiegen sein, denn ich bemerkte nach einer Weile, dass ich allein im Abteil war.

Dieser Mitreisende ist zeitlos; das betrifft nicht nur sein biologisches Alter, denn dieser Reisende kann eben Kind sein, wenn er will, auch Greis, je nachdem :-)) 
Wer will, trifft ihn oder traf ihn, zu allen Zeiten. Aber dazu muss man das Kind in sich bewahrt haben, sonst wird das nicht geschehen.
Wie gesagt, dieses Kind ist das ewige Kind in uns, es ist ewig, weil es in allen Menschen ist und uns begleiten will durch alle Leben.
Michael Ende weiß darum, wie Du gleich lesen kannst:

(...)  im Grunde schreibe ich überhaupt nicht für Kinder. Ich meine damit, dass ich während der Arbeit niemals an Kinder denke, mir niemals überlege, wie ich mich etwa ausdrücken muss, damit Kinder mich verstehen, niemals einen Stoff auswähle oder verwerfe, weil er für Kinder geeignet oder nicht geeignet ist. Bestenfalls könnte ich noch sagen: Ich schreibe die Bücher, die ich als Kind gerne selbst gelesen hätte. Diese Formulierung hört sich hübsch an, aber sie trifft nicht ganz die Wahrheit, denn ich schreibe auch nicht aus einer Erinnerung oder Rückbesinnung an meine eigene Jugend. Das Kind, das ich einmal war, lebt noch heute in mir, es gibt keinen Abgrund des Erwachsenwerdens, der mich von ihm trennt, im Grunde fühle ich mich als der Gleiche, der ich damals war. An dieser Stelle sehe ich vor meinem inneren Auge so manchen Psychologen bedenklich die Stirn runzeln und murmeln: Er ist eben nie wirklich erwachsen geworden. Das gilt ja heutzutage als schwerwiegender Fehler. Nun, sei's drum, ich gebe es zu, ich bin wohl tatsächlich nie so richtig erwachsen geworden. Ich habe mich mein Leben lang dagegen gewehrt, das zu werden, was man heutzutage einen richtigen Erwachsenen nennt, nämlich jenes Krüppelwesen, das in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert. Und ich berufe mich dabei auf das Wort eines großen französischen Dichters: Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen; dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet. 
Wenn es mir erlaubt ist, so möchte ich dem Wort Goethes vom Ewig-Weiblichen in aller gebotenen Bescheidenheit das Ewig-Kindliche beigesellen, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Für dieses Kind in mir und in uns allen erzähle ich meine Geschichten, denn wofür sonst lohnte es sich überhaupt, etwas zu tun? Es sind also durchaus keine pädagogischen oder didaktischen Absichten, die mich bei meiner Arbeit leiten. 
(...) Die wahre, eigentliche Triebfeder, die mich beim Schreiben bewegt, ist die Lust am freien und absichtslosen Spiel der Phantasie. Für mich ist die Arbeit an einem Buch immer von neuem eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne, ein Abenteuer, das mich vor Schwierigkeiten stellt, die ich vorher nicht kannte, durch das Erlebnisse, Gedanken, Einfälle, in mir hervorgerufen werden, von denen ich nichts wusste - ein Abenteuer, an dessen Ende ich selber ein anderer geworden bin als der, der ich zu Anfang war. Ein solches Spiel kann man nur absichtslos treiben, denn wer vorher schon wissen oder planen will, wohin ein solches Abenteuer einen führt, der verhindert damit schon, dass es dazu kommt.

Tja, es kann schon sein, dass nur Kinder oder Erwachsene mit einem lebendigen inneren Kind diesen Mut aufbringen, absichtslos zu schreiben, zu leben, zu sein ...
... und dadurch unendlich zielgerichtet ...
... weil sie  gerade dadurch aus der Quelle des Kindes schöpfen, also aus der Quelle unseres wahren Seins ...


Beide Texte aus Michael Ende, Momo. Schulausgabe mit Materialien. Stuttgart/Wien 2005

Sonntag, 2. September 2012

"Junge, das schaffst Du schon!"

Heute, Sonntag, 2. September ist Jesco von Puttkamer zu Gast auf Bayern I - ich höre gerade zu -, ein genialer, interessanter Mann, mittleweile 79 Jahre alt, erfolgreicher Buchautor und ehemaliger Mitarbeiter Wernher von Brauns, Leiter einer NASA-Planungsgruppe zur permanenten Erschließung des Alls und Mitarbeiter am Apollo-Programm, am Space Shuttle, Skylab und der Raumstation ISS und nun auch mit verantwortlich für die NASA-Mars-Mission; täglich geht er noch zur Arbeit! Übrigens war er auch technischer Berater für Star Trek - Der Film und Raumschiff Enterprise.

Den Gästen der Sendung Blaue Couch werden ja auch immer Fragen gestellt, genauer, der Anfang eines Satzes vorgegeben, den sie fortsetzen sollen.

Für Jesco von Puttkamer lautete ein Satzanfang:

Meine Mutter sagte immer ...


und Puttkamer sagte, was seine Mutter ihm mitgab:


... Junge, das schaffst Du schon!


Was für eine Mutter!

Was für ein Lebensprogramm, das sie in ihren Jungen pflanzte.
Wenn man an gegenteilige Beispiele denkt und wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, weil mit ihnen selbst so umgegangen worden ist ... meine Güte ... davon erzählt ja auch immer wieder dieses Blog, nicht, um das Negative zu verstärken, sondern um sich der eigenen Programme bewusst zu werden. Es sind keine Programme für die Ewigkeit - ich glaube an die Veränderbarkeit, an die Heilkraft der Seele.

Wichtig ist deshalb zu wissen, dass in einer Ecke unseres Herzens, auch wenn wir anderes erlebt haben, etwas lebt, was sich entfalten kann, was stärker ist als alle negativen Erlebnisse.
Ich glaube an die Kraft einer solchen Heilung. Und immer, wenn man solchen Geschichten, solchen Menschen wie von Puttkamer zuhört, bekommt diese Pflanze Kraft. – Deshalb gehen auch die allermeisten Märchen gut aus. Eine Mär ist eine Kunde.
Märchen künden vom Leben und seiner Kraft; aber sie verheimlichen die Prüfungen nicht!

Übrigens erzählte Puttkamer, wie er mit seiner Oma 1942 aus der Ferne, von Murnau aus, das bombadierte, brennende, rot leuchtende München sah, wie es dem Kind doch mulmig geworden sei, doch seine Oma ihm gesagt habe: Das bauen wir alles wieder auf.

Da beschloss von Puttkamer, später einmal Ziegelsteine herzustellen oder Architekt oder Ingenieur zu werden ...

Was für ein Segen, wenn Mütter so mit ihren Kindern umgehen können ...


Freitag, 20. Juli 2012

Kinder tragen leider bisweilen unbewusst die Schuld der Eltern weiter - vom lebensbestimmenden Erbe der Eltern. – Kafkas aufschlussreiche Kurzgesschichte "Heimkehr"

Vor einigen Jahren musste ich eine Abiturprüfung miterleben, in welcher der Prüfungsvorsitzende, der in aller Regel von einer anderen Schule kommt, ziemlich häufig - bis zu einem gewissen Grad ist ihm das erlaubt - in die Prüfung fragend eingriff. Die meisten tun das sehr sensibel und erst gegen Ende der Prüfung, um das Gespräch zwischen dem Lehrer, den der Prüfling kennt, sich entwickeln zu lassen. Dieser aber tat das schon nach kurzer Zeit und brachte dadurch den jungen Mann, der da geprüft wurde, ziemlich aus dem Konzept.
Nach der Prüfung kam der Abiturient zu mir und bedauerte, dass er nicht habe besser sein können.
Für mich war diese Aussage schlimmer als der Prüfungsverlauf selbst, die Tatsache nämlich, dass der junge Mann das unsensible und unangemessene Prüfungsverhalten des Vorsitzenden im Grunde sich zur Last legte. Dabei ging der ungünstige Verlauf für mich klar zu Lasten des Vorsitzenden; der Junge musste von vornherein kämpfen und kam nie zum freien, vertrauensvollen Sprechen. Soweit mir das möglich war, habe ich ihm Hinweise gegeben, damit er seine Leistung richtig einschätzen konnte.

Dieses Geschehen steht beispielhaft für unsensibles und seelisch belastendes Verhalten von Erwachsenen in seinen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Letztere können aufgrund ihrer fehlenden Lebenserfahrung das Verhalten der Erwachsenen zumeist nicht einschätzen. Zudem will ihre Seele vor allem in jungen Jahren den inneren Erwachsenen in sich ausbilden und die nächsten Anverwandten sind Vorbild und oft absoluter Maßstab.

Kafkas Kurzgeschichte Heimkehr zeigt beispielhaft auf, welche Auswirkungen solches Erwachsenenverhalten hat und wie fatal die Folgen sind. Hier zunächst die Kurzgeschichte selbst:

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Als brutal empfinde ich die innere Wirklichkeit des Sohnes, wie sie sich ausgebildet hat. In seinem Verhalten spiegelt sich die Distanz des Vaters zu ihm. Er, der Sohn, verhält sich nun genauso. Er traut sich nicht heran, wagt nicht zu klopfen, mehrfach taucht das von der Ferne auf.
Das ist schon schlimm genug.
Das Schlimmste aber kommt zum Schluss:
Sein Inneres nimmt wahr, dass die in der Küche Sitzenden, vermutlich seine Eltern, ein Geheimnis haben, ein Geheimnis vor ihm haben, das sie wahren wollen. 
Was er als Geheimnis wertet, ist die Kälte seiner Eltern, die ihn nicht an sie herankommen lässt.
Nun aber finden wir, was in vergleichbarer Weise auch in meinem einleitend geschilderten Erlebnis zum Ausdruck kommt:
Auf einmal übernimmt der Sohn und redet von seinem eigenen Geheimnis. 
Und mit welcher Selbstverständlichkeit er das tut!
Wie er auf einmal sich das Verhalten der Eltern zu eigen macht ... dass er sich womöglich genauso verhalten könnte mit seinem Geheimnis, das eben das vermachte Geheimnis der Eltern ist.
Gewiss gibt es da einen Konjunktiv II, das wäre - aber jeder spürt, er, der Konjunktiv II transportiert hier keine Nicht-Wirklichkeit, sondern ziemlich sicher eine zukünftige Realität des Sohnes.

Eine Schuld der Eltern, von der ich in der Überschrift gesprochen habe, ist es nur, wenn sie ein Bewusstsein ihres Verhaltens haben und es dennoch weitergeben. Ansonsten ist es ihr Erbe. 
Das seelische ist ja viel lebensbestimmender als das materielle.

Kein Kind, das vertrauensvoll sich seinen Eltern und dem Leben anvertrauen konnte, hat ein Geheimnis vor ihnen. Gewiss muss auch ein erwachsen werdendes Kind seinen Eltern nicht alles gesagt haben, schließlich wird es erwachsen und entscheidet selbst, was es sagt und was nicht. Zudem gibt es schließlich oft einen Lebenspartner, dem man alles anvertraut ... wenn es gut geht.
Nur hier ist offensichtlich: Dieser Sohn hat ein Geheimnis, das dem der Eltern korrespondiert. Nie steht für ihn zur Debatte, ob er es wirklich hat. Er hat es, weil seine Eltern ihm ihr Geheimnis ständig vorleben, jene Kälte, hinter der keine Wärme kommt, jene Kälte, die man besser nicht durchbricht, weil dort nichts ist, sich auch im Leben der Eltern nicht bilden konnte; schließlich sind auch sie nur ein Opfer ihrer Eltern, wie diese selbst ...
Das ist das Traumatische, dass Kinder etwas übernehmen, für das sie nicht verantwortlich sind.

Irgendjemand muss es ihnen sagen oder: Mögen sie es selbst erkennen.
Heute besteht dazu eher die Möglichkeit als früher.

Kafka allerdings ist an Elternkälte recht früh gestorben.
Immer wieder ziehen in Märchen die Helden aus, um z.B. den Vater, den inneren Vater zu heilen, denken wir an das Märchen vom Wasser des Lebens. Nicht immer gelingt das aufs Erste. Tröstlich aber, dass uns die Märchen sagen: Auf Dauer wird alles gut.

Einen weiteren Aspekt zu Kafkas Heimkehr: hier