In diesem Blog veröffentliche ich Buchauszüge, Gedichte und eigene Gedanken zum Thema des inneren Kindes und des Kindseins überhaupt.
Eigentlich haben wir viele innere Kinder in uns: solche voller Energie, aber auch verletzte und sterbende Kinder, die wieder zu wirklichem Leben erweckt sein wollen ...
Ohne lebendige innere Kinder sind Erwachsene ohne wirkliche Individualität und oft nicht fähig zu spielen und kreativ zu sein ... Wie also die Kinder in uns wahrnehmen, wie mit ihnen umgehen?

Mittwoch, 2. Januar 2013

Starke Wurzeln und um sie viel Erde für unsere Kinder! – Mascha Kalékos "An mein Kind".


In vielen Gedichten der Mascha Kaléko findet sich ein zauberhaft wehmütiger Ton, der ihre Leser angezogen hat. Das erste Gedicht, das ich von ihr las, war Souvenier à Kladow. Es hat mich sofort in seinem Bann gezogen und man spürt, wie schwer es Mascha Kaléko fiel, ihre Berliner Heimat zu verlassen:


Ich denke oft an Kladow im April ...

Noch hält der Frühling sich im Wald verborgen,
Die Ufer warten kahl und winterstill,
Und nur die ersten Knospen rufen: "morgen"!

Und in der letzten Strophe heißt es dann:

Von meinem Herzen bleibt ein gutes Stück
Auf diesem kleinen Erdenfleck zurück.
Und eine Stimme in mir sagt: Ich will
Die Stunde, wie sie ist, in mir bewahren.
Und sieh: da lebt sie nach so vielen Jahren!
Ich denke oft an Kladow im April.

Es ist fast immer eine kleine, eine mikrokosmische Welt, auf die Mascha Kaléko blickt, mit Mut zu schlichter Herzlichkeit und Liebe. Kaum einmal allerdings, dass sie in ein Deutschbuch der Oberstufe Eingang fand und findet, da finden sich die Kaschnitz, die Bachmann oder Rose Ausländer; Mascha Kaléko sucht man vergebens.
Vielleicht, weil sie ihr Herz zu sehr auf der Zunge trägt. Man spürt es auf Schritt und Tritt. Zugleich glaubt man es in ihrem Inneren zu spüren. – Das ist offensichtlich für unsere Schüler zu schlicht, zu wenig abstrakt. Was gibt es da zu interpretieren? Schließlich muss man den Kopf einzusetzen lernen – Kopflosigkeit fällt auf, Herzlosigkeit nicht, wofür also braucht man ein Herz? Bereitet das auf die freie Wirtschaft vor, auf die Erhöhung des Bruttosozialprodukts? 
– Was also braucht man eine Dichterin, die offensichtlich ihr Herz nicht verbirgt ...

Ihr Inneres finden wir auch in einem ihrer bekanntesten Gedichte, in An mein Kind, in dem sie zunächst mit warmen, liebevollen Worten indirekt und so zärtlich von ihrem Geliebten spricht, wenn sie ihrem Kind ins Stammbuch schreibt:


Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.

Wie sehr muss sie da beide Männer geliebt haben, den großen und den kleinen! Es gibt sicherlich nicht viele Frauen, die solch ein Seelen-Glühen für einen Mann empfinden und in Worte fassen und all dies ihrem Kind widmen:


An mein Kind

Dir will ich meines Liebsten Augen geben

Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.

Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass man hienieden
All´seine Fehler selbst begehen muss.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,

Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!

Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume

Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume -
Bewahr´den Tropfen Öl im alten Krug!


Traum und Träumer spielen in dem Gedicht zweimal eine Rolle. Eigentlich toll, wenn jemand ein Träumer ist, also auch Träume schätzt, mithin sicherlich offen ist für das Weibliche in sich – und dennoch kühn!
Und wie! – Was seine Mutter ihrem Kind zutraut! Heben doch die meisten Menschen nicht einmal offene Türen aus den Angeln, geschweige denn verschlossene  :-))

So scheint es weiterzugehen, doch der Konjunktiv im zweiten Vers der zweiten Strophe irritiert leise: Dein Weg sei frei. – Wenn man sein Glück schmiedet, dann verschafft man sich doch freie Bahn? – Seltsam, nach dem sicheren Dir will und Du wirst diese verhaltene Formulierung: Dein Weg sei frei. – Seltsam in der Folge dann auch diese Sentenz in Bezug auf all die Fehler, die man selbst begehen muss.

Das klingt fast schwermütig. Ja, schwermütig klingt es, was zunächst der liebevolle Tonfall kaschiert, auch durch die wirkungsvollen Alliterationen in seiner Seele und dem gelobten Glück.
Auf einmal ist da ein Ernst, ein fast bitterer Ernst.
Gilt dieser Satz, das man all seine Fehler selbst begehen müsse, wirklich ihrem Kind? Oder gilt er nicht vor allem ihr selbst, obwohl sie doch dezidiert An mein Kind schreibt? 

Er gilt ihr selbst.
Wie deutlich das durch das sich Anschließende wird!
Es sind ihre Erfahrungen, die sie ihrem Kind mitgibt, das doch seine eigenen machen möchte!
Sie spricht in der Folge von Abgründen und davon, dass Gott den Kranz hoch in die Wolken hängte.

Hat Gott das getan?
Auch für ihr Kind?
Woher nimmt sie diese Sicherheit?
Ist Gott nicht in uns?
Warum schreibt sie das ausgerechnet ihrem Kind?

Wir hören die Stimme des Angelus Silesius:

Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Die letzten Aussagen der Mascha Kaléko wollen gar nicht mehr recht passen zu dem mutigen Beginn.

Warum sollte jemand nach Ganzheit streben – Mascha Kaléko rät: sei es ganz –, wenn er es eh mit einem Gott zu tun hat, der den Siegeskranz hoch in die Wolken hängt? Klingt das nicht nach göttlichem Wolkenkuckucksheim?

Als ich das Gedicht zum ersten Mal las, fand ich es, wie so viele Kaléko-Gedichte, ein wenig wehmütig und schön; auch und gerade dieser Schluss mit dem Topos des Kruges und der Wertschätzung auch noch eines Tropfens Öl. Bei näherem Hinschauen aber muss einem angst und bange werden.

Was gibt da die Autorin, Kind jüdischer Eltern, ihrem Kind mit?

● Ist nicht von einem wurzellosen Baum die Rede!
● Und einem im Grunde leeren Krug?
● Und warum leuchtet die Fackel der Freiheit nur im Traum?
● Bezieht sich da die Jüdin auf ihr Volk, von dem sie zwar zu Lebzeiten noch erlebte, dass es in Palästina eine Heimat fand, von dem sie aber wusste und weiß, das es immer über die ganze Welt verstreut war und im Grunde heute auch noch ist? Mussten ihre Eltern nicht fliehen, musste nicht sie selbst fliehen?

Das Alte Testament, das Mascha Kaléko wohl kannte, spricht eine andere Sprache. Im 11. Kapitel des Propheten Jesaja können wir lesen:


Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.

Isai, auch Jesse genannt - wir kennen die Namensbezeichnung aus dem Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen (Von Jesse kam die Art) - ist der Vater des späteren großen Königs David. 

Von Wurzellosigkeit ist hier nicht die Rede, sondern von einem jungen Trieb und Wurzeln. – Kein Wunder wird jener David später dichten:

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal
fürchte ich kein Unglück ...

Warum gibt Mascha Kaléko ihrem Kind mit, dass es ohne Wurzeln sei? 
Weiß sie denn nicht, dass unsere innere Heimat uns immer Wurzel ist?


Auch eine so bemerkenswerte Dichterin, die mit so viel Herz dichtet, kann offensichtlich nicht unbedingt über ihre eigene Biografie hinweg.

In Die frühen Jahre, ich glaube, einem ihrer frühen Gedichte, schreibt sie:


Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

So hart das klingen mag, aber ich bin mir nicht sicher, ob das, was Mascha Kaléko als Liebe bezeichnet, nicht viel eher Sehnsucht nach Liebe ist – ein gewaltiger Unterschied.

Ihre Bilder sprechen dafür, dass sie ein Leben lang suchte, nicht von ungefähr war sie dreimal verheiratet; ihren letzten Mann aber muss sie wohl geliebt haben; als er stirbt, lebt auch sie nicht mehr lange.

Sehnsucht ist nicht Sucht nach dem Himmel, sondern Sucht nach einer Verwurzelung in der Erde. Gerade die Menschen, die gern abheben und schweben und sehnsuchtsvolle Gedichte lieben, suchen doch in Wahrheit eine irdische Verwurzelung, wie wir sie alle brauchen.

Das ist es, was wir unseren Kinder mitgeben müssen: eine Wurzel mit viel Erde drumherum. –  In ihrem Gedicht ist offensichtlich, dass Mascha Kaléko es nicht konnte. Niemand wird das als negativ werten, es ist, wie es ist, und Mascha Kaléko hat nicht absichtlich von dem letzten Tropfen Öl geschrieben, den ihr Kind bewahren soll.

Niemand wird wirklich seinem Kind Wurzellosigkeit und einen letzten Tropfen mitgeben.

Gerade aber weil Mascha Kaléko so eine ehrliche Schriftstellerin ist, erleben wir hier, wie es ist, wenn das eigene Leben in uns tiefe Spuren hinterlässt.

Dabei ist es wichtig, dass wir unseren Kindern eine kräftige Wurzel mitgeben, und einen Krug, gefüllt bis an den Rand mit frisch gepresstem Öl!


Heute haben wir mehr Möglichkeiten, uns Dingen bewusst zu werden.

Und wir dürfen auch an solchen Gedichten erkennen, was wir zu lernen haben.

Nur so können wir eine vielleicht vorhandene eigene Wurzellosigkeit, die wir immer auch an unsere Kinder weitergeben, überwinden.

Denn die Wurzel ist da. Sie ist von Jesses Art. – Daran glaube ich.



Freitag, 28. Dezember 2012

215 Millionen Kinder arbeiten in Minen, Steinbrüchen und Fabriken in aller Welt. – Diesmal bitten die Kinder Indiens um Deine Unterstützung!


Indien ist das Weltzentrum der Kinderarbeit – fünfjährige Kinder werden an Menschenhändler verkauft, zur Arbeit gezwungen, missbraucht und geschlagen.

Eine AVAAZ-Aktion  zur Unterstützung indischer Kinder.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Bevor wir Kinder als eine Aufgabe, die das Leben an uns stellt, sehen, sollten wir sie als Gabe sehen!

Das Leben hat unendliches Vertrauen in uns Menschen, dass wir der Lebens-Gabe Kind gerecht werden.
Die Frage ist, ob wir alles dafür tun, diesem Vertrauen gerecht zu werden.

Auch Tiere bekommen Kinder und mancher mag fragen: Ist ein Katzenbaby, ein Hundebaby, ein Löwenbaby eine Gabe des Lebens?
Ja, für mich ist das keine Frage.
Manches Tier-Kind wird von seiner Mutter fallen gelassen; nie kennen wir die genauen Hintergründe.
Aber wir haben viele viele Beispiele, wo sich aufopferungsvollst Tier-Eltern um ihre Kinder kümmern.
Und wir wissen, dass das auch viele Menschen-Eltern tun.
Immer in dem Rahmen, in dem es mit ihnen geschehen ist.
Und mancher Rahmen ist da leider aus Beton.
So manches Kind ist an ihm zerbrochen oder hat ihn mit unendlichem Kraftaufwand sprengen müssen, doch auch sprengen können.

Ein Rahmen aus Liebe passt sich jedem Sein an.
Jedes Sein will anders sein.
Solange wir das nicht erkennen, steht es nicht gut um unsere Erziehung in Schule und Familie.

Manchem macht dieser Rahmen aus Liebe Angst, weil er die Liebe nicht sehen kann und denkt, dass ein, sein Kind ins Nichts fallen könnte. Eben deshalb fühlt er sich dann ganz besonders in der Pflicht, für einen Rahmen seiner Art zu sorgen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir einenmöglichen Rahmen aus Liebe für jeden sichtbar und erfahrbar machen, der ihn nicht sehen kann, weil er ihn nicht erlebt hat.

Weihnachten ist dafür eine besonders gute Zeit. 
Da wird vor allem auch deutlich, dass die Liebe nicht nur der Rahmen ist, sondern DIE Äußerung der Liebe als Kind selbst.
Dieses geliebte und liebende Kind lebt in allen von uns.

Kinder sind eine Äußerung der Liebe.

Verstehen wir doch, dass Liebe so vielfältig ist, dass wir sie nie erfassen können ...
Wir können weder die Liebe noch ein Kind fassen und erfassen.

Wir können sie, die Liebe, und das Kind, die Gabe des Lebens, im Herzen tragen ... in aller Unvollkommenheit ... aber mit großem Wunsch und Willen nach höchstmöglicher Entfaltung des Lebens, das seinem Ursprung und Wesen nach Liebe ist.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Am Anfang ist es Liebe / Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt ...


Es ist nun schon fünf Jahre her, dass ich diesen Post auf der Ethik-Post veröffentlichte. Gerade habe ich ihn wiedergelesen, weil er angeklickt worden war. Und mir ist aufgefallen, wie sehr er ein Thema dieses Blogs hier ist.
Dieser Post von damals berührt mich heute noch sehr. Er lautet im Original:


Liebe Anne-Kathrin,

ich danke Dir, dass Du mir erlaubt hast, Deine Zeilen hier hineinzuschreiben. Als Du sie im letzten Jahr verfasst hast, warst Du 16 und wir trafen uns im Fach Deutsch in der 11. Klasse. Jeder sollte damals im Rahmen einer Art Poetry-Slam einen Text schreiben, also eine Form von Gedicht, in dem alles erlaubt ist; wenn man will, kann man mittendrin singen oder eine Strophe auf Chinesisch vortragen.
Bewundernswert, was ihr alle damals geschrieben habt; jeder kam ja nach vorne und trug seinen Text vor. Für jeden gab es Beifall, ob sein Text vier Zeilen umfasste oder 40.
Ich war einfach nur fasziniert von der Vielfalt dessen, was ihr vortrugt.
Als Du Deine Zeilen gelesen hast, war es zunächst sehr still.
Ich war innerlich fassungslos.
Niemand hatte damit gerechnet, dass unter uns jemand ist, der so bis in seine Tiefen verletzt ist und uns Anteil nehmen lässt.
Ich glaube, ich darf im Namen aller damals Anwesenden sagen: danke für Dein Vertrauen!
Du stehst für viele andere junge Menschen, denen es auch so geht.
Du hattest den Mut zu sprechen.
Oft habe ich in unserem gemeinsamen Jahr Deine Traurigkeit in Deinem Gesicht, Deinen Augen gelesen, gesehen.
Von ganzem Herzen wünsche ich Dir, dass aus großem Trost, den Deine Seele erfahren möge, langsam, aber doch beständig und immer mehr und immer mehr wieder Freude in Dein Leben einziehen darf.


Deine Gedanken sind überschrieben

Beziehungen

Kind und Vater
Am Anfang ist alles offen
Vertrauen – Misstrauen
Zu Beginn war das Vertrauen
Doch viele Enttäuschungen durch den Vater
ließen Misstrauen wachsen

Hoffnung – Enttäuschung
Zu Beginn gab es viel Hoffnung
Doch viele Handlungen des Vaters
ließen die Hoffnung schwinden
und Enttäuschung blieb zurück.
Freude – Traurigkeit
Zu Beginn dachte das Kind immer mit Freude an den Vater
Doch sein mangelndes Verständnis
ließen von der Freude
nur Traurigkeit übrig

Liebe – Hass
Am Anfang ist es Liebe
Eine Blume, die das Kind dem Vater schenkt
Doch der Vater erkennt das Geschenk nicht
Die Blume bleibt unbeachtet
Seinen Augen bleiben solche Dinge verborgen
Da nur Erfolg und Materielles für ihn wichtig sind
Sein Ziel fest im Blick
Zertritt er die Blume –
Langsam wächst an ihrer Stelle eine neue Pflanze –
genährt von Misstrauen und Enttäuschungen
- Hass –
- Beziehungen -


Sonntag, 4. November 2012

Kinder sind Augen, die sehen, wofür wir längst schon blind sind.


Dieses chinesische Sprichwort habe ich vorhin beim sonntagnachmittäglichen Web-Stöbern - das Wetter ist draußen nicht gerade allerseligenhaft - auf einem Blog gefunden, dem von Jasmin. 

Wer als Kind Eltern hat, die einen so sehen können, mit Erwachsenen zu tun hat, die einen so wertschätzen ... hmm ... Paradies ... 
Vor allem der im Post-Titel zitierte Satz ist so bemerkenswert - der nächste auch ... na, ich glaube, da findet jeder etwas ...

♡   Das Sprichtwort spricht auch von unserem inneren Kind   ♡


Was ist ein Kind?

Es ist Liebe
die Gestalt angenommen hat.
Es ist Glück,
für das es keine Worte gibt.
Es ist eine kleine Hand,
die Dich zurückführt in eine Welt,
die Du schon vergessen hast.
Schön dass Du da bist,
und unser Leben reicher machst!
Kinder sind Augen,
die sehen,
wofür wir längst schon blind sind.
Kinder sind Ohren,
die hören,
wofür wir längst schon taub sind.
Kinder sind Seelen,
die spüren,
wofür wir längst schon stumpf sind.
Kinder sind Spiegel,
die zeigen,
was wir gerne verbergen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Ich möchte dem Wort Goethes vom Ewig-Weiblichen in aller gebotenen Bescheidenheit das Ewig-Kindliche beigesellen, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein.


Das kann einen schon etwas sprachlos machen, auf welch geniale Weise Michael Ende in seiner Rede Über das Ewig-Kindliche, gehalten in Tokio am 19. August 1980, auf den Punkt bringt, was im Anschluss an ihn in Bezug darauf, was das Wesentliche des inneren Kindes ausmacht, viele Psychologen kaum so überzeugend hinbekommen haben. 
In seinen Worten klingt das Wissen um den puer aeternus, jenes Kind - es ist genauso eine puella aeterna, das seit Urzeiten die Triebfeder der Menschen ist, an, es klingt an das Wissen um das Land der Phantasie, den Raum der Kunst, das Wissen um ein zielgerichtetes Leben durch Absichtslosigkeit, ohne das alles es kein wahres Menschsein gibt.
Deshalb schreibt er auch in seinem Kurzen Nachwort im Anschluss an Momo, dass er auf einer großen Reise (!) war, als ihm die Geschichte über dieses Kind, von dem der Roman handelt, erzählt wurde, und zwar von einem merkwürdigen Passagier in einem Eisenbahnabteil.

Merkwürdig insofern, als es mir völlig unmöglich war, sein Alter zu bestimmen. Anfangs glaubte ich, einem Greis gegenüberzusitzen, doch bald sah ich, dass ich mich getäuscht haben musste, denn mein Mitreisender erschien mir plötzlich sehr jung. Doch auch dieser Eindruck erwies sich bald wieder als Irrtum. Jedenfalls erzählte er mir während der langen Nachtfahrt diese ganze Geschichte. Nachdem er damit zu Ende war, schwiegen wir beide ein Weilchen. Dann fügte der rätselhafte Passagier noch einen Satz hinzu, den ich dem Leser nicht vorenthalten darf. »Ich habe Ihnen das alles erzählt«, sagte er nämlich, »als sei es bereits geschehen. Ich hätte es auch so erzählen können, als geschehe es erst in der Zukunft. Für mich ist das kein so großer Unterschied.« Er muss dann wohl an der nächsten Station ausgestiegen sein, denn ich bemerkte nach einer Weile, dass ich allein im Abteil war.

Dieser Mitreisende ist zeitlos; das betrifft nicht nur sein biologisches Alter, denn dieser Reisende kann eben Kind sein, wenn er will, auch Greis, je nachdem :-)) 
Wer will, trifft ihn oder traf ihn, zu allen Zeiten. Aber dazu muss man das Kind in sich bewahrt haben, sonst wird das nicht geschehen.
Wie gesagt, dieses Kind ist das ewige Kind in uns, es ist ewig, weil es in allen Menschen ist und uns begleiten will durch alle Leben.
Michael Ende weiß darum, wie Du gleich lesen kannst:

(...)  im Grunde schreibe ich überhaupt nicht für Kinder. Ich meine damit, dass ich während der Arbeit niemals an Kinder denke, mir niemals überlege, wie ich mich etwa ausdrücken muss, damit Kinder mich verstehen, niemals einen Stoff auswähle oder verwerfe, weil er für Kinder geeignet oder nicht geeignet ist. Bestenfalls könnte ich noch sagen: Ich schreibe die Bücher, die ich als Kind gerne selbst gelesen hätte. Diese Formulierung hört sich hübsch an, aber sie trifft nicht ganz die Wahrheit, denn ich schreibe auch nicht aus einer Erinnerung oder Rückbesinnung an meine eigene Jugend. Das Kind, das ich einmal war, lebt noch heute in mir, es gibt keinen Abgrund des Erwachsenwerdens, der mich von ihm trennt, im Grunde fühle ich mich als der Gleiche, der ich damals war. An dieser Stelle sehe ich vor meinem inneren Auge so manchen Psychologen bedenklich die Stirn runzeln und murmeln: Er ist eben nie wirklich erwachsen geworden. Das gilt ja heutzutage als schwerwiegender Fehler. Nun, sei's drum, ich gebe es zu, ich bin wohl tatsächlich nie so richtig erwachsen geworden. Ich habe mich mein Leben lang dagegen gewehrt, das zu werden, was man heutzutage einen richtigen Erwachsenen nennt, nämlich jenes Krüppelwesen, das in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert. Und ich berufe mich dabei auf das Wort eines großen französischen Dichters: Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen; dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet. 
Wenn es mir erlaubt ist, so möchte ich dem Wort Goethes vom Ewig-Weiblichen in aller gebotenen Bescheidenheit das Ewig-Kindliche beigesellen, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Für dieses Kind in mir und in uns allen erzähle ich meine Geschichten, denn wofür sonst lohnte es sich überhaupt, etwas zu tun? Es sind also durchaus keine pädagogischen oder didaktischen Absichten, die mich bei meiner Arbeit leiten. 
(...) Die wahre, eigentliche Triebfeder, die mich beim Schreiben bewegt, ist die Lust am freien und absichtslosen Spiel der Phantasie. Für mich ist die Arbeit an einem Buch immer von neuem eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne, ein Abenteuer, das mich vor Schwierigkeiten stellt, die ich vorher nicht kannte, durch das Erlebnisse, Gedanken, Einfälle, in mir hervorgerufen werden, von denen ich nichts wusste - ein Abenteuer, an dessen Ende ich selber ein anderer geworden bin als der, der ich zu Anfang war. Ein solches Spiel kann man nur absichtslos treiben, denn wer vorher schon wissen oder planen will, wohin ein solches Abenteuer einen führt, der verhindert damit schon, dass es dazu kommt.

Tja, es kann schon sein, dass nur Kinder oder Erwachsene mit einem lebendigen inneren Kind diesen Mut aufbringen, absichtslos zu schreiben, zu leben, zu sein ...
... und dadurch unendlich zielgerichtet ...
... weil sie  gerade dadurch aus der Quelle des Kindes schöpfen, also aus der Quelle unseres wahren Seins ...


Beide Texte aus Michael Ende, Momo. Schulausgabe mit Materialien. Stuttgart/Wien 2005